Tage, an denen das Leben sich verschlossen hat

Liebe Gemeinde,

Tage, an denen das Leben sich verschlossen hat.

Wir kennen diese Tage, an denen sich uns und unserer Seele das Leben verschlossen hat. Zu schlimm und schrecklich, was geschehen ist. Dem Morgen wohnt keine Hoffnung mehr inne.

Manchmal bricht es von einem Tag zum andern über uns herein, das, was uns die Kraft zum Leben raubt: Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen. Eine Trennung. Ein Verlust von Arbeit, Haus und Heimat.
Manchmal ringt uns die düstere Seite des Lebens Stück um Stück nieder. Wir kämpfen und kämpfen für die, wir lieben, für die, die wir bei uns halten wollen und spüren, wie unsere Kraft nachlässt, weil des Lebens Härte uns übermannt. Bis der Tag kommt, an dem wir sprechen: Ich bin am Ende. Ich kann nicht mehr.

Jeder neue Tag wird zur Last. Über unserem Leben steht: Golgatha. Kreuzigung. Tod.

Wir kennen diese Tage, an denen sich uns und unserer Seele das Leben verschlossen hat.

Hinwendung zu Gott

"Was soll ich noch? Was wird mit mir?" Klagende, anklagende Fragen kommen uns über die Lippen. Leiden lässt uns mit Christus sprechen: "Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" In solchen Situationen muss mir niemand erklären, was diese Worte bedeuten. Das Leben selbst lehrt uns, solche Worte direkt zu verstehen. Zorn steigt in uns auf, Zorn auf das Leben. Zorn auf Gott, das Schicksal, die Fügung. Zorn auf das, was ist.

Was bringt es, wenn ich mich an Gott wende? Er bringt mir meinen Toten nicht zurück, so sehr ich auch flehe. Leiden macht uns stumm.
Wir kennen diese Tage, an denen sich uns und unserer Seele das Leben verschlossen hat.

Bilder des Lebens

Fremd wirkt das, was wir in der Bibel lesen. Selbst der Frömmste unter uns ist nicht gefeit davor, im Glauben zu erkalten, in der Hoffnungslosigkeit zu versinken. Fremd, zuerst sehr fremd, unserer belasteten Seele und unserem traurigen Leben fremd sind die Worte, die vom Jenseits der düsteren Tagen sprechen:
So beginnt Gottes Rede im Jesajabuch: "Die Ängste sind vergessen und vor meinen Augen entschwunden." Dieser Vers ist unserem Predigttext vorangestellt. Dann folgt dieser Zuspruch:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.
Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,
und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.
Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Belassen wir diesen Worten ruhig ihre Fremdheit. Wir leben nicht in Jerusalem. Die Worte sind alt, aber unsere Not ist jung und noch nicht ganz ausgewachsen. Sie wird bleiben. Wie lange?

Verstimmungen beheben

Wir winken ab, "Was helfen schon Worte?" Und doch sind wir dankbar um jeden, der mit uns spricht in unserer Not und Trauer.
Wenn ein Klavier verstimmt ist, vermag man darauf keine schöne Melodie mehr zu spielen. Erst, wenn die Tasten neu gerichtet sind, erklingen die Melodien wieder in neuer Frische.

Ein Auto, dessen Motor kaputt ist, bewegt sich nicht mehr. Eine Reparatur ist notwendig. Zerbrochenes Glas schließlich bleibt in seinen Scherben.

Und unsere Seele? Was ist mit ihr, wenn sie verstimmt ist? Was ist, wenn es nicht mehr rund läuft in unserem Leben, nicht mehr voran geht, weil der Antrieb fehlt? Was ist, wenn unser Lebensglück zerbrochen ist wie Glas?

Durch Gott zur Sprache finden.

Unsere Worte aus der Bibel wischen nicht einfach in frommer Gestik unsere Not und Trauer hinweg. Ihre Absicht ist es, unsere Seele neu zu stimmen, dass wir wieder fähig werden, das Lied des Lebens zu singen. Ihre Absicht ist es, uns wieder in Gang zu bringen. Ihr Ziel ist es, unsere Augen auf das Leben jenseits der Scherben zu lenken.

Jesaja Worte, die er als direkte Rede Gottes wieder gibt, formulieren eine Vision. In unserer Zeit ist mit letzterem Stichwort stets das Zitat unseres Altbundeskanzlers H. Schmidt verbunden: "Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen". 2009 hat er auf Anfrage einer gymnasialen Arbeitsgruppe schriftliche bestätigt, es so gesagt zu haben. Sein Wort aber habe sich aber rein auf die Politik bezogen.

In Zeiten düsterer Lebensverstimmung ist der Gang zum Arzt nun tatsächlich für viele Menschen nahe liegend. Ich will das auch nicht schlecht reden.

Was wir aber gerne übersehen ist, dass unsere Seele sich nicht "chemisch reinigen" lässt. Da muss mehr geschehen!

Zur Bibel greifen?

Es mag tatsächlich sehr simpel wirken und ihnen seltsam vorkommen, wenn ich Ihnen nun empfehle, in traurigen Zeiten zur Bibel zu greifen. Was wir dort lesen wirkt – wie gesagt – zuerst sehr fremd. Und schnell stellt sich wieder unsere Wortverachtung in den Weg: Was helfen schon Worte?

Aber- so frage ich nun – woher sonst soll denn wirklicher Trost kommen, wenn nicht aus Worten? Gerne reduziert man in unserer Zeit den Menschen auf seine Gene und seine pure Körperlichkeit. Wir sind aber mehr, sind geistige Wesen, haben Verstand, haben Gedanken und Gefühle. Freilich, dass alles ließe sich zur Not chemisch beeinflussen. Von Sigmund Freud aber haben wir gelernt, wie belastend all das ist, was wir in unserem Leben nicht bewältigt, sondern nur verdrängt und übertüncht haben.

Helfen uns Bibelworte? Dazu will ich "Ja" sagen. Dazu will ich hinzufügen: Das Wort, das uns hilft, das uns helfen soll, bedarf des Boten. Es muss uns jemand sagen.

Obgleich wir als Evangelische gerne sagen, dass die Bibel Quelle unseres Glaubens sei, haben wir doch oftmals die Fähigkeit verloren, mit diesem dicken, fremden Buch etwas anzufangen. In unserem Gesangbuch finden sie hinten ab den Nummern 887 gute Hinweise, sich der Bibel wieder zu nähern. Da wird z.B. auch ein Weg aufgezeigt, wie man die Bibel zusammen mit anderen lesen kann ("Bibel teilen").

Seelsorge bedarf eines anderen

Seelsorge ist immer eine Sache zwischen uns Menschen. Seelsorge kann ich nicht alleine tun.
Hier nun sind all diejenigen gefragt und gefordert, die mit den Trauernden leben.
Viele von uns kennen die Wortlosigkeit angesichts des Elends eines anderen. Was soll man sagen?

Jesajas Worte, Gottes Wort, führt uns aus der Wortlosigkeit heraus. Man könnte sozusagen bei ihm in die Schule gehen und lernen:
Sprich zu dem, der darniederliegt vom neuen Himmel und von der neuen Erde. So zu reden fehlt uns oft der Mut, weil wir uns niederringen lassen von der Kraft des Faktischen. Gottes Wort kann uns hier zur Quelle werden, Hoffnung neu zu schöpfen. Erst ein wenig. Vorsichtig mag man das Wort zu den Lippen führen, um seinen Geschmack zu prüfen. Alsdann aber mögen wir es unverzagt in den Mund nehmen.

Unsere Bestimmung

Trauer und Not und all die düsteren Zeiten gehören zu unserem Leben, aber sie sind nicht unsere Bestimmung. "Freuet euch und seid fröhlich immerdar, über das, was ich schaffe", spricht Gott uns zu. "Man soll nicht mehr hören die Stimme des Weinens, noch des Klagens." Durch Gottes Wort können wir zur Sprache zurückfinden, zur Sprache des Trostes und des Lebens.

Das geht nicht schnell. Es braucht seine Zeit. Und unseren Mut, es zu wagen: Vom Leben zu reden im Angesicht des Todes. Diese Rede ist wahr, weil sie unserer Bestimmung gerecht wird. "Ich will, dass ihr lebt!", heißt es an anderer Stelle in der Bibel.

„Sie werden sterben…. lasst uns darüber reden!“ Die ARD hat uns eine ganze Themenwoche lang eingeladen, über Leben und Tod angstfrei nachzudenken. Das fand ich sehr gut.

Dürftig hingegen sind die Ratschläge, die man auf einer Lebensberatungsseite im Internet finden kann. Eine neue Frisur wird zum Trost empfohlen oder ein Gang durch die Natur. Beides ist nett. Helfen aber wird uns nur das Wort Gottes, das ein Bote zu uns bringt, wenn wir es selbst nicht mehr können. Helfen wird und Gottes Wort, wenn wir es als Basis und als inspirierende, ermutigende Quelle unserer Rede annehmen wollen. Wer es wagt, wird auch merken, dass sich die Worte fast von selbst aufschließen.

Was ehedem so fremd war, ist auf einmal mit Leben gefüllt und vermag uns zur Quelle der Hoffnung zu werden.

Überschuss der Vision

Gottes Wort aus dem Jesaja-Buch greift weit in die Zukunft hinaus. Es ist wie der Strahl einer Taschenlampe, die uns auf dunklem Weg hilft, weiter zu gehen. Der Lichtstrahl zeigt uns den Weg vor unseren Füßen. Das Licht strahlt zugleich aus bis in die Unendlichkeit, bis in die Ewigkeit.
Zu eng hätten wir Gottes Wort aufgefasst, wollten wir es nur auf unsere Trauer beziehen.

"Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir". Diese Absicht hatte eine ganze Generation, die sogenannte Nachkriegsgeneration geprägt. Da waren Bilder, da waren Visionen von einem Leben ohne Krieg und ohne Not. Dieses weite Denken über unseren Tag unsere Zeit hinaus ist uns heute vielfach abhanden gekommen. Auch hier können wir von Jesaja lernen, können es lernen Bilder aufzunehmen in unser Herz, Bilder von einer besseren Welt. Dazu sind wir bestimmt.

Tag, an dem das Leben sich wieder weitet

Wir alle kennen Tage, an denen das Leben sich verschlossen hat. Gottes Wort aber vermag unsere Seele neu zu öffnen für das Leben. Alles hat seine Zeit: Trauer und Tränen. Glück und Freude. Unsere Bestimmung ist es, zu leben: Aufrecht und voll Hoffnung. Und so mögen sich die Tage wandeln, und die hellen Tage mögen wieder kommen. Sie werden wieder kommen. Darauf dürfen wir uns verlassen. Alles geschieht zu seiner Zeit.
Heute feiern wir den Ewigkeitssonntag. An diesem Tag gedenken wir unserer Verstorbenen in Dankbarkeit und Wehmut. An diesem Tag wollen wir uns Mut zusprechen lassen, weiter in die Zukunft, in gute, helle Zukunft zu gehen. "An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit

An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit.", heißt es in einem schönen, gerade aktuellen Lied.

Es endet mit der Zeile: Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht.
Auch so kann man zum Ausdruck bringen, was Botschaft des Ewigkeitssonntags.

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