Fremde Heimat

Liebe Gemeinde;

Briefe gibt es auch im Alten Testament. Nicht viele. Aber heute ist einer an der Reihe als Predigtwort. Jeremia hat ihn geschrieben. Jeremia, der Prophet schreibt diese Zeilen an Verbannte. An in die Fremde Entführte. An die Bewohner Jerusalems, die durch die Soldaten König Nebukadnezars nach Babylon verschleppt wurden.

Das ist in Kürze der historische Hintergrund dieses Briefes. Aber das soll uns nicht weiter interessieren. Weil die Kanzel kein Ort für Geschichtsunterricht ist, und die Predigt ja zu uns sprechen soll, um uns zu erbauen, nicht um uns zu belehren oder zu bilden.

Jerusalem ist weit weg. Unerreichbar weit. Wir sind in der Fremde. Hier nicht zu Haus. Gottverlassen ausgesetzt und nicht in der Heimat. — Haben Sie eventuell auch manchmal das Gefühl, dass wir Menschen in dieser Welt gar nicht so richtig daheim sind? Sozusagen fremd, jedenfalls ein bisschen fremd?

Ich meine: wenn ich unsere Katze beobachte, das ist was anderes als bei uns Menschen. Sie hat ein Fell, das sie wärmt. Sie bewegt sich in ihrer Umgebung mit traumwandlerischer Sicherheit. Ihre Augen sind so gut, dass sie kaum Licht braucht. Ihr Fressen findet sie instinktiv, sei es eine Amsel, sei es eine Maus, einen Maulwurf hat sie auch schon erlegt und verspeist. – Und wir? Ohne Kleidung schutzlos der Kälte ausgeliefert. Ohne Haus und Heizung nicht überlebensfähig. Ohne Kochen und Braten kein Essen nur weniges vertragen wir roh. Unsere Augen brauchen Licht im Dunkeln, unsere Ohren und Nasen nur mittelprächtig entwickelt. Wir müssen uns die Welt überhaupt erst passend machen, um darin zu leben. Fremde eben. Fremde sind wir.

Fremd sind uns auch die Regeln dieser Welt. Unserem Bedürfnis nach Liebe, nach Frieden entsprechen sie so gar nicht. Das Fressen und Gefressen werden, das Werde und Vergehe. Die Katze die Maus. Der Löwe das Lamm. Die Makrele den kleinen Fisch usw. Und wir? Wir machen es mit: mit unseren Hühnerfarmen, Schlachthöfen, Mastbetrieben und Kriegen untereinander. Nur: oft beschleicht uns das schlechte Gewissen. Muss das so sein? Ist das alles richtig so? Ist das so Gottes Wille? Manche werden so zu Vegetariern oder Pazifisten-oder beides. Die Meisten verdrängen die Zweifel und sagen sich: Kannst nichts machen. Ist wie es ist.

Und doch fasziniert uns diese Welt, fühlen wir ihre Schönheiten und ihre Farben. Fremd und doch auch irgendwie Zuhause.

Paulus sagt: Unsere Heimat ist in den Himmeln. Aha: nur Jammertal, das alles hier. Vorstufe, der Ort, wo man eben durch muss. Jerusalem, Du hochgebaute, wollt Gott ich wär in Dir. Religion als Bereich der Weltflucht. Es geht nur um den Himmel. Die Kirche soll sich um das Seelenheil kümmern, nicht um Politik. Das hat eine lange Tradition im Christentum. Mönche, die sich in Klöster zurück ziehen. Fromme Kreise, die Gebet und Gesang und Innigkeit pflegen, aber sich für das alles da Draußen nicht so interessieren. Sekten, die sich abkapseln und auf das Weltende warten.

Aber diese Welt ist doch da. Ist doch unser blauer Planet. Ist doch unser Zuhause. Da kann man doch nicht einfach nur ein Minus vorsetzen.

(5) Baut Häuser und wohnt [darin]! Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte!
(6) Nehmt Frauen und zeugt Söhne und Töchter! Und nehmt Frauen für eure Söhne, und eure Töchter gebt Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären, damit ihr euch dort vermehrt und nicht vermindert!
(7) Und sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch gefangen weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN! Denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben.

Gut, dass wir das Alte Testament haben. Gut, dass wir es nicht aus der Bibel verbannt haben. Klare Ansage, Gottes Wort: diese Welt ist Gottes Welt. Baut sie auf. Gestaltet sie. Betet für sie, sucht Frieden in ihr. Das Letzte ist das Wichtigste: Frieden in der Welt suchen, nicht dadurch, dass wir ihr den Rücken kehren.

Ich habe Freunde in Dänemark. Menschen, die dort aktiv in der Kirche sind. Als Pastoren oder auch als Kirchenvorsteher. Bei denen ist es völlig normal, dass ein Pastor in einer Partei ist und z.B. im Stadtrat sitzt, völlig normal, dass Kirchenvorsteher auch für politische Ämter kandidieren. Sucht den Frieden der Stadt. Baut Häuser, pflanzt Gärten. Baut Eure Welt. Und das ist zunächst ja mal die Heimat, das nahe Umfeld, das, was vor der Tür ist. Meine Stadt, meine Provinz, mein Land. Ja, auch in Heiligenhafen sind Kirchenvorsteher im Stadtrat. Sind dort einige Leute, die gerne und mit Absicht Christen sind und bei uns Mitglied. Ich finde es gut, wenn die SPD Senioren in unserem Gemeindehaus sich treffen. Wenn die CDU auf dem Neujahrsempfang unsere Tafel auszeichnet usw. Wo kommt bei uns in Deutschland bloß die Idee her, Politik sei was Schmutziges? Es ist in Gottes Sinn, wenn sich welche zur Verfügung stellen, um sich um Kindergärten, Straßenlampen oder Seebrücken oder Gewerbegebiete zu kümmern. Baut und pflanzt, und suchet Frieden. Frieden ist ja nicht dann, wenn sich keiner streitet, sondern wenn alle zufrieden sind und zu ihrem Recht kommen.

Haben Sie vielleicht auch schon gemerkt, dass wir darum auch hier in der Kirche oft für die Welt beten? Für unsere Stadt, unser Land, um Frieden, für unsere Soldaten und Polizisten. Ja, das tun wir gerne.

Vergisst Du jetzt Jerusalem, Pastor? Den Himmel? Was ist denn mit dem Himmel? Man ist doch auch fremd hier. Ich bin ein Gast auf Erden.

Nein. Das wollen wir nicht. Ich werde Euch sammeln und Euch zu dem Ort zurückbringen, zum himmlischen Jerusalem, zur hochgebauten Stadt. Aber-hört genau hin: Ich werde sammeln. Gott tut das, wenn es dran ist. Wir bauen keinen Himmel auf Erden, sondern nur Häuser, pflanzen Gärten usw. Heil und Seligkeit bauen wir nicht. Heil und Seligkeit glauben wir Gott einfach, dass er uns das schon schenken wird. Menschliches Maß einhalten bedeutet: Menschen tun nur Menschen mögliches. Heil und Seligkeit bauen gehört nicht dazu. Denkt dran: Aus dem Heil-Gerufe und dem Bauen von 1000-jährigen Reichen ist nichts Gutes geworden, nicht gebaute, sondern zerstörte Häuser, nicht gepflanzte, sondern zertrampelte Felder, nicht Frieden, sondern Trümmer.

drucken