Weihnachten wird unterm Baum entschieden

Liebe Gemeinde!

Tröste, tröstet mein Volk.

Ein Mensch, völlig durchgedreht, geht am helllichten Mittag mit einer Laterne in der Hand auf den Markt. Er schreit es den Anderen entgegen: „Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Nun ist es Nacht für uns, Dunkelheit ist über der Welt, Dunkelheit am Mittag. Wir sind allein. Kein Gott, keine Ewigkeit, nichts was uns hält, nichts was uns tröstet oder gebietet. Die Ankertaue gekappt, so treiben wir auf dem Meer. Allein. Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Nun müssen wir selbst zu Göttern werden“

Manch einer mag diese Szene schon einmal gehört haben. Sie ist berühmt. Sie ist eines der bekanntesten Stücke der Philosophie. Friedrich Nietzsche veröffentlicht diese Szene in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ im Jahre 1882. Praecisio mundi. Abgeschnittene Welt. Eine Welt ohne Gott, ohne Sinn, ohne Ewigkeit. Eine Welt in der Nacht. Nun müssen wir selbst zu Göttern werden.

Bloß das ist gar nicht so einfach. Denn alles Fleisch ist wie Gras. Und Gras verdorrt. Blumen verwelken … so sagt es uns Jesaja. Und eigentlich sagt er uns nichts Neues. Das wissen wir. Jede Krankheit, jeder Schmerz, jede Todesanzeige, jeder Trauerfall, und die ca. 120mal läutende Totenglocke auf unserem Friedhof erinnern uns daran. Nun müssen wir selbst zu Göttern werden, und sind doch wie gras. Es muss doch etwas Ewiges sein, was uns Halt gibt und wo wir uns anbinden können.

Hast Du die Radiowerbung gehört? Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Sagen sie da. Erst muss man ja schmunzeln über diesen Satz, aber dann…ist das alles? Wer hat das größte Geschenk? Der ist Sieger? Weihnachten als Wettkampf um das größte Paket? Aber was sonst-was ist Weihnachten sonst?

Na, Fest der Liebe. Und wer am größten schenkt, liebt am Meisten. Oder?

Trostlos: – So trostlos ist es dann, wenn wir selbst Götter sein wollen. Selbst die Liebe überfordert uns. Mit dem Hass, da haben wir Menschen vielleicht weniger Probleme. Aber bei Liebe…und außerdem ist alles Fleisch wie Gras. Und was ist dann, wenn wir tot sind? Dann können wir nicht mehr schenken, nicht mehr kaufen. Ist dann die Liebe auch tot? Und überhaupt: Bin ich denn auch geliebt? Bin ich selbst auch etwas wert, was nicht in Euro und Cent auszudrücken ist?

Wenn Gott gar nicht tot ist …

Auf jeden Fall: es ist nicht toll, da so ohne Ankertau und Bindung alleine auf dem dunklen Meer zu treiben. Es ist nicht toll in der Nacht ohne Gott. Es ist nicht schön, selbst Gott sein zu müssen. Lieber würde ich Mensch bleiben, menschlich leben, getröstet leben von der Idee, da ist etwas über mir, was mich liebt, neben mir, was mich leitet, unter mir, was mich hält, und ich falle, wenn ich falle, nie tiefer als in Gottes Hand.

Ja, Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Unterm Baum steht nämlich die Krippe. Darauf blicke, lieber Mensch.

Tröstet, tröstet mein Volk. Blick in die Krippe. Da liegt die Liebe.

Nein, da liegt ein Baby. Und drumherum stehen arme Leute und davor knien arme Leute.

Ja, das passt doch. Arme Leute sind wir ja auch. Seelisch arm. Was haben wir denn? Nein, nicht die Geschenke … die meine ich nicht. Was haben wir in der Seele?

Sehnsucht.

Sehnsucht nach „Geliebt werden“. Sehnsucht nach Halt. Nach Heimat. Nach etwas Ewigem, Festem. Oder? Ich jedenfalls habe diese Sehnsucht. Ich jedenfalls spüre. Sie.

Tröste mich, Gott. Für mich bist du nicht tot. Für mich leuchtest du am Mittag und in der Nacht. Du bist in mein Fleisch und Blut geschlüpft. Mitten in der Nacht, wie viel Liebe ist das? Wie viel Liebe zu mir und zu allen Anderen aus Fleisch und Blut. Wir sind wie Gras, und doch ist in uns der Funke des Ewigen. Wir können hassen, und doch liebst du uns. Wir können versuchen, selbst zu Göttern zu werden, und doch bist du unter uns, nie werden wir tiefer fallen als in deine Arme.

Weihnachten, tröstet mein Volk. Die Ankertaue sind nicht gekappt. Das Fest wird unterm Baum entschieden, weil da die Liebe liegt, die man nicht kaufen kann. Sondern fühlen und glauben.

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