Wir sind nicht am Ende

[Anmerkung: Dem Predigttext aus Jesaja 65 wird das Gedicht "Reklame" von Ingeborg Bachmann gegenüber gestellt. Die Predigt will den Unterschied deutlich machen zwischen dem billigen Trost, der über unsere Fragen hinweggeht, und dem wahren, wirksamen Trost, den uns die biblische Verheißung geben kann.

]

Liebe Gemeinde,


das Jahr geht dem Ende zu. 
Die letzten Blätter fallen von den Bäumen.
 Die Tage werden kürzer und kälter. 
Wir erinnern uns an Abschied und Tod. 
Nichts können wir nötiger brauchen in dieser Jahreszeit, 
als Worte, die trösten und wärmen. 
Aber sie sind schwer zu finden.
 Oft sind sie, mitsamt den Fragen, die uns quälen, 
überlagert von anderen Stimmen:
 Stimmen, die uns beruhigen wollen,
 aber nicht wirklich auf unsere Fragen eingehen;
 Stimmen, die im entscheidenden Moment versagen,
 so dass wir zuletzt uns selbst überlassen bleiben: 
spätestens dann, wenn wir plötzlich mit dem Tod 
konfrontiert werden.



Wir werden gleich nacheinander zwei Texte hören: 
Der erste ist ein Gedicht von Ingeborg Bachmann;
 der zweite ist eine Verheissung aus dem 65. Kapitel 
des Buches Jesaja…

"

Reklame" von Ingeborg Bachmann
 (mit zwei Stimmen zu lesen)


Wohin aber gehen wir

ohne Sorge sei ohne Sorge

wenn es dunkel und wenn es kalt wird

sei ohne Sorge

aber

mit musik

was sollen wir tun 
heiter und mit Musik

und denken

heiter

angesichts eines Endes

mit Musik

und wohin tragen wir

am besten

unsre Fragen und den Schauer aller Jahre

in die Traumwäscherei ohne Sorge sei ohne sorge

was aber geschieht

am besten

wenn Totenstille


eintritt


Jes. 65: Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde 

[TEXT]



Liebe Gemeinde -

 wohin aber gehen wir? -
 jetzt im November, am Ende des Kirchenjahres -
 "wenn es dunkel und wenn es kalt wird?"



Da haben wir vorhin zwei ganz ähnliche 
und doch ganz unterschiedliche Antworten gehört:



"Sei ohne Sorge", 
hat die eine Stimme den Fragenden beruhigt, 
immer wieder: "Sei ohne Sorge". Es wird schon irgendwie werden. 
Ist das ein Trost? Wohl kaum.



Und die zweite Stimme, aus dem Propheten Jesaja? 
Redet sie nicht ganz ähnlich? 
Auch sie sagt doch: habt keine Angst,
 alles wird gut werden. 
Auch sie verspricht doch, 
dass man sich’s nicht zu Herzen nehmen wir,
 was einem vielleicht heute noch Kummer macht.
 "Mit Musik", 
so wollte die erste Stimme unsere Trauer vertreiben.
" Freut euch und seid fröhlich", 
so fordert die zweite uns auf.



Und doch: 
es bleibt ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden Stimmen. 
Ich denke, wir haben ihn alle gespürt. 
Die Stimme in dem Gedicht – die Säuselstimme im Hintergrund,
 die uns an die Sprache der Werbung erinnert – 
sie geht über alle Fragen hinweg, die uns in dieser Stunde, 
an diesem Sonntag besonders umtreiben: "Wohin aber gehen wir, wenn es dunkel und kalt wird?
 Was sollen wir tun und denken angesichts eines Endes?
Und: was geschieht, wenn Totenstille eintritt?" – 
wenn plötzlich Schweigen uns umgibt, 
wie vorhin hier in der Kirche,
 und wir plötzlich mit uns selbst konfrontiert sind … 
oder, wenn wir ganz wörtlich, 
einen uns nahen Menschen haben sterben sehen,
 wie’s einige von uns erlebt haben in diesem Jahr, 
manche vor ein paar Tagen, oder ein paar Wochen erst … 
wenn wir plötzlich am Totenbett stehen: 
was geschieht da mit uns und was mit den Toten?



"Ohne Sorge" -
 die penetrante Beruhigungsleier, 
mit der wir tagtäglich eingelullt werden, 
ist spätestens hier verstummt.
 Wo Totenstille eintritt, da werden die schönen Worte, 
die uns ein sorgloses Leben vorgaukeln wollen, als Geschwätz entlarvt. 
Da stehen wir für einen Moment selber still und halten die Luft an.
 Und da merken wir auf einmal, wie sehr wir uns bereits daran gewöhnt haben, 
von allen Seiten berieselt zu werden:



"Heiter und mit Musik" – 
so klingt es ständig an unser Ohr,
 damit wir ja nicht den nagenden Fragen und Zweifeln,
Ängsten und Sorgen auf den Grund gehen. 
Wohin wir "unsere Fragen" tragen sollen und den "Schauer aller Jahre", 
das verrät uns die schöne Werbestimme nicht. 
Sie geht, wie schon gesagt, über alle Fragen hinweg, 
und lässt sie ins Leere laufen. Das ist kein Trost.
 Das ist Täuschung und Betrug.



Ganz anders, liebe Gemeinde, 
ist es nun mit dem Text aus dem Jesajabuch: 
dieser alten, wunderbaren, nie überholten Vision
von dem neuen Himmel und der neuen Erde, 
die Gott schaffen wird.



In diesen Bildern des neuen Jerusalem
 wird nicht einfach über unsere Erfahrungen 
von Leid und Schmerz, von Trauer und Tod hinweggegangen.
 Sondern sie werden hier umgewandelt in tiefe Sehnsucht und Hoffnung. 
Es ist nicht das oberflächliche "Sei ohne Sorge",
 mit dem wir hier beruhigt und abgespeist werden sollen. 
Sondern es ist ein Versprechen, eine Verheißung Gottes, 
dass es anders werden wird – 
dass alles, was jetzt Lied und Tränen erzeugt ,
in eine neue, bessere Zukunft verwandelt werden wird.
 Das ist echter, das ist wirksamer Trost.



"Gott, das muss anders werden",
 sagen die, die jetzt noch weinen und klagen und Angst haben.
 Ja, sagt Gott zu uns: Das wird anders werden!
 So wie jetzt wird es nicht bleiben: 
dass Menschen vor der Zeit sterben müssen,
 dass Kinder sterben müssen, bevor sie gelebt haben,
 weil sie zu wenig Brot haben oder zu wenig Liebe, 
oder weil sie mit ihrem Leben nicht fertigwerden
 und sich selbst und andere in den Tod reißen … 
Auf uns wartet noch eine neue, andere Welt: 
wo keine Stimmen des Weinens und Klagens mehr sein wird,
 kein zu früher Tod, kein bitteres Gefühl,
 dass alles "Umsonst" gewesen sein könnte.
 Nicht ins Leere führt unser Weg,
 sondern der Zukunft Gottes entgegen – 
das ist die Botschaft des heutigen Sonntags.
 Zukunft, das heisst: Gott kommt auf uns zu, 
und darum sind wir auch jetzt, am Ende des Kirchenjahres,
 nicht am Ende mit unserem Glauben, mit unserer Hoffnung,
sondern bereiten uns vor auf das Kommen Gottes, 
auf das Kommen Jesu, der angesichts des Endes
 die Vision eines neuen Anfangs in uns geweckt hat: 
die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde,
 auf der alle Menschen leben und satt werden
, sich freuen und in Frieden alt werden können.



"Was aber geschieht, wenn Totenstille eintritt?" 
Es wird geschehen, sagt Gott durch den Propheten:
 Ehe sie rufen, werde ich antworten,
 wenn sie noch reden, will ich hören. 
Und so wollen wir uns und unsere Toten, 
die Toten eines Jahres, heute diesem Gott anvertrauen -
 dem Gott, der nicht verstummt und uns nicht dem Tod überlässt.
 Er hat Jesus Christus vom Tod ins Leben gerufen.
 Er wird auch uns rufen, wenn Totenstille eintritt.
"Denn siehe", spricht Gott, "ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird." 
Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, 
wird diese alte Hoffnung aufgegriffen und neu belebt: 
"Siehe da", heisst es dort, "die Hütte Gottes bei den Menschen. 
Und Gott wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein,
 und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein. 
Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen,
 und der Tod wird nicht mehr sein, 
noch Leiden noch Geschrei wird mehr sein. 
Denn das erste ist vergangen."



In diese neue Welt Gottes sind uns unsere Toten vorausgegangen. 
Und wir gehen ihr entgegen, jeden Tag neu, wenn wir diese Hoffnung im Herzen tragen.

Amen.






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