Ich bin es nicht

„Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“ – so haben wir, liebe Gemeinde, das biblische Votum für diesen 4. Advent gehört. Und wir haben in der Lesung für diesen Sonntag das Loblied Marias gehört: Mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“. Dabei ist das so schwer geworden bei uns. Die Freude, die Vor-Freude im Advent: Das Warten, sich besinnen, das Hoffen und Sehnen nach diesem Wendepunkt im Leben, den wir wiederkehrend bedenken in der Feier am Heiligen Abend und am Christfest überhaupt. So schwer geworden, weil diese Zeit so angefüllt ist mit 1000 Dingen, die es zu tun und zu bedenken gibt. Geschenke müssen gekauft, Weihnachts- und Adventsfeiern überstanden, der Haushalt hergerichtet werden. Manchmal denke ich mir: „Was für eine Überforderung! – Was für ein Anspruch!“ Kein Wunder, dass viele froh, wenn alles wieder vorbei ist. Zusätzlich ist dieses Jahr die Adventszeit sehr kurz, morgen schon ist ja der Heilige Abend, heute Nachmittag noch ein Konzert – alles will ja untergebracht sein.

Mitten hinein in diese Situation, mitten hinein also in ein Problem des Wohlstandes und der Stattheit, in der wir alle leben können, spricht das Predigtwort von heute. Wir lesen es aus dem Evangelium nach Johannes im ersten Kapitel, die Verse 19-28:

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„Ich bin´s nicht!“, sagt Johannes, den wir den Täufer nennen. Nur eine Stimme sei er, die auf den hinweist, der kommen wird.

Vielleicht, liebe Gemeinde, kann dieser Blickwinkel heute ein wenig zu unserer Entlastung beitragen. Johannes verweist zu Recht auf jemand anderen, der – wie wir aus anderer Stelle kennen – nicht mehr mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist taufen wird. Auf diesen wird es sich lohnen, all sein Vertrauen und seine Hoffnung zu setzen. Wir aber sind allenfalls die, die das Wasser zur Verfügung haben. Das ist zwar nicht wenig, liebe Gemeinde, wenn wir uns Johannes ansehen. Die Taufe mit Wasser zur Buße, zur Umkehr. Er selbst eine Stimme, die erzählt von jenem großen Kommen Gottes in diese Welt. Auch das könnten wir sein: Stimmen, die von Gottes Taten an uns berichten. Stimmen, die sich einmischen in diese Welt, wo oft Genug die Gewalt regiert und oft genug Macht und Geld das letzte Wort haben. Aber: Wir sind nicht das, worauf wir hinweisen, wovon wir erzählen. Es gibt noch ein Gegenüber, an das wir uns wenden. Es mag uns heute als Entlastung dienen, wenn ich davon spreche, dass wir bitte dieses Gegenüber nicht vergessen mögen. Nicht als noch eine weitere Bürde oder Aufgabe in dieser vorweihnachtlichen Zeit, sondern als Hinweis, dass das Geschehen „Weihnachten“ nicht von uns gemacht ist, sondern von jenem Gegenüber. Alle meine Mühe, dieses Fest der Erinnerung an die Geburt Jesu so zu gestalten, dass alles „passt“: Sei es der Haushalt, sei es das Weihnachtsessen, sei es die Zusammenführung der Familie oder auch im geistlichen Sinne: Der Versuch der Konzentration auf das Wesentliche. All das, liebe Gemeinde, wird „Weihnachten“ nicht machen oder gar garantieren. Seien Sie so frei und sehen Sie diese Dinge als die, wie sie eigentlich gedacht waren: Als Hilfe oder als Unterstützung, dass das Erinnern an diese Liebe Gottes schön gestaltet ist in unseren Häusern oder dass man sich gegenseitig Freude macht durch das Beschenken oder dass man sich bewusst macht, wie gut es einem geht mit einem festlichen Mahl. Aber, liebe Gemeinde, daran darf „Weihnachten“ nicht hängen, denn das können maximal nur die „Stimmen“ sein, die auf das Geschehen Weihnachten hinweisen. Aber sie sind es nicht selbst. Weihnachten, liebe Gemeinde, kann es in meinem Herzen werden, wenn ich mich überlasse diesem Herrn der Welt, dessen Geburt an Hl. Abend gedacht wird. Wenn ich also so rede wie Johannes und sagen kann „Ich bin´s nicht!“, sondern verweise auf jenes Gegenüber, dass mich erst zu dem macht, was ich in Gottes Augen werden kann: Ein erlöster und befreiter Mensch, ein geliebtes Kind Gottes. Wenn nicht alles perfekt ist: Haus und Hof, Essen und Geschenke, Beleuchtung und Garderobe, Baum und Schmuck: Was soll´s? Daran hängt es nicht und falls es doch so ist, dass daran alles hängt, so werden Sie nur enttäuscht werden können, denn erstens fällt einem immer noch etwas ein, was besser und perfekter hätte sein können und zweitens ist all das auch schnell wieder vorbei: Das Essen gegessen, die Geschenke ausgepackt, das Haus wieder im Zustand wie vor dem Ereignis. Johannes sagt: „Das sind nur die Stimmen, die uns auf etwas anderes hinweisen!“ Wenn Sie in die kommenden Tage gehen, liebe Gemeinde, dann hören Sie auf diese Stimmen, die Ihnen ein Weihnachten versprechen, indem sie auf Christus weisen. Und sie sind tatsächlich da, die Möglichkeiten, ihm zu begegnen, diesem Christuskind. So vielfältig und so unterschiedlich, wie wir alle sind, die heute hier in den Gottesdienst gekommen sind. Ich nennen als Beispiele: Die Freude in der Begegnung mit den anderen: geglückte Momente zwischen Menschen, sei es in der Familie oder mit Freunden oder Bekannten – wo sich Menschen aufrichtig begegnen und sich mit Herzen freuen können: Dort geschieht etwas von jenem Weihnachten, egal ob der Tisch sich vor Köstlichkeiten biegt oder nur ein einfaches Mahl zu finden ist. Weiter: Das Ergriffensein, wie wir es manchmal empfinden in der Musik – angerührt von alten Liedern und Melodien, die plötzlich in unser Inneres sprechen können. Weiter: Texte und Worte, denen wir z.B. am Hl. Abend begegnen und die auf einmal anfangen, von unserem Leben zu reden. Worte, die wir nicht hätten finden können und die dennoch wie für uns gemacht scheinen. Weihnachten der Freude wird es dann, wenn wir diese und solche Erlebnisse nicht nur zuschreiben einer Gefühlsduselei, sondern darin etwas von jenem Frieden erkennen wollen, den uns Gott verheißen hat und der mit Christus auf diese Welt gekommen ist. Momente und Augenblicke des Reiches Gottes – dort also, wo die Liebe Gottes Gestalt gewinnt und unser Leben in ein anderes Licht stellt.

Solange wir auf dieser Welt sind, liebe Gemeinde, werden solche Erlebnisse nicht lange währen – sie blitzen nur auf und das nicht nur an Weihnachten, sondern jederzeit und an jedem Ort sind sie möglich. Wo sie aber an Weihnachten geschehen, da macht dann all das, was wir tun, um uns an Christi Geburt zu erinnern, plötzlich Sinn und es war nicht umsonst, diese Mühen auf sich genommen zu haben. Dann hören wir sie – diese Stimme in der Wüste, die uns zuruft: Der Weg des Herrn wird geebnet werden, damit er zu dir kommen kann!“ Und es kann Weihnachten werden in unseren Herzen, damit wir ein Bild davon gewinnen, in welches Reich wir werden eingehen können.

Diese Erlebnisse und Erfahrungen wünsche ich Ihnen. Mögen Sie zur Entlastung beitragen – wie jener Satz Johanni: „Ich bin´s nicht, sondern nur eine Stimme, die auf ihn hinweist!“

„Ein Mädchen verirrt sich im Wald. Es wird dunkel und unheimlich. Furcht steigt in dem Mädchen auf. Verzweifelt sucht es den Weg nach Hause. Da kommt es an eine kleine Hütte. Aus einem Fenster leuchtet ein warmes Licht. Es läuft auf das Häuschen zu und klopft leise an die Tür. Eine Stimme antwortet von drinnen: "Wer ist da?" Das Mädchen antwortet: "Ich!" Da entsteht ein großes Schweigen. Auch die Blätter des Waldes halten inne in ihrem Rauschen. Nur von innen ist ein leises Weinen zu hören. Das Mädchen kauert sich vor die Tür. Es sinnt nach über das Wort, das es sagte und das zum Schweigen und Weinen führte: „Ich“. Ganz langsam wächst in ihm die Erkenntnis, dass sich der Mensch verwandeln muss, wenn er in das Haus der Geborgenheit und Liebe, Wärme und Freude Einlass finden will.

Am Morgen geht es noch mal an die Tür und klopft. Wieder fragt von innen eine Stimme: "Wer ist da?" Nun antwortet es: "Du!" Da öffnet sich die Tür und das Mädchen darf eintreten in die warme, helle Stube voller Licht und Leben.“

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es alleine je schaffen könnten, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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