Tod, wo ist dein Stachel?!

Leben und Sterben. Das Leben ist schön, das Leben ist schwer. In diesem Moment scheint die Sonne und schon im nächsten Augenblick ziehen dunkle Gewitterwolken auf und die freudige Sommerstimmung ist dahin. Das klingt banal und ist doch wahr.

Leben und Sterben. Wir stehen da mit gemischten Gefühlen, unfähig, die richtigen Worte zur Situation zu finden. In Glücksmomenten gelingt das noch viel leichter. „Herzlichen Glückwunsch“, „Ach, wie schön!“, „Das freut mich!“, sagen wir und umarmen einander, klopfen uns auf die Schulter und lachen uns an. Im Trauerfall werden die Worte, manchmal auch die Gesten, weniger, holpriger – ungeübt. Unser Verhaltensmusterreservoir erschöpft sich in diesen Situationen schnell.

Dabei ist es doch so: Verschiedene Gefühlswelten umgeben uns von früh bis spät. Es beginnt schon an Weihnachten und zieht sich durch über Karfreitag bis Ostern. Nicht immer nehmen wir das wahr und wollen es auch gar nicht. Und klar: Es ist nicht leicht, diese Spannungen auszuhalten, auch wenn diese tagtäglich Spuren in unser Leben eindrücken. Verschiedene Gefühle umgeben uns und steigen in uns auf und bisweilen hat es den Anschein, als wäre der Austausch fließend. Vertrauen und Glück, Liebe und Traurigkeit, Geborgenheit und das Gefühl der Leere, weil eine traurige Nachricht uns den Boden unter den Füßen wegzieht; all diese Erfahrungen sind miteinander verbunden.

Leben und Sterben. „Hart und unvermittelt erfahren wir beides im Leben“ (Vgl.: Dietrich Benzler, in: 6. Sonntag n. Trinitatis, Psl. 139, 1-4.13-17, Worte am Sonntag, heute gesagt, VI. Perikopenreihe, Gütersloh 1978, S. 131ff.) Ein gutes Gefühl kann ausfransen und abgelöst werden vom Gefühl der Trauer und der Fassungslosigkeit. Es ist erstaunlich, wie viel ein Mensch aushalten kann: Diese Spannung zwischen Sonne und Wolken, das Auf- und Ab, die unerfüllte Hoffnung auf ein letztes Wiedersehen.
Leben und Sterben, Freude und Trauer, Hoffnung und Leere – diese Begriffspaare wohnen in derselben Straße, oft Tür an Tür. Es sind Nachbarn, die sich gut kennen und sich nicht immer nur aus dem Weg gehen. Lachen und Weinen sind ansteckend. Es fällt schwer, einer traurigen Person gegenüber nicht mitfühlend zu sein. Die archetypischen Gefühlsäußerungen verstehen alle – selbst Säuglinge sind schon in der Lage grundlegende Gefühlsäußerungen anderer Menschen zu erkennen.

Leben und Sterben. Neuanfang und Ende eines Lebens sind zwei Seiten einer Medaille, die wir alle um den Hals hängen haben. Gesegnet und mutig ist der, der die Medaille nimmt und hineinbeißt und feststellt, die ist echt. Das Leben, mein Leben, ist echt.

Das echte Leben ist endlich und „der Tod ist kein Würgeengel“, wie Eugen Drewermann so treffend feststellt. Der Tod „ist ein Zeichen irdischer Existenz. Er ist weise und ein Lehrmeister, wenn wir ihn dafür nehmen.“ Er stellt klar, dass wir uns nicht Hals über Kopf in dieses Leben verknallen und macht uns deutlich, dass es auch eine andere Welt gibt und nicht „alle Rechnungen nach Hoffnung und Glück hier auf Erden bilanziert“ werden. (Vgl. Eugen Drewermann, in: Zwischen Staub und Sternen, München 1995, S. 232ff.)

Wie kann man also dem Tod in unserem Leben begegnen? Es könnte „ein einziges Konzert der Dankbarkeit sein, dass es uns gibt. Wir sind nicht selbstverständlich.“ Schließlich sind wir so wie wir sind einmalig. Das gilt für das neugeborene Kind ebenso wie für das sich dem Ende zuneigenden Lebens des alten und lebenssatten Mannes. Wir sind … endlich! „Wir sind nicht selbstverständlich, der Tod sagt es uns am allerdeutlichsten, und jede Zeitspanne irdischer Existenz trägt in sich ein Verlangen nach Unendlichkeit, nach Würde, nach Liebe, nach Ewigkeit. So sind wir Menschen.“ (A.a.O.) „Ich lebe und ihr sollt auch leben“, das ist die ins Leben gerufene Botschaft von Ostern. Und auch die Trauer über das Sterben hat hier ihren Platz. Denn genau darauf will Ostern ja eine Antwort geben. In aller Lebensfeindlichkeit, Dunkelheit, Ohnmacht und Gespaltenheit gibt es das Leben. Und genau dieses Leben wird sich durchsetzen.

Und es kommt noch etwas hinzu. „Wir leben davon, dass wir nicht alleine sind mit uns selber. Wir leben davon, dass…“ wir Menschen um uns herum haben, die uns das Gefühl vermitteln, dass wir wertvoll sind und das wir „an einen Sinn glauben und immer wieder Erfahrungen machen, von denen wir sagen können: das war sinnvoll, das hat Sinn gehabt.“ (Dietrich Benzler, a.a.O., S. 133f.)

Und doch: Manchmal fällt es schwer den Sinn zu entdecken. Zwar kann die Sonne scheinen oder ein neuer Stern geboren werden und doch ist niemandem nach Spaß zumute. In dir ist Freude in allem Leide, heißt es in dem alten Kirchenlied. Das ist die Dialektik des Lebens, ein immerwährender Gegensatz. In dir ist Freude in allem Leide: Das Schwere soll und kann im Leben nicht schöngeredet oder, was noch schlimmer wäre, verleugnet werden. Wie gesagt, die Zwei sind Nachbarn. Freud und Leid liegen dicht beieinander, Geburt und Tod. Willkommen und Abschied.

Leben und Sterben. „Herzlich Willkommen“ verheißt Gemeinschaft, Auf- und Annahme, nach langer Zeit des Wartens aufeinander. Nach einer längeren räumlichen Trennung oder nach einer Geburt.
Ein Abschied bedeutet, dass man den bis dahin gemeinsamen Weg getrennt weiter geht. Manchmal nur auf Zeit, wenn Kinder an andere Orte ziehen oder für immer, wenn man am Totenbett Abschied nimmt.

Aber so oder so: Wir wollen nicht alleine gehen und bleiben und können es in den ersten Tagen und Wochen unseres Lebens auch gar nicht sein. Und auch am Schluss wollen wir begleitet werden. In den entscheidenden Momenten unseres Lebens wollen wir Menschen an unserer Seite wissen, die da sind, die unsere Hand halten oder den Kopf stützen. Menschen, auf die wir uns in diesem Moment verlassen können. Manchmal regelt dann das Leben die Zuständigkeiten.

Und Zuständig kann man immer nur für eine Sache sein. Wir wissen das und stehen in dieser Gespaltenheit. Täglich aufs Neue erfahren wir das und sollten darum noch viel mehr Wert auf die Erfahrungen legen, die uns Halt und Kraft geben. Es spricht darum nichts dagegen, dass wir unser Leben auf Freude aufbauen und daran ausrichten wollen. Das ist gut so, solange wir die uns umgebene Spannung nicht aus dem Blick verlieren und aus unserem Gesichtskreis verbannen.

Denn es gibt das Gute und das Böse, das Glück und das Pech, das Leid und die Freude. Es gibt Momente, da weinen wir vor Glück und es gibt Momente, da weinen wir vor Schmerzen oder wegen dem Verlust. All das muss aber nicht bedrohlich sein. All das braucht uns nicht in die Verzweiflung führen, solange wir wissen, dass wir nicht ein Leben gegen das andere aufrechnen können. Ein neuer Mensch füllt nicht die Lücke aus, die ein alter Mensch reißt. „Zunächst: Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muss sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiss ist, besitzt; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus.“ (Dietrich Bonhoeffer, in: Widerstand und Ergebung, München 1951, S. 99)

Sterben heißt: Beziehungen enden. Mitunter abrupt und schnell, manchmal kann man noch Abschied nehmen. So oder so aber wird uns etwas Wichtiges, Einmaliges genommen. Die raue Zärtlichkeit, das Vertraut sein – all das hört auf, es endet.
Der Tod hat darum Macht über uns, weil er es fertig bringt, uns Menschen voneinander zu trennen und Wege abzuschneiden. Aber dabei bleibt es nicht. Der Tod gehört zum Leben und er kann Erlösung sein.

Der Neutestamentler Eduard Schweitzer hat angesichts der Erzählungen um den grausamen Tod Jesu und die daran anschließende Hoffnung der Auferstehung einmal vom „Gelächter Gottes“ gesprochen: “Selbst durch diese Verse hindurch dröhnt noch etwas vom Lachen Gottes, der durch verbarrikadierte, versiegelte und militärisch bewachte Gräber hin durchbricht […].“, sagt der Professor. (Vgl.: Eduard Schweizer, in: Das Evangelium nach Matthäus, Göttingen 1973, S. 341.)

Gottes Lachen dröhnt mir aus meinen Kindern entgegen. Tod, wo ist dein Stachel?!

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