Treue lohnt sich

Treu bis in den Tod. Darf man so etwas verlangen? Die Bibel tut es. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ Es gab eine Zeit, da war dieses Bibelwort geradezu sprichwörtlich bekannt. Es galt als ein Ideal, ein hohes und schwer zu erfüllendes. Ein Wert, den man nachfolgenden Generationen vermitteln wollte.

Das konnte ja nicht gut gehen. Wenn eine biblische Mahnung so ganz aus dem Zusammenhang gerissen wird, kann es nicht gut gehen. Denn es ist nicht zu jedermann gesagt: Sei getreu. Es war ursprünglich gesagt zu den Christen in der Stadt Smyrna. Sie hatten sich freiwillig für den Glauben an Jesus entschieden. Das war gegen die herrschende Meinung. Denn wer damals Christ wurde, riskierte sein Eigentum entzogen zu bekommen, bei der Stellenvergabe spät oder gar nicht berücksichtigt zu werden. Wer sich den Christen anschloss, der hatte gute Gründe. Der hatte sich das gut überlegt. Es war mit Sicherheit ein Schritt aus fester Überzeugung.

Diesen Leuten konnte man Treue zutrauen. Wer aber in einen Bund eintritt und Treue gelobt nur aus Tradition, oder gar aus Zwang, der wird nicht lange bei der Stange bleiben.
Darum sind alle Gelöbnisse verdächtig und stehen auf tönernen Füßen, die unter dem Druck der Verhältnisse geschworen wurden.

So wie es zur Zeit des 3. Reiches war. Als Wehrpflicht herrschte. Als der Eid auf den Führer allen befohlen war. Aber nicht nur militärische Eide, auch religiöse Eide sind wenig wert, wenn sie nicht der Glaubensüberzeugung entstammen, sondern gutbürgerlicher Sitte oder aus andern Gründen verlangt werden.

Neulich war Bücherflohmarkt vom Lions Club in der Langen Straße. Alles sehr schön sortiert in den Räumen, wo früher Nils Traumfabrik war. Ich fand ein Schätzchen, einen Bildband über Napoleon. Beim Lesen konnte ich eintauchen in die Vergangenheit. Besonders beeindruckend war, wie sehr die frz. Soldaten an ihrem Feldherrn hingen. Ihre Gegner kämpften vielleicht für ihre Nation, oder für die Freiheit. Manche nur für ihren Sold, der besser war als die Arbeit, die sie zuvor nur schlecht ernährt hatte. Die Grenadiere mit der Trikolore stritten für ihren Kaiser. Selbst nach dem fürchterlichen Strapazen in Russland. Die hätten doch die Nase voll haben müssen. Aber sie verehrten diesen Feldherrn, der sich ihnen voran todesmutig in die Schlacht gezogen war, an den Brennpunkten, wo der Kampf am heftigsten tobte. Warum hatte Napoleon diese Erfolge. Sicher, er war ungeheuer ehrgeizig, machtbesessen, ein genialer Stratege. Aber vor allem konnte er sich darauf verlassen, dass seine Soldaten ihm treu ergeben waren.

Also: Der, dem ich Treue verspreche, der muss es wert sein. Am deutlichsten ist das beim Ehegelöbnis. Das überlegt sich ein jeder gut, ob er die Frage bejaht: Willst du zu ihr stehen, zu ihm stehen ein Leben lkang, bis der Tod euch scheide? Wenn einer sich dieser Frage aussetzt und sie mit einem freudigen Ja beantwortet, Ja, mit Gottes Hilfe. Dann muss es der Partner wert sein. Aber wenn er es wert ist, dann macht es auch Freude, treu zu sein.

Warum sind denn nach dem 2. Weltkrieg so viele entwurzelt gewesen und haltlos? Weil sie einer Sache beigetreten waren, die war der Treue nicht wert. Der ganze Tugendkatalog der Nazis mit scheinbar hohen Werten wie Pflicht, Gehorsam, Treue, Ehre, entpuppte sich als Phrasengedresche, als Lügengebäude. Vor allem als die Wahrheit ans Licht kam über den Völkermord an den Juden und über die Grausamkeiten an den Zwangsarbeitern, an den Sozialisten, an den Geistesschwachen. Und die Bonzen selbst kämpften keineswegs treu bis zur letzten Patrone gegen eine Welt von Feinden, die haben sich beizeiten schön abgesetzt.
Nun ist das nicht nur eine Erfahrung jener braunen Jahre, die einen gelehrt hat: Die warens nicht wert. Das wiederholt sich ja. Da verliebt sich eine Frau in den Traummann, und sie baut die ganze Zukunft in diese Beziehung. Der ist der richtige, bestimmt. Und eines Tages macht er sich aus dem Staub mit Miss Bikini.

Ernüchternde Erfahrungen. Die Partei war es nicht wert, daß ich mich dafür abgerackert habe jahrelang in der Basisarbeit. Sie schielt nur auf Stimmen und gibt die alten Grundsätze preis.

Mein Vermieter war es nicht wert, daß ich das Haus pfleglich behandelt habe, den Vorgarten noch entkrautet und begossen. Jetzt schraubt er die Miete hoch und ich muß sehen, wo ich bleibe.

Die Kirche war es nicht wert, daß ich jahrelang gespendet habe und sie stets entschuldigt habe, wenn andere lästerten. Nun bin ich alt und krank und keiner besucht mich. Wo bleibt da die Treue?

Die Bibel läßt keinen Zweifel daran, daß gerade beim Volk Gottes großer Mangel an Treue ist. Im Alten Testament sehen wir es am Volk Israel. Sie geloben dem Mose, daß sie mit ihm durch Dick und Dünn gehen wollen. Aber kaum läßt er sie ein paar Tage allein, um die Gebote am Berg Sinai zu empfangen, da haben Sie ihn schon vergessen und gießen sich ihr Goldenes Kalb. Im Neuen Testament lesen wir, wie Petrus dem Herrn gelobt, er werde für ihn durchs Feuer gehen und nicht von seiner Seite weichen. Die andern Jünger übertreffen ihn noch in ihren Treuschwüren. Als das Verhaftungskommando kommt, bringen sich alle in Sicherheit und überlassen Jesus seinem Schicksal.

Wenn Sie es denn alle nicht wert sind, die Welt nicht, die Kirche nicht, all die anderen nicht, warum soll dann gerade ich treu sein?

Aus zwei Gründen. Einmal, weil Gott uns nicht abschreibt. Er könnte mit Fug und Recht sagen: Die Weltgeschichte hats tausendmal bewiesen, die Menschheit ist ein treuloser Haufe, soll sie doch untergehen.

Aber er spricht zu Noah: Meinen Bogen setze ich in die Wolken. Das ist das Zeichen des Bundes, den ich geschlossen habe zwischen mir und der Erde. Gott hält denen die Treue, die es nicht wert sind. Das ist so gewaltig. Er findet keine Resonanz bei seinen Geschöpfen und verpflichtet sich dennoch zur Treue. Ihm machen wir es schwer und doch steht er zu uns. Obwohl wir es eigentlich nicht wert sind. Ihm ist es also richtig schwer gefallen mit der Treue, aber er hat sich dazu durchgerungen.
Wir dagegen haben es eigentlich leicht. Denn wir kennen einen, der ist es wert, daß wir ihm treu sind. Das ist Jesus. Er war getreu bis in den Tod. Buchstäblich. Mit Recht darf er das auch von mir erwarten. Aber er läßt es nicht bei seiner Forderung. Er gibt dazu noch ein Versprechen und lockt uns so, ihm treu zu werden.

Er verspricht einen Lohn.
"Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben."

Treue lohnt sich nämlich. Treue zahlt sich aus. Auch wenn anderswo die Leute abwinken: Treusein sei doch out.
Die Bibel rückt die Maßstäbe zurecht. Sie sagt, es lohnt sich nicht, nur zu fragen: Was macht Spaß?. Es lohnt sich nicht, nur für die Karriere sich abrackern, nur in den persönlichen Erfolg investieren. Das gibt vielleicht einen schönen Grabstein. Aber die Krone des Lebens wird dafür nicht vergeben. Die Krone des Lebens bekommt man überhaupt nicht verliehen, wie sonst einen Orden für große Verdienste. Sie ist nicht ein Gegenwert, sondern ein Geschenk. Ein Geschenk für alle, die ihr Vertrauen auf Jesus Christus setzen. Denen gilt das Versprechen: So wie Jesus von den Toten auferstanden ist, wird es einst eine Auferweckung für alle geben. Da wird er sich zu denen bekennen, die in seinem Bund gestanden haben. Er wird ihnen die Bestätigung geben, die ihnen hier oft fehlt.
Warum muß hier Johannes daran erinnern, daß sich Treue lohnt. Hier wird Christen Mut gemacht. Das ist wohl nötig. Denn das Christenleben ist kein Spaziergang. Es bedeutet keinen Anspruch auf Glück und Gesundheit, Erfolg und Genuss.

Es heißt hier: "Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut." Den Christen damals ging es schlecht. Der Weg der Treue zu Gott ist nicht eine Rolltreppe zum Himmel. Da wird man alt und krank, man fühlt sich nicht verstanden vom Ehepartner. Man erlebt seine Niederlagen im Beruf und in der Zeit danach, auf die man sich eigentlich gefreut hatte. Da fliegt einen dann der Gedanke an: Wäre es nicht viel leichter ohne den Glauben? Vielleicht sind manche unter uns, die zugeben müssen, dass es bei ihnen schon soweit gekommen ist.

Das Triebrad des innern Glaubens ist langsamer und immer langsamer geworden und endlich stillgestanden. Andere mögen unter uns sein, die sind eben davor, die Hoffnung des Glaubens abzulegen.

Ihnen allen ruft Johannes zu: Halte aus. Gib nicht auf! Sei getreu bis in den Tod! Du bist getauft. Du wurdest konfirmiert. Das war ein guter Anfang. Denk an die Kinder Israel. Wie getrost sind sie aus Ägypten gezogen! Sie erlebten Zeichen und Wunder. Dann merkten sie: Der Weg des Glaubens ist hart und lang. Jahre zogen sie durch dürre Wüste. Es war ein stetes Auf und Ab. So auch bei uns: Es ist ein auf und ab, wir übertreten die Gebote und brauchen wieder die Vergebung, wir sind mal eifrig, mal träge. Aber dranbleiben sollen wir bis zum Ende. Wir sollen nicht denken: Das schaffe ich nicht. Wir sollen nicht denken : Das ist zu steil für mich, der Weg des Glaubens. Nein, was Gott verlangt, ist niemals zu schwer.

Es wird erzählt von einem König, der zog über Land und hinterließ seinen Gefolgsleuten eine stark befestigte Stadt. Er übertrug ihnen die Verantwortung und verabschiedete sich mit der Mahnung: Verwahrt diese Stadt vor den Feinden. Geht weder aus noch ein, bis ich wieder zurück bin. Auch wenn der Feind herankommt, wenn er auch anstürmt und die Stadt belagert, lasst euch nicht irremachen.. Ich werde gewiß wiederkommen und euch königlich belohnen. So zog er fort.
In der Tat wurde die Stadt bald angegriffen. Der Feind trachtete von allen Seiten, die Festung zu erobern. Erst mit Gewalt. Als das nichts half, mit Belagern und Aushungern. Als das nichts half, mit Verhandeln und falschen Versprechungen. Es kam so weit, dass die Eingeschlossenen tatsächlich beratschlagten, ob es nicht besser sei, die Festung zu übergeben. Der König sei doch weit fort. Niemand wisse, wo er geblieben sei und wann er wiederkäme.

Kaum waren sie darüber einig geworden, da hören sie von ferne Trompetenschall und Schlachtenlärm. Der König war es, er befreite sie und zog in die Stadt ein. Ihr Herz war voll Freude und zugleich voller Scham, als der König sie lobt und ihnen sagt: Ihr habt alles wohl ausgerichtet. Da geben sie kleinlaut ihre Schuld zu. Seltsamerweise ist der König nicht überrascht. Er meint, das sei längst vergessen, nun sollten sie den versprochenen Lohn empfangen. Der war wider Erwarten großzügig.

So ist Gott zu uns. Er prüft uns nicht über unser Vermögen hinaus. Wenn unser Können und unsere Kraft zur Neige gehen, kommt er und macht, daß die Versuchung ein Ende findet. Er verlangt nicht zu viel.

So wollen wir ihm heute danken für die Treue, die er so oft schon an uns bewiesen hat. Und weiter mit ihr rechnen. Wie wir im Eingangslied gesungen haben: Stärk unsere Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein. So gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.
Amen.

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