Was Zacharias nicht erwartet hat

Vor langer langer Zeit, da ging in Jerusalem ein Mann in den Tempel. Er hat das oft gemacht, denn er war ein gläubiger Jude. Und noch dazu ein Priester. In den Tempel zu gehen war für ihn Routine. Jedes mal mehr oder weniger gleich. Was soll auch schon passieren. Er ging da hin, ohne groß etwas zu erwarten. Wahrscheinlich ungefähr so, wie wir am Sonntag in die Kirche gehen. Was soll da schon groß passieren. Wir singen halt ein paar Lieder. Der Pfarrer hält eine Predigt. Sie ist immer zu lang. Und irgendwie geht es doch immer wieder um das Gleiche. Und in der Kollekte waren 35 Euro 10 Cent. Was soll da schon groß passieren.

So hat denk ich auch Zacharias gedacht. So hieß der Mann, der in den Tempel gegangen ist. Und eines Tages, mitten in der Routine des ewig Gleichen. Da ist ihm Gott begegnet. Völlig unerwartet. Hat zu ihm gesprochen. Durch einen Boten, einen Engel. Und Zacharias ist furchtbar erschrocken. Da geht man in die Kirche, denkt an nix böses. Und dann begegnet einem auf einmal der lebendige Gott. Und redet zu einem.

Er hat ihm gesagt, dass seine Frau ein Kind bekommen wird. Seine Frau, die doch unfruchtbar ist. Doch das Wunder soll geschehen. Sagt Gott. Einfach so. Völlig überraschend. Damit hat Zachäus nicht gerechnet. Trotz all seiner Frömmigkeit – damit hat er nicht gerechnet. Er hat zwar dafür gebetet – aber er hat es selber nicht geglaubt. Dass Gott auf Gebete hört. Dass sich Gott für ihn interessiert. Für seine Sorgen. Für seine Träume. Für seine Wünsche. Und doch war es so.

Und dann kam es auch so. Seine Frau wurde schwanger und bekam ein Kind. Und als sein Kind geboren worden ist hat Zacharias ein Lied gesungen. Ein Loblied. Ein Loblied, das berühmt geworden ist. Seit Jahrhunderten singen Mönche in aller Welt jeden Tag im Morgengebet dieses Lied, das Bendictus. Es geht so:

[TEXT]

Da steckt so viel drin in diesem Lied. Das ist eine halbe Dogmatik. Ein großes Glaubensbekenntnis. Mir sind heute drei Punkte daraus wichtig.

Erstens: Gott kommt. Manchmal denken wir: Gott hat uns doch vergessen. Er lässt uns im Stich. Denn er tut nichts. So ist es doch. So hat auch Zacharias gedacht. Und dann hat er erlebt: Gott kommt langsam, aber gewaltig. Zacharias hat in seinem Leben lang auf Gottes Handeln gewartet. So lange, dass er gar nichts mehr erwartet hat. Und dann hat er es erlebt. Gott hat doch einen Eid geschworen. Gott hat einen Bund gemacht. Damals mit dem Volk der Juden. Und heute in der Taufe mit uns. Gott hat heilsam in sein Leben eingegriffen. Er hat ein Wunder gemacht. Er hat einen Wunsch Wirklichkeit werden lassen. Nicht dann, als Zacharias es wollte. Sondern dann, als Gott gesehen hat. Die richtige Zeit ist gekommen. Jetzt handle ich. Ich wünsche uns dass wir daraus zweierlei mitnehmen: Geduld und Hoffnung. Geduld – dass wir es aushalten zu warten. Warten darauf, dass Gott sagt. Jetzt. Jetzt ist der richtige Moment. Und dass wir warten voller Hoffnung: Gott wird uns nicht vergessen. Er hat uns nicht vergessen. Er wird kommen. Er wird handeln. Er wird heilsam eingreifen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Das ist das erste, was ich sagen will. Gott kommt. Er besucht und erlöst sein Volk.

Das zweite: Gott ist barmherzig. Das sagt Zacharias gleich zwei Mal. So sehr ist er davon bewegt und beeindruckt. Zacharias hat doch schon alle Hoffnung aufgegeben. Nur noch aus Gewohnheit ist er in den Tempel gegangen. Und ich denke. In seinem Herzen wird er seinen Gedanken freien Lauf gelassen haben. Auf Gott geschimpft haben. Denn er ist verbittert. Enttäuscht. Ohne Glauben. Als der Engel ihm sagt: Du wirst einen Sohn bekommen, da antwortet er: Das glaube ich nicht. Das geht nicht. Meine Frau ist alt und unfruchtbar. Hör auf mit deinem Geschwätz. Und dann sagt Gott eben nicht: Du undankbarer Kerl. An dich verschwende ich doch kein Wunder. Du hast es doch gar nicht verdient dass ich für dich da bin. Dass ich für dich auch nur einen Finger krumm mache. Du kannst mir gestohlen bleiben. Nein, das sagt Gott nicht. Denn Gott ist barmherzig. Er hat so großes Mitgefühl mit Zacharias, dass er ihm gar nicht böse sein kann. Er versteht seine Enttäuschung. Er versteht, wie es in ihm aussieht, er fühlt seinen Schmerz und er hat Mitgefühl. Gott ist barmherzig. Und darum vergibt er gern. Johannes – Gott ist gnädig. Gott neigt sich dir zu. So nennt Zacharias darum seinen Sohn. Damit sich die gute Nachricht ausbreitet. Gott ist barmherzig. Er vergibt gern. Das ist eine gute Nachricht. Denn wir alle brauchen Barmherzigkeit. Auch wir Pfarrer. Und auch alle Kirchenvorsteher. Das war das zweite: Gott ist gnädig und barmherzig.

Und das dritte hängt eng damit zusammen. Er befreit von Furcht. Auch das kommt in dem Lied zwei Mal vor. Es gibt so viel Angst in der Welt. So viel Menschen die Angst haben. Angst vor der Zukunft. Angst vor dem Alt werden. Angst vor Fremden. Angst vor anderen Menschen. Angst vor dem, wie sie über mich reden. Je mehr Menschen ich kennen lerne und je mehr ich die Menschen kennen lerne, desto mehr bin ich erschüttert von der negativen Macht der Angst. Oft ist die Angst so tief in unserem innersten, dass sie — ob wir es merken oder nicht — unser Wählen und die meisten Entscheidungen kontrolliert. Wer die Macht hat, mich in Angst zu versetzen, kann mich auch dazu bringen zu tun, was er von mir verlangt. Angst macht uns unfrei. Und Zacharias singt in seinem Lied: Gott macht mich frei von Angst. Gott macht uns frei von Angst. Er lässt es hell leuchten da wo wir in einem finsteren Loch sitzen. Gott ist einer, der uns von Angst befreit. Indem er es hell macht. Indem er ein Licht leuchten lässt. Dieses Licht ist Jesus. Und Jesus sagt uns: Die Wahrheit – meine Wahrheit – die wird euch frei machen. Die Wahrheit, die die Angst überwinden kann, die alle Angst überwinden kann, ist diese: Es gibt einen lebendigen Gott. Es gibt einen lebendigen Gott, der stärker ist als alles, was uns Angst macht, der den Tod überwunden und besiegt hat. Das ist die Wahrheit. Und sie gibt uns Frieden. Und wo Menschen diesen Frieden in sich haben, da können sie auch Frieden miteinander haben. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk Er befreit uns aus der Hand unserer Feinde, damit wir ihm ohne Furcht unser Leben lang dienen, als Menschen, die ihm gehören und nach seinem Willen leben. Aus der Höhe kommt sein Licht zu uns. Dieses Licht wird allen Menschen leuchten, die in Nacht und Todesfurcht leben; es wird uns auf den Weg des Friedens führen. So sei es.

drucken