Sonnenaufgang

Liebe Gemeinde,

kommen Sie einmal mit mir mit in die Antike. In die Welt und in die Zeit kurz vor Jesus Geburt. Damals, als der Zacharias lebte, dessen Worte heute unser Predigttext sind.

Du Kindlein, sagt er über seinen Sohn Johannes, Du Kindlein wirst dem Herrn vorangehen und ihm dem Weg ebnen.

Ja. Unser Christentum ist nicht unvorbereitet vom Himmel gefallen. Jesus hat Vorläufer, Wegbereiter. Der Boden ist bestellt worden.

Kommen Sie einmal mit mir mit in die Antike. Spazieren wir durch Athen. Schauen wir uns um. Was glauben, was fühlen die Menschen? Wie beten sie? Wir finden den Olymp, den Götterberg, eine scheinbar heitere Familie von verschiedenen Göttern, über deren Leben und Eskapaden man durchaus eine Fernsehserie vom Format „Sex in the City“ drehen könnte. Allzu düster und furchterregend ist Zeus mit seinen Kollegen und Kolleginnen nicht.

Vorsicht, das ist nur die Oberfläche. Da sind noch andere Wesen. Mira, die Göttin des Schicksals mit ihren Parzen, die Dir den Lebenspfaden spinnen, ihn Dir dann zumessen und am Ende ihn abschneiden. Tyche, das Schicksal, das Dir Glück oder Leid schickt, und nichts kannst Du dagegen machen. Da ist der Bauch der Erde mit den Erinnyen, die Dir die dunklen Gefühle von Rache, Hass und Depression einflüstern. Oh, selbst Zeus auf dem Olymp ist vor Mira und ihren Damen nicht sicher, selbst ihn kann es vom Throne stoßen. Das empfanden die Menschen tief, verdichten das in den großen Tragödien Antigone, Ödipus usw. Philosophen wie Platon oder Aristoteles oder Zenon verstanden die Götterwelt als die große Allvernunft, die alles durchzieht, den Logos, von dem unser Wort „Logisch“ abstammt, und wir Menschen, so sagten sie, wir Menschen müssen uns dem eben fügen. Wir sind nicht unseres Glückes Schmied. Wir sind noch nicht mal geliebt, wir sind dem Walten des Himmels einfach ausgesetzt und können es höchstens in stoischer Ruhe und ohne Leidenschaft mit Stolz ertragen. – Es gibt immer einen Ausgang, egal wie schlimm Mira und Tyche, das Schicksal und das Glück es mit mir meinen, sagte der große Seneca. Und dieser Ausgang, dieser Exitus, war der Freitod, er selbst, Seneca, nahm ihn auch, als er bei Kaiser Nero in Ungnade fiel.

Das ist die andere Seite der Antike, die nicht in der Sonne und in Marmor strahlt. Das ist das Athen hinter der fröhlichen Fassade des Lebens.

Und wenn wir nun noch ein wenig nach Osten reisen, nach Jerusalem hinauf, da wo Zacharias verwurzelt ist, auch da hat alles seine Zeit, Leben und Sterben, Liebe und Hass, und alles ist eitel und es gibt nichts neues unter der Sonne, Herr lehre mich bedenken, dass ich sterben muss und es ein Ende mit mir hat. Alles Fleisch ist wie Gras, es erblüht und der Wüstenwind streift darüber und im Nu ists verdorrt. – Eine Hoffnung: ob der Messias kommt und Israel und die Welt erlöst zu einem Friedensreich. Diese Hoffnung gibt es in Israel, zumindest bei manchen Gläubigen. Lange nicht bei allen.

Bin ich geliebt? Gibt es mehr als flüchtiges Glück? Gibt es Sicherheit, sicheren Frieden, sicheres Heil, gibt es Ewigkeit? Oder ist das Leben Schicksal, Zufall, und lass uns zusehen, dass wir es in Würde tragen, es ist eh alles eitel und zur Not hat man immer einen Ausgang in das Schattenreich, welches die Griechen Hades und die Juden Sheol nennen…

Ja, der Boden ist bereitet, nicht nur durch Johannes, den Täufer. Nein, durch so viele vor ihm, seien es Sophokles oder Pindar, Plato oder Seneca oder der Prediger Salomo oder – oder.

Und mal ganz ehrlich, liebe Predigthörer und Hörerinnen, ist dieses Lebensgefühl der Antike uns denn wirklich so fern? Wie steht’s mit uns? Haben wir alles im Griff, Leben in der Hand, sind unseres Glückes Schmied? Oder empfinden wir genauso wie die Damaligen die Macht des Schicksals, dass gibt und nimmt, zumisst und abschneidet. Ist alles neu und anders, oder kehrt eigentlich immer nur das Gleiche in neuer Maske wieder? Alles schon mal da gewesen …. Gladiatorenkampf und Dschungelcamp, Sklaverei und Billiglöhne, und die Krankheit und das Siechtum waren immer gleich schmerzhaft. Und es gibt immer einen Ausgang, auch heute ist Senecas Exitus kein Einzelfall. Euthanasie. Euthanatos: übersetzt „der süße Tod“ als die Erlösung.

Zacharias sagt dann einen Satz, der wunderschön ist. Hören wir ihn mit ganz gespitzten Ohren: „ Es wird uns besuchen das aufgehende Licht, uns erscheinen, die wir im Finstern und im Schatten des Todes sitzen, es wird uns auf die Füße stellen auf dem Weg zum Frieden.“

Es wird Tag. Im Osten geht uns die Sonne auf.

Ja, Pastor, das hört sich ja schön an. Aber die Worte hören wir wohl, allein uns fehlt der Glaube. Es gibt doch all das andere noch trotz Deiner Sonne, trotz Jesus, das Schicksal, das Ungewisse, das Leid, das Glück, das eben nicht immer dem Tüchtigen winkt, sondern allzu oft auch dem Egoisten, nicht wahr, musst ein Schwein sein in dieser Welt. Und der Schatten der Vergänglichkeit ist auch noch da.

Tja, ich bin kein Traumtänzer, liebe Gemeinde. Das weiß ich. Ich hab oft genug am Sarg gestanden, oft genug die Frage gehört „Warum?“, „Ist das gerecht?“.

Und doch: etwas ist anders als damals in der Antike. Die Sonne hat uns auf die Füße gestellt. Diese Sonne heißt „Liebe“. Nehmen Sie das Wort einmal nicht allzu gefühlig. Denken Sie ruhig einmal andere Worte mit: Mitleid: Seneca bringt sich um, weil er nicht öffentlich gedemütigt werden will vom Kaiser. Wir-zumindest wir Christen-sehen selbst im Bettler vor Karstadt noch die Würde eines Menschen. Solidarität: Wer unten liegt, auf den tritt man, selbst Schuld … seit Jesus, seit der Sonne der Liebe ist vergeben Können normaler geworden, wird zu mindestens probiert, dem Gestrauchelten auf die Beine zu helfen, das scheint mir selbst in unserer Leistungsgesellschaft immer noch Konsens.

Mitgefühl: Kaum ein Kranker oder Sterbender wird heute noch zu hören bekommen, er oder sie hätten dieses Los schon verdient, die Schicksalsgötter wüssten schon, warum. Nein, normal ist es, durch Mitgefühl, Pflege und menschliche Nähe dem Leidenden Würde zu lassen und Liebe zu schenken.

Der Tod am Ende: Hört dazu Paul Gerhard, 1653 aus dem Coral „Ich steh an deiner Krippen hier“: Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht‘,
wie schön sind deine Strahlen!

Also: es gibt doch etwas Neues unter der Sonne. Und es ist zumindest für uns Christen nicht alles gleich geblieben. Bald feiern wir den Sonnenaufgang. Gut drei Wochen noch.

Amen.

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