Früher war alles besser – aber es kommt noch besser!

Liebe Gemeinde,

ein ziemlich entnervter Papa resümiert: "Ich weiß jetzt, warum Weihnachten im Unterschied zu heute in meiner Kindheit so schön war: Ich muss die Geschenke nicht bezahlen!" Das erinnert an den Spruch: „Früher war alles besser“ – Sie kennen ihn: Angeblich war da war oben noch oben und unten noch unten. Da waren die Sommer heiß und die Winter kalt und schneereich, da war der Käse auf der Pizza noch richtiger Käse und das, was man geschmeckt hat, hat man auch gegessen und nicht irgendeinen chemisch industriell hergestellten Geschmacksverstärker. Da war das Benzin noch erschwinglich und konnte mit der guten alten D-Mark bezahlt werden. Da konnte man an seinem Auto noch selber herumschrauben und reparieren und die Technik durchschauen – heute dagegen reicht kaum ein Studium, um alle Zusammenhänge und die ganze Elektronik im Fahrzeug zu verstehen. Früher war oben noch oben und unten noch unten. Ob aber früher alles besser war, das ist eine ganz andere Sache. In mancher Hinsicht bestimmt – in mancher Hinsicht aber bestimmt auch nicht. Wenn man vom Weltall aus auf die Erde schaut, dann gibt es kein oben und kein unten. Denn es fehlt die Schwerkraft. Der Unterschied von oben und unten ist aufgehoben. Und wenn man auf der Erde steht, dann ist sie überall unten und unser Kopf oben. Und Richtung Wolken und Weltall geht es immer weiter nach oben. Und von oben, vom Himmel, von ganz oben soll einer kommen, der das Maß aller Dinge ist, der Gott bekannt macht, der sozusagen aus dem Nähkästchen plaudert und uns exklusive Details von ganz oben preis gibt. Am 12. April 1961 ist der erste Mensch ganz hinauf und hinaus in den Weltraum geflogen und hat die Erde einmal umrundet. Es war der Russe Juri Gagarin. Von ihm ist überliefert, dass er bei seiner Rückkehr auf die Erde gesagt haben soll: "Ich war im Himmel und habe mich genau umgesehen. Es gab keine Spur von Gott." Brav und linientreu hat er das gesagt, um deutlich zu machen: Hey, Ihr alle, die ihr euer Leben damit vergeudet, an so einen dubiosen Gott zu glauben, vergesst es. Er ist weder oben noch ist er unten, er ist überhaupt nicht da. Es gibt ihn nicht.

Knapp acht Jahre später sind drei amerikanische Astronauten mit Apollo 8 zum Mond geflogen – aber nur drum herum – nicht gelandet. Es war ausgerechnet am Heiligen Abend 1968. Als sie dabei das erste Mal den Mond umrundet hatten, sahen sie die Erde über dem Mondhorizont sozusagen aufgehen. Sie waren von diesem Anblick, „den nie zuvor ein Mensch“ erlebt hatte, überwältigt und haben dann die Schöpfungsgeschichte aus dem Raumschiff heraus vorgelesen, was direkt in unzählige Wohnzimmer in den USA übertragen wurde. Wenn man es gut findet, dass im Zusammenhang mit Raumfahrt positiv oder negativ von Gott die Rede ist und Gott so oder so vorkommt, dann ist festzustellen, dass in den 60er Jahren alles besser war als heute. Denn seither scheint Gott aus dem Weltall völlig verbannt zu sein. Es ist gar keine Rede mehr ihm. Auch bei dem Rekordfallschirmsprung von Felix Baumgartner vor ein paar Wochen aus 40 Kilometer Höhe ging es nicht um Religion, sondern um Rekorde und Reputation. Von oben und nach oben kommen und gehen mittlerweile nur noch Menschen. Ob für Gott kein Platz mehr ist? In unserem Weihnachtstext heißt es: 31 Er, der von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen. – Wir haben gesehen, von oben und unten zu reden, ist schwierig und auch missverständlich. Denn selbst wenn Menschen irgendwann zur übernächsten Galaxie reisen würden, würden sie Gott nicht begegnen. Wir sollten ganz davon weggehen und von Gott – und Mensch, von göttlich und menschlich sprechen. Gott und Mensch. Beide trennt der Graben der unendlichen Unterschiede. Das ist das Dilemma, das riesige Problem, für das Weihnachten ein Lösungsversuch ist. Gott will, dass die Menschen sich auf den Weg machen – nicht nach oben oder unten, sondern auf den Weg zu ihm, zum Leben, zum ewigen Leben. Die meisten Menschen wollen ja heraus aus ihrer begrenzten Zeit. Heraus aus ihrer begrenzten Räumlichkeit. Heraus aus ihren begrenzten Möglichkeiten. Viele von uns wollen mehr. Mehr vom Geld und mehr fürs Geld. Mehr von unserem Körper, mehr von einem Tag oder Monat. Mehr von der Lebenszeit. Mehr von der Beziehung. Mehr vom Beruf. Mehr von der Welt sehen und mehr Zusammenhänge erkennen. Die Sehnsucht nach mehr ist in vielen von uns angelegt. Man kann das irdische Leben, in das wir hineingeworfen worden sind, vielleicht mit einer Badewanne vergleichen. Wenn das Wasser warm genug ist, kann es ja ganz gemütlich sein und zur Körperhygiene reicht es auch. Aber um auf Dauer die Lust auf Badevergnügen zu stillen, da ist die Badewanne nicht genug. Da sehnen wir uns heraus aus der Wanne und hinein in einen Badesee. Einen See, wie es sie in der Region ja so zahlreich gibt. Einen See zum Schwimmen und keine Wanne zum planschen. Einen See zum sich Austoben und keine Wanne zum Einschlafen.

Liebe Gemeinde, Gott will uns aus dieser ganzen Enge und aus der nervigen Begrenztheit herausholen. Gott will uns die Fülle geben, will uns schwelgen lassen in Hülle und Fülle. In Vers 34 haben wir gehört: Gott gibt seinen Geist unbegrenzt. Ohne Ende versorgt er uns mit dem, was uns gut tut. Um nichts anderes geht es an Weihnachten. Da hat sich Gott in Bethlehem an unsere Welt angedockt wie nie zuvor. Völlig anders als durch seine von den vielen Propheten vermittelten Ansprachen. Völlig anders als durch sein verhülltes Eingreifen bei der Wüstenwanderung seines Volkes nach dem Auszug aus Ägypten. Mit einer total anderen Qualität und Intensität ist Gott gekommen und geblieben. Zu uns gekommen und bei uns geblieben. Wenn am Heiligen Abend Jahr für Jahr die Kirchen voll sind (sehr im Unterschied zur restlichen Zeit des Jahres), dann mag das daran liegen, dass sich bei den Menschen eine Ahnung davon erhalten hat, was vor 2000 Jahren in Bethlehem geschehen ist. Eine Ahnung von der ungeheuerlichen Tragweite, die hier vorliegt. Religionssoziologen und –psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von der „civil religion“. Damit ist, kurz gesagt, ein Grundbestand an religiöser Bedürfnishaftigkeit gemeint, die regelmäßig befriedigt werden muss. In diesem Fall: Einmal im Jahr an Weihnachten. Auf religiöse Feinheiten oder gar auf konfessionelle Differenzierungen kommt es der Masse dabei nicht an. Das schöne Krippenspiel in schöner Atmosphäre in einer schönen Kirche ist entscheidend – nicht, ob das Gotteshaus evangelisch oder katholisch ist. Der Fortgang nach Weihnachten erinnert dann an den Pessimismus, der in unserem Text in Vers 32 so unvermittelt auftritt – und er scheint diesen Pessimismus auch zu bestätigen. Denn da heißt es (V 32) Was er (der Sohn Gottes) gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an. – Die Kirchen werden wieder leer nach Weihnachten. Der Platz reicht so wie vorher locker, um sich auf den Bänken hinzulegen. „…niemand nimmt sein Zeugnis an.“ – Dabei gibt es doch wirklich einen exzellenten Grund, sein Zeugnis anzunehmen. Also an Jesus Christus zu glauben, an ihn als Gottes Sohn zu glauben und anzunehmen, was er uns mitgeteilt hat. Ich rufe den letzten Vers unseres Textes in Erinnerung: (V 36) Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm. Es geht also um nichts weniger als um das ewige Leben, die ewige Herrlichkeit, die ewige Freude in Gottes Reich.

Es gibt von Blaise Pascal ein einfaches und sehr nachdenkenswertes Gedankenexperiment. Blaise Pascal lebte vor rund 350 Jahren in Frankreich. Er war und ist ein weltberühmter, überragender, bahnbrechender Mathematiker, Physiker und Religionsphilosoph. Auch heute noch macht niemand Abitur, ohne in Mathematik sich irgendwann z.B. mit dem Pascalschen Dreieck oder der Wahrscheinlichkeitsrechnung auseinandergesetzt zu haben. Auch hat er z.B. die erste echte Rechenmaschine der Welt erfunden. Dieser Blaise Pascal war ebenfalls, wie gesagt, daneben und nicht minder Geisteswissenschaftler. Er war Literat und Philosoph. Dabei war er ganz parteiisch im Sinne von religionsfreundlich. Er bekannte sich mit ganzer Entschlossenheit zu seinem Christsein und zum Christentum. Es ging ihm bei fast allen seinen Schriftsätzen darum, den Glauben als naheliegend, nachvollziehbar und sogar als logisch und richtig nachzuweisen. Eine seiner berühmtesten Überlegungen ist nach wie vor sehr bekannt unter dem Titel „Die Wette des Pascal“. Die modernen Suchmaschinen im Internet bieten über 50 000 Einträge dazu an.

Etwas verkürzt ausgedrückt argumentiert Pascal dabei so: Im Blick auf Gott gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder es gibt ihn oder es gibt ihn nicht. Hinsichtlich des Glaubens gibt es auch zwei Möglichkeiten: Entweder man glaubt an Gott oder man glaubt nicht an ihn. Nun gilt es, die beiden Alternativen jeweils miteinander zu kombinieren. Das geht (zugegebener Maßen etwas verkürzt) nach Pascal so:

Möglichkeit 1: Man glaubt an Gott und Gott existiert. Dann gewinnt man alles: Absolute und unendliche Herrlichkeit, Paradies, himmlische Freuden…
Möglichkeit 2: Man glaubt an Gott, aber Gott existiert nicht. In diesem Fall gewinnt man nichts, verliert aber auch nichts.
Möglichkeit 3: Man glaubt nicht an Gott – und Gott existiert auch nicht. Dann gewinnt und verliert man ebenfalls nichts.
Möglichkeit 4: Man glaubt nicht an Gott – und Gott existiert aber doch. Dann wird man alles verlieren und – um es mal ganz deftig und drastisch auszudrücken – auf ewig in der Hölle schmoren. Natürlich hat diese Argumentation gleich als sie öffentlich wurde – und noch lange danach – unter den Geisteswissenschaftlern für Furore gesorgt. Und zwar sowohl unter den gläubigen wie auch unter den atheistisch eingestellten. Zwei der besonders starken und griffigen Gegenargumente sind die:

Konsequent weiter gedacht, müsste man dann aber doch an alle Götter glauben, die es auf der Erde gibt. Denn wer sagt mir denn, dass es tatsächlich gerade der Gott der Christen ist, der existiert? Vielleicht gibt es ja ausschließlich die Götter der Indianer oder der Südamerikaner oder der Afrikaner. Also am besten an alle und alles glauben. Das Problem ist nur, dass sich diese Religionen und Glaubensüberzeugungen zum Teil gegenseitig total widersprechen und ausschließen.

Der andere Gegengedanke ist der: Wenn einer so opportunistisch ist und nur aus Kalkulation und Spekulation sich für den Glauben entscheidet, müsste Gott dem nicht die himmlisch – paradiesische Belohnung am Schluss geradezu mit Vergnügen verweigern?

Kurzum: Die (inzwischen ganz allgemein anerkannte Quintessenz des Ganzen ist die, dass der Glaube nicht durch kluges Nachdenken zwingend oder denknotwendig gemacht werden kann. – Das nicht. Aber unser Denken kann wohl angeregt werden. Unser Verstand kann vielleicht dazu gebracht werden, einen Glaubensstresstest durchzuführen und womöglich kommt uns und anderen der Glaube dadurch näher – so wie Gott uns näher bzw. ganz nahe gekommen ist als kleines Kind im Stall von Bethlehem. Wer das glauben kann, hat alles gewonnen. So endet auch unser heutiger Text: (V36) Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben. Amen.

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