Dank sei Gott

„Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, dass das Gesetz gut ist. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.
Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? –
Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“
Liebe Gemeinde,
Gesetz – Sünde – Geist – Fleisch – Gut – Böse. Sechs Stichworte, die diesen Text prägen. Gewichtig und etwas verwirrend kommt uns dieser Abschnitt entgegen. Ich vermute Ihnen ergeht es wie mir beim ersten Lesen: Es bleiben nur wenige Eindrücke hängen. Und nicht einmal diese wird bei uns allen gleich sein. Sehen wir uns also die einzelnen Argumente noch einmal genauer an.
Bei mir ist als erstes der Satz hängen geblieben:
Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
Das ist, glaube ich, eine Erfahrung, die Sie alle kennen. Ich weiß genau, was angemessen und gut ist – für mich und für die Menschen neben mir – und doch schaffe ich es nicht, das umzusetzen.
Das fängt bei ganz einfachen Dingen an. Immer größer wird der Ballast, den ich in meinem Leben ansammele. Dringend müssten Regale und Dachboden entrümpelt werden – stattdessen kommt immer noch mehr hinzu.
Regelmäßiger Sport, mehr Zeit für meine Frau oder für Freunde – die Liste der Dinge, die meinem Leben gut tun würden ist lang. Und doch bleibt vieles liegen.
Noch schwieriger wird es, wenn ich nicht nur die Dinge in den Blick nehme, die mir gut tun, sondern auch die, die meinen Mitmenschen weiter helfen. Meine Eltern warten schon lange, dass ich mal wieder einen Besuch möglich machen kann. Ökonomische und Ökologische Verstrickungen binden die Menschen mittlerweile weltweit eng zusammen. Ein Hurrikan in den USA bremst auch unsere Wirtschaft. Ein T-Shirt, das ich günstig erstehe, ist vielleicht in Indien oder Taiwan durch Kinderarbeit hergestellt worden. Lebensmittel, die ich jahreszeitlos im Supermarkt kaufe, wurden womöglich auf dringend benötigten Ackerflächen in Entwicklungsländern produziert. Aber auch die Landwirte bei uns leiden darunter, dass die Konzerne ihnen Preise aufzwingen, zu denen gute Nahrung nicht produziert werden kann. Mit jedem Einkauf, bei dem ich auf jeden Cent Preisvorteil achte, trage ich weiter zu dieser Spirale nach unten bei. Von dem Unsinn, Lebensmittel zur Energiegewinnung zu verwenden, mal ganz abgesehen.
An vielen Stellen haben wir die Möglichkeit, uns anders zu entscheiden – für bewusstes Einkaufen, weniger Auto fahren und heizen. Wir könnten uns unsere Zeit ganz anders einteilen – auf die xte Wiederholung im Fernsehen verzichten und dafür jemanden besuchen zum Beispiel. Bei allem Bemühen ertappe ich mich aber doch immer wieder dabei dem alten Muster. Bequemlichkeit, der Wunsch mit dem zur Verfügung stehenden Geld mehr zu erreichen oder schlicht mein Unwissen führen dazu, dass ich das Gute, das ich tun will, nicht tue.
An dieser Stelle bringt Paulus das Gesetz ins Spiel. In einer für ihn ganz ungewohnten Formulierung schreibt er, dass das Gesetz gut ist. Es ist geistlich.
Es freut mich, wenn Sie jetzt verwundert aufsehen. Das ist ungewöhnlich. Sonst lesen wir immer davon, dass das Gesetz durch Jesus überwunden ist.
Paulus schreibt hier: Das Gesetz ist gut. Es zeigt mir auf, was ich falsch mache. Je genauer ich alle Regeln und Gebote der Bibel kenne und je besser es mir gelingt, diese auf unsere Gegenwart zu übertragen, desto klarer werden mir meine Grenzen.
Ich bekomme durch das Gesetz ein klares Bild dessen, was gut und richtig ist. Und wenn ich Nächsten- und Feindesliebe verinnerlicht habe, wird es mein Leben in eine gute Richtung leiten. Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist – schreibt schon Micha im Alten Testament.
Mittlerweile wissen wir, dass selbst die manchmal abstrus erscheinenden Speisevorschriften der Mosebücher im Kontext des Alten Orients sinnvoll waren, um das Leben im Grenzland von Wüste und Kulturboden überhaupt möglich zu machen. Dort Tiere zu züchten, die mehr Energie verbrauchen als sie nach dem Schlachten liefern, führt zum Tod oder mindestens zum Hunger. Mit dem Verbot von Schweinefleisch schafft die Religion eine Begründung für das ökologisch und ökonomisch Gebotene.
Wenn ich mir Jesu Blick auf die Schwächsten zu eigen mache, kann ich die Probleme anderer nicht übersehen. Auch nicht die Aspekte meines Handelns, die dazu beitragen, dass die Strukturen so bleiben wie sie sind. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst- so fasst Jesus das Gesetz knapp zusammen
Das Gesetz bildet die Welt so ab, wie sie sein könnte. Darin ist es gut.
Nun kommt aber die Kehrseite: Die Bibel nennt sie Sünde. Es ist die Kluft, die mich von Gott trennt. Auch sie hat mit dem Gesetz zu tun. Nicht umsonst hat Luther bei dem Versuch, das Gesetz genau zu befolgen, die entscheidenden Erkenntnisse für die Reformation gewonnen. Je genauer, je intensiver ich mein Leben nach Regeln und Gesetzen ausrichte, desto mehr entferne ich mich von Gott. Mein Versuch, alles in die Hand zu nehmen, macht mich blind für die wichtigste Nachricht: Ich bin bei Gott angenommen. Das Gesetz ist nicht Bedingung für gelingendes Leben, sondern die Beschreibung dessen, was Gott dieser Welt schenken will, wenn wir uns nur von ihm führen lassen.
Wie ein Gefangener fühlt sich Paulus. Er kann nicht aus seiner Haut.
Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?
Das Gesetz beschreibt das Ziel und hindert mich zugleich daran, das Ziel zu erreichen. Es ist wie eine lange Sackgasse. Je weiter ich diesen Weg voran gehe, desto tiefer bin ich darin gefangen. Dabei wartet das Licht am anderen Ende:
Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“
Durch Jesus Christus haben wir das Gesetz im Rücken und dürfen auf die offene Seite der Sackgasse zugehen. Gott will uns gelingendes Leben schenken. In aller Freiheit dürfen wir es genießen. Das passende Handwerkszeug haben wir im Rücken. Wir müssen uns nur von Gott leiten lassen. Wenn wir auf seine Vergebung vertrauen, können wir jeden Tag neu anfangen. Nicht das Scheitern wird dann im Vordergrund stehen, sondern seine Verheißung einer erfüllten Welt. Als Bild dafür werden wir gleich miteinander das Abendmahl feiern. Gott nimmt alle Schuld von uns. Er ruft in den gemeinsamen Kreis an seinem Tisch, in dem alles was uns trennt, unwichtig wird.
Kommt herbei, singt dem Herrn, der uns befreit. Amen.

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