Mit zitternder Hand

Mit leicht zitternder Hand hielt er den Brief in der Hand.
Wie lange ist es jetzt eigentlich her, überlegte er?
Zwanzig Jahre, oder noch mehr ?
Sie hatten sich einfach aus den Augen verloren, dabei waren sie seit den ersten Tagen auf der Schulbank die besten Freunde, die so vieles gemeinsam erlebt haben: die ersten Streiche, die erste Liebe, die ersten Tränen aus Liebeskummer. Sie konnten einander alles erzählen und wussten eigentlich auch schon ohne Worte, was dem anderen gerade nachging…
Und jetzt hielt er den Brief in der Hand.
Warum hatten sie einander aus den Augen verloren?
Er wusste keine rechte Antwort auf diese Frage. Sie waren verschiedene Wege gegangen: erst mit dem Schulwechsel, dann während des Studiums an verschiedenen Orten.
Nicht, dass er nicht immer wieder mal an ihn gedacht hätte.
Ein oder zwei Mal hatte er auch geschrieben: von der Hochzeit und vom ersten Kind.
Aber das war es dann auch und vor allem war es lange her…
So ist das manchmal, dachte er. Kontakte werden geknüpft, Freundschaften entstehen und manchmal schlafen sie auch wieder ein.
Mit den einen bleibt man über Jahrzehnte in engem Kontakt, auch wenn sich die Lebensschwerpunkte verlagern, mit anderen kann man auch nach jahrelangem Schweigen sofort wieder anknüpfen, als hätte man sich gestern erst getrennt und wieder andere verliert man mit der Zeit ganz aus den Augen.
So ist es, aber muss es auch so sein?
Sein Herz klopfte immer noch und irgendwie war das ein freudiges Klopfen und ich glaube, manchem von uns kommt das bekannt vor.
Ein Brief in der Hand, nach so vielen Jahren, von einem alten noch nicht ganz vergessenem Freund…
Was wohl drinsteht?
Es ist Buß- und Bettag, vielleicht ist er nun nicht gerade ein alter Freund, keiner tut gerne Buße und wenn es wahr ist, dass gerade die Not beten lehrt, dann ist die innere Sehnsucht nach solchen Tagen sicherlich nicht sehr ausgesprägt, selbst wenn die äußere Notwendigkeit Jahr für Jahr auf eigene Art und Weise immer wieder vor Augen liegt.
Als dieser Tag im November noch als Feiertag nicht nur wie heute geschützt, sondern als gesetzlicher Feiertag auch noch arbeitsfrei war, konnten sich manche wenigstens damit einigermaßen anfreunden. War er zu grau und trübe, wurde er kurzerhand zum Betttag umfunktioniert und die Decke über den Kopf gezogen.
Aber das ist lange her und war für die neuen Bundesländer eine so kurze Episode, dass mir sie fast schon keiner mehr glaubt, wenn ich sie erzähle.
Und jetzt von einem alten Freund ein Brief in der Hand: was wohl drin steht?
OFFBG 3, 14-22
Das verschlug ihm den Atem…
Nach langen Jahren des Schweigens ein Lebenszeichen und dann nichts als Vorwürfe:
Weder kalt noch warm bist du, bestenfalls lau.
Ausspeien – wir würden plastischer sagen: ausspucken möchte ich…

„Ich spucke aus“ steht da wahrhaftig geschrieben und vor Augen taucht der lange vergessene oder verschollene Freund auf, wie er verächtlich, verletzt, mit Zorn und auch mit Hass oder ähnlichem in den Augen zur Seite spuckt.
Da war irgendwas geschehen.
Da war unbemerkt etwas in den Jahren zerbrochen, was nicht mehr verheilt war, sondern bei jedem Nachdenken und Grübeln immer tiefere Wunden geschlagen hat.
Auch das kenne ich, das einen negative Gedanken nicht mehr loslassen, sondern immer kränker machen und eine Beziehung noch im Nachgang immer mehr beschmutzen und zerstören können.
Vielleicht war der Anlass relativ banal.
Ein überhörter Hilferuf oder ein um Hilfe flehender Blick, eine verpasste Gelegenheit zuzuhören und dazusein, ein gedankenlos dahingesagtes Wort, das wie ein Stachel tief im Fleisch sitzen geblieben ist. Ich weiß es nicht…
Vielleicht ist es jetzt zu spät, dachte er , als er nach einem kurzen Augenblick wieder ruhiger wurde. Oder ob ich es trotzdem noch einmal versuchen sollte? Denn immerhin hat er seine Verletztheit, seine Kränkung nicht länger für sich behalten, sondern sie mit mitgeteilt, ja im besten Falle sogar mit mir geteilt.
Ich sollte es versuchen, antworten, zeigen, dass ich es ernst meine, wenn ich antworte und dass ich mir ein Anknüfen an die enge Vertrautheit nicht nur vorstellen, sondern all die Jahre, ohne es zu sagen, auch immer gewünscht habe.
Wenn dass dabei herauskäme…
Wenn ich das in Worte fassen könnte mit meiner Antwort…, dachte er bei sich und ging ins Wohnzimmer, um ungeübt wie er war seinen Brief zu versuchen.
Muss man, liebe Gemeinde am Bußtag eigentlich noch mehr erklären uns sagen?
Die Bibel ist wie ein Brief Gottes an seine Menschen, voller Liebe, voller Werben, manchmal auch voller Enttäuschung und Schmerz, der Predigttext dieses Tages ein Brief an Christen in Laodizea, wo ich heute nur noch Spuren blühenden christlichen Lebens finde, der aber über die historische Dimension hinaus wie eine Flaschenpost bis zu uns heute gespült wird und voller Leiden-schaft Gottes ist?
"Wo brennt ihr für mich, wo erwärmt ihr euch für meine Botschaft, für mein Anliegen, für mein Werben um Frieden, Gerechtigkeit und mit der diesjährigen Friedensdekade um Menschenwürde derjenigen, mit denen ihr lebt und als die ihr miteinander umgeht?
Die Würde der Jungen und Alten ungeachtet ihrer Herkunft und Begabungen oder verbliebenen Fertigkeiten?
Die Würde derjenigen, die bei euch Zuflucht suchen – Warum redet ihr verächtlich von Wirtschaftsflüchtlingen, wenn eure Töpfe immer noch voll, die Essgefäße aber so vieler spiegelblank leer sind. Können sie denn anders als dann zu den Fleischtöpfen kommen, wenn Hunger sie treibt?
Was ist mit der Würde der vermeintlich anders Aussehenden und anders Lebenden. Toleranz ist nicht nur ein Schlagwort gegen alles Zuschlagen, sondern eine Lebenspraxis und eine Spielart des Glaubens.
Offenbart sich nicht gerade da menschliche Erbärmlichkeit gegenüber aller äußerlichen Armut, wo der Reichtum vieler prahlerisch oder verschwenderisch gelebt wird? Was ist das für eine Botschaft angesichts der Eurorettungsmilliarden, die keiner mehr beziffern kann einen überschaubaren Entwicklungshilfeetat zu kürzen?"
So kann ich wie einen Beichtspiegel zum Buß- und Bettag mit zitternder Hand diesen Brief Zeile für Zeile meditieren und nicht nur fragen, wann ich das letzte Mal etwas von Gott vernommen und gehört habe, wo doch auch wir einmal die besten Freunde waren und alles miteinander geteilt haben, sondern mich auch fragen lassen, wann ich mich das letzte Mal gemeldet habe und was denn eigentlich zwischen uns geschehen ist.
Ich mag und kann nicht glauben, dass da nur für Verachtung Raum ist, sondern will glauben und darauf vertrauen, dass diese Leidenschaft nicht nur aus dem schmerzhaften Erleiden der Trennung, sondern auch und vor allem von dem unbeantworteten Brennen der Liebe kommt. Deswegen leidet Gott. Das schmerzt ihn, dass meine Antwort aussteht und ich so unbeteiligt daneben, neben mir und damit auch neben meiner Beziehung zu ihm und darum ebenso teilnahmslos neben meiner Umwelt stehe.
Aber noch zittert meine Hand mit dem Brief in ihr und ich lese ihn noch einmal, diesmal bis zum Ende.
Da steht etwas vom Werben, vom Klopfen, vom zaghaften Anknüpfen und Weitermachen. Gott gibt uns nicht auf und spuckt nicht auf uns.
Wenn das tief in unser Herz dringt und unsere Würde und die aller anderer sich aus dieser Quelle speist, dass Gott uns ansieht und darin unser Ansehen begründet und eine ungeheure Kraftquelle verborgen liegt, dann kann mir auch dieser Tag als Tag der Einkehr, der Umkehr, der ausgesprochenen Verletzung und jetzt endlich heilenden Wunden ein lieber und teurer Freund werden.
Wie ernst es Gott damit ist, mögen uns Brot und Wein zeigen, die deutlich machen, dass es Jesus sein ganzes Leben wert war, Versöhnung zu stiften und um Versöhnung mit Gott und für die Welt einzutreten.
Nehmen wir es wahr und nehmen wir es an: wohlan lasst uns gesunden mit unseren verwundeten schuldbeladenen Seelen. Amen

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