Von der Kirche (im Advent)

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“
3,50 Euro kostet eine Pommes mit Currywurst in der Fuldaer Innenstadt. Ein herrliches Vergnügen. Vor allem mit Mayonnaise und einem kalten Getränk. 3,50 Euro können auf angenehme und günstige Weise den ersten Hunger vertreiben.
Man kann aber auch wegen 3,50 entlassen werden. So geschehen in Villingen-Schwenningen. Es geht aber noch für weniger. Vier von Ihnen – zu Unrecht – verzehrte Maultaschen können Sie ebenfalls den Job kosten. Vier Maultaschen kosten bei Aldi übrigens knapp 1,30 Euro.
Andererseits wird das Essensgeld erhöht, der bisher kostenlose Kindergarten-Bus wird ersatzlos gestrichen und im nächsten Jahr steigen die Stromgebühren, wie seltsam, bei allen vier großen Anbietern um den gleichen Preis. Zum Vergleich: Man schafft es nicht, sich ohne Richterspruch auf eine immer noch unangemessene Anhebung des Hartz-IV-Satzes um fünf Euro zu einigen, aber die vier größten Stromlieferanten schaffen eine Anhebung der Gebühren in völligem Gleichschritt, ganz ohne richterliche Beteiligung!

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“
Zur gleichen Zeit verzockten einige wenige Menschen hunderte Milliarden Euro und brachten Millionen von Menschen unheimlich große Probleme. Das war aber nicht weiter schlimm, zumindest nicht in unserem Land, denn der Bund garantierte insgesamt für 480 Milliarden Euro. Das sind irrwitzige Summen, aber der sogenannte Rettungsschirm ist gar kein Rettungsschirm, kann gar keiner sein; eher wäre dieser Schirm beschrieben als ein gefährliches schwarzes Loch, denn 2008 betrug der gesamte Bundeshaushalt ca. 283 Milliarden Euro. Wie kann ich mit weniger für mehr garantieren?
Hinzu kommt: Verurteilt wurde in Deutschland übrigens erst einer der gierigen Bankmanager. Es kommt eben doch darauf an, wie groß die Zahl, wie hoch die Summe ist, die sie vernichtet haben. Denn je größer der Schaden, desto mehr sind betroffen, desto weniger will man schlechte Presse haben. Oder man sagt es mit den Worten vom ehemaligen Bundesverfassungsrichters Winfried Hassemer. „Je größer die Probleme sind, desto weniger kann das Strafrecht sie lösen.“ (Quelle: http://www.cicero.de/kapital/finanzkrise-vor-gericht-warten-auf-gest%C3%A4ndnisse/41190). Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“
„Die ausschließliche Orientierung an Geld, Erfolg und Quote bestimmt heute unsere Gegenwart und Zukunft so sehr, dass dies kurz- und mittelfristig wohl nicht mehr zu ändern ist. Um es langfristig zu ändern, muss man auf die nachwachsende Generation setzen, mit ihnen neu beginnen und sie so bilden, dass sie wieder den großen Sinnzusammenhang erkennen, der sich vom Bund am Sinai vor 3.000 Jahren über die Aufklärung bis zum Widerstand eines Dietrich Bonhoeffer und zur Barmer Theologischen Erklärung erstreckt.“ (Christian Nürnberger, in: „Kirche wohin?“ Vortrag beim 2. Aktionstag des Forums „Aufbruch Gemeinde“ am 07. Nov. 2009; Quelle: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/2009-11%20Kirche%20wohin.pdf).

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“
Diese Sätze des Propheten Jesaja wären Aussagen, die man gerne öfter von und in der Kirche hören würde. Die Kirche sagt diesen Satz zwar auch, aber sie sagt auch Sätze von falschen Propheten nach und glaubt, ein Termin bei einer Unternehmensberatung, nehmen wir z.B. McKinsey, würde die Erleuchtung bringen.
Wer erinnert sich noch an die dämliche Plakataktion aus dem Jahre 2002 der EKD zu Ostern? „Woran denken Sie an Ostern? An Cholesterin, Langeweile, Eier oder Auferstehung?“ Die Städte waren damals zugepflastert mit solchen und ähnlichen überflüssigen Fragen zum gegebenen Anlass. Das waren die ersten Auswüchse einer verfehlten und nur angeblich zur Kirche hin leitenden Politik. Hinzu kam, dass die zuständige Werbeagentur Melle Puffe sich selber äußern wollte und feststellte, die Form der vielen Fragen sei der Tatsache geschuldet, dass die „Kirche nicht der Ort für Absolutheitsansprüche und Unfehlbarkeiten sei, und darum stellen Protestanten Fragen. Die Frage sei der „Markenkern des Protestantismus“. (Vgl. Christian Nürnberger, in: „Warum McKinsey für die Kirche keine Lösung ist“. Vortrag beim 34. Rhein. Pfarrerinnen- und Pfarrertag am 3. November 2003 in Bonn)

Klar ist es immer gut zu fragen, auch gehören doofe Fragen dazu, das konnte man schon in der Sesamstrasse lernen. „Wer, wie, was warum? Wer nicht fragt bleibt dumm!“ Es gibt also nichts gegen dumme Fragen zu sagen, aber was, wenn diese Fragen 1,5 Millionen Euro teuer waren? Dann muss man die Organisation, die diese Fragen stellen lässt, statt sie selber zu beantworten, strengstens hinterfragen.

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“
Das bedeutet, dass alle weiteren Fragen die nicht hilfreich oder gar zielführend zur nächsten Kirchentür leiten, vielleicht „sympathisch“ sind, auf jeden Fall aber „überflüssig in einer Gesellschaft, die nicht unter einem Mangel an Marken und Fragen leidet, sondern unter einem Mangel an Orientierung und Antworten.“(A.a.O.)
„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!“, sagt der Prophet Jesaja und meint damit nicht, dass wir weiteren Unsicherheiten den Weg ebnen, wohl aber die wankenden Knie festmachen sollen. „Alles wackelt“, so begann einst der Theologe Ernst einen Vortrag: „Meine Herren, (Damen waren damals noch nicht an solchen theologischen Treffen beteiligt) es wackelt alles!“ Die Aussage, „alles wackelt“, was menschlich gemacht ist, klingt zuerst angsteinflößend, kann aber Mut machend wirken. Schließlich muss nicht alles, was gegeben erscheint, auch so bleiben. „Alles wackelt!“ Das gibt uns letztlich die Freiheit und die Souveränität, zu fragen, zu zweifeln und selber zu wackeln an den uns umgebenden feststehenden Säulen der Erde.

Vor allem sollte man wackeln und rütteln an den Aussagen der schon erwähnten Werbeagentur. Denn diese galt „als eine „Agentur für schwere Fälle.“ So hatten die Werber zuvor die Stadt Berlin, den Verband der Cigarettenindustrie und Afri-Cola betreut. (Ersterer hat sich bisweilen übrigens selbst aufgelöst. Ein Zeichen?) Agenturgründer Hendrik Melle sagte damals: „Unsere Gesellschaft leide nicht an einem Mangel an Sinn, sondern eher an einem Überangebot. Dabei handle es sich überwiegend um Unsinn- Angebote. Dagegen stehe das Sinn-Angebot der Kirche. (A.a.O.)

Sinn und Unsinn also. Wo steht denn die Kirche ihrem Auftrag sinngemäß? Hat sie überhaupt noch was zu sagen? Ist sie überhaupt noch relevant oder treibt sie sich schon lange herum auf dem Jahrmarkt der Unsinnmöglichkeiten und bietet ihre Ware feil, wie andere Marken ihren – in Ostasien billig gefertigten – Ramsch? Was ist die Kirche überhaupt, wenn sie nicht das verkündet, was dieser Zeit fehlt? Orientierung, Halt, Kraft, Hoffnung. Der Advent ist eine Zeit, die den Suchenden gehört. Wir öffnen unsere Türen und bitten herein. Nicht in die Unsicherheit, wir haben Worte des lebendigen Gottes, der gerne ein klares Wort gesprochen hat ohne dafür 1,5 Mio. Euro zu verbraten. „Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit.“, sagt zum Beispiel der Psalm 128. Klare Worte an denen sich die Kirche selber messen lassen muss. Blöd nur, wenn selbst in den eigenen diakonischen Einrichtungen unter Tarif bezahlt und so auf die erfolgreichen Instrumente der Wirtschaft zurückgegriffen wird. Das ist die marktwirtschaftliche Wirklichkeit, wie sie die Kirche als Ganzes unglaubwürdig erscheinen lässt.

„In einer Welt, in der Gymnasiasten Amok laufen und Hauptschüler S-Bahn-Fahrer totschlagen, brauchen wir Pfarrer, die von ihren Oberkirchenräten in Ruhe gelassen werden, damit sie sich mit den Laien ihrer Pfarrei um Gymnasiasten und Hauptschüler kümmern können. In einer Welt, in der 50jährige Arbeitnehmer aussortiert und wie Schrott behandelt werden, brauchen wir Gemeinden, die solche Menschen auffan-gen und ihnen effizient helfen können. Wir brauchen Gemeindemitglieder aus der Wirtschaft, dem Handwerk, der Politik, den Medien und den Gewerkschaften, die mit ihrem Know-how und ihren Verbindungen solche Netze aufspannen und zum Beispiel auch dafür Sorge tragen können, dass ein Hauptschüler eine Lehrstelle bekommt.“ (Christian Nürnberger, in: „Kirche wohin?“ Vortrag beim 2. Aktionstag des Forums „Aufbruch Gemeinde“ am 07. Nov. 2009; Quelle: http://www.aufbruch-gemeinde.de/download/2009-11%20Kirche%20wohin.pdf).

„Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“
Das Kind in der Krippe, das bald geboren wird liegt nicht mal auf Stroh. Es ist kalt, die Situation mag Maria und Josef überfordern. Draußen ruft der König Herodes zum Kindsmord auf. Alles wackelt. In diese Situation hinein, in unsere Zeit hinein, in der man für 3,50 Euro satt werden oder gefeuert werden kann, sagen wir das allezeit Mut machende Wort des Propheten:

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AMEN!

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