Gras, Geld und Gott

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Gäste,
was der Prediger des Sonntags heute zu predigen hat, hat ihm der Predigttext für den heutigen 3. Advent ja nun deutlich in den Mund gelegt: „…Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde…“
Alles Fleisch ist Gras. Noch deutlicher: Alle Menschen sind vergänglich, nichtig. Letztlich nichts…

Das soll heute gepredigt werden, liebe Gemeinde? Dass wir Gras sind, verwelkende Blumen, „Nichtse“? Da regt sich Protest: Hast du keine andere Botschaft, eine schönere, leichtere und irgendwie adventlichere?

Da gibt es doch auch noch den anderen Abschnitt im Predigttext, der von Gottes Kommen spricht. Das ist doch die Botschaft der Adventszeit, das passt doch viel besser: „…In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! [4] Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; [5] denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.

Ja das tut uns doch gut, diese gewaltige Ankündigung, dass Gott kommen wird, sichtbar kommen wird. Dass er so heranbraust, das man noch eben schnell alles aus dem Weg räumen muss, bevor es zu Bruch geht. Hügel und Berge sogar.

Wenn wir an unser Leben denken, heute an diesem Sonntag, an die letzte Woche und daran, dass in gut einer Woche schon das Weihnachtsfest heran ist, da müssen wir doch nicht noch daran erinnert werden, dass wir „Nichtse“ sind. Ja, darum sind wir doch nicht hierher zum Gottesdienst gekommen, um das unter die Nase gerieben zu bekommen.

Dass aber Gott zu uns kommen will, ja, das ist doch die Weihnachtsbotschaft! Zugegeben, er kommt dann doch eher ohne Brausen und eingeebnete Berge, aber er kommt.

„Predige: Alles Fleisch ist Gras!“. Müssen wir uns das sagen lassen?

Liebe Gemeinde, vielleicht ist es ja doch nötig. Vielleicht könnte es uns doch gut tun. Wenn wir daran denken, wie unser Leben geprägt ist, wie wir in diesem Teil der Welt, in unserem Land mit anderen Menschen zusammenleben, was uns wichtig ist, was unser Sinnen und Trachten bestimmt, dann könnte fast der Eindruck entstehen, es ist genau umgekehrt wie in dem alten Jesajatext: Siehe, der Mensch kommt gewaltig! Was sind schon Berge oder Täler, wenn er eine neue Umgehungsstraße baut (Ortsumgehung Flöha…). Er braust in kleinen Metallkästen von hier nach dort, oft schneller als überhaupt erlaubt. Er braust auf, wenn er nicht bekommt, was er sucht, wenn ihm vorenthalten wird, worauf er doch ein Recht hat. Er macht sich eine Bahn, er nimmt sich seinen Weg, er nimmt sich, was er will. Weil man vieles davon bezahlen muss und es dann aber auch tatsächlich kriegt, ist Geld das, worum sich alles dreht. Und wenn das Geld nicht reicht, dann borgt er es sich eben. Oft mehr, als erlaubt ist. Macht nichts, jetzt und heute komme ich. Morgen sollen die Kinder und Enkel sehen, wie sie klar kommen. Und viele haben erst gar keine Kinder, weil sie die nicht haben wollen. Kann man sich ja inzwischen auch aussuchen…

Und Gott ist – auch genau seitenverkehrt zur Jesajapredigt – Gott ist scheinbar wie Gras geworden, wie eine Blume, deren Güte verwelkt. Man kann an ihn denken, oder auch nicht. Viele haben vergessen, dass sie ihn vergessen haben. Nichtig, wie Nichts scheint er geworden, wer rechnet noch mit ihm, wer hat ihn noch auf der Lebensrechnung, auf dem Wunschzettel?

So gesehen rückt uns der Predigttext die Wirklichkeit wieder zurecht. Damit wir nicht die Beträge verwechseln. Gott kommt gewaltig und wir verwelken. Das ist die – zugegeben heute völlig fremde – Sicht der Bibel auf die Realitäten dieser Welt.

Der Prediger soll diese Wahrheit aussprechen um zu trösten. Auch den ersten Satz des heutigen Textes haben wir ja noch im Ohr: „Tröste mein Volk!“

Was aber kann an solchem Reden tröstlich sein?
Nun zunächst kann es schon sehr helfen, wenn die, die sich tatsächlich vergänglich und desolat, krank und welk, abnehmend und unvollkommen fühlen, die nicht mitbrausen können im allgemeinen Gedröhn, die nicht dabei sind, wenn die „Ichlinge“ ihre eitlen Tänze aufführen, wenn also die, die die heutigen Geld- und Machtspiele nicht mitspielen können hören dürfen: Ihr seid die Normalen und die anderen spinnen. Sie täuschen sich, sie irren sich, sie werden irgendwann ihren Wahn bemerken. Spätestens dann, wenn der Körper einem glimmenden Docht ähnelt, der in der nächsten Stunde verlöschen wird.

Der Mensch ist vergänglich. Wer das gerade am eigenen Leib oder im eigenen Geist zu spüren bekommt, der steht also auf der richtigen Seite. Das kann schon sehr tröstlich sein.

Und dazu kommt dann noch der heranbrausende Gott. Er allein wird die Rettung der Menschen sein, so hören wir es im biblischen Wort Alten und Neuen Testamentes. Es sind nicht die kraftvollen und geldschwangeren Rettungsaktionen der Menschen. Das Wort des Jahres 2012 heißt: „Rettungsroutine“. In diesem Jahr wurden wir wie nie zuvor Zeugen von vielfältigen Aktionen zur Rettung dessen, was unser Gott geworden zu sein scheint. Ein Krisengipfeln stand am anderen – wo ist da eigentlich noch der Gipfel und was bedeutet dann eigentlich noch das Wort „Krise“ – eine Rettungsmaschine wurde durchgehend am Laufen gehalten, die ständig rettete und doch die Rettung nicht vermochte.

„Nichtse“ sind wir… so sagt es der alte Jesaja der Bibel. Und für das, was wir falsch machen, das sagt er auch, das sagte er schon Gottes eigenem Volk zu seiner Zeit auf den Kopf zu, müssen wir zahlen. Israel, so sagt es der Predigttext, musste sogar zweifach bezahlen: es hatte alles verloren, was ihm etwas bedeutete und musste dann auch noch gefangen und fremd unter einem heidnischen Volk leben.

Trost ist nötig, wenn Menschen nicht mehr können. Wenn aller Verstand und alle Klugheit am Ende sind. Und die Rettungsroutine auf eine Rettungsresistenz gestoßen ist und alle Versuche, es besser zu machen, es immer nur noch schlimmer machen. Zwar für heute noch einmal Luft verschaffen, die heute noch einmal als Erfolg verkauft werden kann, aber die Probleme nur in die Zukunft verschieben. „Verstrickte Nichtse“ sind wir. Das tut weh.

Aber auch Gott könnte ja wieder als das angesehen werden, was er wirklich ist: der Retter. Der Helfer. Ein Gerechter. Vielleicht der einzige überhaupt, der nicht das Seine sucht, nicht den schnellen Erfolg braucht und nicht weiß, was Eitelkeit und Machtmissbrauch ist.

Freundlich soll mit uns geredet werden. Getröstet sollen wir werden, weil Gott kommt. Wie wir inzwischen wissen, stiller als angekündigt. Ganz im Kleinen. Fast könnte man sagen: Im Nichts. In einer Krippe, in einem Kind. Was ist da schon… Und das soll helfen, so wollen wir fragen und ahnen doch: Nichts anderes hilft.

Gut, dass er nicht auch noch den Überlegenen raushängen lässt, tröstlich, dass er uns mit Kinderaugen ansieht. Und nicht ein weiterer Macher ist, für den „Alles kein Problem“ ist. Und sich nicht zu schade war, sich auf unsere Ebene zu begeben: Vergänglich, sterblich – er der Ewige.
Nun muss von Jesus die Rede sein, vom Christus, dem Gekommenen. Der starb, wie wir einmal sterben werden, alle. Und zugleich jedem und jeder, die ihm Vertrauen schenken, das ewige Leben verheißt. Also ganz klar: Die Unvergänglichkeit. Das Letztgültige, Unvergängliche, den bleibenden Sinn. Wenn das kein Trost ist!

Und nun sind wir gefordert und geladen uns bewusst zu machen: Es liegt an uns, wie wir die Welt sehen wollen, wen wir für groß halten und wen wir für klein halten. Es liegt an uns, wie wir uns selbst sehen und es liegt an uns, was wir von Gott halten. Und seinem Gras und Blume gewordenen, seinem Mensch gewordenen Sohn Jesus Christus.

Und wenn wir diesen Trost entdecken, dann vergewissern wir uns nicht nur unserer anderen Deutung der Welt – wir sehen sie ja jetzt mit den Augen Marias und der Hirten und der Weisen aus dem Morgenland und der Jünger und des Soldaten unterm Kreuz. Wir können, wenn uns dieser Trost dann auch wirklich selbst tröstet, die vielen anderen um uns herum darauf hin ansprechen: Du, ich habe etwas gefunden, was gegen die Vergänglichkeit hilft. Ich habe jemanden gefunden, der mir ein tiefer Trost ist, der meinem Leben und meinem Streben Sinn gibt. Es gibt noch einen anderen Weg, das Leben zu finden, als immer nur Gott zu spielen und mit dem Geld zu spielen.

Es ist tatsächlich möglich, an den Gott der Bibel zu glauben, also ihm zu vertrauen. Und die Welt so zu sehen, dass er schon gekommen ist. Da ist. Mensch geworden, wie wir es sind. Es ist tatsächlich möglich, das er dich rettet aus allem, wohinein du dich durch eigene Schuld verstrickt hast. Denn er ist nicht nur gekommen, er kommt. Da, wo ein Mensch ihn Gott sein lässt, da wo ein Mensch das kleine Kind in der Krippe für sein Leben groß werden lässt, da ist Rettung da. Da wird aus den „Nichtsen“ ein Bruder und eine Schwester des Kindes in der Krippe und damit: ein Kind Gottes.

Also doch: Gute Nachricht heute Morgen. Für uns selbst. Und für die anderen auch.

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