Gute Neuigkeiten im Volksempfänger

Liebe Gemeindeglieder

1. Erkennen Sie diese Pappnachbildung / dieses Bild eines alten Volksempfängers?

Gerne hätte ich einen echten dabei gehabt.

Und ich hätte mir gerne einige Geschichten von Gemeindegliedern angehört, die sich noch selbst an Erlebnisse mit diesem Gerät erinnern.
Wie das wohl war? Zum ersten Mal auf einem Bauernhof irgendwo ganz weit draußen ganz aktuell hören, was in der Hauptstadt los ist. Zum ersten Mal Musik hören, mehr als man selbst vielleicht an Platten hatte. Hörspiele nach Feierabend.

Schon bald eine ganz andere Funktion: Kriegsberichterstattung. Anfangs noch Siegesmeldungen. Dann Durchhalteparolen. Der eigene Mann, Vater oder Bruder an der Front. Wie hört man da wohl die Berichterstattung?
Als der Krieg sich hinzieht. Als das Leid des Krieges immer deutlicher gespürt wird: Hoffen auf eine Wende. Was genau? Den Sieg? Oder dass der Krieg nur einfach aufhört, egal wie?

2. Noch etwas Zweites könnte ein wirklicher Volksempfänger verdeutlichen:
Radioempfang war da nicht wie heute. Schon beim Anschalten musste man warten, bis die Röhren warm waren. Und natürlich gab es keinen automatischen Sendersuchlauf mit 25 Stationstasten.
Der alte Volksempfänger spuckt allerlei Geräusche aus. Pfeiftöne, die anschwellen und sich dann wieder verlieren. Satzfetzen, die sich überlagern. Klänge aus fernen Ländern. Worte unbekannter Sprachen. Wellensalat nannte man das in Anspielung auf die bunte Mischung in der Salatschüssel.
Wenn man einen bestimmten Sender sucht, preßt man sein Ohr an den Lautsprecher, oder ganz früher an den Kopfhörer, dreht vor und zurück. Man kriecht fast selbst in den Kasten hinein. Dann kristallisieren sich einzelne Stimmen heraus: Nachrichten, überlagert von Operettenmelodien. Dazwischen irgendein Engländer.
Immerhin: Man kann die verschiedenen Sender unterscheiden und Hören

3. Nicht wenige Bibeltexte sind auch wie ein solcher Wellensalat aus dem Radio. Ein Gemisch aus verschiedenen Szenen, verschiedenen Sprechebenen, Bilder und Vergleiche, die früher jeder verstand, aber wir nach vielen Jahrhunderten nicht mehr. Vorstellungen über die Welt, die wir nicht mehr teilen.
Mittendrin vielleicht noch Zufügungen von späteren Autoren, die die Texte weiterüberliefert haben, die durch Zufügungen aktualisieren oder verständlicher machen wollten.

4. Auch unser Text hat etwas von einem solchen Wellensalat an sich.

4.1 Ganz fern über allem eine Szene im Himmel selbst.
Die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Unvorstellbarkeit eingekleidet in die Vorstellung einer Versammlung im göttlichen Thronsaal.
Tröstet, tröstet mein Volk. sagt die erhabene Stimme.
Sie ist Teil einer Szene, die im Himmel spielt.
Die Unvorstellbarkeit Gottes ist hier eingekleidet in die Vorstellung von einer Versammlung im himmlischen Thronsaal.
Gott selbst spricht: 2 Redet den Menschen von Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, dass ihre Gefangenschaft zu Ende geht, dass ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden.

Wovon spricht Gott?
Wir müssen eine Zeitreise machen, müssen uns 2 ½ Jahrtausende zurückversetzen.
Nach Israel. Nein! Genau genommen nach Babylon. Denn das Königreich Israel hatte aufgehört zu existieren. Die Hauptstadt Jerusalem war belagert und zerstört worden. Die Überlebenden von Jerusalem waren von den Siegern hunderte von Kilometern weit nach Osten verschleppt worden bis nach Babylon. Krieg.
Dieses Volk, das alles verloren hat, das seit 50 Jahren in der Verbannung lebt, soll getröstet werden.

Ich stell mir vor, wie sie in Babylon am Radio sitzen.
Hey, habt ihr das gehört? Stellt euch vor, die Gefangenschaft soll zu Ende gehen!
Die Schuld ist beglichen!

Die Menschen wissen, welche Schuld gemeint ist. Die Schuld, von der Jesaja und die anderen Propheten gesprochen hatten. Damals vor dem Krieg und der Zerstörung. All die Ungerechtigkeit und das Unrecht, das besonders die Reichen begingen an den Armen. Die Propheten hatten die Strafe Gottes angekündigt.
Wehe denen, die für Bestechungsgeld den Schuldigen freisprechen (Jes5,23), die Haus um Haus zusammenraffen (5,8), die das Recht der Armen mit Füßen treten.
Wie mit Ochsenstricken zieht ihr eure Strafe selbst herbei! (5,18). Fremde werden den Ertrag eurer Äcker verzehren, das Land selbst wird veröden.

Und wahrlich, genau das war passiert.
Und diese Schuld soll nun beglichen sein?!

4.2. Hört, was sie sagen im Radio:
Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott!
4 Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.

Hört ihr: So wie man für ein vorbeiziehendes Heer die Straßen eben macht und erneuert, so kommt nun unser Gott uns entgegen.

Hört weiter:
5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen. Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.

Oh. Ja! Diese Babylonier! Wie haben sie uns verspottet und unseren Gott!
„Ja betet doch ruhig zu eurem Gott! – Wo ist er denn? Wo bleibt er denn mit seiner Hilfe?
Nicht mal ein Bild von eurem Gott habt ihr! Seht doch unsere prächtigen Götterbilder!“

Stellt euch das vor: Genau so, wie sie uns damals im Triumphzug auf der Heeresstraße gefangen nach Babylon geführt haben – So kommt nun unser Gott uns entgegen!
Ja! Und nicht nur die Schlaglöcher sollen ausgebessert werden, sondern jedes Tal soll sich heben und jeder Berg eingeebnet werden für diese Straße Gottes.

Und unser Gott offenbart seine Herrlichkeit, dass alle Sterblichen sie sehen können.

4.3. Da unterbricht plötzlich eine andere Stimme die Sendung:
6 Eine Stimme sagte: Verkünde! Ich fragte: Was soll ich verkünden?

Wessen Stimme ist das? Wer ist die Person, die da fragt?
Es ist ein uns unbekannter Prophet, von dem diese Kapitel des Jesajabuches stammen. Man nennt ihn – weil sein Buch zum Jesajabuch gehört – den 2.Jesaja.
Hatte der erste Jesaja die Zerstörung des Staates und der Stadt Jerusalem als Strafe Gottes angekündigt, so kündigte dieser 2.Jesaja viele Jahre später das Ende der Verbannung an.

Er ist es, der die gehörte göttliche Stimme vernommen hatte.

4.4. Und das Ende unseres Predigttextes ist sozusagen die Zusammenfassung seiner Botschaft.
10 Seht, Gott der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Seht, er bringt seinen Siegespreis mit: Alle, die er gewonnen hat, gehen vor ihm her.
11 Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.

Habt ihr gehört, was er gesagt hat?
Gott kommt über seine breite Straße. Er kommt mit seiner Macht, die er aber nicht zur Versklavung nutzt, sondern zur Befreiung. Er zieht keine Gefangenen in Ketten hinter sich her. Sondern, wie ein Hirte führt er seine Herde, uns, vor sich her, wie ein Hirte seine Herde dem heimatlichen Stall entgegen.

Was für ein schönes Bild.

5. Aber wieso hören wir diese 2 ½ Tausend Jahre alte Radiosendung heute als Vorweihnachtsbotschaft?

Zunächst sicherlich, weil genau die Wende eingetreten ist, von der der 2. Jesaja gesprochen hat.

Nicht so bombastisch mit eingeebneten Bergen und angefüllten Tälern.

Die biblischen Propheten sind ja keine Radios, die im Maßstab 1:1 aussprechen, was Gott denkt.
Sie sind ja vielmehr wache Zeitgenossen, die die vielen Signale der Zeit aufnehmen und im innigen Kontakt mit Gott deuten. Denen so die Botschaften Gottes für ihre Zeit zur Gewissheit werden.

Und es ist gekommen, wie der Prophet gehört hat:
Persien besiegte das babylonische Reich und der neue Herrscher Kyrus erlaubt den Juden im Jahre 538 v. Chr. tatsächlich die Rückkehr nach Jerusalem.

Überlegen sie die Bedeutung dieser Wende! Statt der möglichen Auslöschung der jüdischen Kultur und des jüdischen Glaubens an den einen Gott – ein neuer Anfang.

Zum Vorweihnachtstext wurde all das, als die ersten Christinnen und Christen nach der Erfahrung von Jesu Tod und Auferstehung ihrerseits zu verstehen suchen, was da eigentlich geschehen ist mit Jesus.

Als ihnen dämmert:
Klar, die Macht Gottes hat sich damals erwiesen, als Gott den Verbannten die Heimkehr nach Jerusalem ermöglichte.
Aber richtig in die Welt gekommen, für alles Fleisch sichtbar, wie es der Text gesagt hat, ist Gott doch nun in Jesus.

Wie haben wir das doch bei Jesus gespürt!
Wenn er uns ansah war uns doch, als würde Gott selbst uns ansehen.
Als er zu uns sprach – hörten wir da nicht die Stimme Gottes selbst?
Und wenn man schon Könige „Gottessohn" nennt – wie viel mehr dann ihn, unseren Jesus!
In ihm ist Gott selbst in der Welt sichtbar geworden. Und das ist nicht nur wie damals die Wende für ein Volk, sondern die Wende für die ganze Menschheit.

Und für uns heute ist er tatsächlich die Zeitenwende schlechthin. Der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Von der Geburt Jesu an zählen wir die Jahre.
Nicht von der Geburt der mächtigen Herrscher wie Kyros, oder Julius Zäsar. Sondern nach der Geburt des Sanftmütigen im Stall.
Nie mehr mussten Opfertiere geschlachtet werden auf dem Altar. Gott ist gnädig. Viel gnädiger als ihr selbst. Es ist nicht nötig, ihn zu besänftigen.

6. Die Texte der Bibel sind manchmal wie Wellensalat. Das Hören fordert oft mehr mühe als im High-Tech-Radio oder einem Buch, das von einem Autor in einem Guss geschrieben ist.
Aber die größere Mühe des Verstehens lohnt sich, weil wir spüren, dass die Wahrheit der Bibel tiefer geht.

Wellensalat heißt ja nichts anderes, als dass da viele Stimmen zusammenschwingen. Viele Menschen, die versucht haben, ihr Leben aus ihrer Erfahrung mit Gott zu leben und zu verstehen, haben ihre Stimme in diesem Chor beigetragen.
Das freilich nennt man in der Musik nicht Wellesalat – sondern Zusammenklang. Auf Griechisch: Symphonie.

Und diese Symphonie ist keine abgeschlossene, ein für allemal fertige. Sie soll mit uns weitergehen. Ihre Lebendigkeit lebt davon, dass wir sie hören und in unserem Leben darauf antworten. In Taten, mit denen wir unserem Glauben Ausdruck verleihen und in Worten, wenn wir weitererzählen, unseren Kindern und Kolleginnen und Freunden, was Gott uns bedeutet. Für uns selbst und für die Welt.

Amen.

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