Eigentlich war alles gut

Eigentlich war alles gut, liebe Gemeinde. Am Donnerstagabend setzte ich das letzte Wort – „Amen“ – hinter meine Predigt und war’s zufrieden. So wollte ich sie halten.
Aber jetzt es geht nicht mehr.

Es kam etwas dazwischen, was ich gestern Morgen in der Zeitung las, Kieler Nachrichten, eine kleine Meldung bloß. Aber die hatte es so in sich, dass ich beschloss, dass meine Predigt nicht so bleiben könne, wie sie bis dahin gewesen war.

Dabei hatte – wie ich ganz objektiv finde – alles so schön zusammengepasst.

Zunächst wollte ich über die Missstände in unserer Welt sprechen. Mit einer Aufzählung, die noch nicht einmal umfassend ist, kann man ja schon mehrere Predigten mühelos füllen.
Aber ich hätte mich beschränkt.

Syrien mit seinem schon so lange andauernden Blutvergießen, das musste auf jeden Fall mit hinein in die Aufzählung. Vor allem darum, weil jetzt auch noch der Einsatz von Chemiewaffen droht.
Und Kairo mit seinen Straßenschlachten. Der verheerende Taifun auf den Philippinen, die ermordeten Christen in Nigeria.

Ob Sie und Ihr denn schon Adventsstimmung seid, wollte ich dann fragen.
Das ist gemein, ich weiß. Aber ich hatte es trotzdem vor.

Und die – wenn wir so wollen – allererste Adventszeit, die letzten Wochen vor Jesu Geburt in einem ärmlichen Stall in the middle of nowhere, die werden ähnlich gewesen sein.
Leid und Angst und Sterben und Tod – dass alles macht nicht Halt und hört nicht auf, nur weil wir auf das Fest der Liebe zugehen.

In all dem hätte ich Ihre und Eure Zustimmung vorausgesetzt und wohl auch bekommen.
Unter der Überschrift „Traurig, aber wahr“ hättet Ihr mir Recht geben müssen. Ich habe Allgemeinplätze aufgezählt und es ist ja leider wirklich so.

Dann wäre die Lesung des Predigttextes dran gewesen.
Viele Jahrhunderte alt, zu finden bei einem Propheten mit dem Namen Jesaja – ein Hoffnungstext.
Aber hört selbst:

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«
Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken.
Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
Und es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.
Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Worte – wie ein Lichtblick. Am Ende des Tunnels scheint es hell und da gehe ich drauf zu.
Und auch wenn meine Knie zittern und die Schritte mühsam sind – es wird nicht dunkel bleiben.

Im Advent bereiten wir uns auf das Geburtsfest desjenigen vor, der als Erwachsener von sich sagen wird: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Leben haben!“ (Joh 8,12)

„Jedes Kind, das geboren wird, ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Gott die Hoffnung mit uns Menschen noch nicht aufgegeben hat.“ Diesen Spruch las ich auf einer Postkarte.
Ja, die Geburt dieses besonderen Kindes, die Geburt seines eingeborenen Sohnes auf jeden Fall.

Und – das glaube ich – auch die Geburt jedes anderen Kindes. So viel Hoffnung, so viel Unschuld, so viel Neubeginn. Ja, das alles kann Mut machen und Freude verbreiten.
Und manchmal geht das sogar schon vorher los. Mit der Ankündigung sozusagen. Mit der Verlautbarung, dass es Nachwuchs gibt in der Königlichen Familie.
Allein die Ankündigung reicht aus, dass der englische Premier David Cameron, ja sogar Barack Obama, gratuliert.

Damit ich bitte nicht falsch verstanden werde: Das ungeborene Menschenkind von Kate Middleton und Prinz William mit der Startnummer „3“ im Wettrennen um die englische Krone – ich wollte keine weiteren Parallelen zu Gottes Sohn aufbauen.

Aber über die Hoffnung und die Freude, die solch ein Ereignis mit sich bringt, hätte ich dann gerne ausführlich gesprochen.

Bis dahin war eigentlich alles gut.

Und in dieses Vorhaben hinein schlägt die Nachricht, dass Jacintha Saldana tot ist.
Diese junge Frau ist Krankenschwester gewesen am King-Edward-Hospital in London, wo die an Übelkeit leidende, schwangere Herzogin von Cambridge untergebracht war.

Was war passiert?

Zwei Radiomoderatoren eines australischen Senders hatten im Londoner Krankenhaus angerufen und waren telefonisch bei Schwester Jacintha Saldana gelandet, die dort seit vier Jahren zur Zufriedenheit ihrer Patienten und ihres Arbeitgebers tätig war.
Die beiden Moderatoren gaben sich am Telefon als Queen Elisabeth und Prinz Charles aus und wurden von Schwester Jacintha gutgläubig zur Station durchgestellt.
Und dort erfuhren die Anrufer dann mehr über den Gesundheitszustand der werdenden Mutter Kate Middleton, bliesen diese Neuigkeiten über den Äther und – Dank Internet – über die ganze Welt.

Vielleicht erinnern sich die Älteren noch an Hape Kerkeling, der, als Königin Beatrix verkleidet, versuchte, bei „einem lekker Mitttagessen“ dabei zu sein.
Zu Schaden kam da niemand. Es wurde auch niemand bloßgestellt.
Das, was jetzt in England passiert ist, ist etwas Anderes. Und es macht mir Angst, liebe Gemeinde.

Wo sind wir hingeraten, wenn eine verdiente Krankenschwester, die überlistet worden ist und auf deren Kosten man sich anschließend amüsiert, keinen anderen Ausweg mehr sieht, als sich umzubringen?

Wie gehen wir mit eigenem Versagen und wie mit den Fehlern anderer Menschen um?
Und – auch das ist wichtig – was ist mit dem Moderatorenpaar aus Australien? Wie geht es denen jetzt?

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!, hat der Prophet Jesaja vor etwa 2.500 Jahren zu denen gesagt, die in Babylon in der Verbannung lebten.

Liebe Gemeinde, wenn wir uns auf das Weihnachtsfest vorbereiten, wenn wir uns damit beschäftigen, die Frage „Wie soll ich dich empfangen“ zu beantworten, dann gehören die Worte Jesajas da mit hinein.

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Habt ein waches Auge auf diejenigen, die Eure Hilfe brauchen. Und dann zögert nicht, ihnen beizustehen.
Zeigt ihnen, dass es einen neuen Anfang gibt. Und dass unsere Fehler nicht lebenslänglich verfolgen müssen.
Und Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!

Damit ist dann nicht automatisch alles gut.
Aber wir sind gemeinsam auf einem sehr guten Weg.
Und Gott selbst kommt uns entgegen. Oder, mit den Worten des Wochenspruchs: Seht auf, und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Amen.

Gemeindelied EG 11,1-4+6 – Wie soll ich dich empfangen

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