Advent: Wissen, dass Gott uns erwartet

Manchmal, liebe Gemeinde, überfällt mich die Angst. Sie kommt zusammen mit Verzweiflung, mit Niedergeschlagenheit, mit Hoffnungslosigkeit. Sie ist lähmend. Vor Jahren hat Reiner Werner Faßbinder einen Film gemacht, der hieß: „Angst essen Seele auf.“ Ich habe den Film nie gesehen, aber sein Titel hat sich mir eingeprägt, weil er so treffend ist: „Angst essen Seele auf.“ Wenn ich mich davon anrühren lasse, wie viele Kinder auf der Welt an Hunger krepieren. Wenn ich es mir zu Herzen gehen lasse, in was für unsagbarem Elend viele Menschen leben. Wenn ich an Menschen denke, die im Altenheim vor sich hin vegetieren, einsam vor sich hin stieren. Wenn ich an die Gefahren denke, die meinen kleinen Kindern auflauern, und vor denen ich sie nicht schützen kann. Wenn ich an die Menschen denke, die ich liebe, die mir kostbar sind, und die jederzeit, ganz plötzlich, mir weggerissen werden können vom Tod, der ganz unbarmherzig und unwiderruflich auch ganz, ganz innige Verbindungen abschneidet.

Manchmal sehne ich mich danach, getröstet zu werden. So wie meine Kinder getröstet werden, wenn ihr großer Papa oder ihre große Mama sie einfach in die Arme nimmt und lieb hat und alles ist gut. Wenn man erwachsen ist, dann fehlt einem das, oft schmerzlicher, als man es zugeben möchte: getröstet werden, wie einen seine Mutter tröstet. Trost kann ich mir nicht selber spenden. Und Vertröstungen und Beschwichtigungen wie „Kopf hoch, es wird schon wieder“ helfen nicht viel. Es muss schon etwas mehr kommen als Mitleid oder jenes etwas ratlose Schulterklopfen, das wir als Vertröstung zur Hand haben, wenn ein Mensch in seinem Elend Trost finden soll. Es braucht im Grunde jene große Liebe, die Mauern durchdringt, Masken abreißt und Gräben zuschüttet, damit wir in unseren Ängsten ihre überwältigende Nähe und ihren Trost erfahren. Für mich drückt sich etwas von der Kraft dieser Liebe in den Bildern und Ausrufen aus, die wir im Jesaja-Buch finden:

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An diesen Bildworten wird vielleicht deutlich: Trösten ist nach dem Verständnis der Bibel offenbar ein aufwendiges, mühsames Geschäft. Es müssen offenbar ungewöhnliche Dinge passieren, Himmel und Erde müssen in Bewegung gesetzt werden, Steine aus dem Weg geräumt, Berge versetzt, Abgründe aufgefüllt werden – nur damit Gottes Volk es erfährt und begreift: Ihr seid nicht allein gelassen, nicht vom Leben ausgeschlossen, sondern geliebt und angenommen von Gott, den Jesus vertrauensvoll Vater nennt. Trösten – das kann eigentlich nur Gott. Die Menschen, die diese Worte als Erste gehört haben, standen vor den Trümmern ihres Lebens. Es waren die Israeliten im Exil, in der Babylonischen Gefangenschaft. Sie hatten eine völlig zertrümmerte Stadt Jerusalem hinter sich, sie waren ratlos, in ihrer Seele zutiefst verwundet. Und sie lebten in dem Bewusstsein: Wir haben diese Trümmer, diese Katastrophe selber verschuldet. Mit unserer zweifelhaften Politik, mit unserem Vertrauen auf die eigene Stärke, die eigenen Waffen, die eigenen Möglichkeiten, die angeblich so starken und treuen menschlichen Verbündeten, und durch einen durch und durch verkehrten Glauben, der an Äußerlichkeiten hing und sein Herz gegen das Reden Gottes verschloss. Das war vielleicht das Schlimmste daran, das Wissen: Gott hat uns warnen lassen. Wir haben nicht auf ihn gehört. Sie haben teuer dafür bezahlt und standen jetzt da mit der Frage: Kann das Leben jetzt überhaupt noch weitergehen? Habe ich noch eine Zukunft? Eine Zukunft auch bei Gott? „Der ist für mich gestorben. Mit der will ich nie mehr was zu tun haben.“ So denken und leben wir Menschen immer wieder, und haben Angst, dass auch Gott so denkt und handelt. Die Menschen, zu denen Jesaja damals gesprochen hat, die haben erfahren: Gott ist anders. Er vergibt. Er ist immer bereit zu einem Neuanfang. Und jeder, der sich Gott zuwendet, macht diese Erfahrung, lernt Gott so kennen. Gott ist anders. Es beschämt mich immer wieder neu in meiner Kleinlichkeit, meiner Rachsucht, meiner geringen Bereitschaft zur Vergebung, dass Gott ganz anders ist. In Jesus hat er gezeigt: Ich bin nicht nachtragend, sondern barmherzig und bereit zur Vergebung. Und da, wo Vergebung ist, da ist Leben und Seligkeit, hat Luther formuliert.

Wir hören: Gott kommt in der Wüste – und wo Erstarrung ist, wird Bewegung, wird totes Land voller Leben. Es gibt schreckliche Wüsten im Leben. Ich denke zum Beispiel an Menschen, die unter ihrer Krankheit zugrunde gehen, Bilder ihres Sterbens vor Augen, immer einsamer werdend, weil andere es nicht mehr aushalten in ihrer Nähe, nicht mehr das Klagen, das Jammern und die Trostlosigkeit ertragen. Es gibt die Wüste – mitten unter uns. Ich denke an die Wüste des Schweigens, die in viele Ehen und Beziehungen ausgebrochen ist. Am Schlimmsten ist die Einsamkeit zu Zweit, hat Erich Kästner geschrieben. Wüste. In die Wüste hinein will Gott kommen. Er bringt Dinge in Bewegung. Täler, Gräben werden zugeschüttet, trennende Berge werden eingeebnet.

In einem Gedicht wird dieses Wunder beschrieben: (Max Feigenwinter: Dieser Tag ist dir geschenkt, 1993, S.12)

Wenn sich wieder bewegt,
was erstarrt war:

wenn wieder gesagt wird,
was verschwiegen wurde;

wenn wieder gesehen wird,
was verachtet wurde;

wenn wieder gehört wird,
was übergangen wurde;

wenn wieder gefühlt wird,
wo Kälte war;

wenn wieder lebendig wird,
was totgeglaubt war,

dann ist das Wunder neu geschehen.

Advent heißt: Ankunft – es ist etwas im Kommen – es steht noch etwas aus – wir haben besseres zu erwarten – die Welt ist nicht mit Brettern vernagelt – Wir bewegen uns auf ein Ziel zu – Die Stunde der Befreiung kommt näher – siehe, er kommt zu dir! Das alles bedeutet Advent für den Glauben. Gott kommt im Advent in die Wüste. In unsere Wüste. In unsere modernen babylonischen Gefangenschaften, die sich vielleicht so ausdrücken: „Ich möchte gerne frei sein von dem Zwang, immer nur an mich selbst zu denken, damit ich auch den anderen sehe. Ich möchte frei sein von meiner Angst, vom Leben nichts zu haben. Ich möchte gerne frei sein von meiner Angst. Ich fürchte mich vor schlechten Zeiten, von Krankheit, vor Schmerzen, vor Mangel an Geld.“ Klagen, Seufzer, Fragen, endlos lassen sie sich fortsetzten.

Doch Gott kommt in meine Wüste: Er verspricht es mir. Sein Glanz, seine Herrlichkeit will sie hell machen. Sein Trost will sie heil machen. Es gibt einen, wird mir in diesem Bildwort gesagt, der das, was uns Angst macht, die Wüste von Krankheit, von Einsamkeit, von Sterben auf sich nimmt, annimmt. Wegnimmt. Damit das Leben neu beginnen kann, Menschen aufatmen können. Am Kreuz von Jesus Christus zeigt sich dann endgültig, was mit dem Bild gemeint war. Gott ganz und gar vorbehaltlos in der Wüste. Gott selber ganz im Leiden, ganz gefangen, ganz im Sterben – weil nur so der Weg zum Leben geöffnet werden kann. Der Weg zum Leben ist bereitet – bis auf das letzte kleine Stückchen. Das Stückchen von meinem Ohr bis zu meinem Herz. Das ist das einzige Stück Weg, das ich bereite. Indem ich stillhalte und mich öffne. Indem ich mein Misstrauen beiseite lege und Vertrauen wage. Indem ich lerne, zu hören. Zu hören auf die leise Stimme, die mir Trost zuspricht, auf die Stimme, die mir zuruft, dass auch ich Befreiung aus meinen Gefangenschaften, aus meiner Wüste finden soll. Ich höre diese Stimme oft nicht, weil es in mir zu laut ist. Weil ich so voller Unruhe bin. Weil ich so voller Widerspruch und Blockaden bin. Es ist gut, sich auszuleeren. Meine Unruhe auszusprechen. Meine Sorgen zu nennen. Wir können uns dabei gegenseitig eine große Hilfe sein, indem wir von Gott lernen. Gott redet freundlich – und so sollen auch wir miteinander reden: Freundlich. Wo freundlich mit mir geredet wird, wo ich spüre: Da ist jemand an mir als Mensch interessiert und mir zugewandt, da kann ich mich öffnen in einem Klima anwachsenden Vertrauens, kann ich seufzen und klagen und meine Ängste aus mir heraus kommen lassen. Die ausgesprochenen Ängste und Schwierigkeiten aber verlieren ihre lähmende, ihre dämonische Kraft.

Sie werden so leise und geben der Stimme Gottes Raum, die uns Trost, und Hoffnung und Kraft geben will, so wie nur Gott sie geben kann.

Wir sind eingeladen, uns immer wieder neu aufzumachen, immer wieder neu dieses letzte Stück Weg zu bereiten, und uns immer wieder neu von Gott anrühren und erfüllen zu lassen. Aus unserer Hoffnungslosigkeit und Erstarrung befreien zu lassen. Und uns dadurch verändern zu lassen, mit Frieden erfüllen zu lassen, auf festem Boden zu stehen. Denn „Advent bedeutet: In der Erwartung des Heils leben und im Wissen, dass Gott uns erwartet.“

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