Dass Gottes Licht komme und heller werde

Liebe Gemeinde,

es geht wieder los. Die Weihnachtsmärkte haben geöffnet. In den Fußgängerzonen der Städte zwängen sich die Menschen durch die Massen. Es ist Advent. Die Vorweihnachtszeit hat nun auch offiziell begonnen. Als ob die Menschen darauf gewartet hatten, stürmen sie los. Hungrig nach dem Lichterglanz, den Düften, der Musik und der ganz besonderen Atmosphäre, die sie seit Kindertagen so erlebten. Mit allen Sinnen tauchen wir ein in den Zauber des Dezembers. Das neue Kirchenjahr beginnt in großer Aufbruchsstimmung, Eile und einer großen Sehnsucht nach Licht und Wärme.

Hinter uns liegen die nachdenklichen und stillen Tage des Kirchenjahres Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag. Die Themen sind ernst: Buße, Gericht, Tod und Ewigkeit. Wir waren auf den Friedhöfen und wir saßen zuhause und spürten wie die Tage kürzer und die Nächte kälter wurden. Der November ist still, dunkel und ernst. Wir freuen uns auf den Dezember und den Advent; die erste Kerze, die am Adventskranz brennt. Wir freuen uns auf die vertrauten Lieder: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, Tochter Zion, Wie soll ich dich empfangen, Oh Heiland reiß die Himmel auf. Wir jammern zwar, dass nun alles wieder so hektisch ist und dass dieses Jahr Weihnachten so ungünstig liegt, dass in nur knapp drei Wochen die Advents- und Vorbereitungszeit schon wieder vorbei ist und es Heilig Abend ist. Doch wir brauchen das auch. Das Herausgerissen werden aus dem November-Blues, den Aufbruch in das Licht, dass Kerze für Kerze immer heller und wärmer wird bis dann der Christbaum im Lichterglanz erstrahlt. Die Kinder öffnen die Adventskalendertürchen und fiebern Weihnachten entgegen. Wunschzettel werden geschrieben. Die Erwartung ist groß und sie wächst Tag für Tag.

Der 1. Advent ist eine Zeitenwende, eine Lebenswende: Von der Dunkelheit ins Licht, von der Stille in das Gewühle dieser Tage.
Unser Zeitgefühl verändert sich. Auf einmal rinnt die Zeit wieder dahin. Unsere innere Haltung verändert sich. Wir freuen uns. Sind innerlich angespannt, weil etwas Großes in der Luft liegt. Etwas Lichtvolles, Gefühlvolles. Etwas was uns seit Kindestagen vertraut ist und ein Stück Heimat. Unser Adventsgefühl 2012 ist dem vor 2000 Jahren sehr ähnlich. Der Anfang des Lukasevangeliums beschreibt ein ähnliches Bild: Ein Hüpfen und Eilen, Sehnsucht nach Veränderung, Engelsglanz und Botschaften von Licht, vertraute Begegnungen in der Familie. Große Ankündigungen eines Aufbruchs und Neuanfangs: "Siehe du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Er wird groß sein und der Sohn des Höchsten genannt werden. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen." Und dann auch die Worte unseres Predigttextes: Erlösung, Errettung, Barmherzigkeit, Heiligkeit, Gerechtigkeit, Heil, Vergebung, Licht, Frieden. Was für uns innerlich zu unserer Sehnsucht des Advents gehört, wird hier ausgesprochen: 
Sätze, die unseren Hunger nach Licht, nach Wärme, nach dem Kribbeln und Hüpfen einer neuen Zeit, nach dem Aufbruch aus der Dunkelheit mit Inhalt füllen:

[TEXT]

Dezemberworte, Worte des Aufbruchs aus dem Munde eines alten Mannes, der eigentlich noch in der Dunkelheit lebt, der noch im November gefangen ist. Ein Priester, der seinen Dienst tut am Tempel in Jerusalem. Ein Religionsfunktionär, der seine Aufbrüche schon hinter sich hat. Religion ist für ihn zur Routine geworden. Er spricht die Gebete, vollzieht die Rituale ohne große Leidenschaft. Er ist alt, was soll er noch erwarten von Gott, von seinem Leben. Die schönste Zeit seines Lebens liegt hinter ihm, der Alltag ist grau, eine große Zukunft hat er nicht. Ein paar Jahre noch, dann hat er sein Leben hinter sich. Elisabeth, seine Frau geht es ähnlich. Hochbetagt geht sie ihren Alltagsgeschäften nach. 
Über ihrer Ehe liegt ein Makel. Sie hatten keine Kinder bekommen. Freunde und Verwandte um sie herum, gründeten ihren Familien, redeten von ihren Kindern, kamen als Familien zusammen. Doch sie waren außen vor. Gott schien sie nicht so zu lieben wie die anderen, die er mit Kindern gesegnet hatte. Anfangs tuschelten die Leute noch, wenn man das kinderlose Paar sah, aber auch das hat jetzt aufgehört. Das Gefühl des Zacharias ist kein Adventsgefühl. Die alten Lieder und liturgischen Gesänge seines Glaubens sagen ihm nichts. Das Leben erscheint ihm fremd, zuweilen feindlich. Er steckt im November seines Lebens. Alter, Tod, Endlichkeit, Kinderlosigkeit als Strafe Gottes. Wir alle kennen das Gefühl, wenn uns das Leben feindlich begegnet. Nicht nur im November, wenn die Tage kürzer werden. Das Gefühl, wenn das Leben uns entgleitet, an uns vorbeizieht. Und wir dasitzen im Lebensloch. Da sind andere, die strecken ihre berufliche Erfolge in die Höhe wie neugeborene Kinder und rufen: Seht her, ich bin erfolgreich. Meine Anstrengungen haben Früchte getragen. Auf dem eigenen Handy sind keine Bilder von fröhlichen Familienfeiern, weil die Familie heillos zerstritten ist. Die Bilder mancher Smartphones von Schülern lassen sich nicht auf dem Schulhof zeigen. Da gibt es keine Bilder von gemeinsamen Ausflügen und Urlauben mit den Eltern, weil die Ehe geschieden ist. Die Bilder vom letzten Klinikaufenthalt mit der Chemotherapie will keiner der Freunde sehen. Zu dunkel und düster. Keine Zukunft, nur traurige Gegenwart. Das Alter erscheint oft als Lebensphase der Endstation. Die körperlichen und geistigen Kräfte schwinden. Bisher gab es immer eine Zukunft. Kindheit, Jugend, Beruf, Familie, Ruhestand mit vielen Aktivitäten und nun: Endlichkeit, Tod. Lebensbilanz nur noch im Rückblick. Novembergefühle ohne 1. Advent. Vielleicht hat man sich auch selbst verrannt in den November-Blues. Sich beleidigt zurückgezogen, findet keinen Anklang mit dem wie man gerade drauf ist und sich fühlt. 
Die Menschen wollen in einem das Leben spüren und nicht den Stillstand. Sie wollen in den Augen des anderen Zukunft lesen und nicht nur Vergangenheit. Sie ziehen sich zurück von einem, wenn man wie tot erscheint. Der unerfüllte Kinderwunsch von Elisabeth und Zacharias ist wie ein Kains-Mal, ein Ausweis ihrer Zukunftslosigkeit. Sie passen nicht zum äußeren Lebensgefühl der Mehrheit, die Kinder als Zeichen eines gesegneten Lebens stolz vor sich hertragen.

Es ist kaum auszuhalten, wenn unser Leben im Novembergefühl stehen bleibt. Unerträglich, wenn der Advent ausfällt. Kein Kerzenlicht, kein „Macht hoch die Tür“. Alles bleibt dunkel und die Tore der Zukunft geschlossen. Für Zacharias und Elisabeth war das so. Bis zu dem Augenblick, wo mit leisem Flügelschlag die Zukunft in ihr Leben trat. Unglaubliche Engelsworte, die Zacharias mitten in seinem Priesterdienst vernahm: „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, du deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären.“ Die Zukunft trat in das Leben eines alten Mannes. Und er? Was war sein Reaktion. Er tat das, was wir Männer immer gerne tun, wenn nach unseren Gefühlen gefragt wird. Er schwieg. Das Schweigen der Männer. Alte Männer bekommen keine Kinder mit alten Frauen. Männer-Logik. Und Elisabeth. Sie trifft sich mit Maria und ratscht. Da hat sich seit 2000 Jahren nichts verändert. Wenn etwas Unerwartetes in das Leben tritt, wollen Frauen reden und Männer schweigen.

Doch hier hat das Verstummen des Zacharias, der von der Geburt seines Sohnes erfährt noch eine andere Bedeutung: Novemberaufbrüche sind oft schweigend. Wir brauchen das nämlich auch: Die Stille, die Besinnung. Nach innen gekehrt sein, wieder anfangen wahrzunehmen, zu hören, zu sehen. Das kommt im Dezember-Gefühl oft zu kurz. 
Nach dem Lebens-Loch, dem Lebensschock, nach Tod, Verlust, Trauer, nach der Begegnung mit den eigenen und den Abgründen anderer, braucht es den Moment des schweigenden Staunens. Ach? Die Zukunft ist gar nicht tot? Etwas Neues beginnt? Ja! Ganz leise Erst nur ganz flackernd, ein kleiner Lichtschein am Ende des Tunnels. Bevor wir uns aufrappeln, dem Licht entgegengehen, das da plötzlich und unerwartet in unsere Dunkelheit getreten ist, brauchen wir das schweigende Nicken und Begreifen: Ja, es ist wahr. 
Nach dem Novembergefühl kommt auch wieder das Dezembergefühl. Ich habe es nur schon fast vergessen, die alten vertrauten Lieder der Hoffnung und Sehnsucht, die zarten Weisen vom Wachsen der Zukunft.

In der Zeit der Sprachlosigkeit des Zacharias passiert die Zeitenwende. Nicht nur er bekommt ein Kind, sondern auch Maria. Ihr Sohn wird die Welt verändern, er kann das Leben jedes Einzelnen verändern. Die Mütter treffen sich Maria, die Mutter des Erlösers, des Befreiers, das Licht der Welt. Und Elisabeth, die alte Mutter des Propheten Johannes, dem Wegbereiter Jesu, dem ersten Wach-Rufer in den Wüsten und Dunkelheiten unseres Lebens. Johannes. Sein Name bedeutet: Gott (JHWH) ist gnädig. Jesus. Sein Name bedeutet: Gott (JHWH) ist Rettung. Gnade und Rettung kommen in die Welt. Gnade und Rettung durch Gott für diese Welt wachsen heran in den Bäuchen von Elisabeth und Maria. Sie werden groß werden und an ihnen wird sich die Gnade und Rettung Gottes zeigen. Kein Wunder, dass die Welt im Advent Kopf steht. Etwas ganz Großes und Weltveränderndes begann im Advent vor 2000 Jahren. Die Welt damals fing an zu Hüpfen; nicht nur im Bauch der Elisabeth. Das Licht Gottes verdrängt die Dunkelheit, die Macht Gottes verdrängt unsere Ohnmacht. Es geht los. Es geht endlich weiter. Das ist die Botschaft des 1. Advents. Unser Adventsgefühl hat einen Grund und dieser Grund ist schon gelegt in unserem Leben, in dieser Welt. Kerze für Kerze dürfen wir uns erinnern, dass da schon etwas ist. Dass das November-Gefühl nicht das einzige Gefühl unseres Lebens ist. Manchmal müssen wir warten in unserem Lebenslöchern, in der Dunkelheit. Aber es kommt ein Licht. Denn Johannes und Jesus sind geboren. Und der Sohn Gottes hat die Welt schon verändert; sie mit Licht erfüllt. Gottes Gnade und Rettung ist schon da. Und sie wird sich noch zeigen. Hier und heute und am Ende aller Tage. Die Finsternis ist definitiv nicht Gottes letztes Wort. Er schuf diese Welt aus der Finsternis und dem Chaos und er wird sie in Licht und seiner Ordnung auch bewahren. „Das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unser Füße auf den Weg des Friedens.

Das ist, was den 1. Advent und die folgende Adventszeit seit Kindestagen so besonders für uns macht: Es ist die frohe Botschaft der Weihnacht, der wir jedes Jahr wieder neu auf die Spur kommen. Kerze für Kerze. Wir erinnern uns neu. Ja. Gott ist in diese Welt gekommen: 
Fürchtet euch nicht. Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren. Das ist der Grund warum wir nicht im Novembergefühl verbleiben müssen. Gott ist da. In allen Auf und Abs unseres Lebens. Er ist schon längst da und angekommen in unseren Lebenslöchern und Dunkelheiten. Wir sitzen da nicht alleine. Er wartet, er zündet kleine Lichter an. Er lässt uns durch seine Boten Botschaften des Lebens zukommen und lockt uns durch unser Schweigen hindurch ins Licht. „Macht hoch die Tür“, „Oh Heiland reiß die Himmel auf“, „Tochter Zion, freue dich“. Wenn es nicht Weihnachten schon gegeben hätte, wäre unser Advent nicht so hoffnungsfroh. Ja unser Leben hat immer wieder Phasen, da ist keine Zukunft zu erkennen. Doch das Kind, das uns die Zukunft bringt ist schon geboren, die Zukunft ist schon da. Wir müssen es nur begreifen. Immer wieder neu. Wir brauchen dafür Zeit. Licht für Licht, Kerze für Kerze, Adventslied für Adventslied. Schritt für Schritt geht aus dem November auf Weihnachten zu. Langsame Schritte, schnelle Schritte, hektische und eilende Schritte, hüpfende Schritte. Je nachdem wie sehr wir schon vom Licht angesteckt sind.

Liebe Gemeinde, am 1. Advent geht es nicht um die wunderbare Erfüllung von Kinderwünschen. Lebenslöcher und Lebenskrisen verschwinden nicht plötzlich. Depressionen und Lebensängste lösen sich nicht in Luft auf. Und die Endlichkeit unseres Lebens, die Hinfälligkeit von Körper und Geist bleiben Erfahrungen unseres Menschseins und Altwerdens. Am 1. Advent nehmen wir aber neu das Licht wahr, das wir schon kennen und nach dem wir immer wieder Sehnsucht haben. Am 1. Advent singen wir die Lieder neu, die uns seit Kindestagen vertraut gemacht haben mit der Kirche, mit der Gemeinde, mit einem Gott, der diese Welt mit Licht erfüllte und erfüllen wird.

Am 1. Advent beginnen wir neu unsere Wunschzettel zu schreiben: Dass Gottes Licht komme und heller werde. Wir haben eine Zukunft bei Gott. Hier im Leben und nach unserem Tod. Die Dunkelheit und Stille vergangener Novembertage wendet sich in kindliche, freudige Erwartung eines Gottes, der die Zukunft schon heute beginnen lässt und es Weihnachten werden lässt in uns, in unserem Leben, in dieser Welt.
Unsere Sprachlosigkeit, das Lebens-Schweigen der Männer und Frauen, findet die Worte wieder, die tief in unseren Herzen leben. Lobgesänge auf einen Gott, der die Zeit wendet von Dunkelheit ins Licht, von Trauer in Freude, von Zerrissenheit zum Heil. Gott ist gnädig, Gott rettet:

(Adventskerze anzünden)

[TEXT]

Amen.

drucken