Das Lied der Hoffnung

Langsam, ganz langsam macht sich Ruhe breit.
Die Sommer- und Herbsttage sind vergangen, verblühte Reste haben noch lange erzählt von den langen, warmen Tagen oder zumindest von der Hoffnung und Erwartung solcher Tage.
Der Winter will sich breit machen. Erster Nachtfrost hat Reif über alles gelegt. Frühnebel taucht eine ganze Landschaft in milchiges, unklares Licht. Keiner schaut mehr so richtig durch. Schritte und Geräusche werden verschluckt oder gedämpft in diesen Novembertagen.
Sie erzählen von der Dunkelheit, in der Menschen sich wiederfinden, von dem ewigen Widerstreit zwischen Licht und Dunkelheit, von Werden und Vergehen, vom Leben und vom Tod.
Manche fürchten diese Tage und ihre eigentümliche Stille.
Andere erleben sie mit erstaunlicher Klarheit und Bewusstheit.
„Sie werden sterben…. lasst uns darüber reden!“ – nicht zufällig erscheint das Motto der ARD Themenwoche im November um den Totensonntag herum, beseelt von der letzten und wichtigsten und immer aktuelle Herausforderung eines jeden Lebens.
Dafür braucht es Zeiten und es braucht Orte wie diese.
Langsam macht sich Ruhe breit, der Winter hat sich angekündigt. Die Gräber sind geschmückt, die letzten Erinnerungen an den Sommer und den Herbst sind von den Gräbern gewichen, Tannengrün kündigt den Winter an, Gestecke schmücken die Gräber und zeugen von den Menschen, die vorbeischauen, vorbeikommen mit suchendem und fragendem Blick und denen dieser Ort wichtig ist.
Heute ist noch einmal alles voller Leben. Jung und Alt und haben sich gemeinsam auf gemacht. Aber die Empfindungen sind wohl ganz unterschiedlich.
Als junger Mensch erlebe ich den Tod mitten im Aufbruch in das eigene Leben ganz fremd und fern und damit anders als einer, der mit jedem Verstorbenen einen Teil seines eigenen Lebens zurückgelassen hat.
Ist für die einen der Tag erinnerungsschwanger und getränkt mit freudig-schmerzvollem Lächeln bei den Bildern, die vor dem inneren Auge ablaufen, ist bei den anderen vor allem Fragen nach dem oder denen, die sich der eigenen Erinnerung entziehen. „Wie war das mit Opa und Oma?“ vergegenwärtigt anders als die mühsame Übung loszulassen, nicht mehr sorgen zu können oder sich nicht mehr sorgen zu müssen, wie es denn weiter oder ausgehen soll…
Mitten im Tod nehme ich lauter Leben mit dem Tod zwischen Erinnern und Fragen, zwischen Vergessen, Verlieren und fest im Herzen bewahren wahr.
Das hat sich auch nicht mit den neuen Formen der Bestattungskultur und den verstreuten und vereinzelten Familien geändert; auf dem Friedhof wie im Friedwald ist nicht nur der Tod, sondern sind auch die Toten lebendig, ist nicht nur die fragwürdige Zukunft des eigenen Lebens spürbar, sondern auch die Vergangenheit greifbar.
Und über allem macht sich dennoch ein tiefer Friede breit.
Was für ein Trost am Ende, nach einer Zeit der Trauer, nach den Lasten so langer Krankheit und des Sterbens oder des überfallartigen Einbruchs des Todes ins Lebens.
Leben geschieht inmitten des Todes, umgeben vom Tod. Der Tod hat seinen Platz mitten in Leben. Das ist die Welt, die alte und die gegenwärtige. Das verbindet mich und dich, von Generation zu Generation. Davon erzählen die stillen Orte mit den vielen Geschichten, aufgehoben in den Namen und zwischen den Jahreszahlen oder stumm verborgen in der Tiefe einer grünen Wiese.
Heute Orte voller Leben, weil die Menschen, weil sie mit ihrem Leben kommen, spüren und spüren lassen, wie gegenwärtig kraftvoll die Verstorbenen immer noch in unsrem Leben sind.
In Mexiko gibt es den Brauch am Allerseelentag mit der ganzen Familie und vielen Speisen an die Gräber der Verstorbenen zu gehen und ein Fest des Lebens in der Verbundenheit mit den Toten zu feiern.
Das mag uns fremd vorkommen, berührt mich aber dennoch, weil es zeigt, dass der Tod noch nicht das Ende aller Zeit und der Untergang der Welt ist, selbst wenn er uns manchmal so vorkommt.
Das Ende, das wahrhaft ein Ende und darum eine Vollendung sein wird, wird von einem Anfang umhüllt, verborgen und verschlungen.
Gottes Anfang, Gottes neue Welt.
Und wer sich dann nicht mehr erinnert, hat nicht etwa vergessen, wie es und was mit uns hier geschieht, sondern hat verloren geglaubtes wiedergefunden und ist wiedergefunden worden von Gott, vom Leben und von denen, die im Leben geliebt haben.
Davon singt der Prophet Jesaja in dem Predigttext dieses Sonntags.
Er erzählt von dem, was auf der anderen Seite wartet, was uns mit Gott auf der anderen des Lebens erwartet jenseits des Himmels und der Erde, die wir Tag für Tag über und um uns sehen.
Von Frieden erzählt er und vom Leben.
Von Lasten, an die wir keine Erinnerung und keine Gedanken mehr verschwenden müssen, weil sie federleicht, belanglos und folgenlos geworden sind.
Wer hätte das gedacht, als er einmal unter Tränen geseufzt hat: er oder sie ist nun erlöst, weil der Tod gekommen ist.
Jetzt darf er mit dem Lächeln des Glaubens hoffen, träumen und erzählen:
Nicht erloschen, sondern erlöst;
nicht vergangen, sondern verwandelt,
nicht gestorben, sondern Gast auf dem Fest des Lebens;
nicht im Dunkel versunken, sondern vom Licht umhüllt;
nicht länger gequält und gepeinigt von Schmerzen und Verzweiflung, sondern getröstet und in den Arm genommen von der liebevollen und lichten Gegenwart Gottes.
Denn einen neuen Himmel und eine neue Erde will Gott schaffen und er lädt alle ein, sich zu freuen und fröhlich zu sein.
„Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein; der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“
Für mich war dieses Adventslied Jochen Kleppers, der so adventlich hoffend und gelöst in den Freitod ging, um mit seiner jüdischen Frazu und Tochter verbunden bleiben zu können, immer schon ein Lied, das gerade zwischen den Kirchenjahren, in den Tagen zwischen Ewigkeitssonntag und erstem Advent gesungen gehört.
Weil dieses Kind, auf dessen Kommen wir uns bald vorbereiten, weil dieser Mann, der durch den Tod am Kreuz ins Leben ging, immer schon ein Vorgeschmack auf diese Welt Gottes war, ein Stern über uns aufgegangen, ein Licht selbst in der finstersten Nacht der Trauer, der Verzweiflung und des Todes. Der Orientierungspunkt für alle Verzweifelten, für die es keinen Ausweg und kein Weiter mehr zu geben scheint ebenso wie für die, die meinen, immer alles alleine schaffen zu können oder zu müssen.
JA, „sie müssen sterben“, jeder für sich,
ich und du,
wir alle,
jeder und jede zu seiner Zeit, zu ihrer Stunde,
der eine begleitet mit Blicken, die nur noch fragen "warum?", die andere umgeben von Menschen mit einem friedvollen „Gott sei Dank!“ auf den Lippen.
Aber alle verbunden in der Hoffnung und in der Verheißung auf Gottes neue Welt, die eine Welt des Friedens und des Lichtes, eine Welt des Lebens und der Geborgenheit sein wird, damit nicht der Schmerz und das Leid, der Streit und die Gewalt, die Not und der Krieg, der Hunger und die Angst die Oberhand behalten, sondern Gottes Gerechtigkeit und Gottes Lebenswunsch und Lebenswillen.
Wenn wir die unerlöste Welt des Todes hier auch noch nicht endgültig verwandeln können, einen Vorgeschmack verbreiten, die Melodie des Lied der Hoffnung erklingen lassen, können wir schon heute,
ein Zeugnis vom Leben mitten im Leben und vor dem Tod und über den Tod hinaus ablegen…
Wie?
In dem auch wir den Morgenstern der Gerechtigkeit und des Friedens heute schon über allem leuchten lassen und zu Boten und Mitstreitern des Lebens werden.
Amen

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