Erinnerung und Liebe überdauern die Zeit

Liebe Schwestern und Brüder!
Wir werden geboren und das hat seine Zeit und Stunde, wir leben die von Gott geschenkte und bestimmte Lebens-Zeit für uns, um eines Tages zu sterben. Und auch das hat seine Zeit und Stunde. Die Zeit dazwischen ist die geschenkte Lebenszeit.
Das hat alles seine Zeit. Nach unseren Zeitvorstellungen können dazwischen 70 oder 80 Jahre oder 90 Jahre liegen.
Ein langes Lebensalter, eine Zeit von Liebe, Freude, Glück und Segen, aber auch von Mühe, Last, Schmerz und Arbeit.
Und doch am Ende der persönlichen Zeit gilt eines: Jeder von uns muss sterben. Das ist ein biologisches Naturgesetz. Wir werden geboren, wachsen bei unseren Eltern als Kinder auf, altern und werden Jugendliche, dann junge Erwachsene, gründen eigne Familien, werden reif und älter, haben Enkel und können lebenssatt werden und dann sterben wir eines Tages. Das ist der Rhythmus des Lebens. Die Zeit dazwischen, unsere Lebenszeit, ist dann gefüllte und vertane oder verlorene Zeit, ist die Zeit des genutzten Augenblicks (Carpe diem!) und der verpassten Chancen und Möglichkeiten, ist die uns von Gott zu bemessene Zeit für uns ganz persönlich und ganz individuell. Es ist die Zeit des Anfangs und die Endzeit unseres persönlichen Lebens.

Das klingt nüchtern oder traurig, aber auch beruhigend und tröstlich, je nach Gefühlslage und individueller Situation. Und es gilt für alle Menschen, für alle Geschöpfe auf dieser Erde. Und wie wunderbar philosophisch und tröstend schreibt und verkündigt dies der Prediger Salomo. Die Zeit als Tröster und Seelsorger für die Lebenden, Sterbenden, Toten und das Leben in der kommenden Welt.
Alle Zeit ist Gottes Zeit und Gott zeigt sich in der Zeit und für die Ewigkeit. Die nächste Stufe, die unsere Zeitvorstellungen und Raumvorstellungen transzendiert, also überschreitet, ist die Ewigkeit.
Darüber haben wir eine Ahnung oder Vorstellungen.
So lautet die vom Prediger so wunderbar beschriebene Weisheit. Alles im Leben hat seine Zeit und Stunde und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Zeit und seinen Ort.
15 Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

Und die dazwischen gesetzte und gegebene Zeit ist von Gott für uns und unsere Angehörigen bemessene Lebenszeit.
Heute erinnern wir uns in diesem Gottesdienst an die Zeit, die Lebenszeit und Schaffenskraft, die Liebe und die schönen Erinnerungen, die wir mit unseren Verstorbenen Angehörigen hatten.
Bestimmt auch das Schwere und Belastende, das wir mit ihnen teilen mussten. Es ist auch die Zeit, ihnen im Gebet mitzuteilen, dass sie uns fehlen. Manchmal schrecklich und unwiederbringlich fehlen.
Wir hatten Zeit des Weinens und der Trauer, aber auch der Freude und des Glücks mit unseren Verwandten. Mit Vater, Mutter, Ehemann und Ehefrau, mit Bruder und Schwester. Wir hatten Höhen und Tiefen mit Ihnen, anstrengende und wunderschöne von Gott geschenkte Zeit. Auch die Zeit heilt Wunden, nicht alle Wunden, denn es bleiben auch Vernarbungen auf der Seele. Aber Narben sind keine Wunden mehr, die schmerzen. Hier hilft die vom Prediger so von Gott bemessene Zeit.

Wir hatten schöne Zeiten mit unseren vermissten und um sie trauernden Verwandten. Sie fehlen uns.

Wir liebten, klagten, weinten, herzten, tanzten, schrien.
Wir suchten, behielten, schwiegen, beteten, stritten, klagten und mühten.
Wir sahen ihre innere und äußere Schönheit und teilten ihre Gedanken, wir kannten ihre Ängste und Nöte, auch ihre Abgründe und charakterlichen Ecken und Kanten.
Wir litten unter und mit ihnen und wir freuten uns über und mit ihnen.
Wir liebten ihr Lächeln und ihren unbändigen Stolz, ihren bahnbrechenden Charme und ihre Betörungskünste.
Das fehlt uns.
Es fehlt uns die Hand, die hält und streichelt, die beruhigt und die verantwortungsvolle Fürsorge.
Das fehlt uns und das ist manchmal zum Weinen und Schreien.
Es fehlen die Worte, der Klang der Stimme und die Tiefe der Liebe und Zuneigung.
Das ist bitter und sie fehlen uns.
Doch wir ließen und mussten sie gehen lassen.
Sie sind hinübergegangen in die andere Welt, wo kein Schmerz und kein Schrei und kein Wehklagen mehr ist.
Wo Gottes unendliche Liebe und Freiheit herrscht.
Dort gibt es keinen Anfang und kein Ende, sondern nur die Ewigkeit des Augenblicks und die Existenz und das ewige in Gottes Reich und im religiösen Himmel.
Denn: dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, beten wir. So ist es und wird es sein und so war es.

Und mit dem Prediger:
Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun.

Und noch eines bleibt neben Gottes Ewigkeit:
Unsere Erinnerung und unsere Liebe.
Die Erinnerung ist die Tür zur Ewigkeit. Sie ist unser mächtiges Instrument, den Tod zu besiegen und sich von seiner Last zu befreien.
Sie generiert und hält die Liebe bis zum Wiedersehen im Himmel.
Die Erinnerung überschreitet mit der Vorstellung der neuen Welt, dem Jenseits, Zeit und Raum. So wie die Liebe Zeiten, Räume und Welten durchschreitet.
Und wenn wir das verarbeiten und als Stärke für unsere Psyche und Seele als Wissen einbauen, dann kann das uns auch frei machen, endgültig loszulassen und zu akzeptieren, dass der Verstorbene nicht mehr physisch da ist.
Aber ist und bleibt ewig in der Erinnerung.
Die Erinnerung ist ein mächtiges Instrument, eine von Gott für uns bestimmte Tatsache, die Zeit und Raum durchschreiten kann.
Liebe Schwestern und Brüder, der Tod nahm und nimmt uns zwar die, die wir lieben und die wir auch noch bräuchten, aber er tötet nicht unsere Erinnerung und unsere Liebe für sie. Das ist eine Tatsache.
Der Tod nimmt uns nicht die Liebe.
Die Erinnerung ist eine mächtige innere Kraft und Stimme, die über den Tod hinaus wirkt.
Und wenn diese Erinnerung mit Liebe und sehnsüchtigem Trennungsschmerz verbunden ist, dann ist der Sieg der Liebe garantiert, denn die Liebe ist stärker als der Tod wie es im hohen Lied der Liebe heißt.
Jemanden lieben oder ihn geliebt zu haben heißt, sich an ihn zu erinnern.
Und die Erinnerungen an die gemeinsame geschenkte Lebenszeit, das Glück und die Freude der Liebe und Partnerschaft,
das Glück und die Freude der Elternschaft oder an den Enkeln oder die Dankbarkeit für die Liebe und Fürsorge durch die verstorbene Oma oder den Opa gehen tief und bleiben. Wer will sie uns nehmen?!
In unseren Gedanken und Erinnerungen dürfen und können wir uns frei bewegen. Und nicht nur im Sinne schwelgerischer und verklärender Erinnerungen unserer geliebten, aber verstorbenen Angehörigen, auch ihre Ecken und Kanten, ihre charakterlichen Unebenheiten und das Schwere und Anstrengende werden uns bewusst bleiben.
Doch die langmütige Liebe bleibt geduldig und das menschliche Gedächtnis bewahrt meistens das Gute. Man findet seinen Frieden mit den Ecken und Kanten der Verstorbenen. Die Liebe verzeiht auch manche Ungerechtigkeit. Liebe und Zeit heilen auch Wunden und Schmerzen, denn die Liebe ist stärker als der Tod.

Und manchmal, nämlich dann, wenn man nicht die Chance bekam oder wenn man sie verpasste, sich mit jemanden auszusöhnen, dann bleiben auch Bitterkeit und ein schlechtes Gewissen.
In diesem Fall kann ich nur den eindringlichen Rat geben, das Versäumte an anderen Menschen versuchen wieder gut zumachen.
Liebe sucht sich auch neue Wege.
Die Liebe hört nie auf und auch die Erinnerung an die Liebe, die wir von unseren Verstorbenen empfangen haben.
Nochmals: Dabei spricht der Tod aber über unsere christliche Existenz nicht das letzte Wort. Der Tod verliert seinen Schrecken und seine Macht durch die Gewissheit der Auferstehung.
Auch und trotz der Tod uns menschlich immer wieder neu tief erschüttert, wie jeder, der schon selbst schwer getrauert hat, leidvoll und schmerzlich berichten kann.
Natürlich werden durch die hoffende Gewissheit auf die Auferstehung Trauer, Angst, Abschiedsschmerz, Klage und manchmal sogar Verzweiflung nicht einfach weggewischt. Aber der Glaube an die Auferstehung kann jedem und jeder von uns, der oder die um einen Verstorbenen trauert und weint, genügend Kraft geben, manche Träne des Leides abzuwischen. Wobei gerade die Tränen in der Trauerzeit sehr wichtig sind, weil sie die Seele reinigen, der Trauer Kontur geben und den Schmerz lösen. Weinen löst den Schmerz und die aufgestaute Verzweiflung. Weinen reinigt die Seele und ist für einen gesunden Trauerprozess notwendig und verlangt von weniger betroffenen Angehörigen ein hohes Maß an Geduld und Sensibilität. Meines Erachtens zwei entscheidende Formen von Liebe, die immer wieder im Miteinander von Menschen eingeübt werden müssen.
Und so wünsche ich allen, die in dieser Zeit um einen geliebten Menschen trauern und weinen, dass Gott sie in ihrer Trauer tröste, ihnen gute und liebe Menschen schicke, die ihnen durch Wort und Tat wirklichen Trost und Zuspruch spenden. Menschen, die wieder Licht in das finstere Tal der eigenen Trauer bringen.
Menschen, durch die Gott alle Tränen abwischen wird. Sei es durch die Enkel oder durch das geduldige Zuhören von Nachbarn und Freunden.
Unsere Verstorbenen sind nun in Gottes Hände übergeben, wo sie jenseits unserer Zeit- und Lebensumstände durch die in Jesus Christus geschehene Auferstehung in Gottes Ewigkeit weiterleben.
Uns als Lebenden bleiben die mahnende Erinnerung und die Weisheit des Predigers, dass
Gott(er) alles schön gemacht hat zu seiner Zeit, auch er hat die Ewigkeit in unser Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
Alles hat seine Zeit!

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