Und mittendrin DU

"Wenn ich malen könnte,"

so dichtet Andrea Richter in ihrem Gedicht „Heilige Nacht“

"würde ich ein kleines
schäbiges Haus malen
ganz klein
in ganz viel Weite
und mit ganz viel Verlorenheit
und mit ganz viel Dunkel drum herum
und der Sturm der dahinfegt
und die Kälte die zittern lässt
und die Hoffnungslosigkeit
und die Angst
und die Sorge
und dann würde ich
mitten in dieses kleine schäbige Haus
mit dem gelbesten Gelb einen Punkt setzen
und diesem Bild
würde ich dann den Titel
„Du“
geben"

Nur, wer ist dieses Du ?
Ist es heute nachmittag/abend/morgen mein Nachbar, meine Nachbarin zur rechten oder zur linken?
Selbst in einer kleinen Stadt oder in einem Dorf passiert es, dass ich nicht alle Gesichter mit Namen kenne, nicht um alle Geschichten weiß und Menschen mir im Dunkeln bleiben, womöglich sogar mit ihrem ganz persönlichen Dunkel.
Aus welchem Alltag mit welchen Hoffnungen kommen er oder sie heute in diesen Gottesdienst?
Weihnachten erweckt so unglaublich viele Erwartungen und Erinnerungen und wir könnten uns wunderbar, verklärt, anrührend, erzählend für einen kostbaren Augenblick auf wundersame Entdeckungsreise in die verborgenen noch nicht verlorenen Landschaften unserer Kindheit machen,
Landschaften, die unser Bild, unseren Traum und unsere Sehnsucht von Weihnachten bis heute mitprägen und uns leiten Jahr für Jahr, immer voll der Hoffnung: in diesem Jahr wird es sein, wie es früher immer war…
Und dann, am Morgen danach ?
Immer noch Sehnsucht, oder schon wieder Ernüchterung womöglich noch in den späten Abendstunden?
Im Bild gesprochen: immer noch das gleiche Haus, das gleiche Leben, in dem ich zu Hause bin, die gleiche Welt, die sich nicht über Nacht gleichsam wunderbar verwandelt hat in den Traum von Gottes Welt, der schon im Lobgesang der Engel mitklang, als es überall sang und klang: Ehre sei Gott in der Höhe und den Menschen Gottes Wohlgefallen? – was für ein schönes Bild für seinen Blick, seine Stellung, seine Beziehung zu uns: Wohlgefallen. Gott hat Gefallen an dir und mir. In seinen Augen sind wir gut, mit unseren Grenzen, unsern Ängsten, unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten, mit unserem Versagen und dem niedergeschlagenen Blick, den wir einen Augenblick lang verdrängen, mit unserer ganzen Vergangenheit und der völlig offenen Zukunft.
Aber dieses Lied klingt dabei immer noch mehr auf Hoffnung hin als das es schon so wäre…
Aber vielleicht ist dieser Satz: „Gott hat Wohlgefallen an dir und an mir“ , so gerne wir ihn auch hören, viel schwerer auszuhalten als diese ganzen vermeintlichen Wahrheiten über unsere Wirklichkeit, die wir natürlich nicht ausblenden können und ausblenden wollen, wenn es Weihnachten wird, weil es manchmal schon so schwer ist, Zutrauen zur eigenen Person, zum eigenen Wert und Vermögen zu haben…
Wir wissen, was alles nicht gut ist, nicht nur, um das wieder einmal in aller Mund befindliche Wort von Margot Kässman aus dem Jahr 2010 zu zitieren, in Afghanistan, sondern auch bei uns, vor unserer Haustür, bei dir und mir…
Erinnern wir nur das Wortgebilde des Jahres: „Rettungsroutine“ ..
Da klingt es nicht: Christ der Retter ist da, sondern da wird auf die Rettung des Euros gehofft und Banken uns Staaten vermeintlich gerettet, während gleichzeitig alle Welt bei uns über Altersarmut, Kinderarmut oder Bildungsarmut in Deutschland diskutiert und es ehrlicherweise ganz schön finster bei uns aussieht.
Die Zahl der kriegerischen Konflikte ist nicht wirklich zurück gegangen, die Lage im heiligen Land, an den Stätten der Weihnacht ist nicht wirklich friedlich geworden. Eine Eskalation der Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis droht permanent im Wechselspiel der gegenseitigen Provokationen und berechtigten Ansprüche auf beiden Seiten.
Und die prophetischen Bilder des Schöpfungsfriedens lassen uns eher das Aufstöhnen der geknechteten und geplünderten Natur hören als das Friedenslied eines wiedergefundenen Paradieses singen.
Dann möchten wir eigentlich wenigstens einen Abend, einen Tag, wenige Stunden verschont bleiben von den Meldungen über die Schlechtigkeiten dieser Welt, die wir doch alle kennen, und sind doch selten so empfindsam und empfänglich für sie, um dann unsere Herzen vielen Hilfswerken und Projekten zu öffnen wie in diesen Advents- und Weihnachtswochen, die traditionell der Aktion Brot für die Welt oder Misereor gehören.
Wir lehnen uns erschöpft von unseren Überlegungen und Vorsätzen zurück, es in diesem Jahr um des lieben Friedens willen doch allen irgendwie recht machen zu wollen mit den Feiern über diese dafür viel zu wenigen Feiertage . Fazit wie in jedem Jahr und Gott sei Dank: Wir feiern Weihnachten mehr auf Hoffnung hin, obwohl oder gerade weil der Anlass, die Geburt, das Kind doch schon lange Wirklichkeit geworden ist.
Ich weiß: wenn ich nicht aufpasse, erschöpfe ich mich auch bald in diesem alten Lied, dieser alten Klage, dieser alten Leier. Denn wir und unser Leben, die Häuser und Städte, unsere Gedanken und unsere Geschichte, die Welt, die 2012 den angekündigten Untergang überstanden hat, sind doch immer noch die alten und die gleichen. Wie immer ist es, bei dir und bei mir, zu meiner rechten und zu meiner Linken. Eben mittendrin DU !
Der gelbeste Punkt im alten Haus
Aber, so wusste schon Martin Buber – und deswegen noch einmal mit einem ganz anderen Klang und Ton: und mittendrin DU ! – in jedem DU leuchtet das ewige Du Gottes auf.
Heute und morgen, für ein paar Tage, nun wirklich nicht zu übersehen und nicht wirklich zu verleugnen oder gar erfolgreich zu verdrängen, steht ein anderer im Mittelpunkt: Gott, von den Engeln besungen in einem ewigen Loblied, das eben nicht die alte Leier, sondern die ewig alte und darum immer neue Sehnsucht ist: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, an den Menschen hat Gott sein Wohlgefallen.
Und dieses Wohlgefallen, dieser liebevolle Blick auf unser Weltgeschehen und meine kleine Welt, will ungeahnte, gute Kräfte und Möglichkeiten in mir wecken und stärken.
Wenn etwas die Wirklichkeit verwandeln kann, dann ist es nicht Waffengewalt oder gutgemeinte Unterdrückung oder Bekämpfung aller lebensfeindlicher Kräfte, nichts was ich erzwingen kann, keine Vorwürfe und auch keine lähmenden moralischen Appelle an das schlechte Gewissen oder die Einsicht der Vernunft. Zwang hat noch nie wirklich über Veränderung verwandelt.
Liebe aber kann das verborgene, eingeschläferte oder resignierte Gute in jedem von uns wecken.
Und Gottes Liebe zum Leben, an dem wir so leidenschaftlich hängen oder verzweifeln, scheint in diesen Tagen besonders hell über uns.
Mögen manche die Augen davor verschließen, oder vom Lärm und bunten Treiben mitten im Winter selbst bei aller Dunkelheit des Dezembers geblendet sein.
Das Lied klingt weiter,
das Wort wird weitererzählt,
de alten Geschichten werden immer wieder lebendig und sei erzählen in allen Variationen von der einen Hoffnung und dem einen Glauben, von dem zarten Spross, dem kleinen Hoffnungstrieb, dass ein anderer Geist herrschen wird jenseits der Unterdrückung, der Ausbeutung durch ökonomische Zwänge, der Gewalt, die keine Rücksicht auf Leben nimmt:
Ein Geist, der weise den rechten Weg weist im behutsamen Miteinander, der die Vernunft stark macht gegen alle Resignation des immer wieder Versuchten, der stark unter denen ist, die sich ihrer Schwäche nicht schämen und zu ihr stehen, weil Gott die Schwäche eines Kindes gewählt hat und die Augen des Herzens öffnet für Menschen auf meinem Weg und die Geschöpfe, die mit mir am Geschenk des Lebens teilhaben.
Und mittendrin DU!
Das ist das Kind in der Krippe, ein Licht im Dunkeln, ein frisch treibender Spross am abgestorben erscheinenden Zweig, der dennoch voller Leben und es schon in sich trägt – diese Symbolik, diese Zeichen, auch diese alten prophetischen Hoffnungsbilder verstehen doch alle.
Was müsste sich ändern, damit wir nicht Jahr für Jahr wieder fragen, ob es nicht doch die alte Leier ist und das Licht dieser einen Nacht daran nichts wird ändern können , dass das Haus bald einstürzt?
Wir dürfen nicht aufhören davon zu singen und zu erzählen:
es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais
Wir dürfen uns , wenn wir mitten in der Nacht, mitten in allem Dunkel, mitten im Leben das Licht der Engel sehen und ihren Lobgesang hören, wie die Hirten aufmachen: “Lasset uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, und die der Herr uns kundgetan hat.“
Die Hirten kamen eilend – und wir ? Kommen wir auch morgen noch oder wieder? Eilen wir zügig, zielstrebig ? Raunen wir uns zu: Lasset uns gehen nach Bethlehem. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, diesem Kind von Bethlehem und treuen DU auf unserem Lebensweg. Amen

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