Stumm und stimmig

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde und Gäste,
Freude atmen die Verse dieses Liedes. Der Lobgesang des Zacharias, das Benedictus: „Benedictus Dominus Deus Israel…“ so die erste Zeile in der Lateinischen Version. „Gepriesen sei der Herr…“
Irgendwie scheint ein Durchbruch geschafft, das Leben erscheint in einem völlig neuen Licht. Ein Jubel-Loblied wird angestimmt. Die alten, bekannten Worte haben jetzt und heute einen anderen Klang: Sie treffen jetzt zu. Sie stimmen.

Wie kommt man zu dieser Stimmigkeit? Wie kann es geschehen, dass man den Tempel Gottes aufsucht, ein Lied anstimmt und – es passt auf einmal. Zeile für Zeile, Bild für Bild? Dankbar nimmt man die geprägten Formulierungen der Väter in den Mund und fühlt sich auf einmal in ihnen zuhause. Ja, so ist es, besser könnte ich es auch nicht sagen?
Hundertmal, vielleicht tausendmal hat man diese Worte schon gehört, dieses Lied schon gesungen – und dann plötzlich hört man sie wie zum ersten Mal.

Geht das?

Zacharias singt in dieser Weise den altbekannten Psalm, dieses Lied aus dem Gottesdienst, das er als Berufssänger in- und auswendig kannte. Schließlich war er Priester im Tempel. Ein Mann Gottes. Und hochbetagt zudem – also schon ewig dabei. Er kannte alle Lieder auswendig. Immer die gleichen Lieder hatte er gesungen. Und war alt geworden darüber und vielleicht auch ein wenig müde.

Liturgie hilft zur Ordnung, wiederkehrende Abläufe bieten einen Raum der Wiedererkennung. Bekanntes und Gewohntes lassen uns sicher wohnen. Die Lesungen, die Lieder, die Gebete.

Aber das immer Gleiche kann auch stumpf werden. Geläufig und flüssig. Und unmerklich wird das Gewohnte gewöhnlich. Und manchmal dann am Ende belanglos. Man spricht die Worte wie von selbst, aber sie hinterlassen im Herzen keine Spuren mehr. Man ist dabei und doch ganz woanders. Alltägliches besetzt wie von selbst die Stellen, die doch für die Gottesbegegnung reserviert waren.

Die vielen Jahre im Hause des Herrn, Jahr für Jahr, Fest für Fest. Der Kalender der religiösen Höhepunkte hatte das Leben getaktet. Der alte Priester wusste inzwischen, wie es geht. Er hatte die Rolle verinnerlicht, das Priesterkleid zu tragen und mit ihm die schwere Aufgabe, zwischen Gott und den Menschen der Mittler zu sein. Das Verbindungsglied. Die Brücke. Und im Kult, in der Feier, im Gottesdienst weder ganz zum Volk zu gehören, noch ganz zu Gott. Ein Dazwischen-Leben zu leben. Als Dienst. Für Gott und für die Menschen. Damit die göttliche Kraft fließen kann, vermittelt durch Menschen wie ihn, Ausgesonderte, zu heiligem Amt Berufene.

Es gibt sie, unter denen, die tagaus tagein von Gott reden müssen, diese Müdigkeit. Ein Leiden an der eigenen Routiniertheit, den immer selben Versuchen, das Unsagbare zu sagen und das Unsichtbare sichtbar zu machen. Schnell gerät man in billige mit Floskeln und Formeln, fromme Sätze am Ende, die niemand mehr versteht. Manchmal sogar nicht mal mehr man selbst…

Und da, wo eine Brücke gebraucht wird, ist dann nur noch ein Seil. Und an dem Seil die Fähre, die hin und her fährt über den Strom zwischen dieser Welt und der anderen. Und manchmal sind Fährmann und Boot verschwunden und nur noch das Seil kündet von einer Aufgabe, die getan werden müsste und für die doch niemand mehr da ist.

Und dann gibt es plötzlich den Tag, die Stunde, in der alles wieder ins Lot kommt. Eine Erfahrung, mit der die müden Knochen wie elektrisiert werden, das kranke Herz vor Freude in Sprüngen geht und einem alten Haudegen wie dem Zacharias etwas klar wird, so klar wie nie zuvor.
In der dem, der eigentlich kein neues Leben mehr erwartet, ein Kind geschenkt wird. Ein eigenes! In der also einem alten Mann ein Wunder geschieht.

Und dazu die Einsicht, den Durchblick, dass es noch ein Kind geben wird, mit dem die Welt neu geboren sein wird. Und da ist sie dann wieder: die Brücke. Stark und fest, begehbar für jeden, der es möchte.
Kann man das machen, liebe Gemeinde?

So einen persönlichen Augenblick der Übereinstimmung mit der ganzen Weltgeschichte? So eine Stunde, in der ein Mensch weiß: Jetzt geht es um mehr als das eigene Leben und den eigenen Horizont, jetzt ist Anschluss da an den Schöpfer der Welt, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? Das andere Ufer ist berührt.

Und alles Eigene, alles allzu Menschliche, das eigene Bemühen und der eigene Dienst und die eigene Selbstaufopferung und das eigene Leiden an der Unfruchtbarkeit der Arbeit werden plötzlich von einem hellen Licht überstrahlt. „Der Aufgang aus der Höhe“ – ja besser kann man es nicht sagen.

Und dann passt alles zusammen. Und ich und mein Dasein sind ein Teil dieses Ganzen… Eine Brücke. Jetzt wird es klar.

Kann man das machen, liebe Gemeinde, liebe Freunde? Dieses Licht, diese Freude, diese zu Herzen gehende Einsicht der Übereinstimmung mit dem Ewigen?

Lässt sich etwas dafür tun, können wir uns irgendwie darauf vorbereiten, liebe Gottsucher, liebe adventlichen Gott-Erwarter? Liebe Priester und Priesterinnen, kann ich auch sagen, denn das sind ja alle Gläubigen, zusammengestellt in das Amt des „Allgemeinen Priestertums aller Gläubigen“… Jeder Christ, ein Pontifex – ein Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen, zugange im Haus des Herrn und im eigenen Haus. Und im Haus der Welt, dem ganzen bewohnten Erdkreis.

Wie ging das denn bei dem alten Priester im Tempel, in Jerusalem, kurz vor der Geburt Christi?

Interessant, wie dieser entscheidende Augenblick im Leben des alten Mannes vorbereitet wurde: Er wurde bei seiner priesterlichen Arbeit von Gott angesprochen. Mitten in der Routine und – wie fast immer – ohne dass er darum gebeten hätte, es erwartet hätte oder etwas von sich aus dazu beigetragen hätte. Plötzlich war ein Engel da. Der ihn im Auftrag Gottes anspricht, im einen Sohn ankündigt und ihn zugleich zum Schweigen bringt.

Liebe Gemeinde, das Neue wird angekündigt und verschlägt dem, der es nun erwarten darf, zugleich die Sprache.

Schweigen ist angesagt. Schluss mit dem endlosen Reden. Schluss mit religiöser und frommer Geschwätzigkeit. Kein Wort mehr über die eigene Befindlichkeit, nicht einmal mehr Klage oder Anklage finden ihren Weg über die Lippen dieses Mannes. Er wird auf Standby gestellt. Auf Warten also. Bis angekommen ist, was kommen soll. Erst dann wird der Ton wieder angestellt. Sendepause. Und damit Stille. Und Leere. Und Platz. Und Raum für die inneren Stimmen, die bisher nicht zu Wort kamen. Und Zeit für das In-sich-Gehen, ein In-sich-hinein-Hören, das etwas anderes ist als die beliebte gedankliche Nabelschau.

Gefesselt in der Stille wird ein Mensch befreit zum Hören. Über eine ganze Schwangerschaft hinweg geht ein alter Mann mit Gottes Reden in seinem schweigenden Leben schwanger. Stumm hält er Zwiesprache mit seinem Schöpfer. Und erst am Tag der Namensgebung seines nun geborenen Sohnes Johannes kommt er wieder zu Wort.

Und das ist dann das erste Wort, nach diesen neuen Monaten, in denen sich Schweigeminute an Schweigeminute reihte, das erste Wort, das ihm über die Lippen kommt, das erste Wort, das vom Grunde seines Herzens aufsteigt, endlich kein leichtes, kein belanglose Wort, sondern ein Wort, in dem für ihn die Stimmigkeit des Eigenen mit dem Ganzen zur Sprache kommt: Benedictus, gepriesen sei der Herr, gelobt sei Gott!

Dem alten Zacharias wird nicht allein ein Kind geschenkt. Ihm wird ein Licht geschenkt, dass er sich nicht selbst anzünden kann. Eine unmittelbare Gottesbegegnung, die ihm sein Leben erklärt. Seine Fragen klärt. Seine Zukunft hell macht.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, damit wird er zu einem Beispiel, einem Vorbild für jeden und jede, der diese Klarheit sucht und weiß, dass sie mit den Lichtern, die wir uns selbst aufstecken noch nicht getan ist.

So könnte es sein, dass die Zeit der Einschränkung und Behinderung, die Zeit des Schweigens und der Stille schon Teil des Rettungsplanes für uns ist. Dass die Monate gefühlter Gottferne oder auferlegter Hilflosigkeit schon ein Zeichen baldiger tiefer Freude sind. Weil in der Tiefe das Neue längst heranwächst.

So könnten wir auf den Gedanken kommen, dass es sich lohnt, noch ein wenig auszuhalten, bis das Kind geboren ist. Aus der Stummheit wächst die Stimmigkeit.

Dann löst sich die Blockade und die Zunge und das Problem und die Fragestellung. Und die alten Lieder, die von Ankunft und Advent singen, von Sehnsucht und Hoffnung, vielleicht nur eines von diesen alten Liedern – passt dann auf einmal. Und wir tragen es auf der Zunge und singen es wie nie zuvor aus ganzem Herzen, weil es stimmt. Gelobt sei Gott!

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