Wir elenden Menschen!

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Freunde,
wenn man so einen Text hört, wird man unruhig. Worum geht es? Es wimmelt nur so von merkwürdigen Wörtern: Sünde, Fleisch. Gesetz. Und dann geht es auch noch um nichts Geringeres als Gut und Böse. Und zudem spüren wir sofort diese Spannung in allem: Da ist ein Mensch offensichtlich hin- und hergerissen zwischen zwei gewaltigen Kräften, es zerreißt ihn fast, er steckt in einem Dilemma fest.

Wenn wir jetzt einmal nicht gleich auf die merkwürdigen Wörter eingehen wollen: Einen Satz haben wir vielleicht sofort verstanden: „Das was ich tun will, das tue ich nicht.“
Tatsächlich, das gibt es. Bis heute und auch bei mir. Es gehört zu den seltsamen Eigenheiten des Menschen, dass das tatsächlich geht. Er tut etwas, das er gar nicht tun will. Er hat etwas begriffen, findet es richtig und gut. Und macht es trotzdem nicht. Ja, nicht nur das, er tut sogar genau das Gegenteil. Obwohl er weiß, dass es falsch ist. Dass es ihm und anderen schadet, eben weil es nicht das Gute ist, sonders die andere, die schlechtere Variante.

Beispiele? Fangen wir harmlos an:
Es ist selbstverständlich gut und richtig, ja die beste Variante, sich im Blick auf den Abgabetermin der Arbeit regelmäßig, also jeden Tag dranzusetzen. Jedes Mal nicht lange, aber eben kontinuierlich. So kommt man voran, kann aber auch noch was anderes, Entspannendes und Schönes tun – und hat doch genug Zeit. Und am Ende wird man das bestmögliche Ergebnis erzielen.

Das weiß jeder. Und was tut jeder (oder fast jeder)? „Eigentlich müsste ich heute anfangen, na klar. Aber eigentlich reicht morgen auch noch. Es ist ja noch viel Zeit…“ Und morgen gibt es etwas Wichtigeres zu tun und übermorgen auch. Und plötzlich ist die Zeit knapp und weil sie knapp ist, wird die Sache jetzt schwierig („Wie soll ich das schaffen…!“) und weil sie schwierig geworden ist, hat man auch gar keine richtige Lust mehr, mit ihr anzufangen. Und weil man keine richtige Freude mehr an der Sache findet, bleibt sie nun erst recht liegen. Und gegen Ende, sie muss ja doch getan werden, da rafft man sich unter großem Seufzen und innerem Grollen zu einem Gewaltakt auf. Und erledigt die Sache unter hohem Druck und mit dem Einsatz aller Kräfte. Da wird dann eben die Nacht zum Tag gemacht. Dabei, so haben wir es im Theologischen Seminar gelehrt bekommen, ist doch die Nacht vor der Predigt zum Schlafen da…

Ein harmloses Beispiel. Das diese seltsame unsichtbare Kraft beschreibt, die „Aufschieberitis“, die uns aufgeklärte, mündige und selbstbestimmte Menschen im Griff hat und mit uns macht, was sie will. Und am Ende ist das Ergebnis natürlich dementsprechend. Hätte besser sein können, wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, so denken wir. Und sind eigentlich unzufrieden mit uns selbst. Und entschuldigen dennoch unsere Niederlage mit souverän klingenden Sätzen wie „Ich kann am besten unter Druck arbeiten!“.

„Wir sind nicht Herr im eigenen Haus…!“, dieser Satz ist erst hundert Jahre alt und stammt aus der damals entstandenen wissenschaftlichen Psychologie. Und der ist schon nicht mehr ganz so harmlos. Der gute alte Siegmund Freud sah uns als Sklaven unserer Triebe. Essen, Schlafen und Sex. Dem ordnet sich alles scheinbar Zivilisierte unter. Auch der Verstand, der bis dahin als Sitz unserer menschlichen Würde verehrt wurde.

Der Bauch kommt vor dem Kopf!? Und um es noch weiter zuzuspitzen: Der Mensch tut nicht nur nicht das, was gut ist, obwohl er weiß, was gut ist. Er entscheidet sich dann wider besseres „vernünftiges“ Wissen für die schlechtere Variante. Sehenden Auges sucht er letztlich die Zerstörung und den Tod.

Wieder ein relativ einfaches Beispiel: Da gibt es kleine Schachteln auf denen steht schwarz auf Weiß: „Rauchen ist tödlich!“ Und dennoch wird diese Schachtel millionenfach gekauft und ihr Inhalt in Rauch und Genuss umgesetzt.
Ernster wären die Beispiele, die uns daran erinnern, dass wir mit unserem blauen Planeten auch nicht anders umgehen.
„Das Gute, das ich kenne, von dem ich weiß, das tue ich trotzdem nicht…“

Das Lebenerhaltende, dass uns in unzähligen wissenschaftlich fundierten Studien vorliegt, die Aufforderungen, wie wir uns verhalten müssen, damit auch morgen noch Leben auf der Erde möglich ist, erreichen uns Tagaus Tagein. Wir wissen, was zu tun ist und doch: wir tun es nicht. Oder erst dann, wenn es schon zu spät ist.

Das Ehepaar kommt, wenn überhaupt, erst in die Beratung, wenn die Beziehung nicht mehr zu retten ist.
Für die Stadt New York liegen seit Jahren Pläne zum Schutz der Küstenstreifen vor einer Sturmflut vor, aber deren Umsetzung würde viel Geld kosten und außerdem den begehrten Baugrund verkleinern. Also lebt man lieber auf Risiko. Es wird schon trotzdem irgendwie gehen.

Und immer kommt dann der Tag, an dem es nicht mehr irgendwie geht. Wo die Rechnung für Versäumtes, für das Handeln wider besseres Wissen, präsentiert wird. Und immer ist dieser Tag bitter und voller Trauer. Weil der Tod die Macht übernommen hat.

Wir elenden Menschen, wer wird uns erretten?
Liebe Gemeinde, liebe Freunde, davon handelt der schwierige Predigttext. Diese seltsamen Worte: Sünde, Fleisch, Gesetz.
Man könnet auch sagen: Dummheit und Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit und schnelle Lösungen. Triebe und Süchte. Oberflächlichkeit und Verdrängungsmechanismen. Und das alles nicht sporadisch, sondern immer. Und nicht auf besondere Menschen beschränkt, sondern auf alle zutreffend.
Wir elenden Menschen!

Nie waren wir so klug wie heute. Nie kannten wir die komplexen Zusammenhänge unseres Seelenleben und der gesellschaftlichen Fragestellungen besser. Nie zuvor waren wir so gebildet, so informiert, so vernetzt, so wichtig, so selbstwirksam. Und dennoch, unbegreiflich, ist es noch immer so, wie es im Römerbrief steht: Da wohnt eine Macht in uns, der wir nicht die Tür weisen können. Macht sich breit und vernebelt uns Herz und Sinn. Und bringt uns dazu, genau das, was wir nie tun würden, weil es dumm und schädlich ist, zu tun.

Nie zuvor wussten Menschen besser, was gut für sie ist. Wir könnten ohne Unterbrechung ein Ratgeberbuch nach dem anderen lesen – zu allen Bereichen unseres Lebens und tun trotzdem nicht, was wir wissen.

Und wir Christen, liebe Gemeinde, die wir das Bibelbuch hochhalten und wissen, dass in ihm geradezu göttliche Wahrheit aufscheint, wir lesen es nicht einmal mehr regelmäßig. Und haben unsere selbstbewussten Entschuldigungen: „Kenne ich doch schon alles!“ oder „Ist so schwer zu verstehen – damit muss ich mich bei Gelegenheit mal grünlicher befassen, mit Zeit…“.

Wir elenden Menschen, wer wird uns erlösen, retten, befreien?
Wer wird uns ausklinken aus dem unsichtbaren Zugseil, das uns regelmäßig in die falsche Richtung zieht. Wer wird uns unsere Blindheit nehmen, wenn wir nicht hinschauen wollen, die Augen verschließen, vielleicht den Kopf in den Sand stecken. Wer befreit uns von unserer Krankheit zum Tode, von diesem Virus der Unverantwortlichkeit, des Sich-gehen-Lassen, des Sich-hinreißen- Lassen, wer rettet uns vor unserem falschen Leben?

Dass wir für unser Tun und Lassen verantwortlich sind, haben wir ja noch nicht ganz vergessen. Dass alles, was wir entscheiden und oder nicht entscheiden Folgen hat, das ist jeden Menschen mindestens insgeheim klar.

Gottgläubige Menschen wissen zudem, dass es da noch einmal eine Instanz geben wird, am Rande der Zeit, und zugleich in jeder Sekunde unserer Lebenszeit – wo wir gefragt werden: „Was hast du getan? Habe ich dich nicht wissen lassen, was gut und richtig ist? Du bist klug, du konntest dich bilden, du weißt Bescheid. Was hast du getan?“.

Paulus schreibt im Römerbrief über Seiten hinweg davon, dass es im Angesicht dieses Richters über unser Leben kein Entrinnen und keine Entschuldigung für uns gibt. Natürlich könnten wir uns verteidigen: Die Dummheit war’s, nicht ich! Die Bequemlichkeit. Die Umstände, die Anderen. Und doch wissen wir es genau: Ich war es. Ich.

Wenn ich aber gar nicht Herr im eigenen Haus bin, wie kann ich dann trotzdem verantwortlich sein? Wenn ich diesen irreversiblen Webfehler mit mir herumtrage, wie sollte ich mich da anstrengen, so zu leben, dass ich auch tue, was gut und richtig ist. Statt Leben zu zerstören, Leben zu befördern? Ja überhaupt selbst am Leben zu bleiben, als Mensch?
Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen?

Paulus fängt an dieser Stelle an, den Namen Christus ins Spiel zu bringen. Er sagt nicht: „Jesus ist die einfache Antwort!“. Er dankt Gott für Christus und nennt ihn unseren Herrn.
Und das ist er ja auch. Für uns und für jeden, der ihn an seiner Seite haben will. Was wird dadurch anders?

Herr klingt nach Herrschaft. Er bringt also noch eine andere Macht ins Spiel. Die Kräfte, die uns zerreißen, bleiben. Wir erledigen unsere Aufgaben weiterhin nicht so gut, wie wir sie hätten erledigen können. Aber nun können wir uns Gott nicht mehr als den strafend dreinblickenden Oberstudienrat vorstellen, der uns die Arbeit unseres Lebens mit einem „Ungenügend“ zurückgibt, am Tag der Prüfung, am Tag der Abrechnung, an dem Tag, an dem die Ergebnisse zählen.

Jetzt steht uns ein Mensch gegenüber, wie wir, mit Wunden an Händen und Füßen. Und er überrascht mit ganz anderen Worten:

„Es hätte immer besser sein können, aber du hast es gut gemacht. So gut, wie möglich. Und wenn es Morgen doch noch einem weiteren Tag Leben für dich gibt, dann traue ich dir zu, dass du es noch ein bisschen besser kannst. Das Lernen hört nie auf. Das Lernen am Erfolg und an den Fehlern. Geh deinen Weg, gib dein Bestes. Und ich kann dir auch dabei helfen, wenn du möchtest.“

Oder auch so:
„Der Webfehler bleibt. Den nehme auch ich dir nicht weg. Er gehört zu dir. Schau ihn dir an. Vielleicht wagst du es, ihn anzuschauen, wenn ich dir dazu Mut mache. Verschweige nichts mehr. Wende nicht mehr verschämt den Blick ab. Und hör mit den coolen Sprüchen auf. Stehe zu dem, was du nicht hast, nicht kannst, nicht bist. Für mich spielt das keine Rolle. Ich liebe dich ja nicht dafür, dass du alles richtig machst. Sondern um deiner selbst willen.“

Liebe Gemeinde, das wäre fast so etwas wie ein Hausaufgabe: Wenn Christus in meinem Leben neben mir steht, was bedeutet dann seine einzigartige Art, mit mir umzugehen für die Mächte, die mein Haus und unseren Planeten belagern? Und uns letztlich unglücklich machen. Mir und anderen das Leben abwürgen? Was bedeutet seine Gegenwart, nicht nur am Ende aller Zeiten, sondern in jeder Sekunde eines gewöhnlichen Lebens hier und jetzt?

Wie könnte ich dann leben?

Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!

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