Mein Blick in den Spiegel – Gottes Blick auf uns

„Wer nicht hören will, muss fühlen“ dachte sie noch bei sich…
Wie oft hatte sie in den letzten Wochen gesagt: fass die Herdplatte nicht an, sie ist heiß, du kannst dich verbrennen.
Immer wieder hatte sie es vorgemacht: die Hand rangehalten, mit laut verzogenem Gesicht „Aua“ gesagt und den Kopf geschüttelt, die Hand ihrer Tochter genommen und in die Nähe der Herdplatte geführt, damit sie die Wärme spürt…
Und nun hat die Kleine doch raufgespatscht und sitzt erschrocken und schreiend in der Ecke und weiß gar nicht, wie ihr geschieht…
Bei allem Mitleid – es tut einem ja schon beim Zuschauen weh – was soll man denn noch mehr machen, als immer wieder vor der Gefahr warnen, auf die Gefahr hinweisen, Verbote aussprechen.
Vielleicht hat sie es jetzt ein für alle Mal gelernt!
Mit gebührendem Abstand mag man über diese Szene schmunzeln und erinnert sich vielleicht an die eigenen Kinder und an so manches schmerzhafte Missgeschick vor dem man doch eigentlich lange genug und eindringlich gewarnt hatte – vergeblich… die schmerzhafte Erfahrung musste gemacht, vor ihr konnten die Kinder nicht geschützt werden, so gut man es mit ihnen auch meint. Manche Erfahrungen müssen gemacht werden, damit Kinder sie glauben und wir können sie oft genug nicht vor den Erfahrungen bewahren, die für uns so mühselig waren und von denen wir denken: das muss doch nun wirklich nicht sein….
Oder etwa doch ? Denn so sagt doch der Volksmund: das Gegenteil von „gut“ ist nun mal „gut gemeint“ also letzten Endes doch „schlecht“…
Und selbst geht es ja nicht viel anders.
Von wie vielen Dingen wissen wir, dass sie nicht gut sind und tun sie doch.
Auf jeder Zigarettenpackung steht deutlich und unübersehbar: „Rauchen ist tödlich“ – aber Hand aufs Herz, oft ist das Verlangen stärker als die Angst, die einem so gemacht wird…
Der Arzt hat es mir es oft genug gesagt: kurze Wege lieber zu Fuß gehen, weil Bewegung die beste Medizin ist…
Aber ist es draußen so ungemütlich, so feucht, so grau und mit dem Auto geht es doch viel schneller
Jetzt könnte ich noch mit der Schweinshaxe weitermachen, oder dem Fernsehprogramm, bei dem ich wieder einmal die halbe Nacht versacke und den Schlaf verpasse. Da sind wir großen nicht besser als die kleinen: wer nicht hören will, muss fühlen oder wer es nicht besser haben will, muss eben die Konsequenzen tragen.
Mag es nun der innere Schweinehund, vielleicht die Bequemlichkeit oder schon die krankhafte Abhängigkeit sein, die mich mehr trinken oder mehr rauchen lässt, als mir eigentlich gut tut.
Ich weiß alle Mal, dass es besser wäre…
Vielleicht merken sie: was so verschroben, so kompliziert oder abstrakt als Predigttext daherkommt, ist eigentlich das pure Leben und nichts weniger als der nackte Wahnsinn, vielmehr der wahre, lebensechte Alltag:
Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen, kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich (Römer 7, 18f).
Worüber ich im Alltag leicht schmunzeln kann, was ich gut mit einem Handstreich wegwischen und ignorieren kann, ist doch eigentlich nur die Spitze eines Eisberges, eine Wahrheit über uns Menschen, die nur oberflächlich komisch, eigentlich vielmehr todernst ist:
So sehr einzelne Menschen in der Welt auch das Gute in Person verkörpern, so sehr wir uns an Idolen und Vorbildern ausrichten können, wir taugen nur begrenzt als Vorbild und scheitern immer wieder an den Unzulänglichkeiten unserer eigenen Persönlichkeit. So sind wir nun einmal gestrickt, dass wir nicht automatisch tun, was sich uns als gut und richtig erschließt. Und glauben sie mir: das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben.
Diesen Konstruktionsfehler kann keiner durch ein Update oder Upgrade beheben, wahrscheinlich lässt sich auch nicht entschlüsseln, wo dies in unseren Genen festgeschrieben ist.
Das mag manchen in seinem Bild von den Menschen und ihrem positivem Entwicklungspotential erschüttern, ich empfinde diese Ernüchterung als hilfreich und entlastend, weil ein für alle Mal deutlich wird: so sind wir nun einmal und zwar alle miteinander und ohne Unterschied…
Paulus schreibt eigentlich von nichts anderem als von diesem Webfehler, von diesem Zustand, von dieser Seite unseres Menschsein in unserer Beziehung zu uns und unserem Leben und zu Gott und nennt ihn schlichtweg: Sünde
Da ist noch gar nicht von Moral, von erhobenem Zeigefinger oder ähnlichem die Rede, vielmehr von dieser wiederkehrenden Enttäuschung und der damit einhergehenden Verzweiflung, es wieder einmal nicht geschafft zu haben.
Was im Römerbrief so umständlich erklärt und begründet wird, ist nichts anderes als die Alltagserfahrung wider besseren Wissens Dinge zu tun, die nicht gut tun, die nicht dem Frieden dienen, die nicht zur Versöhnung beitragen, oder lediglich meine Gesundung und Heilung verzögern oder gar verhindern.
Das sagt uns unser Gefühl oder unser Verstand, das wissen wir seit Kindertagen, und dennoch: das Wollen habe ich wohl, aber das Vollbringen…
Eine Weisheit der anonymen Alkoholiker: nur das erste Glas stehen lassen – also nicht zu großes, zu vieles vornehmen, das unmögliche gelingt dann hoffentlich eher von allein und nebenbei…
So weit, so klar , so wahr.
Jetzt könnte man fragen: woran liegt das und: warum kann der eine besser damit umgehen als die andere?
Ich habe keine andere Antwort darauf, als dass es eben zu unserer Begrenztheit und Unvollkommenheit als Menschen gehört, dass wir – wieder mit Paulus gesprochen – allzumal Sünder sind und eben nicht alles alleine auf die Reihe bekommen.
Die Spielregeln jedenfalls, die Ratschläge und Erfahrungen der Eltern, die Mahnungen der Ärzte und Einflüsterungen meines Verstandes, der sich manchmal zu Worte meldet, sind nicht schuld daran.
Spielregeln, ein Verhaltenskodex, gesellschaftliche Verabredungen sind notwendig, wo das Zusammenleben gestaltet werden muss und gelingen soll; das Böse will in Schach gehalten werden, damit es sich nicht unbegrenzt ausbreitet.
Wieder mit Paulus: das Gesetz ist eine gute Gabe Gottes, es dient dem Leben und es regelt unser Verhältnis unter einander und zu Gott, aber es kann nicht alles wettmachen und ausbügeln.
Das sagt sogar einer, der überzeugt ist, im Gesetz vollkommen zu sein: eben der Apostel Paulus.
Er will das Gesetz nicht abschaffen, wie man es ihm unterstellt hat; er will es nicht klein machen, wie man ihn missverstanden hat; er ist weder Moralapostel um der Moral willen, noch Libertinist, dem alles nach dem Lustprinzip erlaubt oder für den alles beliebig ist. Er ist Realist, kennt und weiß um Grenzen und Möglichkeiten des Menschlichen. Er wirbt um den nüchternen und realistischen Blick, um damit klarzumachen, dass wir uns nicht vergeblich vor Gott abmühen müssen, um in einem besseren Licht dazustehen, als es uns eigentlich zukommt, was ein durch und durch vergebliches Bemühen und eine vergebliche, nutzlose Einbildung wäre, als hätten wir uns vor Gott, was einzubilden!
Gott kennt meine engen Grenzen, er sieht mich, so wie ich bin.
Warum sehe ich mich dann nicht genauso nüchtern und realistisch? Aber er sieht mich zugleich wie ein Liebender an, für den auch das Unvollkommenste nichts anderes als vollkommen schön sein kann, zumindest in den Augen der Liebe. Das ist der Blick Jesu auf mein, auf dein Leben, auf unser Leben. Ein Blick, der Mut macht, Gottes Sicht auf uns auszuhalten und am Ende selber einen Blick in den Spiegel zu wagen. Denn das Gesetz ist vor allem solch ein Spiegel, der mich zeigt, wie ich bin, was mir alles nicht gelingt.
Im besten Sinne des Wortes sind die Gebote und Weisungen Gottes ein Beichtspiegel, der mir meine Geheimnisse enthüllt. Und darüber hinaus zeigen sie mir trotz allem in meiner Orientierungslosigkeit auch noch die Richtung an und sorgen dafür, dass das Chaos in uns und um uns nicht die Oberhand gewinnt.
Deswegen klingt, was als Predigttext auf den ersten Blick, beim ersten Hören so ernüchternd begonnen hat, auch so singend und klingend aus: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn! (Vers 25a)
Amen

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