Gedanken des Friedens

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und liebe Freunde,
unsere Freiheit ist uns ein hohes Gut: Sich zu jeder Zeit frei bewegen können, die eigenen Möglichkeiten ins Spiel bringen, tun und lassen, was man selbst für richtig hält, ein modernes und selbstbestimmtes Leben eben.

Geradezu allergisch reagieren wir auf alles, was unsere Möglichkeiten einschränkt. Da genügt schon der Schnee, der in unsere Pläne einbricht und mit seinen Flocken unsere Termine durcheinanderwirbelt: Die Winterreifen sind noch nicht drauf, die Dahlien sind noch in der Erde und das Fußballspiel, auf das ich mich so gefreut habe, ist abgesagt worden.

Wenn die Freiheit an ihre Grenzen kommt, dann ist das schmerzlich. Und je mehr wir selbst mit unserem Leben davon abbekommen, umso schmerzlicher ist es. Grenzen mögen wir nicht. Sie markieren eine eigenschränkte Lebensqualität, einen Lebensraum, der unerreichbar geworden ist, Möglichkeiten hinter der Linie, ein Spielfeld, das uns verschlossen bleibt.

Wir haben sie mitgebracht, heute Morgen, unsere Begrenzungen. Dem einen schmerzt vielleicht die künstliche Hüfte, dem anderen sitzt die Wahnsinnsarbeitswoche noch in den Knochen und Augen, trotz einer Stunde extra in der Nacht. Da hat jemand Seelenschmerz und ein anderer kann eigentlich nicht mehr so lange sitzen. Da ist ein Projekt trotz aller Anstrengung gescheitert oder ein Mensch unwiderruflich verloren gegangen. Wir mögen sie nicht, die Begrenzungen unseres Lebens.

Wie mag es erst denen gegangen sein, die in die große Weltgeschichte verwickelt wurden und deshalb ihre Freiheit und oft auch ihre Heimat verloren haben? Über die die politischen Entwicklungen hereingebrochen sind wie ein Winter über Nacht, und am anderen Morgen sahen sie sich eingereiht in die Züge der Gefangenen, der Vertriebenen, der Weggeführten?
Wir kennen solche Schicksale nur aus den Erzählungen der Väter und Großväter. Und natürlich auch aus den Erzählungen der Bibel.

Das Volk Israel saß gefangen in der Stadt der Feinde: Babylon. Paulus, der Heidenapostel hat viele Gefängnisse seiner Zeit von innen gesehen. Merkwürdig bleibt, dass genau diese Beschneidung von Freiheit in beiden Fällen nicht zum Verstummen geführt hat, sondern ganz im Gegenteil: Nie hat es in Israel so ein intensives und fruchtbares Nachdenken über Gott und die Welt gegeben wie in den Jahren des Exils. Mindestens das halbe Alte Testament wurde in dieser Zeit zu Papier gebracht. Und wichtige Briefe des Apostels Paulus wurden hinter Gefängnismauern geschrieben.

Die Gefangenschaft als Ort besonderer Einsichten? Die Grenze als Katalysator für besondere Lebendigkeit?
„Ich habe Gedanken des Friedens über Euch, nicht des Leides…“ so haben wir gehört. Das wird denen gesagt, die alles verloren haben. Nicht nur ihre Freiheit, nein alles, worauf sie bisher ihr Leben und ihren Glauben gründen konnten: Jerusalem, die Heilige Stadt, der Heilige Tempel, das Heilige Land, alles verloren.

Menschen, die gefangen sind, brauchen Trost. Einen Zuspruch von außerhalb ihres Gefängnisses: „Ich habe Gedanken des Friedens über euch.“ So einen Zuspruch könnten wir also auch für unsere Situationen gut in Anspruch nehmen: Gott denkt an uns und möchte nicht, dass wir leiden.

Und tatsächlich, wir haben es noch im Ohr. 70 Jahre wird es dauern – es ist nicht gleich morgen – aber ihr werdet heimkehren. Dann ist die Zeit im Exil zu Ende. Dann werdet ihr Jerusalem wiedersehen. Die Leidenszeit, die Zeit der Gefangenschaft, ist begrenzt. Sie wird ein Ende haben.

Jeremia aber, der den Brief schrieb, aus dem wir heute den Predigttext gehört haben, wäre kein Prophet gewesen, wenn er nicht auch Unbequemes, ja Unerhörtes zu sagen hätte: Gott selbst ist verantwortlich für den Marsch der Gefangenen. Nicht Nebukadnezar, der Feldherr der Babylonier, nicht die Streitmacht des überlegenen Heeres ist die Ursache für das gegenwärtige Desaster, sondern der Gott Israels selbst.

Der also, auf den sie sich verlassen hatten, zu dem sie vor der Schlacht um Jerusalem gebetet hatten, der, von dem die Kollegen Jeremias immer wieder behauptet hatten: Er selbst wird seinen Tempel niemals in die Hände der Feinde fallen lassen. Gott selbst hat seinen Wohnsitz auf dem Berg Zion, nie und nimmer wird Jerusalem eingenommen.

Demgegenüber hatte Jeremia wieder und wieder Anderes zu predigen: Wenn ihr nicht umkehrt, wird die Katastrophe kommen! Aber niemand wollte ihn hören. „Wir machen weiter wie bisher, es wird schon nichts passieren, die Argumente der Propheten klingen plausibler. Gott ist mit uns…!“

Und dann kam über Nacht die Niederlage und die Eliten wurden weggeführt. Die Propheten vorneweg, die Priester, die Fürsten, die Schmiede und Zimmerleute, die gesamte Rüstungsindustrie. Alle gefangen und deportiert.

Nur Jeremia blieb zurück, der einzige Profet noch in Jerusalem. Die neuen Machthaber misstrauten ihm nicht. Hatte er nicht Ihren Sieg vorausgesagt?

Und nun schrieb er den eben Weggeführten nach Babel, dass Gott selbst ihr Schicksal eingefädelt hat. Dass er sein Wort gehalten hat: „Wenn ihr nicht, dann…“. Und dass die, die sie jetzt herumkommandieren in Babel, auch nur Werkzeige in der Hand des Höchsten sind. Und dass er nach allem, was war, dennoch nicht das Leid der Gottvergessenen will. Sondern Gedanken des Friedens für sie hat. Und sie nach Hause holen will.

Nicht gleich, aber dann bestimmt.

Leid und Begrenzungen aus Gottes Hand. Und auch selbst eingebrockt. Es wäre anders gegangen, wenn wir uns anders entschieden hätten. Nicht immer, aber manchmal. Und Gott hat doch Gedanken des Friedens. Und wird ein Ende schaffen. Nicht gleich, aber bestimmt.

Bis dahin heißt es pragmatisch: Suchet der Stadt Bestes! Denn wenn es ihr gut geht, geht es auch euch gut. Sucht für das System, das euch fertig macht, das Beste! Sucht für die Verhältnisse, in denen ihr euch fremd fühlt, das Beste, strengt euch an, in eurer Gefangenschaft, bringt euch ein. Innerhalb der engen Grenzen ist Leben möglich.

Nehmt euch Frauen und verheiratet eure Söhne mit welchen von denen. Unerhört, weil eigentlich streng verboten, einen Nichtjuden zu ehelichen. Und nun ausdrücklich: die Heiden, mehr noch, die Fremden, die Feinde, die Sieger. Mischen sollen sie sich mit den anderen. Und Häuser bauen und leben, als wären sie zuhause. Und sind es doch nicht für immer, weil ja die Zeit einmal um sein wird. „Wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir“. Das klingt neutestamentlich.

Betet für sie, schreibt Jeremia sogar! Das heißt: für eure Feinde. Betet für eure Feinde! Worte der Bergpredigt, geschrieben 500 Jahre vor dem Bergprediger.

Suchet der Stadt Bestes, das kennen wir noch, diesen Lieblingsslogan der Ost-CDU in Zeiten, da die Kirche im Sozialismus pragmatisch getan hat, was zu tun war. Und das in einer Situation, wo das Ende des 1. Sozialistischen Staates auf deutschem Boden nicht von vornherein klar absehbar war. Wie sagte jemand am Mittwoch in der Bibelstunde, als wir über den heutigen Predigttext sprachen: „Man wusste ja nicht, wie lange die 40 Jahre dauern würden.“

Heute ist alles Geschichte. Gedanken des Friedens führten zu ersten gelungen deutschen Revolution, zur friedlichen Revolution.

In der Fremde leben, als wäre man zuhause. In der Begrenzung und Einschränkung, in einem Leben das einem nicht passt wie eine zu klein gewordene Jacke, dennoch leben. So gut es geht, weiter engagiert und gestaltend, die Spielräume ausreizen.

Sich nicht resigniert zurückziehen. Aufhören mit dem Maulen und Schmollen und Schimpfen auf „Die da Oben“. Nicht mehr mit Gott hadern oder mit den eigenen Fehlern, nach vorn sehen und den Wandel erwarten.

Wir werden nach Hause kommen. Immer und jeder, heimgerufen werden wir. Bis dahin ist das Leben schön, auch wenn es schwer ist. Bis dahin hat jeder mindestens noch eine Möglichkeit, die ihm bleibt – und die er ergreifen kann.

Vielleicht muss es immer erst eng werden, damit sich Menschen auf die Suche nach Gott machen. Wer es dann aber tut, aus der Gefangenschaft heraus anfängt, zu suchen, aus der Unbeweglichkeit und Unfreiheit heraus, dem verspricht der Schöpfer aller Dinge, dass er sich gern finden lässt.

"Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen su¬chen werdet, so will ich mich von euch finden lassen."

Vielleicht ist es die eine neue Möglichkeit. Vielleicht ist ein schöner Garten, der bebaut und gepflegt werden kann, nicht groß, nichts Besonderes, aber dort wächst dann etwas Eigenes.

Vielleicht ist es ein Mensch, der einem über den Weg läuft, eine Frau oder ein Mann, oder es sind die Kinder. Oder es ist etwas anders, ganz Verrücktes, was wir zuhause und unter normalen Umständen nie in Erwägung ziehen würden. Jetzt ist es dran.

Bei allem Warten im Exil geht es nicht um ein Katz-und-Maus-Spiel. Wegführung ist nach der Bibel ein Teil des Weges Gottes mit uns. (Diese Einsicht mag uns schmerzen.) Aber das Heimholen eben auch.

Das ist das Leben, anstrengend und schön. Und nie ist etwas selbstverständlich. Und nie ist etwas endgültig. Alles wird noch einmal verwandelt werden. Das ist der Trost, den wir suchen, wenn wir in unseren Löchern sitzen und die Notausgänge suchen, wenn wir uns unbeweglich fühlen inmitten einer Welt, in der ständig alles im Fluss ist. Einer ist da und denkt Gedanken des Friedens für uns. Und lässt diese Worte aufschreiben und vor uns aussprechen. Und tut dann auch, was er denkt und sagt.

Das ist der eine, dem wir ganz vertrauen.

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