Gott ist gegenwärtig!

Liebe Gemeinde!

Ein etwas anderer Gottesdienst wird das heute – das ist Ihnen natürlich schon aufgefallen, als Sie in die Kirche kamen. Vielleicht haben Sie unsere Sigristin Annarös in Verdacht, daß sie die Kirche nicht richtig aufgeräumt hat und all das Zeug hier im Gang auf dem Boden hat verstreut liegen gelassen. Vielleicht haben Sie auch einen ungebetenen Gast in Verdacht, der diese Unordnung und dieses Chaos hier hinterlassen hat, kurz bevor der Gottesdienst begann.

Aber ich kann Sie beruhigen – oder auch eben nicht beruhigen: ich bin’s gewesen. Ich habe diese Sachen hier mit Bedacht hier hingelegt und hingestellt. Und ich kann nur hoffen, daß Sie nach dem Gottesdienst sagen werden, das war eigentlich gar keine so schlechte Idee.

Ich will Ihnen darum zuerst einmal die Bibelstelle vorlesen, die ich für den heutigen Abend ausgesucht habe und über die wir gleich gemeinsam nachdenken wollen. Es ist zunächst nur ein Vers, und der steht im Alten Testament, im 2. Buch Mose. Und da heißt es:

[TEXT 2. Mose 13, 20]

Ich finde, liebe Gemeinde, wir sind in diesem letzten Gottesdienst des Jahres in Etam am Rande der Wüste angekommen. Unser Sukkot ist das Jahr 2012. Und jetzt, in dieser Stunde machen wir Rast, lagern wir, sammeln – die Einen Kräfte, die anderen Ruhe. Mancher möchte vielleicht auch ein bißchen Wegzehrung erhalten für die Stunden vor uns. Wie auch immer. Dieser Gottesdienst ist unser Etam am Rande der Wüste.

Und dazu möchte ich Ihnen erst einmal eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ein Fahnenflüchtiger, ein Deserteur aufgeschrieben hat. Vor ziemlich genau 60 Jahren übrigens, 1952. Alfred Andersch hieß er, kam ursprünglich aus München, lebte ab 1958 in der Schweiz und ist am 21. Februar 1980 bei Locarno gestorben. Seine berühmteste Geschichte trägt den Titel „Die Kirschen der Freiheit“ und sie endet mit folgender Szene:

1944 ist Alfred Andersch deutscher Soldat an der Front in Italien. Unfähige Vorgesetzte befehlen dilettantische und opferreiche Angriffe auf die überlegenen Amerikaner. Immer mehr Kameraden fallen in diesem sinnlosen und nicht mehr zu gewinnenden Kampf – und Alfred Andersch entschließt sich zu desertieren.

„Hinter den Bäumen am anderen Talrand konnte ich Häuser sehen, und ich vernahm das Geräusch rollender Panzer, ein helleres, gleichmäßigeres Geräusch, als ich es von den deutschen Panzern kannte. … Ich löste die Patronentaschen und das Seitengewehr vom Koppel und ergriff den Stahlhelm und warf alles dem Karabiner nach. Dann ging ich durch das Feld weiter. Unten geriet ich noch einmal in die Macchia. Ich schlug mich durch, das dichte Dorngestrüpp zerkratzte mein Gesicht; es war ein schweres Stück Arbeit. Keuchend stieg ich nach oben.

In der Mulde des jenseitigen Talhangs fand ich einen wilden Kirschbaum, an dem die reifen Früchte glasig und hellrot hingen. Das Gras rings um den Baum war sanft und abendlich grün. Ich griff nach einem Zweig und begann, von den Kirschen zu pflücken. Die Mulde war wie ein Zimmer; das Rollen der Panzer klang nur gedämpft herein. Sie sollen warten, dachte ich. Ich habe Zeit. Mir gehört die Zeit, solange ich diese Kirschen esse. Ich taufte meine Kirschen: ciliege diserte, die verlassenen Kirschen, die Deserteurs-Kirschen, die wilden Wüstenkirschen meiner Freiheit. Ich aß ein paar Hände voll. Sie schmeckten frisch und herb.“ (Alfred Andersch, Kirschen der Freiheit, Ausgabe von 1992, Frankfurt/M., Seite 130)

Er trägt zwar noch die deutsche Soldatenuniform, aber er ist schon ein Deserteur. Er ist zwar auf dem Weg zu den amerikanischen Linien, aber noch nicht in Gefangenschaft. Er ist, wie er mit Erstaunen feststellt, frei. Und in dieser Freiheit ißt er die frischen, roten, süßen, herben Kirschen, die so köstlich schmecken, wie nie zuvor und nie wieder nachdem. Denn – Sie ahnen es sicherlich schon -: es sind die „Kirschen der Freiheit“.

Sehen Sie, liebe Gemeinde, das ist es, was für mich den Reiz und die Besonderheit dieses Gottesdienstes ausmacht. Wir machen Rast in Etam, sitzen miteinander unter dem Kirschbaum des Alfred Andersch in der Kirche von Zweisimmen. Noch im Jahr 2012, aber 2013 ist schon nahe. Aber jetzt, in diesem Moment, in dieser Stunde Gottesdienst ist Zwischenzeit, sind wir – wenn Sie so wollen – ein ganz kleines Bißchen frei.

[Lied: 548, 1-6]

Liebe Gemeinde, „Sie zogen aus von Sukkot“, heißt es.

Bei der Vorbereitung für die Predigt bei einer Trauerfeier im vergangenen Jahr habe ich zufällig im Internet gefunden, daß der Mensch nach irgendwelchen Untersuchungen an – natürlich – irgendwelchen amerikanischen Universitäten im Durchschnitt etwa fünf Kilometer am Tag zurücklegt. Das macht 35 Kilometer in der Woche, etwa 140 km im Monat und so ungefähr 1820 Kilometer im Jahr. Zwischen Sylvester 2012 und heute liegen also gut achtzehnhundert Kilometer.

Und da sind wir bei den Gegenständen hier im Mittelgang unserer Kirche. Denn, liebe Gemeinde, das ist ja das Spannende an so einer Strecke: wie waren sie denn, diese achtzehnhundert Kilometer 2012? Jetzt haben wir Gelegenheit, sie uns noch einmal in Ruhe anzuschauen. Um es im Bild der Geschichte von Alfred Andersch zu sagen: wir sitzen jetzt unter dem Kirschbaum und können in aller Freiheit zurückschauen, denn noch ist ja nicht 2013. Noch müssen wir nicht weitergehen.

Gewiß, es liegt keine Wüste hinter uns wie bei den Kindern Israels auf ihrem Weg aus der ägyptischen Knechtschaft. Aber eben doch auch ein Stück unseres Wegs, unseres Lebenswegs:

Da steht eine Blume, eine Topfpflanze: Über Strecken hinweg war 2012 ein guter Weg, angenehm zu gehen, ohne Anstrengung, in angenehmer Umgebung und mit noch angenehmerer Begleitung. Durch schattige Alleen, breite Boulevards, heimelige Spazierwege. Wir konnten uns freuen, kräftig ausschreiten, schlendern, laufen, springen, ohne allzu große Anstrengung ein gutes Stück Wegs hinter uns bringen, genießen.

Dann sind da die Steine, kleine und große: Die großen stehen für die großen Hindernisse, die sich da plötzlich vor uns auftürmten; vielleicht sind wir auch dagegen gelaufen, haben uns eine blutige Nase geholt. Massig lagen sie in unserem Weg. Erst haben wir versucht, sie zu ignorieren, wollten drüberklettern oder ihnen ausweichen. Aber dazu waren sie zu groß, zu massiv. Sie haben uns behindert, gestoppt, zurückgeworfen.

Aber es gab auch diese kleinen Steine, so klein, daß sie kaum zu sehen waren. Sie kennen das sicherlich aus dem Sommer: da ist man auf einer Wanderung unterwegs, und dann spürt man erst beiläufig diesen kleinen Druck unterm Ballen vom kleinen Zeh. Anfangs ignoriert man den. Aber der Druck wird spitzer, entwickelt sich zum kleinen Schmerz. Och, stell dich nicht so an, geh ruhig weiter; so schlimm ist das schon nicht, sagen wir uns. Aber es wird immer schlimmer. Stechender Schmerz. Wir fangen an zu humpeln. Schonhaltung, heißt das dann. Aber irgendwann geht es nicht mehr. Wir müssen uns an den Wegrand setzen, die Schuhe ausziehen und den Störenfried entfernen. Und im Fuß bleibt eine Wunde. Was hat uns im letzten Jahr gedrückt, geschmerzt, das Gehen erschwert?

Ein Verkehrsschild seht Ihr dann auch noch: für die Exakten unter uns, Sie können leicht erkennen, ich habe es selbst manipuliert. Die Straßenverwaltung hier in Zweisimmen hatte kein Schild, das vor gefährlichem Gefälle warnt, darum habe ich ein „Kein-Vortritt-Schild“ entsprechend ergänzt und gedreht. Es möchte ja sein, daß die eine oder der andere von uns den Eindruck hatte im abgelaufenen Jahr: „Mit mir ist es in den letzten Monaten steil bergab gegangen!“ Die Gesundheit, die Kräfte, der Lebensmut – es ging bergab.

Und dann wieder hat es andere gegeben, für die war 2012 genau das Gegenteil: steil bergauf ist es gegangen. Sicher, es war anstrengend, aber man hat am Ende doch die Steigung gemeistert, ist hoch hinauf gestiegen, jetzt am Altjahrsabend besser dran als am Neujahrsmorgen 2012. Erfolg, beruflich und privat, eine Liebe, Nachwuchs, neue Freunde – wir sind auf der Spitze und könnten die ganze Welt umarmen.

Und ein drittes Schild habe ich mir von der kantonalen Straßenverwaltung hier in Zweisimmen ausgeliehen: Sackgasse. Hat es für Sie Sackgasse gegeben? Wege, die zu Ende gingen, wo Sie nicht mehr weiterkamen, Ende Gelände? Verrannt, weil wir die Warnungen in den Wind geschlagen haben. Stur waren wider besseres Wissen. Und jetzt gibt es nur noch eins: Zurück. Wir kennen das vielleicht aus dem Monopoly-Spiel: Gehen sie sofort zurück auf Los, ziehen sie keine 4000 Mark ein. Noch einmal von vorne. Das Jahr umsonst, den Weg doppelt laufen.

Ein Haufen Sand liegt hier. Das ist dann zwar keine Sackgasse gewesen, aber irgendwie sind Menschen, die anfangs mit uns unterwegs waren, verloren gegangen. Haben sich unsere Schritte verlaufen, sind Beziehungen, Freundschaften, Partnerschaften versandet. Anfangs hat man noch ganz gut die Spuren sehen können, aber dann waren sie nicht mehr da. Briefe blieben unbeantwortet. Wir haben das Telefonat immer wieder verschoben – und schließlich vergessen. Die Mailadresse ging verloren. Der Besuch paßte uns irgendwie nicht in den Kram – und dann ist er ganz unterblieben.

Und dann liegt hier ein Haufen Erde, wenn Sie so wollen: Dreck. Denn wir sind ja nicht nur auf gebahnten Wegen und Straßen unterwegs gewesen. Wir sind ja auch mal ins Gelände abgedriftet. Ungebahnte Strecken gegangen, haben uns ins Gebüsch geschlagen, sind vom Weg abgekommen. Vielleicht hat es eine Zeit lang geprickelt. Abenteuerlust. Der Reiz, etwas heimlich zu tun, wo man uns nicht sieht, nicht verfolgt. Vielleicht aber war der Reiz des Unbekannten, ganz anderen auch bald vorbei. Hat uns Angst beschlichen oder ein schlechtes Gewissen. Wandelte sich Entdeckerlust in Orientierungslosigkeit.

Hier stehen auch ein paar Schuhe. Damenschuhe mit hohen Absätzen, noch dazu rote. Meine Frau Therese hat sie mir ausgeliehen. Sie sollen für all die festlichen und feierlichen Momente stehen, in denen wir nicht geschlurft, gewandert oder getrottet sind. Sondern wo wir feierlich und stolz geschritten sind, vielleicht sogar ein paar Tanzschritte gewagt haben auf glattem Parkett oder frisch geharkten Gartenwegen. Herausgeputzt von Kopf bis Fuß und eben zu den Schuhen. Kurze Wege, aber immerhin, wir haben den Weg genossen. Die paar Schritt waren, wie es in einem chinesischen Sprichwort heißt, tatsächlich das Ziel.

Und schließlich – und damit komme ich zum Ende dieses Teils – steht hier ein Krug mit Wasser und ein Teller mit Brot. Wer ein Jahr lang unterwegs ist – auf welchen Wegen auch immer -, wer die besagten 1820 km eines Lebensjahres läuft, der braucht Nahrung und Wasser. Wegzehrung. Mal ganz einfach Wasser und Brot, mal Champagner und Canape-Häppchen. Rösti und Entrecote, Landwein und Cognac. Was hat uns Kraft gegeben auf unserer Lebensstrecke 2012? Wo sind wir eingekehrt? Wo wurden wir bewirtet, gastlich empfangen? Wo nur schnell abgefertigt? Wo wurde uns vielleicht sogar das einfachste verweigert? „Mach bloß, daß Du weiterkommst. Hier gibt es nichts für dich!“ Wo waren wir satt bis zum Gehtnichtmehr? Wo schleppten wir uns hungrig und durstig weiter?

Ich breche ab. Ich denke, es ist deutlich geworden: unser Weg von Sukkot nach Etam ist keine grade Strecke. Vom Neujahrsmorgen zum Altjahrsabend ist ein ganzes Lebensjahr. Bunt, abwechslungsreich, mal erschreckend und mal zum Erschrecken schön.
Nehmen wir uns Zeit, zurückzuschauen, in Gedanken noch mal die eine oder andere Strecke zu durchwandern, zu durchschreiten, zu stolpern, zu gehen…

Die Orgel spielt uns dazu ein Zwischenspiel

[Zwischenspiel der Orgel]

Ich komme noch mal auf die Geschichte ganz vom Anfang zurück, die Kirschen der Freiheit von Alfred Andersch. Der liegt unter seinem Kirschbaum und ißt Kirschen. Und er weiß, irgendwann wird er aufbrechen müssen, sich den Amerikanern stellen müssen und sich in Gefangenschaft begeben.

Ein paar Stunden, dann knallen bei uns die Sektkorken, die Feuerwerke explodieren am Himmel. Die Nacht bringt uns ein neues Jahr. 2013. Ein neues Jahr für uns. 1820 Kilometer zu laufen bis zum Altjahrsabend 2013 – hoffentlich.

[TEXT 2. Mose 13,21f.]

Die Kinder Israels mußten auch aufbrechen von ihrem Lagerplatz in Etam. Es war nur ein Rast- und Lagerplatz. Zwischenstation. Die nächste Strecke galt es, unter die Füße zu nehmen. Etam war kein Platz auf Dauer.

Aber sie durften wissen: Gott ist bei euch, geht mit euch. Keinen Moment gibt es, da er nicht mit euch ist. Wolkensäule am Tag, Feuersäule in der Nacht.

Und das gilt auch uns am Sylvesterabend 2012: auf den 1820 Kilometern, die wir in den letzten zwölf Monaten, 52 Wochen, 365 Tagen á 24 Stunden angeblich zurückgelegt haben, war Gott mit uns. Er ist mitgegangen Schritt für Schritt, hat uns geführt und geleitet, daß wir hier heute abend ankommen konnten, uns lagern konnten in Etam, in dieser Stunde Gottesdienst. Und auch im neuen Jahr 2013 gibt es keinen gottlosen Moment und keinen gottlosen Ort. Gott ist gegenwärtig!

Liebe Gemeinde, man braucht kein Prophet zu sein, um voraussagen zu können, daß auch im kommenden Jahr unsere Wege ähnlich sein werden, wie sie in diesem Jahr waren. Mal werden wir uns mühsam voranschleppen, dann wieder über Wiesen tänzeln; mal werden wir uns durch den Morast wühlen, dann wieder an Steinen, die uns im Weg liegen, blutige Knie oder Schlimmeres holen. Mal werden wir Wasser aus der hohlen Hand gierig an einer erfrischenden Quelle trinken, und dann wieder wird uns der Hunger den Weg endlos machen. Sackgassen, Kreisverkehre, Umwege, Steigungen und Gefällstrecken werden uns nicht erspart bleiben. Und vielleicht werden wir sogar auf manchen Strecken das Gefühl haben, von Gott, der Welt und allen guten Geistern verlassen zu sein.

Aber dann tut uns gut, wenn wir auf unserem Weg uns an die Kinder Israel auf ihrer Wüstenwanderung zwischen Sukkot, Etam und dem Gelobten Land erinnern, an die Feuer- und Wolkensäule. Daran, daß Gott doch bei uns ist, daß er uns nicht allein läßt. Daß er mit uns geht, uns den Weg ins neue Jahr bereitet und dort auf uns wartet.

Lassen Sie uns mit dieser Zuversicht das alte Jahr zurück in Gottes Hände legen und mit dieser unerschütterlichen Hoffnung in das neue Jahr 2013 gehen. Amen.

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