Alles wird neu und anders

Liebe Schwestern und Brüder!
Es ist und waren schon immer gewaltige und gegen alle menschliche Vernunft und alles bisherige Wissen und Denken starrköpfige und in wundervoller Hoffnung und Verheißung vorgetragene Sätze, die uns der Prophet Jesaja am heutigen Ewigkeitssonntag so mächtig verkündigt.

Gott macht alles neu!, nach dem Tod, dem Auslöscher, der alles wegnahm, der bisweilen langsam und gemein oder plötzlich und schnell, vor allen Dingen brutal und rücksichtslos ab und an auch erlösend und befreiend daher kommt und das Leben unserer geliebten Angehörigen nahm und beendete. Da sind die traurigen Fakten und die bittere Erkenntnis für jeden Witwer und jede Witwe. Auch für Kinder, Söhne und Töchter und Enkel am heutigen Tag.
Der Tod nimmt uns scheinbar die, die wir lieben.

Und ich höre die Worte des Propheten.
Es gibt einen neuen Himmel und eine neue Erde.
Und die Tränen werden abgewischt und der mächtige Feind, der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Schmerz noch Geschrei werden jemals sein.
Gott macht alles neu nach dem Tod! Das Alte das Menschliche und das Irdische werden vergehen und alles wird neu, anders und besser?!
Das klingt irgendwie phantastisch, wunderbar und doch kaum zu glauben.
Und doch, liebe Schwestern und Brüder, haben es unsere Vorfahren geglaubt. Es ist unzählige Mal und über Jahrhunderte vor und über den Gräbern verkündigt worden.
Er, unser Gott, das Alpha und Omega, macht durch Jesus Christus alles neu.
Nichts ist mehr so wie es war. Für den Verstorbenen wird alles neu.
Diese Nachricht, dass alles neu wird, dass unser Gott die Auferstehung von den Toten und neues Leben bei ihm schenkt und unseren verstorbenen und toten Angehörigen mit neuem, einem andern Leben beschenkt und auferweckt, haben unsere Vorfahren unter Tränen, mit Klagen und mit Seufzern geglaubt.
Diese unsere Vorfahren haben geweint und geschluchzt, sie haben geseufzt und auch gezweifelt, aber sie haben dieser starrköpfigen und gegen jeden Verstand und jede Vernunft ankündigenden Hoffnung geglaubt.
Gott macht alles neu!

Ich sehe auch die Seufzenden, Klagenden und Weinenden in meinen Orten vor mir. Ich sehen diejenigen unter ihnen, die tief trauern und deren emotionales und psychisches Leid beim Tod der geliebten Angehörigen innere Betäubung und tiefen Seelenschmerz hervorruft. Ich sehe die Leere und Einsamkeit und die innere Lähmung, auch die unsägliche Antriebslosigkeit, die von der Trauer ausgelöst wird.
Und doch hören wir die Worte des Propheten, der verkündigt, dass es unseren Verstorbenen gut geht. Sie haben keine Schmerzen mehr, die der Krebs hervorrief. Sie haben keine Tränen mehr in den Augen, die die Angst vor dem Tod auslöste, wenn sie ihn bei vollem Bewusstsein erlebten. Auch die Angst vor dem Verlust von Liebe, Partnerschaft und Kinder sind verschwunden. Und die Angst, der Zweifel und die Tränen vor dem, was kommen mag, in der erhofften anderen Welt.

Dagegen verkündigt und dafür verkündigt der Prophet.
Gott macht alles neu. Keine Tränen werden mehr sein, im neuen Himmel. Er macht alles neu.

Und je mehr ich diese phantastische Botschaft höre, desto tiefer dringt sie in mein Herz ein.

Wie schön muss die Welt sein, in der es kein Leid, Geschrei und Schmerz mehr gibt. Wo es keine Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung, kein Krieg und kein Elend mehr gibt!

Dort auf der anderen Seite sind nach der festen Hoffnung und Zuversicht jetzt unsere Toten, an die wir uns am heutigen Ewigkeitssonntag besonders erinnern.
Der Tod ist tot und besiegt von Gott. Das ist die Botschaft des heutigen Sonntags.
Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!

Dieser bewundernswerten und starrköpfigen Haltung, die sich von einer tiefen gläubigen Zuversicht und Gewissheit auf Gottes Heilshandeln speisen, können wir folgen und glauben.
Der Text verheißt, dass Gott keinen verloren gibt. Und die den Text hören und sprechen, weigern sich irgendetwas und irgendeinen für verloren zu geben. Und sie glauben diesem Text und seinen Worten, der seit Jahrhunderten über und vor unseren Gräbern verkündigt wird. Und wie wunderschön wird das Neue, die neue Stadt, das himmlische Jerusalem bei Gott beschrieben. Die Ewigkeit bei Gott.
Es wird nicht nur gegen alle „Natürlichkeit“ von Tod, Leid und Gewalt und Faktizität des Alltags versprochen, dass der Tod besiegt wird und die Toten dem Tod entrissen werden. Das Leben im neuen himmlischen Jerusalem geschieht im Licht und der Anwesenheit der Herrlichkeit Gottes. Das können und sollen wir ruhig glauben.

Liebe Schwestern und Brüder, der Tod nahm und nimmt uns zwar die, die wir lieben und die wir auch noch bräuchten, aber er tötet nicht unsere Erinnerung und unsere Liebe für sie. Das ist eine Tatsache.
Der Tod nimmt uns nicht die Liebe für die, die wir liebten und lieben.
Die Erinnerung ist eine mächtige innere Kraft und Stimme, die über den Tod hinaus wirkt.
Die Erinnerung ist ein emotionaler Schatz, der uns Kraft gibt und Mut, mit allem Schweren fertig zu werden.
Und wenn diese Erinnerung mit Liebe und sehnsüchtigem Trennungsschmerz verbunden ist, dann ist der Sieg der Liebe garantiert, denn die Liebe ist stärker als der Tod wie es im Hohen Lied (8) der Liebe im AT heißt.
Jemanden lieben oder ihn geliebt zu haben heißt, sich an ihn zu erinnern und in für Ewigkeit im Herz zutragen. Das ist schön und tröstlich.
Und die Erinnerungen an die gemeinsame geschenkte Lebenszeit, das Glück und die Freude der Liebe und Partnerschaft,
das Glück und die Freude der Elternschaft oder an den Enkeln oder die Dankbarkeit für die Liebe und Fürsorge durch die verstorbene Oma oder den Opa gehen tief und bleiben. Wer will sie uns nehmen?!
In unseren Gedanken und Erinnerungen dürfen und können wir uns frei bewegen. Und nicht nur im Sinne schwelgerischer und verklärender Erinnerungen unserer geliebten, aber verstorbenen Angehörigen, auch ihre Ecken und Kanten, ihre charakterlichen Unebenheiten und das Schwere und Anstrengende werden uns bewusst bleiben.
Doch die langmütige Liebe bleibt geduldig und das menschliche Gedächtnis bewahrt meistens das Gute. Man findet seinen Frieden mit den Ecken und Kanten der Verstorbenen. Die Liebe verzeiht auch manche Ungerechtigkeit. Liebe heilt auch Wunden und Schmerzen, denn die Liebe ist stärker als der Tod.

Und manchmal, nämlich dann, wenn man nicht die Chance bekam oder wenn man sie verpasste, sich mit jemanden auszusöhnen, dann bleiben auch Bitterkeit und ein schlechtes Gewissen.
In diesem Fall kann ich nur den eindringlichen Rat geben, das Versäumte an anderen Menschen versuchen wieder gut zumachen.
Liebe sucht sich auch neue Wege.

Die Liebe hört nie auf und auch die Erinnerung an die Liebe, die wir von unseren Verstorbenen empfangen haben.

Nochmals: Dabei spricht der Tod aber über unsere christliche Existenz nicht das letzte Wort. Der Tod verliert seinen Schrecken und seine Macht durch die Gewissheit der Auferstehung.
Auch und trotz der Tod uns menschlich immer wieder neu tief erschüttert, wie jeder, der schon selbst schwer getrauert hat, leidvoll und schmerzlich berichten kann.
Natürlich werden durch die hoffende Gewissheit auf die Auferstehung Trauer, Angst, Abschiedsschmerz, Klage und manchmal sogar Verzweiflung nicht einfach weggewischt. Aber der Glaube an die Auferstehung kann jedem und jeder von uns, der oder die um einen Verstorbenen trauert und weint, genügend Kraft geben, manche Träne des Leides abzuwischen. Wobei gerade die Tränen in der Trauerzeit sehr wichtig sind, weil sie die Seele reinigen, der Trauer Kontur geben und den Schmerz lösen. Weinen löst den Schmerz und die aufgestaute Verzweiflung. Weinen reinigt die Seele und ist für einen gesunden Trauerprozess notwendig und verlangt von weniger betroffenen Angehörigen ein hohes Maß an Geduld und Sensibilität. Meines Erachtens zwei entscheidende Formen von Liebe, die immer wieder im Miteinander von Menschen eingeübt werden müssen.
Und so wünsche ich allen, die in dieser Zeit um einen geliebten Menschen trauern und weinen, dass Gott sie in ihrer Trauer tröste, ihnen gute und liebe Menschen schicke, die ihnen durch Wort und Tat wirklichen Trost und Zuspruch spenden. Menschen, die wieder Licht in das finstere Tal der eigenen Trauer bringen.
Menschen, durch die Gott alle Tränen abwischen wird. Sei es durch die Enkel oder durch das geduldige Zuhören von Nachbarn und Freunden.
Unsere Verstorbenen sind nun in Gottes Hände übergeben, wo sie jenseits unserer Zeit- und Lebensumstände durch die in Jesus Christus geschehene Auferstehung in Gottes Ewigkeit weiterleben.

Auch wir werden dereinst in Gottes Ewigkeit leben, wo Gott unsere Tränen abwischen wird von unseren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz, wie es im 21. Kapitel der Offenbarung heißt.

Schließen möchte ich die Predigt mit einem Gebet, das dem Kirchenvater Augustin zugeschrieben wird. Es heißt:

Der Tod ist nichts

Ich bin nur auf die andere Seite hinüber gegangen.
Ich bin ich und du bist du.
Was wir füreinander waren,
das sind wir immer noch füreinander.
Ruf mich mit dem Namen,
mit dem du mich immer gerufen hast.
Sprich zu mir, wie du immer
zu mir gesprochen hast.
Nimm keinen anderen Ton an,
nimm keine ernste oder traurige Miene an.
Lach weiter darüber,
Bete, lache, denk an mich. Bete mit mir.
Mein Name soll im Hause weiter genannt werden,
wie er immer genannt wurde,
ohne Emphase, ohne einen Schatten
Das Leben bedeutet immer noch das,
was es immer bedeutet hat.
Das Leben ist immer noch, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchgeschnitten.
Warum sollte ich nicht mehr in deinen Gedanken sein
nur weil du mich nicht mehr siehst?
Nein, ich bin nicht weit, ich bin nur
auf der anderen Seite des Weges.
Siehst du, alles ist gut.
Du wirst dein Herz wiederfinden und du wirst darin auch die Zärtlichkeit wiederfinden.
Augustinus

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.

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