Sei treu bist zum Tod …

Liebe Gemeinde!

Die Ehre der deutschen Frau ist ihre Treue zu Volk und Blut. Wahlspruch im dritten Reich. Er hat treu gedient. Ein treuer Freund. Treuer Hund. Ewige Treue schwören. Auf Treu und Glauben .Treu doof, kombiniert der Volksmund.

Was macht der Pastor da, denkt er. Von der Feuerwehr hierher abgeordnet zum Volkstrauertag-irgendwie soll es um Krieg und um Ehrung der vielen Toten und Gefallenen gehen, so dachte er jedenfalls. Und nun bringt der Pastor da alle möglichen Sprüche über Treue.

Eigentlich wollte er ja die Predigt über ein wenig vor sich hin dösen. Was soll der Pastor denn auch sagen? Was über Jesus und Frieden und das wir uns alle lieben sollen. So was. Für Krieg und Töten kann er ja nicht sein, wäre sonst ja kein Pastor. Und nun fängt er da mit Treue an…Jetzt erzählt er sogar noch eine Geschichte über Treue.

Eine wahre Geschichte: mein Freund und ich sitzen beisammen. Er ist Oberstleutnant bei der Bundeswehr, jetzt 2012. Stationiert im Stab in Kiel. Kiel wird Ende März im Zuge der Reform der Bundeswehr aufgelöst. Dienststelle weg, was weiter wird weiß er nicht. Versetzung nach Berlin oder gar Erfurt droht am Horizont. Er hat Familie und Haus hier in Heiligenhafen. Die anderen, so sagt er, habens mitm Rücken oder Blutdruck oder ne kranke Frau oder oder. Ich sag, geh doch auch mal zu Dr. Rodenhausen, kannst schlecht Schlafen, schweißnass nachts, fahrig, nervös usw.—vielleicht macht der ein Burnout draus und Schwups ist der Weg frei für den goldenen Handschlag in die Pension. Er stutzt. Und dann ganz entschieden: Nein. Das mache ich nicht. Man muss sich treu bleiben. Ich will in den Spiegel gucken können. Ich habe immer gesagt, wenn andere sowas machen, sind das für mich keine Soldaten, sondern Verteidigungsbeamte. Ich bin Soldat, ich muss mir treu bleiben.

Das hat was, denkt er. Diese Geschichte, die der Pastor da erzählt. Ich muss in den Spiegel gucken können. Ich muss mir treu bleiben. Wie war das damals mit dem Krieg? Wer war da treu? Die, die treu dem Führer waren bis zum bitteren Ende und kleine Jungs in den Volkssturm steckten? Oder die, die sich selbst und dem, was sie für anständig hielten treu blieben, und den Führer zu ermorden versuchten, so wie der Stauffenberg? Wer war da treu?

Aber das ist nicht alles, sagt der Pastor. Treue zu sich selbst und in den Spiegel gucken können, das ist schon viel, aber der Spruch aus der Bibel, dieses „Sei treu bis in den Tod, und ich gebe Dir die Krone des Lebens.“ Dieser Spruch meint noch mehr: Treue zu Jesus.

Aha denkt er, nun also doch, Jesus, Frieden, habt Euch lieb. Pastor eben.

Oder doch anders? Treue zu Jesus übersetzen wir mal mit Treue zum Mitgefühl. Oder was heißt das Kreuz mit der Dornenkrone da auf dem Altar sonst? Gottes Sohn fühlt mit uns mit. Sogar Schmerz. Sogar Sterbensangst.

Da sitzt die Gilde. Da sitzt die Feuerwehr. Da sitzt der Kyffhäuserbund. Da sitzt die Stadt. Da steht der Russe. Da sitzt der Ami. Bald sitzt da der Chinese. Der Jude hat das Geld. Der Moslem ist Terrorist.

Ich bin nicht die Feuerwehr, denkt er. Pastor, was redest Du? Ich hab zwar die Feuerwehruniform an, aber ich hab einen Namen und ein Gesicht.

Treue zum Mitgefühl, da fängt es an, dass wir das merken: Menschen sind immer einzelne. Ich war in Israel. Es gibt viele Juden, die haben nicht viel Geld, sondern leben als Taxifahrer oder Automechaniker von genauso viel oder wenig wie Leute hier. Und Mehmet mit seinem Imbiss am Wilhelmsplatz, der mir manchmal einen Döner verkauft, der ist Moslem. Und lächelt. Und ist freundlich. Und fleißig. Und kein Terrorist. Und ich bin Carsten Sauerberg und bin in der Gilde. Und zwar sagen alle, die Gilde säuft. Aber ich sauf nicht, und Wolfgang Knorr tuts nicht, und Ulrich Kunz nicht usw.

Menschen sind nie „die“. Sondern immer Einzelne. Uniformen mögen das verdecken wollen, das ist aber nicht so. Man ist immer Einzelner. Mitgefühl, Treue zum Mitgefühl, das hast Du, wenn Du Menschen als einzelne wahrnimmst. Ihr Gesicht. Ihre Gesten. Den Augenaufschlag, den Klang der Stimme, ihre Biografie. Dann fühlst Du mit.

Ok. Denkt er. Psychologisch ganz interessant. Aber was hat das mit dem Volkstrauertag zu tun?

Viel. Unsere Vorfahren, von denen so viele Tausende im Zweiten Weltkrieg gefallen sind, waren auf Treue eingeschworen, aber auf blinde Treue zu Führer und Befehl. Nein, treu doof waren sie nicht, aber treu ergeben, sehr viele jedenfalls. Und darum treu blind.

Und dann rauchten die Trümmer, dann brach alles zusammen, und tief erschrocken sagten wir: Nie wieder. Und wenn überhaupt Soldaten, dann nur noch zur Landesverteidigung. Und wir gedachten der Toten am Volkstrauertag, seit 1952, als Theodor Heuß ihn festsetzte. – Nie wieder.

„Nie wieder“ sagen wir nicht mehr. Wehrpflicht ausgesetzt. Bundeswehr wird Berufsarmee. Soldaten im Kosovo, in Afghanistan, vor Somalia, wer weiß, was noch kommt. Es sind nun um die 100 Gefallene oder sonst wie Verstorbene zu beklagen im Rahmen dieser Einsätze. Deren Namen stehen im Internet, nachher hören wir einige. Was wollen wir? Wieder in Treue blind folgend und gehorchend? Oder Soldaten, die treu sind zu sich selbst, zu dem, was anständig ist in ihren Augen und zu dem, was sie fühlen, wahrnehmen, sehen? Sollen sie draufhalten und erst schießen und dann fragen? Sollen sie ihren Frust auslassen an Gefangenen und die mit Hundeleine um den Hals nackt demütigen? Oder sollen sie Mitgefühl zulassen und in die Augen der Menschen blicken? Sollen sie eiskalt funktionieren, weil Krieg nun mal so ist und man als Soldat nicht zimperlich sein darf? Oder sollen sie nachdenken und statt „den Feind“ den Einzelnen sehen? Es gibt im Neuen Testament zwei Soldaten: der eine, Pontius Pilatus, Roms Oberbefehlshaber, er wäscht seine Hände in Unschuld und sagt: Kreuzigt ihn. Der andere ist die Wache unterm Kreuz, ein einfacher Legionär, sicher auch kein Schöngeist und kein zimperlicher Kerl, aber der sieht Jesus sterben und sagt: „Wahrhaftig, das war Gottes Sohn.“ Der Eine eiskalt, der Andere fühlt was.

Und irgendwann ist der Einsatz vorbei. Und irgendwann kommen sie heim. Und hoffentlich fallen nur wenige. Und wenn sie zuhause sind, sollen sie sich dann schämen für das, was war im Einsatz, sich verbergen, hart werden, zu um sich schlagenden, gescheiterten Existenzen werden? Oder sollen sie leben, in den Spiegel gucken und Ja zu sich sagen? Wer treu bleibt bei sich, dem Anstand und seinem Mitgefühl, der wird lebenswert leben können.

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