Ein babylonisches Schicksal (narrativ)

Sie hätten es ahnen können. Es hatte so kommen müs­sen. Wie konnte man bloß so dumm sein? Babylon, die Großmacht, ein mächtiger und machtbewusster König mit einer riesigen Streitmacht. Tausende Solda­ten, Hunderte Pferde und unzählige Streitwagen. Wie konnte man bloß auf die Idee kommen es mit dieser Übermacht aufnehmen zu können?

Das fragte sich Benjamin immer wieder. Das erste Jahr war fast herum, seitdem Großkönig Nebukadne­zar mit seiner riesigen Militärmaschinerie vor Jerusa­lem aufgetaucht war. Und gerade jetzt, wo der Jahres­tag der großen Niederlage vor der Tür stand, wurde Benjamin wieder öfter von den Gedanken an die Tage damals gequält, als die Berge im Osten schwarz wur­den.

Zuerst hatten die Jerusalemer gar nicht begriffen, was das war. Die wenigsten hatten es überhaupt richtig mitbekommen. Aber plötzlich herrschte Chaos in der Stadt. Auf einmal rannten die Tempel- und Palastwa­chen hektisch durch die Straßen. Sie rannten alle zu den Toren im Osten, in die Richtung, wo die Berge schwarz geworden waren. Sie waren schwarz von Menschen. Schwarz von Soldaten, von Pferden, von Streitwagen, von Rammen und Prellböcken. „Die Ba­bylonier kommen!“ – mit einem Mal war der schreck­erfüllte Ruf in aller Munde. Die Babylonier kommen und es wurde schnell klar: Sie meinen es ernst! Rich­tig ernst! Als die Wachen dann von Osten nach Wes­ten durch die Stadt liefen und dann von Norden nach Süden und dann nur noch hektisch kreuz und quer. Es war klar: Die Babylonier kommen und sie machen ernst! Nicht wie vor zehn Jahren, als sie die Stadt nur belagert hatten. Das war schlimm, aber es ging vorbei. Nachdem der König alles Gold und Silber der Stadt übergeben hatte und versichert hatte, dass Juda, sein Land, und Jerusalem sich niemals gegen den mächti­gen Großkönig stellen würden, waren sie wieder ab­gezogen. Aber diesmal: Das waren zehn mal mehr Soldaten als noch vor zehn Jahren! „Jetzt sind wir geliefert!“ Das war klar. Und es dauerte nicht lange, da splitterten die Tore. Es dauerte nicht lange, als die ersten Babylonier mit ihren Leitern über die Mauern kletterten und die Mauern einzustürzten. Diesem An­sturm hatte Jerusalem nichts, aber auch gar nichts ent­gegen zu setzen. Was sich dann in der Stadt abspiel­te… Benjamin hatte es aus seinem Gedächtnis gestri­chen.

Er erinnerte sich nur vage an den Zug durch die Wüs­te, an die Wochen des Durstes und des Hungers. So richtig zu sich kam er eigentlich erst wieder, als sie da waren, wo sie jetzt lebten. Irgendwo in den weiten E­benen des Zweistromlandes. Hier war alles so anders.
Jeden Morgen, wenn er in der kleinen Lehmhütte auf­wachte, die jetzt sein Zuhause war – das Zuhause sei­ner Eltern und seiner Geschwister –, dann erwartete er eigentlich wieder in Jerusalem aufzuwachen. Er erwartete wieder in jenem Haus aufzuwachen, wo er groß geworden war. Das war auch ein Lehmhaus, aber es war ganz anders. Es war größer und schöner als das hier.
Sein Vater war ein angesehener Mann in Jerusalem gewesen. Er arbeitete im Tempel. Nicht als Priester, er war der Schatzmeister der Tempelwache. Das war ver­mutlich sein Glück. Er war Beamter und kein Soldat. Er hat den Wächtern ihren Sold ausbezahlt. Wäre er Wächter gewesen – Benjamin hätte vermutlich keinen Vater mehr.
Und Benjamin selbst war in Jerusalem drauf und dran gewesen in seines Vaters Fußstapfen zu treten. Ein Jahr bevor die Babylonier kamen, war er Schreiber beim König im Palast geworden. Er war gerade richtig erwachsen geworden. Sein eigenes Geld hatte er ver­dient und es hätte ruhig so weiter gehen können. Aber nein…

Jetzt saß er hier irgendwo in Babylon in einer elend flachen und sumpfigen Gegend. Es war ständig uner­träglich heiß und vor allem unerträglich schwül und es wehte kein Lüftchen. Weit und breit gab es nur Fel­der, flaches Land, Sumpf, Bewässerungsgräben und kleine Flussläufe. Es gab nur winzige Dörfer, keine Stadt. Wie sollte man in so einer Gegend bloß leben? Kein Vergleich zu Jerusalem! Erhaben auf dem Berg der Tempel, rundherum die Häuser der Stadt. Schön war Jerusalem, wie es auf den Bergen Judas lag. Und ringsherum weideten die Schafe und die Ziegen der Hirten und in den Tälern an die Brunnen bauten die Bauern Obst und Gemüse an.

Und jetzt? Jetzt baute Benjamin selbst Obst und Ge­müse an. Zusammen mit seinem Vater und dem Rest der Familie. Alle müssen mit anfassen und dennoch reicht es es hinten und vorne nicht. Das große Haus in Jerusalem ist zerstört, statt dessen wohnen sie jetzt in dieser Hütte an den Flüssen von Babylon.
Zum Glück waren sie wenigstens nicht allein. Alle, die die Babylonier aus Jerusalem und den anderen Städten Judas verschleppt hatten, wohnte jetzt in dieser Gegend. Sie konnten sich treffen. Sie konnten Hebräisch miteinander reden. Auch wenn Benjamin mittlerweile auch schon die babylonische Sprache gut sprach und sich mit den Einheimischen gut unterhal­ten konnte, war ihm Hebräisch doch am liebsten.
Sie konnten miteinander reden, sich treffen. Sie erzählten von früher und sie erzählten sich die alten Geschichten über den weisen König David und beson­ders die alte, fast vergessene Legende von Mose, der ein Volk aus der Gefangenschaft geführt hatte, erfreu­te sich großer Beliebtheit. Sie sangen Lieder und bete­ten zu ihrem Gott, der einst im Tempel auf dem Berg Zion gewohnt hatte.
Und ab und an brachte eine Karawane Nachrichten aus der Heimat. Gerade war ein Brief gekommen. Von Jeremia. Der hatte damals davor gewarnt mit dem ägyptischen Pharao zu verhandeln. Aber im Palast wollte das keiner hören. Da war man nur darauf aus, die Babylonier auf Abstand zu halten. Und die Tem­pelpriester hatten gelacht über diesen Propheten, der gesagt hatte, dass ein Bündnis mit Ägypten gegen Gottes Willen und Judas Schicksal besiegeln würde. Und er hatte Recht gehabt: Verbannung in Babylonien – das war die Strafe für ihre Ignoranz, Engstirnigkeit und ihr Machtstreben.
Und nun hatte sich Jeremia wieder zu Wort gemeldet und hatte diesen Brief geschrieben:

[Text]

Als Benjamin das erste Mal gehört hatte, was in die­sem Brief steht, konnte er nur lachen. Aber es war ein bitteres Lachen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte – „Was für eine Anweisung. Das tun wir doch schon längst! Was soll­ten wir auch sonst tun? Wir wollen schließlich nicht verhungern. Suchet der Stadt Bestes. Pah! Meine Stadt ist Jerusalem!“ Grenzenlose Wut hatte Benjamin ge­packt. „Wie konnte dieser Jeremia es wagen?! Der saß ja nicht hier im Sumpf. Der war daheim und ließ es sich wohl gut gehen.“ Aber zugleich war da auch ein Stich tief in seinem Herzen. Benjamin konnte es zu­erst nicht so ganz einordnen. Immerhin hatte dieser Prophet schon einmal recht gehabt mit dem, was er gesagt hatte. Seine Warnung vor der Allianz mit Ägypten – da hatte er recht. Hätten wir auf ihn und auf Gottes Willen gehört…“ Aber so ist das ja immer: Wir Menschen meinen ja immer, wir wüssten alles besser als Gott.

Aber das war es noch nicht, was diesen Stich verur­sacht hatte. Da war noch etwas anderes. Zum einen war da nämlich Mirjam. Sie war nett und naja, auch ganz hübsch. Sie auch fast genauso alt wie er. Und sie kam aus Lachisch. Auch dort hatten die Soldaten Ne­bukadnezars gewütet und deshalb war Mirjam jetzt hier. Ohne die Verbannung und all das hätte er dieses Mädchen aus Lachisch nie kennengelernt. Lachisch war viel zu weit weg von Jerusalem.
Zum anderen merkte Benjamin das etwas vor sich ging, etwas Großes. Es hatte bei den Priestern und den Tempelschreibern angefangen. Aber auch andere hatte es ergriffen und es hatte mit ihrem Gott zu tun.

Seid Generationen war immer klar gewesen: Dieser Gott war ihr Gott, der Gott des jüdischen Volkes. Der Gott ihres Landes, der Gott Judas und Jerusalems.
Er wohnte im Tempel an der höchsten Stelle der Stadt auf dem Berg Zion. Und eigentlich war immer klar: Je weiter du weg bist vom Zion, umso weiter weg bist du von Gott. Und eigentlich waren sie hier an den Flüs­sen von Babylon weiter weg vom Zion, als sie es sich in ihren schlimmsten Alpträumen hätten vorstellen können.
Und? Waren sie weit weg von Gott? Merkwürdiger­weise nicht. Das Gefühl war eigentlich genau anders: Gott war da und zwar eigentlich viel mehr als bisher. Sie hatten ihren Gott bisher ganz schön unterschätzt, wie es schien. Dieser Gott wohnte offensichtlich gar nicht so sehr auf dem Zion. Und er war auch gar nicht nur der Gott ihrer Stadt und ihres Landes. Dieser Gott war auch hier und er war offensichtlich überall auf der Welt und er schien überhaupt viel größer und mäch­tiger zu sein, als sie alle da bisher dachten. Und trotz­dem war er immer noch ihr Gott, ihr Gott, der sie in die Ferne geführt hatte, der in der Ferne noch bei ihnen war. Sollte das alles am Ende von Gott so ge­wollt sein? War das alles nötig, damit sie endlich be­griffen, wie herrlich Gott war und dass Gott vielmehr Heimat war, als es Jerusalem und der Zion je hätten sein können?

Und so komisch und unverschämt der Brief von Jeremia am Anfang war, umso deutlicher wurde mit der Zeit, dass es der richtige Weg war. Suchet der Stadt Bestes – der Stadt, des Ortes, wo ihr jetzt seid! Benjamin begann langsam zu begreifen, dass es wirk­lich das beste war.
Einen Weg zurück gab es ohnehin nicht. Jedenfalls nicht für ihn. Wenn man Jeremia Glauben schenken sollte, dann könnte es noch 70 Jahre dauern, bevor man nach Juda heimkehren könnte. 70 Jahre! Das würde er nicht mehr erleben.
Außerdem hatte Benjamin noch etwas gelernt: Heimat und Zuhause – das hatte er sich nicht ausgesucht. Das war ein Geschenk Gottes. Und außerdem war da diese Erkenntnis, dass Gott eben auch und vielmehr Heimat sein konnte als Jerusalem oder Lachisch oder ganz Juda. Und als Babylon, aber das war ja sowieso klar.
Und wenn Gott sie alle nun hierher gebracht hatte, dann war es jetzt ihre Aufgabe sich um die Menschen hier zu kümmmern. Suchet der Stadt Bestes! Findet heraus, was das beste für den Ort ist, an den Gott euch gestellt hat – für den Ort und seine Menschen, alle Menschen.
Sollte es wohl sein: Sie waren jetzt hier und hier sollte jetzt ihr zuhause sein und die Menschen hier sollten ihre Mitbürger sein. „Also“, dachte Benjamin, „dann sollte ich wohl langsam anfangen sie kennenzulernen, die Menschen hier und lernen noch besser ihre Sprache zu sprechen.“

Gott hatte ihm Ort und Zeit zum Leben gegeben. Jetzt war es an ihm das Beste daraus zu machen. Er hatte einen Kopf zum Denken und Hände zum Handeln. Er konnte etwas bewegen – für sich, für sein Volk und für alle Menschen hier. Und für seinen Gott, der wahrscheinlich noch viel größer war, selbst als er jetzt angefangen hatte zu ahnen.
Und dieser Gott würde schon auf ihn aufpassen und für ihn sorgen. Jetzt ging es darum hier die Zeit zu bestehen.

Und schließlich war da ja auch noch Mirjam aus Lachisch. Mirjam war auch hier. Es könnte wirklich eine spannende Zeit werden…

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