Das Mahnmal der Barmherzigkeit

Liebe Schwestern und Brüder!
"Soll ich meines Bruders Hüter sein", so lautet eine berühmte, eine zur Redewendung gewordene Antwort aus der Bibel.
Auch heute antworten noch manche Zeitgenossen mit diesem frechen Wortspiel, oder sie sagen zu einem: "bin ich denn das Sozialamt, die Diakonie oder die Caritas oder womöglich die Deutsche Bank, die Peanuts verteilt!?"

"Soll ich meines Bruder Hüter sein", so lautete die freche Antwort Kains auf Gottes Frage, wo denn sein Bruder Abel sei.
Wir alle wissen wie die Geschichte weiterging. Kain tötete seinen Bruder Abel, weil er neidisch auf ihn war. Mord und Totschlag vom Beginn der Zeit an. Durch Kain und Abel, so berichtet die Bibel, ist das Verbrechen, ist der Brudermord in die Familie, in die Sippe und in die Gesellschaft gekommen.
Zur Strafe wurde Kain von Gott mit einem Mal versehen. Mit dem sog. Kainsmal, was eigentlich kein Zeichen der Strafe ist, sondern ein Schutzzeichen vor Rache. Das Kainsmal ist also ein Mal, ein Erinnerungszeichen dafür, dass Gott selbst dem größten Verbrecher noch Gnade erweist und ihn schützt.

"Soll ich meines Bruder Hüter sein", so sprechen die Diktatoren aller Länder und Zeiten. So sprachen Adolf Hitler, Josef Stalin und so sprechen noch viel mehr kleine und große Führer, wie z.B. Milosevic oder Saddam Hussein, die die Welt und ihre Völker an den Abgrund geführt haben und führen, um ihre niederen Machtinteressen radikal durchzusetzen.
Und deswegen gibt es gegen alles Vergessen und gegen alles Was-geht-mich-das-an-, oder nach dem Motto "soll ich meines Opa Hüter sein" den heutigen Volkstrauertag.
Ein Tag, an dem uns Tausende von Mahnmalen in unserem Land daran erinnern, dass wir die Pflicht und die Verantwortung als Nachgeborene haben, uns für Frieden und Völkerverständigung einzusetzen. Unser Volkstrauertag ist ein Tag der Besinnung und Erinnerung auf und an das millionenfache Sterben in den beiden Weltkriegen und ein Anlass, über den Gräbern und an den Mahnmalen die Versöhnung zu wagen. Diese Versöhnung kann allerdings nur gelingen, wo Gottes versöhnendes Ja gehört und mit bedacht wird. Deswegen wird der Volkstrauertag seit dem Jahr 1922 auch von den Kirchen mit begangen.
Und so ist und bleibt jedes Mahnmal mit den Namen der gefallenen der beiden Weltkriege ein unauslöschbares Symbol für verlorenes und einmaliges Leben. Leben, das einstmals Väter, Brüder, Söhne und Ehemänner geführt haben. Und das einzige, was von ihnen blieb, ist der Name auf den Ehrenmalen.

"Soll ich meines Bruder Hüter sein", liebe Schwestern und Brüder, so reagieren alle, die das Leben verneinen, die sich in sozialer und menschlicher Kälte üben, deren Herz aus Stein oder eng ist.

Die Worte Jesu, die ich eben verlesen habe, erzählen eine andere Geschichte Gottes mit uns Menschen. Und doch ist es die gleiche Geschichte Gottes mit uns Menschen wie zurzeit von Kain und Abel. Kain bekam von Gott sein Kainsmal im gegenläufigen Wortsinn ein Schutzmal, ein Schutzzeichen vor Ächtung und Verfolgung.

"Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan", so spricht Jesus zu uns. Er beschreibt die Situation des Gerichts. Und die Geschichte ist eindeutig: Wir werden nach unseren Taten gerichtet. Im Mittelalter wusste jeder, was es bedeutet nach seinen Werken gerichtet zu werden. Sieben Werke der Barmherzigkeit machen unsere christliche Existenz aus.
Die Barmherzigkeit, die wir unseren Mitchristen und damit Jesus Christus selbst erweisen sollen, sind folgende:
Hungernde speisen, Durstige tränken, Nackte kleiden, Gäste und Fremde beherbergen, Gefangene besuchen und Tote begraben.
Der Text und die Worte Jesu sind eindeutig, wer dies in seinem Leben tut, und zwar unaufgefordert und aus seinem christlichen Verständnis heraus, der wird das ewige Leben in Gerechtigkeit empfangen.
Wer die zynische und kalte Antwort gibt "soll ich meines Bruder Hüter sein", der wird an seiner Unmenschlichkeit und seiner menschlichen Kälte ersticken. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang von der ewigen Strafe.
Und eigentlich mahnt der Text, mahnen die Wort, die der Evangelist Matthäus Jesus in den Mund legt an, was wir tun sollen, sondern es geht hier auch um Unterlassung und das sog. Nichtstun. Auch wer passiv ist, und sich nicht einsetzt für die Barmherzigkeit, die von Gott kommt, ist jemand, der wissentlich oder nicht antwortet "soll ich meines Bruder Hüter sein!?"

"Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan."

Was könnte das im Alltag durchbuchstabiert bedeuten?

"Wo haben wir dich durstig gesehen?" Heute fast eine merkwürdige Frage. unsere Zeit scheint voll zu sein, ja überzuquellen von Durstigen, Lebensdurstigen; Menschen, die getrieben sind von einem Durst nach immer neuem Leben und immer anderen Erlebnissen. Alles muss deshalb Erlebnis-Charakter bekommen:
Vom Erlebnis-Shopping in der Markthalle über die Erlebnis-Diät zu Erlebnis-Bädern und dem Erlebnis-Urlaub.
Events und Fun müssen sein, man gönnt sich ja sonst nichts.

"Wann und wo haben wir dich hungrig gesehen?" Und damit sind m.E. nicht nur die schrecklichen Bilder von Hunger aufgequollenen Leibern kleiner Kinder in Afrika gemeint, sondern die Menschen in unserer Gesellschaft, die in einem reichen Land in Armut leben müssen. Davon gibt es auch bei uns genug und täglich mehr.
Unverständlich, hartherzig und in der beschämenden Richtung des "Soll ich meines Bruders Hüter" Antwort, sind die Antworten, die sprechen, "die sind ja selbst daran Schuld" oder "man weiß ja nicht, in welche dunkle Kanäle das Geld vesickert".

Und noch einige sind damit gemeint. Diejenigen, die nicht satt werden an Nahrung für ihre Seele. Diejenigen, die Hunger und Durst nach dem Leben haben. Und nicht gespeist werden. Sie bekommen keine Speise. Sei es durch ein gutes Wort oder eine gute Tat.

Also, was nun? "Soll ich meines Bruder Hüter sein" oder etwas für meinen geringsten Bruder und Schwester tun?

Die Aufforderung, die ethische Anweisung Jesu ist einfach.
Was ihr den geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir, das habt ihr an mit getan!
Auch Unterlassung, Ignoranz, Ichbezogenheit, Arroganz und das eigene Gefängnis der Selbstbezogenheit führen zu Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit in unserer kleinen und großen Welt.
Hingegen sitzen wir nicht auf dem Richterstuhl und können in Stammtisch-Manier "die, da oben, die Politiker oder die Ausländer" für alles und jeden verantwortlich machen. Nein dort sitzt Christus, er ist der Weltenrichter, aber nicht nur auf seinem Thron sitzt er, sondern er kommt uns im und durch den Nächsten immer wieder nahe.

Liebe Schwestern und Brüder, immer da, wo wir Menschen begegnen, die mühselig und beladen sind, da begegnen wir auch Christus, der uns alle erquicken will.
Ja, Barmherzigkeit kann werden. Und immer geht es dabei um Menschen, die einander nötig haben.
Vielleicht ahnt ja auch einer, wie einem Menschen, der ständig getrieben ist und unterwegs und rastlos, weil ohne Ziel, Heimat gegeben werden kann. Und zwei finden Ruhe und Geborgenheit. Oder einer sieht einen Menschen, der gefangen ist in seinen Verpflichtungen und Neigungen, und im Gespräch bei einer Tasse Kaffee begegnen sie sich, und die Mauer bricht. Oder ein anderer macht sich doch noch auf, den lange verschobenen Besuch bei der Schwerkranken heute zu wagen, und er erfährt dort: allein die Hand, die er hält, der Blick in die Augen ist für zwei Menschen Gnade, Geschenk.

Es mag merkwürdig erscheinen, dass mittelalterliche Frömmigkeit den Werken der Barmherzigkeit eines hinzugefügt hat: Tote begraben. Doch zeichenhaft ergibt auch das Sinn: Ich kann etwas tun für den, der gerade nichts mehr tun kann. Ich kann mich vor dem Guten und Schönen, das einer in seinem Leben getan hat, verneigen, denken an die Möglichkeiten, die vielleicht noch vor ihm standen, und ich gebe alles zurück in Gottes Hände, weiß ihn in Gottes Barmherzigkeit geborgen, von der alles einmal seinen Ausgang nahm. Ein Kreis schließt sich.

Nichts Außerordentliches nennt der Herr Jesus in Matthäus 25, nur dies:
Hier ist ein Mensch. Nicht hundert, nicht zehn Menschen. Ein Mensch, einer, der dich nötig hat, der dich braucht. Deshalb ist es trotz aller Not keine traurige, deprimierende Welt. Denn wo Menschen einander brauchen, da ist Gelegenheit, die Tage sinnvoll zu sehen, da ist Leben, da ist Entdeckung, da ist ein weiter Horizont für Begegnung, und es spürt eine plötzlich, was sie kann.

Gott schenke uns, dass wir begreifen, wie aus seiner Barmherzigkeit unsere Hände schon längst gefüllt sind und wir sie nur aufzumachen brauchen, nicht krampfhaft festhalten müssen. Und wenn wir unsere Hände auftun, steht er plötzlich vor uns mit Schwestern und Brüdern und sagt: Komm her zu mir meine geringsten Brüder und Schwestern. "Ich will euch erquicken."

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