Ein Blick in Gottes Herz

Manchmal möchte ich einen Blick tief in Gottes Herz werfen können…
Wie es da wohl aussieht?
Und was ihn da tief in seinem Innern bewegt und umtreibt?
Ich stelle mir ein große Verwunderung darüber vor, wozu wir Menschen so alles in der Lage sind…
Hat er, Gott, nicht den Menschen mit gesundem Menschenverstand und einem entschlussfreudigen und freien Willen ausgestattet?
Macht er nicht permanent davon Gebrauch, wenn es ihm nutzt, wenn es ihm gut tut, und ihm Vorteile einbringt oder zu Ansehen verhilft?
Warum nicht auch dann, wenn es um Überlebenswichtiges geht, wenn die notwendigen Schritte hin zum Frieden, zu größerer Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung eigentlich auf der Hand liegen und zu wichtig und zu richtig sind, als das sie nur in guten, wohl gemeinten Sonntags-und Kanzelreden oder in den öffentlich wahrgenommenen Weihnachtspredigten der Bischöfe vorkommen, wo man ja letzten Endes nicht wirklich anderes erwartet?
Hat er, Gott, nicht diese Welt schön gemacht, so dass ihm das Herz blutet, wenn er mit ansehen muss, wie wir sie verschandeln, ausbeuten und knechten ohne Rücksicht auf Verluste?
Ist ihm nicht jedes Menschenleben schon eine Herzensangelegenheit gewesen, ehe seine Tage begannen, so dass er mit trauert, um jedes Leben, dass sich nicht entwickeln und entfalten kann?
Ist er nicht selbst Kind geworden, so dass ihm kein weinendes, leidendes hungerndes oder gar sterbendes Kind egal ist?
Ich sehe einen leidenschaftlichen Gott, wenn ich versuche, in sein Herz zu schauen, einen Gott der leidenschaftlich, entschieden und entschlossen seine Sache vertritt und der anteilnehmend, mitfühlend, begleitend an den Leiden all derjenigen teilhat, die ihm unbedingt am Herzen liegen.
Und das ist kein Wunschtraum, weil ich es so gerne hätte und mich dann eher verstanden und nicht so alleine fühle, sondern das ist eine Schlussfolgerung aus der leidenschaftlichen Beziehung Gottes zu seinen Geschöpfen, zu seiner Welt, zu seinen Kindern.
Gott ist so ganz anders als sich ihn die zugegebenermaßen Klugen vorgestellt haben, die dachten, Gott und Leidenschaft schließen sich gegenseitig aus. Nein eben nicht !
Und doch ist und bleibt Gott auch immer noch ganz anders als ich ihn mir in all seiner Anteilnahme und Menschenfreundlichkeit vorstellen kann. Auch wenn ich tief in sein Herz blicken könnte, auch wenn ich in der Tiefe seines Herzens, seiner Liebe und seiner Zugewandtheit versinken würde, wäre er mir auch immer noch der fremde, ganz andere und am Ende unbegreifliche Gott, der mich an meine so unüberwindbaren Grenzen führt.
Aber gerade deshalb dürfen wir es fröhlich und ausdauernd wagen, uns ihm anzunähern, weil er uns längst ja eine Ahnung seiner Größe und seiner Liebe geschenkt hat und weil er sein Herz mehr als nur einen Spalt weit geöffnet hat, um uns an seinem Leiden und an seiner Liebe Anteil zu geben. Weil er uns liebt, leidet er an uns und mit uns. Und weil er an und mit uns leidet, liebt er uns umso eindringlicher, ernsthafter, voller entschiedenem Werben und Flehen.
Eine Ahnung von Gottes Herzensverfasstheit klingt in den alten prophetischen Worten und Liedern dieses Sonntages und eines ganzen Volkes an: Tröstet, tröstet mein Volk, redet freundlich mit Jerusalem.
Kann es da noch Zweifel daran geben, wie es in Gottes Herz aussieht?
Wer kennt nicht diesen Schmerz in der Seele von Eltern, die ihre untröstlichen Kinder im Arm halten und im Moment nicht mehr tun können, als da zu sein, wenn diese unsere Kinder mit der ganzen Ernsthaftigkeit ihres kleinen, wunderbaren Lebens weinen und klagen, dass dieser Schmerz, diese Traurigkeit, diese Verzweiflung wohl nie mehr aufhören wird, weil sie es sich anders nicht vorstellen können….
Wer kennt nicht diesen Drang verzweifelte Kinder, trauernde, orientierungslose, aufgelöste Menschen einfach stumm und liebevoll in den Arm zu schließen, ganz fest und ganz dicht, damit sie sich nicht auflösen, entwinden und entschwinden können.
Und genau so tönt es aus Gottes Herz: tröstet , tröstet mein Volk, redet freundlich mit Jerusalem.
So tönte es in prophetischer Zeit bis in den letzten Winkel der Landschaften im Exil und bis in die Augenblicke des Aufbruchs in, eine verloren geglaubte Heimat und Zukunft – ob wir es noch hören, wenn wir meinen keine Zukunft mehr zu haben?
So tönt es an den Orten, wo Kinder Israels verhöhnt, verlacht, verspottet oder auch wie in diesem Sommer auf den Straßen Berlins wegen des Tragens einer Kippa, einer Kopfbedeckung jüdischer Männer, verprügelt werden, so zieht es immer noch stumm und dennoch eindringlich fragend und rufend durch die Gassen und Winkel der Lager, in denen jüdische Mitbürger zur Zeit der Shoa zusammengepfercht, gebunden, missbraucht, ausgebeutet und ermordet wurden – Ob wir den stummen Schrei aufnehmen und zu unserem Aufschrei der Entrüstung und Empörung werden lassen, wenn dies mitten unter uns immer noch verleugnet, verdrängt oder gar wiederholt wird?
So klingt es in den Gassen der Altstadt Jerusalems bis auf den heutigen Tag, wo Juden, Christen und Muslime einige ihrer bedeutendsten Heiligtümer haben, in Scharen hin pilgern und doch allesamt verlernt haben, in Frieden einander zu begegnen, miteinander zu leben, zu beten und nach Gottes Herzen zu suchen – ob es uns gelingt, das ernsthafte Ringen um die Gegenwart Gottes aller Suchenden zu respektieren und andere Lieder Gottes aberkennend stehen zu lassen?
Mit anfangs noch tränenerfüllter Stimme höre ich Gott flehentlich bitten, sein Volk, seine Kinder zu trösten, weil er mit ihnen nach Trost fleht und sich sehnt.
Ob er auf unsere Untröstlichkeit oder Trostbedürftigkeit im Sinne eines mitfühlenden und mitleidenden Schmerzes bauen kann, damit sein Ruf in diesen Tagen nicht ungehört verhallt und folgenlos verklingt, sondern sich wandeln kann in Jubel und Lobgesang?
Der Prophet, Jesaja genannt, sieht das so.
Für ihn ist der Trostruf der Anfang einer ungeheuren weltverändernden Bewegung und eines unglaublichen Aufbruchs der Verhältnisse.
Alles gerät aus den Fugen.
Täler werden erhöht, Hügel erniedrigt, die Wüste bleibt nicht mehr todbringendes Niemandsland, sondern wird Raum auf dem Weg ans Ziel und Ort, an dem Gott sich zu erkennen geben will.
Wüstenlandschaften, Wüstenzeiten sind nicht mehr allein leidensvoll und gottesfern, sondern herrlich strahlend, gotterfüllt, gesegnete Orte und gesegnete Zeiten.
Da kann schon Unruhe aufkommen, auch wenn sie anders gemeint ist als die Unruhe der lichterhellten und lichterstrahlenden Tage, die allein durch die hektische Betriebsamkeit vorweihnachtlicher Völkerwanderungen in unseren Städten noch nicht automatisch adventlich gestimmt und verfasst werden.
Erst wenn Gott die Bahn auch durch unsere Wüste geebnet wird, wenn unsere eigenen hinderlichen Hügel erniedrigt oder beiseite geschoben und unsere Abgründe erhöht oder überbrückt werden , wird es Advent. Denn Advent ist eigentlich Bußzeit, Zeit der inneren Klärung und der Wahrhaftigkeit beim Blick in den Spiegel. Gott kommt und geht an unserm Leben nicht spurlos und folgenlos vorbei, sondern will einen Trost und eine Gewissheit in unser Leben pflanzen, die aller Ohnmacht, aller Verzweiflung, allem Tod widerstehen und durch jede Wüste hindurch tragen wird. – Wir haben sein Wort:
Gott kommt, darum macht ihm Bahn, tröstet sein Volk!Seine Boten bringen sein Wort zum Singen und zum Klingen – an allen Orten, in allen Winkeln und Gassen, in allen Lebenslagen und Lebenstagen.
Sein Versprechen gilt seinem Volk, seinen Kindern, seinen Geschöpfen.
Davon kann man doch nicht genug singen und sagen in diesen Wochen und Tagen, damit es jeder hört und glaubt, damit es sich jeder zu Herzen nimmt und Trost Raum greifen kann an jedem Ort und in jedem Leben auch durch das , was wir sagen und tun können.
Gelegenheiten untröstlicher Situationen und Personen gibt es genug auch vor unserer Haustür, in unserer Nachbarschaft.
Da zeigt sich, ob die Botschaft von Gottes Kommen und Gottes Bleiben uns erreicht und uns trägt.
Advent – heute und hier – Komm, du Trost der ganzen Welt ! Amen

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