Gottes Brief an dich und mich…

Ich weiß nicht, ob sie ihm die Diddl-Karte heimlich in die Schulmappe gesteckt oder richtig offiziell mit einem Lächeln überreicht hat, um ihm eindeutig/zweideutig zu verstehen zu geben, dass sie ihn mag:
„Hallo B., wie du´s vielleicht schon bemerkst hast, finde ich Dich gut. Deswegen wollte ich Dich fragen, ob wir uns mal treffen können. Falls du genauso empfindest wie ich, gib mir ein Zeichen.
Tschüss sagt K.“
„PS. Schreib bitte zurück“
Die Karte allerdings war später dick blau durchgekreuzt und quer stand geschrieben: NEIN !
Also eine vielleicht ja noch versteckte zweideutige Botschaft, ob wir uns nicht mal treffen können, die aber klar verstanden eindeutig beantwortet wurde mit einem deutlichen NEIN!
So ist das mit den Annäherungsversuchen im Leben von Teenagern: manchmal eine schmerzhafte, aber notwendige Erfahrung, über die sie meist schnell hinwegkommen, durchaus aber auch eine Erfahrung im Leben von Erwachsenen: dezente oder aufdringliche Liebesbekundungen stoßen nicht immer auf Gegenliebe.
Dabei war der Gedanke und der Weg nett: eine lustige Karte, persönlich und vor allem noch handgeschrieben… (was auch an der Zeit gelegen haben mag!)
Ich gehe gerne zum Briefkasten und freue mich über persönliches und handgeschriebenes, das mir entgegenfällt, wenn die Post durch ist und finde, dass aller technischer Fortschritt und alle sozialen Medien dies nicht völlig ausgleichen können, auch wenn ich ebenfalls häufig mal eben über E-Mail oder Facebook eine Nachricht, eine Einladung oder einen Glückwunsch rausschicke.
„Was ich dir sagen wollte, was ich dir mit auf deinen Lebensweg geben wollte,…
Was du immer wieder mal in die Hand nehmen und nachlesen kannst in den nächsten Jahren und Jahrzehnten deines Lebens,
meine Gedanken für dich, wenn ich schon nicht mehr an dich denken kann oder gar deine Erinnerung an mich verblasst ist,…
die Intensität meiner liebevollen Wünsche und Hoffnungen hat dann trotz allem nicht nachgelassen…
Sie sind festgehalten, aufgeschrieben in den Wünschen, die du in den Händen hältst…“ oder am Taufbaum oder im Konfirmationsbuch, in einer Widmung, einer Karte, einem Brief.
1997, nach meinem zugegeben sehr persönlichen Empfinden also noch gar nicht so lange her, hat die Schauspielerin Liv Ullmann internationale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens für ein karitatives Buchprojekt zu einem Beitrag eingeladen unter der Überschrift: „Briefe an mein Enkelkind“ mit der Bitte um etwas Persönliches: eine eigene Erfahrung, eigene Wertvorstellungen, formulierte Hoffnungen, Ängste, Herausforderungen oder gar Träume. wie die Welt aussehen könnte, die sie ihrem Enkelkind wünschen: ganz persönlich verfasst – und „natürlich voll Liebe“
Die Antworten auf diese Bitte sind so verschieden, wie wir Menschen verschieden sind:
„Ich bin wohl nicht in der Nähe, wenn du diese Zeilen liest, aber ich möchte Dich wissen lassen, dass ich heute morgen, als ich spazierenging, den Vollmond über den Kiefern stehen sah. Er war sehr hell und rund und voll, und es machte mich sehr glücklich, ihn zu betrachten. Eines Tages wirst Du denselben Mond sehen. Ich hoffe, dass dieser Anblick Dich dann ebenfalls glücklich macht. In Liebe, Dein Großvater, schrieb Leonhard Cohen, ein Sänger und Liederdichter aus Kanada und Astrid Lindgren schrieb eine Weihnachtsgeschichte über Susi und ihre Großmutter, die ausgerechnet zu Weihnachten krank wurde und sich um nichts persönlich kümmern konnte, aber glücklicherweise die zu allem entschlossene und fähige Susi hatte.
Und Liv Ullmann selbst ließ all diese Wünsche aus ihrem Herzen frei:
„Ich wünsche dir Hoffnung, dass du den Menschen Hoffnung schenken kannst.
Ich wünsche dir Mitgefühl. Dass du den Menschen Mitgefühl zeigen kannst.
Ich wünsche dir Frauen, die lernen sich nie zu unterschätzen (und ) dass du dich freust, dass sie weich genug sind, um sich an sie anzulehnen.
Ich wünsche dir Männer, die verstehen, dass Visionen wichtiger sind als Slogans.
Ich wünsche dir eine Welt, in der niemals ein Mann oder eine Frau eine wichtige Entscheidung fällt, ohne die Folgen dieser Entscheidung für die sieben kommenden Generationen zu bedenken.“

Briefe an ein Enkelkind..

Tragen Sie solche Briefe in ihrem Herzen?
Haben wir für Tim an diesem Morgen einen solchen Brief oder ist nicht gar dieser ganze Tag, jedes Lied, das wir singen, jedes Wort, dass wir hören oder sprechen, Teil dieses großen Briefes, der wie eine bis jetzt und immer noch unbeantwortete Liebesbekundung Gottes ist?
Die Diddlekarte war blau durchkreuzt: NEIN war da zu lesen und vielleicht sogar zu verstehen. Ich mag nicht jeden von Herzen lieben, nur weil er oder sie in mich verliebt ist.
Aber Gottes Liebesbekundung will gerade nicht unerhört verhallen oder in der Ecke oder Kinderkramkiste liegenbleiben, sondern wartet entweder auf meine Antwort oder Reaktion, die ich Glauben nennen könnte, oder will zumindest ernsthaft hinterfragt werden in den kritischen Momenten eines jeden Lebens: ob ich die Rede von Gottes Liebe und Sorge durchhalten kann und durchhalten will, wenn äußerlich doch eigentlich alles dagegen spricht. Wo ist denn nun dein liebender Gott fragt mich der beißende Spott derjenigen, die sich an meinem Schaden noch erfreuen können…
Dann nehme ich den Brief Gottes, handgeschrieben und an mich adressiert in die Hand und lese noch einmal nach, was da gerade für mich aufgeschrieben steht.
Ich finde, dass dies ein schönes Bild für die Taufe ist, die uns ja alle miteinander als Christen zu einer großen Familie, vor allem aber ein Leben lang durch alle Höhen und Tiefen hindurch bis zum Ziel der Ewigkeit mit Gott verbindet und verspricht, dass wir unterwegs uns und dieses Ziel nicht verlieren können, selbst wenn es durch das Dickicht oder den Nebeln des Lebens, den Erfahrungen, des Schicksals einmal verborgen zu sein scheint.
Gottes Brief an seine Kinder, an die Kinder des Volkes Israel auf dem Weg durch die alten und neuen Wüsten ihres Lebens, Gottes Brief an die Menschen, die sich von Jesus zum Glauben an diesen Gott rufen ließen, von einem Leben, das manche selbst als einen vielsagenden Brief beschreiben oder verstehen.
Und er hat eine Botschaft, die davon erzählt, dass jedes Leben, jeder Weg eine Zukunft hat und dass jeder Tag und jeder Weg voll Leben sein können.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist auch solch ein Brief Gottes, aus der Feder des Propheten Jeremia an die Kinder Israels im Exil oder in der Gefangenschaft, jedenfalls in einer konkreten Wüstensituation ihres Lebens als Menschen und als Volk und er lädt einfach dazu ein: das Leben zu leben, weil das Leben lebenswert und liebenswert und immer Geschenk und Herausforderung ist und bleibt – ein liebes, schweres, wunderbares, schmerzhaftes, unverwechselbares, einmaliges Leben lang: Jeremia 29, 1.4-7.10-14
Was auch immer passiert ist,
warum auch immer es geschehen ist,
wie unklar auch die weitere Entwicklung, der persönliche Weg sein mag,
wie weit auseinander Wunsch und Wirklichkeit bei einem jeden liegen mögen
(nirgends ist gesagt, dass Gott nur oder immer Gutes tut, wenn er uns all unsere Wünsche und nur diese erfüllt):
einen grundlegenden, zu Herzen gehenden, das Herz und die Hände stärkenden Wunsch sollen wir nie fallen oder liegen, sondern tief eingegraben in unserem Herzen lassen:
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.(Jeremia 29,11)
Und Gott verspricht sein offenes Herz und sein offenes Ohr und seine ausgestreckten Hände Tag für Tag, ein Leben und alle Wege lang.
Ein Brief handgeschrieben
und an dich und mich adressiert,
sichtbar und hörbar geworden in dem Brief, den Tim; heute und hier getauft, erhalten und geschenkt bekommen hat.
Persönlich ausgehändigt, nicht heimlich in den Schulranzen gesteckt, eine Liebesbekundung der ganz besonderen Art und mit einer Botschaft – wir haben es gehört – die nicht heute Mittag schon erledigt ist, sondern unsere Hände und Herzen ein ganzes Leben lang bewegen kann und will, wenn wir anfangen der Stadt, also der Orte unseres Lebens, Bestes zu suchen.
Was machen wir damit?
Lassen wir uns diese Liebesbekundung zur Hoffnung, zur Freude, zur Stärke und zum Licht werden, wie Jesus Christus, der versprochen hat bei uns zu sein und bei uns zu bleiben alle Tage bis an der Welt Ende.
Amen

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