Das wichtigste Geschenk

Hesekiel 37,24-28

Christnacht 2012 um 23.00 mit Junger Gemeinde in Berlin-Hellersdorf

Was ist das Wichtigste am Weihnachtsfest? Das war Frage im Vorfeld des heutigen Gottesdienstes am Weihnachtsabend. – Nicht die Geschenke! So jedenfalls bei uns die Antwort. Deshalb wurden die vielen Pakete um die Krippe ja auch beiseite geräumt. Nur – und das ist uns auch klar – für viele sind die Geschenke sehr wichtig. Und für uns selber – seien wir ehrlich! – sind sie da so gänzlich unwichtig?

Also realistisch formuliert: Es gibt zu Weihnachten Wichtigeres als die Geschenke.

Vielleicht könnte man statt der Geschenke einmal nach den Wünschen fragen, denn diese setzen ja die verschiedenen Geschenkideen in Gang. Tatsächlich, Weihnachten ist nicht nur das Fest der vielen Geschenke, sondern auch der zahlreichen Wünsche, der erfüllten und der unerfüllten. Und natürlich könnte man dann nach dem wichtigsten Wunsch fragen. Was sollten wir uns wohl zuallererst wünschen, dass uns geschenkt werden sollte?

Oder klappt auch das nicht, weil wir wunschlos glücklich sind? Einen solchen Zustand soll es ja geben. Erfahrungsgemäß hält er aber immer nur kurze Zeit an.

Oder klappt das mit dem Wünschen deshalb nicht, weil wir zu jenen verbissenen Leuten gehören, die lauthals verkünden: „Ich lasse mir nichts schenken.“ Bei Lichte besehen ist so eine Behauptung oft nicht wirklich ernst gemeint. Und eigentlich sind solche Menschen arm dran.

Also doch die Wünsche. Wie geht es uns damit heute am Heiligen Abend?

Was wünschen wir uns in dieser heiligen Nacht, wo doch um uns herum so vieles unheilig ist?
Was erwarten wir in der stillen Nacht inmitten einer lauten und ruhelosen Stadt?

Wir merken schon: Heilige Nacht, stille Nacht, friedliche Nacht – das alles sind Wünsche angesichts einer Welt, die so nicht ist, die so eigentlich nie war, die wir uns aber immer wieder so wünschen. Es sei denn, wir hätten resigniert. Denn wer resigniert, kennt keine Wünsche mehr.

Resignation ist das Stichwort, um dem Bibeltext für die Christnacht etwas näher zu kommen. Resignation bestimmte in weiten Teilen das Leben der Menschen, an die sich der Priester und Prophet Hesekiel – oder Ezechiel, wie er auch genannt wird – wandte: Judäer – aus Jerusalem vertrieben und in Babylon zwangsweise angesiedelt. Diese Menschen sahen für sich keine Perspektive mehr. Sie sahen sich außerdem äußerst ungerecht behandelt vom Schicksal, das man damals noch eindeutig „Gott“ nannte. Andere, vor allem „die da oben“ hatten ihnen mit ihrer Kriegspolitik und ihrer Missachtung der göttlichen Gebote diese ganze schlimme Situation eines Lebens in der Fremde eingebrockt. Die Leute hatten dafür ein sehr eindrückliches Sprichwort geprägt: Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen sind die Zähne davon stumpf geworden. Wir würden vielleicht sagen: Sie mussten die Suppe auslöffeln; die andere eingebrockt haben.

Aus solchen Befindlichkeiten folgt Resignation auf der ganzen Linie. Und diesen Leuten nun sagt Hesekiel, nachdem alles Unglück eingetroffen ist, also auf dem Höhepunkt der Krise: Es wird wieder gut. – Er sagt das etwas ausführlicher, nämlich so, und das ist der Predigttext für die Christnacht aus dem 37. Kapitel des Prophetenbuches:

(24) Und mein Knecht David soll ihr König sein und der einzige Hirte für sie alle. Und sie sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und danach tun. (25) Und sie sollen wieder in dem Lande wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder sollen darin wohnen für immer, und mein Knecht David soll für immer ihr Fürst sein. (26) Und ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Und ich will sie erhalten und nähren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein für immer. (27) Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein, (28) damit auch die Heiden erfahren, dass ich der Herr bin, der Israel heilig macht, wenn mein Heiligtum für immer unter ihnen sein wird.

Im ersten Moment verwirren diese Worte. Ein paar Formulierungen haken sich aber fest, und die klingen gut. Von einem „Bund des Friedens“ ist da die Rede, vom „Erhalten“ und schließlich davon, dass Gott bei ihnen wohnen will.
Frieden wollen wir, Erhaltung brauchen wir. Und wenn einer bei uns wohnen will – ja, wenn der Platz da ist und er sich an der Miete beteiligt, warum nicht?

Damit kommen wir wieder zu Weihnachten. Das ist das Überraschende, das ist das Geschenk, welches wir uns vielleicht gar nicht zu wünschen getraut haben: Gott kommt, er will Wohnung bei uns nehmen, doch ganz bescheiden und ohne besondere Raumansprüche, aber – er übernimmt die ganze Miete!

Ich will bei euch wohnen heißt eben nicht: Ich fläze mich jetzt dauernd auf deinem Sofa herum oder stehe dir in der Küche im Wege.
Gott kommt und schlägt seine Zelte neben den unseren auf. So könnte man das das Hebräische bei Hesekiel frei übersetzen.
Von Anfang an lässt Gott den Menschen ihren Freiraum. Er ist da, aber er rückt den Leuten nicht nervend auf die Pelle.
Er geht – und damit sind wir wieder bei Weihnachten – in die Krippe im Stall. Von dort aus, gleichsam aus dem Abseits, will er in unser Leben strahlen.
Aber wo wir ihn einlassen, ist er bereit, die ganze Miete zu zahlen: Er möchte unserem Leben Grundlage und Ziel geben. Er will unsere Hoffnung stärken und das Vertrauen festigen. Er will zu uns stehen, wo etwas schief geht. Leid und Schuld macht er nicht ungeschehen, aber er nimmt ihnen die Macht über uns. Wollen wir da noch sagen: Ich lasse mir nichts schenken.

So setzen wir jetzt ein weiteres Zeichen: Zu Beginn hatten wir Geschenkekartons beiseite geräumt. Da bleiben sie auch. Nun aber holen wir einen Stuhl und stellen in hier auf als Zeichen dafür, dass wir jemanden erwarten, dass wir Ihn erwarten, damit Er uns beschenken kann. Amen.

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