Erdbeben

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Männer sehen nicht aus wie Verbrecher. Eher wie Wissenschaftler auf einem Kongress. Die Gesichter – nachdenklich, gebildet. Die Sprache: Sorgfältig, abwägend. Der Schein trügt nicht: Es sind Wissenschaftler. Und doch: Sie stehen vor Gericht. Sind angeklagt wie Verbrecher. Und werden verurteilt als Verbrecher: 6 Jahre Gefängnis.

6 Jahre Gefängnis. Wofür? Schweren Raub? Mord? Totschlag? Anlagebetrug? Nein! 6 Jahre Gefängnis, weil sie geschwiegen haben. 6 Jahre Gefängnis, weil sie nichts gesagt haben.

Das Verbrechen der Männer? Das Verbrechen, für das sie 6 Jahre hinter Gitter müssen? Diese Männer haben die Zukunft falsch vorausgesagt. Damals. 2009. In Italien. Als Seismologen haben sie nach den ersten leichteren Erdstößen die Menschen beruhigt. Keiner hat etwas gesagt, als ein hoher Staatsbeamter die Bevölkerung mit dem Satz beruhigte: „Entspannen Sie sich bei einem Glas Rotwein.“ Das war am 31. März. Eine Woche später, am 6. April, kommt das Beben, von dem sie behauptet haben, es käme nicht. 300 Menschen sterben. Sie hatten wie Tausende anderer den beruhigenden Worten geglaubt und waren in ihre Häuser zurückgekehrt, die sie zunächst aus Angst verlassen hatten. Unter den Trümmern liegen die Leichen.

Die verurteilten Männer haben die Zukunft falsch vorausgesagt. Haben nicht gewarnt, sondern beschwichtigt. Eine der Anklägerinnen sagt: „Es wurde nicht erwartet, dass sie das Erdbeben vorhersagen, doch sie sollten die Menschen vor der Gefahr warnen.“ (StZ 23.10.2012)

Konkrete Ereignisse voraussagen – das erwartet keiner. Vor einer Gefahr warnen, die kommen kann – das schon. Wer das Vertrauen der Menschen hat, und die Menschen absichtlich täuscht, darf sich nicht wundern, wenn das Konsequenzen hat. Darum geht es im Kern: Die Wissenschaftler haben das Vertrauen, das die Menschen in sie setzten, missbraucht.

„In der allgemeinen Angst,“ so sagte ein Zeuge im Prozess, „haben wir das Wort der Wissenschaftler wie das Manna vom Himmel erwartet.“ (StZ 23.10.2012)

Und die Wissenschaftler? Sie wussten um die Gefahren und haben trotzdem das gesagt, was die Regierung, der Staat, von ihnen erwartete: Kein Grund zur Sorge. Alles wird gut.

Weil sie das in seinen Augen getan haben, hat der Richter die Männer verurteilt. Sie haben Menschen in Sicherheit gewiegt und Hunderte haben das mit ihrem Leben bezahlt, Tausende mit schweren Verletzungen.

Das Urteil des Richters hat in der weltweiten wissenschaftlichen Welt ein Erdbeben ausgelöst. Wer Menschen wider besseres Wissen nicht warnt, sondern in falscher Sicherheit wiegt, wird dafür verurteilt. Kann sich nicht herausreden. Er hat Menschen genauso getäuscht, wie ein Anlagebetrüger, der hohe Renditen versprochen hat und wusste, dass diese Renditen völlig unrealistisch waren.

Ein doppeltes Erdbeben. Physisch und geistig.

Zeugen eines solchen doppelten Erdbebens sind wir in Jeremia 29.

Das physische Erdbeben: Die Oberen in Staat und Gesellschaft genauso wie die kleinen Leute haben die Vorbeben wahrgenommen. Die neue Großmacht Babylon und ihr Expansionsdrang erschüttert das fragile Gleichgewicht an der Ostküste des Mittelmeers. Ängstlich fragen die Leute: Was wird? Droht Gefahr? Die Wissenschaftler von damals, die schriftgelehrten Staatspropheten versichern ihnen: Kein Grund zur Sorge. Alles wird gut. Entspannt euch bei einem Glas Wein.

Jeremia spricht anders: Die Katastrophe wird kommen. Wie bei einem Vulkanausbruch die Magma überläuft so sieht Jeremia eine kochenden Kessel im Norden überlaufen. Die Katastrophe kommt. Die Erschütterungen werden nicht abebben, sagt Jeremia, das Beben wird nicht an der Grenze des Heiligen Landes oder an der Schwelle zum Jerusalemer Tempel halt machen. Weder Land noch Tempel sind sicher vor dem Sturm, der kommt.

Jeremia sagt die Wahrheit. Die Babylonier kommen, man muss kapitulieren, die Sieger bringen Handwerker und Beamte, Priester und Politiker nach Babylon, um jeden Aufstand im Keim zu ersticken. Die physische Existenz dieser Menschen ist zerstört. Mehr als tausend Kilometer von daheim weist ihnen der König Nebukadnezar Quartiere an. Sie halten sich fest an ihrer Vergangenheit. Hoffen auf schnelle Rückkehr. Können sich nicht abfinden mit der Deportation aus der Heimat. Der Zerstörung ihrer Lebensträume. Wieder machen ihnen die Gelehrten Hoffnung. Bald, bald, sagen sie, wird es zurück gehen. Aber damals vor 2700 Jahren galt, was auch heute noch gilt, jedenfalls wenn man im Routenplaner von google die Strecke Bagdad–Jerusalem eingibt. Da heißt es: „Wir konnten keine Route zwischen Bagdad, Irak, und Jerusalem, Israel berechnen.“ (abgerufen am 26.10.2012) Es führt kein Weg zurück. Jetzt nicht.

Wieder ist es Jeremia, der das sagt. Selbst in Jerusalem zurückgeblieben, schreibt er an die, die weggebracht wurden. Und was er schreibt, ist ein geistiges Erdbeben:

Jeremia schreibt an die Rückwärtsgewandten über ihre Zukunft, ihre Zukunft in der Fremde: Gott spricht zu euch, ihr Rückwärtsgewandten, ihr Ewiggestrigen! Lebt heute! Lebt als ob ihr daheim wärt! Baut Häuser! Legt Gärten an! Heiratet! Kriegt Kinder! Zieht euch nicht aus der Welt zurück, sondern lebt in ihr! Nutzt die Möglichkeiten, die euch geschenkt werden!

Aber passt auf! Lebt in der Welt! Richtet euch nicht in eurer privaten Gemeindeidylle ein! Seht die Menschen um euch herum! Seid für sie da! Liebt eure Feinde, die euch dorthin gebracht haben, wo ihr jetzt seid! Seht zu, dass es der Stadt gut geht, der Stadt, in der zu leben sie euch gezwungen haben. Tut alles, damit sie Frieden hat! Und tut nicht nur selbst etwas! Betet für sie zu Gott, dass er etwas in dieser Stadt tut! Ihr sollt nicht beten: Herr, oh dass doch der Blitz den Nebukadnezar beim Schneeschippen treffen möge! Sondern: Du Gott Israels, segne Babylon! Gieß das ganze Füllhorn deiner Gnade über diese Stadt aus! Schenk ihr deinen Frieden! Lass alle deine Wünsche, die du für diese Stadt hast, wahr werden!

Ich fasse diesen ersten Teil von Jeremias Brief kurz zusammen. Gott sagt: Lebt im Hier und Jetzt! Dort, wo ich, Gott, euch gerade hingestellt, hingesetzt habe. Träumt euch nicht zurück in die Vergangenheit! Ich habe mit euch dort etwas vor, wo ihr jetzt gerade seid!

Und Gottes Wort an uns? Ist genau dasselbe: Lebt im Hier und Jetzt! Dort, wo ich euch gerade hingestellt habe. Träumt euch nicht zurück in die Vergangenheit! Ich, Gott, habe mit euch dort etwas vor, wo ihr jetzt gerade seid!

Wieviele Christen leben in der Vergangenheit! Damals, im Jugendkreis, damals in meiner Heimatgemeinde, damals, als die Kirchen noch voll waren und jeder die ersten 25 Strophen von Geh aus mein Herz auswendig konnte, damals, damals. Gott hat hier und heute etwas mit uns vor. Haben auch wir heute etwas mit Gott vor?

Gott hat hier und heute etwas mit uns vor. Damit beginnt das geistige Erdbeben, das Jeremias Brief auslöst. Aber das ist erst der Anfang dieses Erdbebens. Das ist nur die erste Welle. Damit ist es nicht vorbei. Es geht noch weiter. Wird noch stärker. Bringt alle unsere menschlichen Vorstellungen von Gott zum Einsturz. Und da kommt die zweite Welle. Gott sagt, „wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“. Im Klartext: Ihr findet mich nicht im Heiligen Tempel, im Heiligen Land oder an euren Heiligen Stätten. Euer ganzer menschlicher Kult um heilige Orte, heilige Zeiten und heilige Kühe ist mir, Gott, fremd. Ich bin nicht beschränkt. Euer Denken, Glauben und Hoffen ist beschränkt. Ich bin nicht dort zu finden, wo ihr mich gerne finden würdet. Sondern ihr findet mich dort, wo ich bin – wenn ihr mich sucht.

Gott sagt, „wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“. Das klingt so leicht, Gott suchen. Aber Suchen ist nicht so einfach. Und Gott zu suchen ist erst recht nicht einfach. Hier, im Epizentrum dieses Bebens, wird mehreres ganz selbstverständlich vorausgesetzt, von dem ich glaube, dass wir es uns erst einmal klar machen müssen:

1. Ich kann nur etwas suchen von dem ich glaube, dass es da ist. Das klingt banal, ist es aber nicht. Ich kann nicht nach dem Sinn des Lebens suchen, wenn ich überhaupt nicht glaube, dass das Leben einen Sinn hat. Ich kann nicht so tun, als ob ich nach dem Sinn des Lebens suche. Entweder glaube ich, es gibt ihn. Dann kann ich ihn suchen, wenn ich will. Oder es gibt ihn nicht, dann kann ich ihn nicht suchen. Ich kann nicht so tun als ob ich den Sinn des Lebens suche. Ich kann ja auch nicht so tun als ob ich meine Schlüssel suche. Entweder suche ich sie. Oder ich suche sie nicht. Und wenn ich keine Schlüssel habe, brauche ich nicht so zu tun als ob ich sie suche. Ich kann Gott nur suchen, wenn ich glaube, dass er da ist. Viele Menschen glauben überhaupt nicht, dass Gott da ist. Sie können ihn nicht suchen. Deshalb ist es so wichtig, dass Gott sich selbst gegenüber Mose vorstellt mit dem Namen: Ich bin da. Und das sagt er auch zu dir: Ich bin da. Kannst du dich ruhig drauf verlassen und bei der Gelegenheit gleich anfangen mich zu suchen.

2. Man sucht, was man sucht. Auch das klingt banal, auch das ist more tricky als es scheint. Klar ist: Wenn ich meine Schlüssel suche, dann suche ich meine Schlüssel, nichts anderes. Wenn ich Gott suche, dann suche ich Gott, nichts anderes. Nur: Das ist leichter gesagt als getan. Menschen fragen nach Gott, meinen vielleicht sogar, dass sie Gott suchen, aber eigentlich suchen sie nicht Gott, sondern etwas anderes: Sie suchen Glück, Sicherheit, Bestätigung, vielleicht Heilung oder Vergebung. Man sucht, was man sucht. Gott trägt Jeremia immer wieder auf, „Sag meinem Volk: Ihr sollt nicht euer Glück, eure Sicherheit, eure Wünsche oder eure Sehnsüchte suchen. Wenn ihr sie sucht, werdet immer nur bei ihnen landen, aber nicht bei mir.“ Man sucht, was man sucht. Wenn ihr nach mir sucht, sollt ihr nach mir suchen, nach Gott. Wenn wir bei unserem Suchen immer nur uns im Auge haben und das, was wir uns wünschen, dann werden wir immer nur bei uns selbst herauskommen. Gott suchen heißt: Gott suchen. Nichts anderes.

3. Gott suchen heißt: Ihn von ganzem Herzen suchen. Gott kann man nicht ein bisschen suchen. Dann, wenn es gerade zeitlich rein passt. Wenn der Stress im Beruf nachlässt und die Kinder aus dem Haus sind. Das hat mit einer Suche nach Gott nichts zu tun. Wenn wir wirklich Gott suchen, dann können wir das nur mit unserem ganzen Herzen, mit unserer ganzen Person, mit allem, was wir sind, tun. Völlige Hingabe ist Voraussetzung für die Suche nach Gott, nicht ihre Folge! Nur: Geht das überhaupt? So völlig hingegeben suchen? Vom Apostel Paulus haben wir gelernt, dass wir das von uns aus überhaupt nicht hinbringen: Gott von ganzem Herzen suchen. Da muss schon Gott selbst aktiv werden. Gott bringt uns dazu, ihn von ganzem Herzen zu suchen. Und er tut das genau durch die Worte, die wir heute hören. Wenn das geistige Erdbeben, das Gott mit diesen Worten aus Jeremia 29 ausgelöst hat, unsere Vorstellungen von ihm zum Einsturz gebracht hat, dann werden wir frei, um ihn wirklich zu suchen und wirklich ihn zu finden.

Sind diese drei Punkte geklärt, dann kommt jetzt die eigentliche Frage: Wo finden wir Gott? Gott sagt: Ihr findet mich dort, wo ich mich finden lasse. Das ist das Epizentrum. Wir finden Gott, wo er sich finden lässt. Finden ihn auf der Müllkippe und im Kuhstall, auf der Hauptstraße und im Kinderheim. Wo er sich eben finden lässt. Gott braucht keinen Tempel um uns nahe zu sein. Und wir brauchen keinen Tempel, um ihm nahe zu sein. Eben hat Gottes Volk vor seinen Feinden schmählich kapitulieren müssen, sein nationales Ansehen und seinen religiösen Stolz eingebüßt. Für die Begegnung mit Gott ist das gleichgültig. Wen diese zweite Welle des geistigen Erdbebens trifft, der weiß: „wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“. Ohne Tempel, ohne Kult, einfach so.

Die Erschütterungen dieses Bebens dauern an: Überall, wo Menschen entdecken, dass Gott nicht in Ehrfurcht gebietenden Gebetsstätten, gewaltigen Naturschauspielen oder genialen menschlichen Leistungen zu finden ist, sondern im Versagen, im Zerbrechen, im Scheitern. Dort, wo wir von uns aus nicht suchen würden, da ist Gott. Dort lässt er sich finden.

Die Ausläufer des Bebens, das Gott hier auslöst, laufen seitdem durch die Geschichte. Sie laufen irgendwann zurück nach Jerusalem, nach Golgatha. Dort versagt, zerbricht, scheitert einer. Und obwohl er selbst schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ist Gott noch nie, weder vorher noch nachher so vollständig, so ganz und gar und glasklar bei einem Menschen gewesen wie in diesen Stunden – am Kreuz auf Golgatha. Dort lässt sich Gott finden. Bis heute. Dort am Kreuz, als ein Mensch von Menschen so grausam hingerichtet wird, wie sie es sich damals nur ausdenken konnten, da wird Wahrheit, was Gott hier zu Jeremia sagt: „ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, …: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.“ Das Ende, auf das wir warten, Gott gibt es uns. Dort am Kreuz. Das andere, das Ende, das auf uns wartet, das Ende, das wir bekommen würden, wenn wir kriegen würden, was wir verdienen, das erleidet Jesus. Da weitet sich der Sinn der Worte Jeremias. Da bekommt das Versprechen, das Gott hier seinem Volk gibt, einen neuen Klang: Ich „will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“ Dieser „Ort, von wo ich euch habe wegführen lassen“, das ist für mich nicht nur die verlorene Heimat der deportierten Juden, das ist auch das Paradies, das wir verloren haben und das die Cherubim mit dem Feuerschwert bewachen. Dieser Ort, das Paradies, ist seit Golgatha nicht mehr ein Ort der Vergangenheit, sondern ein Ort der Zukunft. Ein Ort der Zukunft für alle Versager, Zerbrochenen und Gescheiterten, die zu Jesus kommen und zu sich selbst und zu anderen Gescheiterten sagen, was der Verbrecher am Kreuz sagt: „Fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. … Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Diesem Verbrecher verspricht Jesus: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

„Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen“. So will es Gott. Gott sei Dank.

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