Das Schweigen der Guten

Menschen, von denen wir uns verabschieden mussten, im Laufe des Kirchenjahres, das nun zu Ende geht. Sie kehren an diesem Tag zu uns zurück, nehmen Platz in unserer Seele, in unserer Erinnerung. Dazu gesellt sich dann gerne die Frage: wer bin ich? Was habe ich gemacht mit meiner Trauer, mit meiner Erinnerung, mit dem Erbe. Und damit meine ich weniger Haus und Hof, Konto oder Lebensversicherung. Damit meine ich Erinnerungen, Werte, Hoffnungen und Ideale, die bei mir gelandet sind. Vom Umgang mit dem was mir anvertraut ist, erzählt Jesus in einem Gleichnis:

[TEXT]

Der Text riecht nach gesetzlichen Vorschriften. So musst du dich verhalten. Da gibt es klare Regeln und Gesetze.

Aber vielleicht erzählt Jesus in einem Bild etwas ganz Anderes als Regeln, die wir so und nicht anders befolgen müssen. Was er erzählt ist eigentlich selbstverständlich. Ein guter Arbeiter tut seine Pflicht auch ohne, dass ein Chef immerzu hinter ihm steht. Und er wird sich schon gar nicht dazu verleiten lassen, seine Untergebenen zu drangsalieren oder zu misshandeln nur weil der Chef weit weg ist – und wer weiß, wann der etwa mitbekommt.
So etwa tut man nicht, erzählt Jesus und alle nicken.

Gleichzeitig wissen alle, dass das täglich genauso passiert. Solch schreiendes Unrecht gehört zum Alltag dort wo Menschen leben. Wir selber sind Teil solcher Geschichten und vielleicht will Jesus uns daran erinnern, an unser Fehlverhalten, an unseren Umgang mit Menschen, die schwach und hilflos sind.

Vielleicht will er uns vor die Frage stellen: Wo bist du, wenn Menschen leiden unter derart ungerechten Zuständen? Bei denen, die immer noch Gründe finden, entweder die Hände in Unschuld zu waschen. Irgendwie ist doch jeder seines Glückes, aber vor Allem seines Unglückes Schmied.

Oder bei denen, die noch gerne fest drauf hauen, mitmachen, wenn einer runtergemacht wird.

Oder gehöre ich wirklich zu denen, die Unrecht widerstehen, Schwache stützen und den Mund aufmachen, wenn Hass und Unrecht regieren.

Jesu Geschichte erzählt sehr viel von mir und wie ich mit meinen Idealen umgehe. Sobald ich Macht habe, bin ich in Gefahr, ein Anderer zu werden. Davor warnt Jesus die Menschen, die ihm zuhören und die Geschichte wird darum auch seitdem überliefert. Sie will mich warnen vor jeder Macht. Die Macht an sich ist zwar nicht schlecht, aber sie birgt eine große Versuchung. Sie bringt mich in Gefahr, ein anderer Mensch zu werden, der Mensch, der ich nicht sein will. Als guter Haushalter der mancherlei Gnade Gottes bezeichnet sich Paulus. Mir begegnet die Frage der Jünger: Bin ich’s?

Menschen, die in der Pflege tätig sind, erschrecken manchmal über sich selbst. Sie erleben sich als aufbrausend, unbeherrscht und – und gerecht. Ich bin immer froh, wenn mir solche Geschichten erzählt werden, denn dass man sich selbst so erlebt ist normal, nur dass man darüber erschrickt, das ist nicht unbedingt normal. Diese Mischung aus Überlegenheit und Stress führt zu Fehlreaktionen, das ist normal. Man kommt mit den eigenen Gefühlen nicht zurecht. Da ist etwas aus dem Rahmen gefallen. Der Mensch ist plötzlich nicht mehr Vater oder Mutter oder Partner, sondern ein Mensch, der mich beansprucht, weil er Hilfe braucht. Das kann mich dazu bringen, aus der Rolle zu fallen, ungerecht zu werden – Macht auszuspielen.

Von diesen menschlichen Erfahrungen erzählt Jesus.

Im Kern geht es ihm dabei um den einen Punkt: Ich darf nicht müde werden, etwas zu erwarten. Etwas von Gott zu erwarten. Und weil ich weiß, dass er mein Herr ist, muss ich meine Macht nicht überbewerten und darf auch über mich selbst erschrecken, weil ich nicht immer der bin, der ich sein möchte.

Der zweite Knecht ist der, der sich in falscher Sicherheit wiegt. Darum macht er sich selber zum Chef – ich bin der King. Eine ganz alltägliche Versuchung, die jedem Mitarbeiter bekannt ist, der ein wenig Macht hat. Aber der rechte Knecht bleibt Knecht. Er lebt seine Rolle im Leben und versucht mit seinen Mitteln alles zu tun, dass es ein gutes Leben wird – für alle Menschen.

Man kann sich wiederfinden in der Rolle des Herrn, der Verantwortung delegiert, in der Rolle des Verwalters, dessen der Macht geliehen bekommen hat und missbraucht oder gebraucht, in der Rolle der Knechte und Mägde, die ausgeliefert sind, dem, den ihr Herr eingesetzt hat.

Jede meiner Entscheidungen für oder gegen Gottes Willen hat direkte Folgen für meine Mitmenschen, für die Menschen, die mir anvertraut sind. Und die Frage Jesu, wer denn nun ein guter Verwalter ist, ist eine Frage an mich. Diese Frage kann mich an den Abendmahlstisch begleiten: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Bin ich es?

Ich muss nicht Mönch werden, um ein frommer Mensch zu sein, nicht einmal unfehlbar muss ich werden; denn unfehlbar ist unmenschlich. Aber ich darf lernen, mein tägliches Leben zu leben in dem Bewusstsein: Der Herr kommt nicht er ist schon mitten unter uns. Aber nicht zur Abrechnung sondern als Bruder. Aber auch wenn in dem Richter Christus der Richtende und der Vergebende eine Person sind, gegenüber dem Bruder Jesus trage ich Verantwortung für das, was ich aus meinem Leben gemacht habe. Darum steht in der Mitte unserer Geschichte eine Seligpreisung: Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht.

Von Martin Luther King wird folgendes Wort überliefert: "Unsere Generation wird eines Tages nicht nur die ätzenden Worte und schlimmen Taten der schlechten Menschen zu bereuen haben, sondern auch das furchtbare Schweigen der Guten."

Schlecht ist nach diesem Wort nicht nur der, der Schlechtes tut oder redet, sondern auch der, der dem Bösen nicht Einhalt gebietet. Und – so möchte ich ergänzen gut werde ich auch dort, wo ich bereue und mich im Abendmahl beschenken lasse mit einem neuen Anfang.

drucken