Ohne Maß gibt Gott die Geistkraft

Liebe Gemeinde,

schöne Musik und ein geheimnisvoller Predigttext so gefällt mir der zweite Weihnachtsfeiertag. Ich lese Johannes 3, 31-36:

[TEXT]

Ohne Maß gibt Gott die Geistkraft. Das passt zu der Fülle der Geschenke, die wir an Weihnachten verschenken, bekommen, bestaunen. Manche Geschenke bereiten uns sehr große Freude und verändern unseren Alltag, wie z.B. eine neue Gitarre für meine Frau. Sie freut sich jeden Tag beim Üben dran.

Ohne Maß gibt Gott die Geistkraft. Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums heißt es: Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade. Das sage ich gerne als Bibelvers nach dem Abendmahl. Wir empfangen über Bitten und Verstehen hinaus. Manchmal bekommen wir etwas Gutes, obwohl wir noch gar nicht darum gebetet haben, obwohl wir noch gar nicht gemerkt haben, dass wir es brauchen können, obwohl wir die Gabe vielleicht erst viele Jahre später richtig würdigen können. Gott wird uns beschrieben als der, der es sehr gut meint mit uns, seinen Kindern, und der seine Wohltat mehren will. Wir werden eingeladen, unser Leben jeden Tag zu genießen und dankbar zu sein, weil seine Gnade jeden Morgen neu ist.

Nun sind wir Menschen v.a. in Deutschland eher ängstlich und sicherheitsbedürftig, auch im Vergleich zu Nachbarländern. Wir denken eher, wir können was verlieren. Wir befürchten, dass die kommende Zeit eher Verlust, Einschränkung, Krankheit, Enttäuschung bereit hält. Wir finden vielleicht: So wie es ist, ist es gut. Aber was kommen wird? Und wiegen skeptisch bis ängstlich das Haupt.

Das ist ja auch realistisch. Das Alter hält für uns Einschränkungen bereit und die Kränkungen, dass nicht mehr alles so gut funktioniert wie früher. Und was die Nachrichten berichten, sind ja auch eher Geschichten zum Fürchten.

Geschichten, die die Hoffnung stärken, sind selten.

Also haben wir Deutschen mit unserer Ängstlichkeit und Sicherheitsbedürftigkeit Recht? Sind wir nicht einfach realistisch?

Wissen Sie, zur Wirklichkeit gehört auch diese innere Wirklichkeit, von der unser Predigttext redet. Eine innere Wirklichkeit, die uns verbindet mit der göttlichen Fülle. Realistisch ist auch, die übergroße Ängstlichkeit für einen Mangel an Vertrauen und Hoffnung zu halten. Vertrauen und Hoffnung haben mehr Recht als Angst und Sicherheitsbedürfnis, weil sie uns zu einem besseren Leben verhelfen. Vertrauen und Hoffnung sind der Weg, wie die Fülle Gottes zu uns kommt.
Im Predigttext steht genaueres:

Wer von oben kommt, ist über allem. Das ist natürlich Jesus Christus. Der zu Gottes Bereich gehört und auf diese Erde gekommen ist. Er gehört weiterhin zum Himmel, zu diesem von oben und deshalb ist er über allem.

Wer von der Erde stammt, gehört der Erde an und redet von der Erde her. Wir Menschen gehören zu dieser Erde und deshalb denken und reden wir irdisch, dieser Erde entsprechend. Unser Horizont sind die wenigen Jahrzehnte, die ein Menschenleben dauert. Wir übernehmen Einstellungen und Wertungen und Grundgefühle von der Gesellschaft, in der wir leben. Wir sind dem Zeitgeist ausgesetzt und vom Zeitgeist geprägt, ob wir wollen oder nicht. Das sieht man z.B. daran, dass es bestimmte Überzeugungen und Einstellungen in bestimmten Generationen gibt. Wir sind von dieser Erde.

Demgegenüber steht Jesus Christus. Noch einmal wird gesagt: Wer aus dem Himmel kommt, ist über allem. Mit diesem göttlichen Kind, diesem Menschen, in dem die Fülle Gottes aufleuchtet, kommt etwas Neues in die Welt. Etwas Himmlisches, sodass die Dinge in ein anderes Licht getaucht werden. Etwas Göttliches kommt in die Welt, sodass wir Menschen Gottes Kinder werden können, weil uns klar wird, dass unser Angesicht Gottes Angesicht widerspiegelt. Denn wir sind ja gottesebenbildlich, nach Gottes Bild geschaffen. Jedenfalls kommt mit dem, der vom Himmel kommt, Jesus Christus, etwas grundsätzlich Neues in die Welt. Mit Jesus Christus kommt eine Unterbrechung auch von all den merkwürdigen Teufelskreisen und schädlichen Wirkungsketten in den Familiengeschichten und ganzen Ländern.

Wie kommt aber das heilsam Neue wirklich zu uns? Im Predigttext heißt es weiter: „Was der Erwählte Gottes gesehen und gehört hat, das bezeugt er, aber sein Zeugnis nimmt niemand an. Alle, die sein Zeugnis annehmen, haben besiegelt, dass Gott wahr ist.“

Jesus Christus redet. Damals direkt zu seinen Zuhörern. Heute durch Bibel und Predigt, durch Karten und Gebetsbücher und Losungen und Liedtexte und Musik und Entspannung in der Natur und Gedichte und Sätze, die uns gesagt werden, und auch direkt in den Herzen.

Wichtig ist, dass wir immer wieder von den Nichtannehmenden zu Annehmenden werden. Wir sind immer beides. Denn wir verschließen immer wieder unsere Herzen für das, was möglich wäre. Wenn wir uns aber öffnen, dann geschieht erstaunliches, wunderbares, märchenhaftes, heilsames, etwas, was die Fülle der Geschenke an Weihnachten weit übersteigt und wo selbst die Musik nicht mitkommt.

Es geht weiter im Predigttext: „Gottes Gesandte reden die Worte Gottes, denn ohne Maß gibt Gott die Geistkraft.“ Gottes wichtigster Gesandter ist Jesus Christus. Die grenzenlose Fülle ist geradezu ein Kennzeichen des göttlichen Geistes. Wir Menschen sind begrenzt. Wir handeln in Begrenztheit. Wir geben und empfangen in Begrenztheit. Wir erwarten und hoffen und fürchten in Begrenztheit. Aber manchmal scheint Göttliches auf. In der Hingabebereitschaft der Liebe z.B. zeigt sich etwas von der göttlichen Fülle. Und manchmal auch etwas, wenn wir hoffen wider alle Hoffnung und wenn unser kleiner Glaube Berge versetzen kann. Manchmal scheint die Fülle Gottes in unserer Begrenztheit auf. Das ist ein Zeichen für die Geistkraft, die Gott in Menschen legt. Denn, liebe Gemeinde, und jetzt wird es spannend Gesandte Gottes sind wir alle. Wir sind hier in unserem Predigttext die von der Erde stammenden, aber auch Gottes Gesandte, denen die Fülle Gottes anvertraut ist. Denn Gott kann durch uns reden. Wenn wir einfühlsam zuhören und dann einen Satz sagen, der unser Gegenüber weiterbringt, dann ist da etwas von Gottes Fülle gegenwärtig.

So wie ein Gottesdienst wirksam werden kann, vielleicht manchmal in ganz nebensächlichen Dingen, in Zwischenräumen, wo etwas zusammenfließt, so kann unsere menschliche begrenzte und oft nicht richtig hörende Kommunikation etwas von Gott widerspiegeln.

Gott ist im Himmel. Wir sind auf der Erde. Und diese beiden Bereiche kommen zusammen in Jesus Christus. Das feiern wir an Weihnachten. Gott ist Mensch geworden. Das hat unser Menschsein verändert. Wir können uns nun öffnen für die göttliche Fülle.

Was das genau heißt?

Für den Einen vielleicht, dass er noch einmal einen Ort findet, seine Fähigkeit nutzbringend einzusetzen.

Für die Andere vielleicht, dass sie Angst überwindet, weil sie eine gute Therapeutin findet.

Für den Einen vielleicht, dass er einen Weg findet, mit einer Einschränkung so zu leben, dass die schwierigen Wirkungen begrenzt sind.

Für die Andere vielleicht, dass sie sich aufrafft und Bekannte besucht, die sich freuen.

Wie es genau geschieht, das ist vielfältig. Wichtig ist, dass Vertrauen und Hoffnung uns öffnen, für das was Fülle Gottes bei uns heißen kann im kommenden Jahr 2013. Ich wünsche Ihnen gute Entdeckungen. Je mehr Einzelne unter uns sich öffnen für das, was von Gott her für sie dran ist, desto mehr wird die Fülle Gottes unter uns allen wirksam. Und der Friede Gottes…

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