In der Welt, nicht von der Welt

Wie ich sehe, haben alle daran gedacht, die Uhren umzustellen, bei manchen geht das vielleicht schon automatisch. Also ab heute gilt eine neue Zeitrechnung. Aber keine Sorge, ist ja nur für ein halbes Jahr.

Die Empfänger des Briefes, den ich eben verlesen habe, haben damals auch ihre Uhren umstellen müssen und wussten nicht für wie lange. Es war die Umstellung von der jüdischen Zeitrechnung auf die babylonische.

Betroffen von dieser Maßnahme war die Oberschicht von Jerusalem. Die Stadt hatte sich einseitig von Babylon, wohin die Steuern flossen, abgekoppelt. Für unabhängig erklärt. Daraufhin hatte Nebukadnezar, der Herrscher Babylons, ein Heer nach Jerusalem geschickt und die Muskeln spielen lassen. Der jüdische König gab klein bei. Zur Sicherheit nahm Nebukadnezar auf seinem Heimweg den Stadtrat und die besten Handwerker gleich mit. Als Pfand.

In Babylon wurden sie angesiedelt. By the rivers of babylon, where we sat down, there we wept, when we remember Zion. Kennt man von Bony M, ist aber viel alter, die Vertonung von Psalm 127: An den Wassern Babylons saßen wir und weinten. Das war die Situation.

Und nun kam Post. Ein Brief aus der Heimat. Vom Propheten Jeremia. Ich stelle mir vor, wie sich die Schar der Zwangs-Aussiedler um die beiden Postboten versammelt, den Elasa und Gemarja. Vielleicht konnten die gar nicht lesen, mussten noch einen hinzuziehen als Lektor. Die hungern nach einem geistlichen Wort. Sie erwarten vielleicht eine Durchhalteparole, eher aber noch eine Heilszusage: Bald könnt ihr wieder heim. Am besten mit dem Termin dabei. Ist ja ein Brief von einem Propheten.

Und genau das ist auch die Botschaft. Durchhalteparole plus Zeitangabe. Aber nicht wie bei uns jetzt: In einem halben Jahr scheint wieder die Sonne, alles wird gut, ihr könnt die Uhr wieder umstellen. Sondern: „Wenn für Babel 70 Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen.“

Siebzig Jahre. Das erleben wir nicht mehr. Höchstens die nächste, die übernächste Generation. Kann das stimmen? Haben nicht die Propheten, die hier bei uns sind, gesagt: Euer Aufenthalt hier ist nur von kurzer Dauer. Ihr kommt bald wieder heim. So wie es im Winter 44 die Ortsgruppenleiter den Flüchtlingen in den deutschen Ostgebieten eingeredet haben: Nehmt nur das mit, was ihr für vier Wochen braucht. Dann haben wir die Russen zurück geschlagen, und ihr könnt wieder in eure Dörfer.

Aber daraus wurde nichts. Und so kamen sie dann an, die Schlesier, hier im Sulinger Land. Konnten kein Platt, nur evangelische Kirchen. Was nun? Wir werden lange hier sein, sagten sie sich. Wir brauchen einen Ort, wo wir beten können, wie wir es gewohnt sind. Lasst uns ein Gotteshaus bauen. So entstand die Kirche Maria Heimsuchung am Schwafördener Weg. An diese Zeit erinnerte Pastor Peter Göhlich, als er uns mit den Konfirmanden durch seine Kirche geführt hat.
Und das hat der Prophet Jeremia damals auch geraten: Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte, nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen.
Nachdem der Brief verlesen ist, bekunden die Zuhörer ihr Unbehagen. Sollen wir das wirklich tun? Hier in der Fremde? Hier, wo unsere Feinde leben?

Vielleicht denkst du jetzt: Wo ist das Problem? Ein Christ soll doch seine Feinde lieben. Wie wir in der Evangeliumslesung gehört haben vorhin: Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch verfolgen. Das ist doch normal. Das ist doch der Inbegriff des christlichen Glaubens, auf den die kleine Emma heute getauft wurde. Ein Christ soll Gutes tun, sich kümmern, liebenswürdig sein zu Freund und Feind.

Schon okay. Aber zuallererst muss ein Christ doch wissen: Was ist meine Identität? Wo gehöre ich hin? Und wenn ich weiß: Ich bin ein Himmelsbürger. Ich bekenne mich zu dem Gott, der sich in der Bibel offenbart hat als Vater, Sohn, Heiliger Geist. Wie kann ich das bewahren ein Leben lang? Wie kann ich das schützen vor Einflüssen, die meinen Glauben erschüttern, in Frage stellen? Wie kann ich festhalten, was mich erfüllt. Wie kann ich mich abgrenzen gegenüber Leuten, denen nichts heilig ist?

Die Antwort der Juden, die damals nach Babylon verschleppt waren, war die gleiche, wie wir sie kennen von Migranten, die ihre Gegenkultur aufbauen und sich abschotten. Keine Zusammenarbeit. Wir ziehen uns zurück in die Wagenburg. Unsere Nachbarn in Babel interessieren uns nicht. Das sind Götzendiener. Ungläubige.

Ist das wirklich so verkehrt? Neigen wir nicht auch zu der Ansicht, wenn wir an die erfolglosen Bemühungen unserer Soldaten im Rahmen der Bündnisverpflichtungen denken, in Afghanistan, in Afrika. Überlassen wir die Leute doch einfach sich selbst. Was gehen uns deren Probleme an?
Auch im Leben der Kirche ist dieses Denken verankert. Wir haben das gerade gesungen: „Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held. Dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.“

Dieses Denken, es gibt die gottlose, böse Welt auf der eine Seite. Das sind die Menschen, die nur materielle Werte kennen. Die auf der Jagd nach Macht und Reichtum keine Rücksicht nehmen. Die sich mit billiger Unterhaltung die Zeit vertreiben, weil sie keine tiefere Freude kennen.

Und eine Gegenwelt, zu der die Menschen gehören, die es gewohnt sind zu beten, auf die Gebote achten, die nach Gott fragen und was er will. Die auf ein Leben nach dem Tod hoffen.
Und wenn wir hier, die meisten jedenfalls, uns zu diesem Bereich zählen. Oder bei allem, was uns misslingst, uns zumindest wünschen, Anschluss zu finden an diese Gruppe. In der ein Klima herrscht, das von Gottes Geist belüftet wird.
Dann ist das doch gut. Es tut uns gut, wenn wir das in uns stärken, was den Glauben fördert und vertieft. Und wenn wir uns vor dem hüten, was in eine ganz andere Richtung geht.

Nicht wahr?
Aber die Gefahr ist dann: Allzu leichten verachten wir die Welt und das Weltliche.
Was meine ich mit die Welt verachten? Sich nicht mehr dafür interessieren, wer unsere Stadt, unser Land regiert und was die für Sorgen haben. Politik generell als schmutziges Geschäft verteufeln.

Das verachten, womit die Weltleute ihre Gefühle und Sehnsüchte und Fragen ausdrücken: Theater, Malerei, Popmusik, Literatur. Sicher ist vieles davon verdorben, mit mehr Fragen als Antworten, genügend destruktiven Anteile darin.

Aber das ist kein Grund, das alles zu verachten.
Auffällig ist: Der Prophet Jeremia teilt diese Weltverachtung nicht. Er fordert dazu auf, sich weltlich zu betätigen. Weltliche Betätigung sind Dinge, die alle tun. Die vorrangig nichts mit Glauben zu tun haben:
Ein Haus bauen. Ein Feld umgraben. Schöne Pflanzen kaufen für den Vorgarten.
Sich Zeit nehmen für ein gutes Essen. Sich Zeit nehmen für Sexualität und Freude daran haben.

In vielen Gemeinden gilt das als weltlich. Man muß es tun, hat aber oft ein schlechtes Gewissen dabei. Darf ich ein Haus bauen, muß das Geld nicht in die Mission. Sieht das nicht glaubenslos aus, wenn wir sonst beten, der Herr möge bald wiederkommen. Investieren in Gemütlichkeit in und vorm Haus, ist das nicht total unwichtig. Sich schön machen für den Partner, sind das nicht Eitelkeiten?
Aber es gelingt nicht, die beiden Welten getrennt zu halten. Wir leben in diesen Strukturen. Das Fernsehen, wo wir Bibel TV gucken, sendet eben auch die Späße aus der untersten Schublade von Cindy aus Marzahn. Die Bank, die unser Geld verwaltet, handelt mit Aktien von Hedge Fonds.

Wir können der Welt nicht entrinnen. Wir können ihren Einfluss filtern, indem wir den Maßstäben der Bibel treu bleiben. Aber hüten wir uns dabei davor, daß wir die Welt verachten.
Oder ist das gar nicht deine Gefahr? Sondern eher, daß die Welt dich zu sehr vereinnahmt? Vielleicht findest Du das Leben hier in dieser Gemeinde eigentlich langweilig. Klar du tust deine Pflicht, aber eigentlich findest du das Welttreiben du viel interessanter. Natürlich darfst du diesen Gedanken keinen Raum geben, das wäre ja sündig, aber ein Abend im Filmpalast ist für dich allemal spannender als eine Bibelstunde.
Das ist es ja, was die erste Generation der nach Babel Verbannten so fürchtete: Wenn das stimmte indem Brief vom Jeremia mit den 70 Jahren, dann könnten die Enkel womöglich Jerusalem vergessen und das babylonische Treiben immer spannender finden.

Diese Gefahr besteht in der Tat bis heute. Wir entgehen ihr nicht durch mehr Verbote oder Abschottung. Sondern durch mehr Hingabe. Wenn du dich Jesus mehr hingibst, ihm deine Zeit, dein Geld, deine Zukunft ganz zur Verfügung stellst. Dann wird das Christenleben eine spannende Sache. Dagegen ist das weltliche Konsumangebot echt öde und langweilig. Dann musst du dich gar nicht mehr mühen , dich von der Welt fern zu halten, sie reizt dich eh nicht besonders. Umgekehrt, wenn dein Glaubensleben zum Pflichtprogramm absinkt, dann wird das Weltangebot immer attraktiver

Entscheidend ist die Hingabe an Jesus. Deshalb sagt Jeremia: "Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn." Wo das Gebet nicht mehr intensiv ist, da suchen wir das Beste der Stadt, aber nicht für die Stadt, sondern in der Stadt für uns: Die billigsten Sonderangebote studieren, die tollsten Abendvergnügen mitnehmen die nächsten Großkonzerte vorbuchen, was kommt demnächst an Ausstellungen…Lot war so ein Typ, er fand die besten Lebens-und Freizeitmöglichkeiten in Sodom-City.

Wo aber das Gebet intensiv ist, da suchen wir der Stadt Bestes mit der Frage: "Wie viele Gerechte mögen in Sodom sein? Wie können wir ihre Zahl vergrößern?"
Natürlich wird es in der Christenheit immer verschiedene Meinungen geben, was sich für Sodom noch lohnt. Die einen sagen: Die Stadt hat keine Zukunft und sie haben recht damit. Die andern sagen: Solange der Herr noch Gnadenzeit gibt, hängen wir uns voll rein und sie haben recht damit.
Die Welt weiß, daß die Jahre des Wohlseins gezählt sind. Die Weltkinder werden versuchen, jeder für sich das Beste dabei rauszuholen. Suche dein Bestes. Wir wollen es anders halten. Suche der Stadt Bestes. Denn mein Bestes, das muß ich nicht mehr suchen, das habe ich schon gefunden am Kreuz. Nun sollen das auch viele in meiner Stadt finden.

Wie kann das praktisch aussehen? Indem wir uns hüten, die Welt zu verachten oder zu vergöttern, dürfen wir ihr dienen an den Orten, wohin der Herr uns weist.

Denn auch für uns in Sulingen gilt:
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn. Denn wenn´s ihr wohl geht, so geht’s auch euch wohl.“ Amen.

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