Haben, als hätte man nicht

Liebe Gemeinde!

Urlaub in der Höhle

Wenn wir zuhause über den Italien-Urlaub 2001 sprechen, dann heißt der bei uns "Urlaub in der Höhle". Aufgrund der Fotos des Vermieters hatten wir etwas anderes erwartet. Sie zeigten eine Art Terrasse, dahinter Fenster und eine Tür. Wirkte alles sehr idyllisch. Nach mehrstündiger Anfahrt und vor Ort aber wandelte sich der Eindruck. Wir hatten kein "Ferienhaus" gemietet, sondern ein Gebäude, das tatsächlich höhlenartig in einen Hang hinein gepresst war. Alles war von Pflanzen überwuchert.

Und innen? Ja innen ging es recht spartanisch zu. Ein Sammelsurium verschiedener Überreste einst schönen Porzellans. Diverse, ziemlich verbogene Bestecke. Gerade einmal zwei Töpfe und eine verbeulte Pfanne. Gut, alles war sauber. Aber das, was da war, war wenig, sehr wenig.

Misslungener Urlaub? Nein, keineswegs. Nach erstem Stutzen – Schock wäre zu hart formuliert – drängte sich uns bald diese Einsicht auf: Man kommt mit sehr wenig sehr gut zurecht. "Zuhause könnte ich so nicht kochen," meinte meine Frau, "seltsam, hier klappt das." Und es war italienisch-köstlich, was aus dieser Kochstelle – Küche zu sagen wäre übertrieben – heraus kam. Wenn man nur fünf Teller hat, muss man die nach dem Essen sofort spülen. Schnell erkannten wir den Vorteil dieser "Höhle". Ihre kärgliche Ausstattung nahm uns kaum Zeit weg, Zeit, die wir anders füllen konnten mit Ausflügen und schönen Abenden am Hang mit Blick über die Landschaft.

Diese Erinnerung kommt mir in den Sinn beim Lesen der drei Verse aus dem Korintherbrief, die wir eben gehört haben.

Diese wenigen Verse, mit denen wir uns heute befassen wollen, ließen sich thematisch so umschreiben "Leere versus Fülle". In philosophischer Sprache könnten wir die Aussage der Verse wie folgt formulieren: "Haben, als hätte man nicht". Möchte man sofort eine praktische Lebensweisheit aus den Versen gewinnen, so lautete sie: "Gewinnt Distanz zur Welt, dann öffnet sich euer Herz für Gott."

Hier halte ich inne, denn ich will nun nicht einfach ein einfaches Loblied der Einfachheit singen. Das käme mir zu romantisch vor, zu verspielt wie weiland bei unseren Markgrafen, die sich bisweilen den Luxus von Schäferidylle und Eremiten-Dasein gönnten, um gleich danach wieder im gewohnten Luxus zu schwelgen. Ich will Sie nicht zur gelegentlichen Askese einladen mit der verheißungsvollen Pointe, danach sei der gewohnte Luxus um so schöner. Paulus war kein Wellness-Berater mit tollen Ideen der Genusssteigerung.
Ehe wir vom Verzicht, vom "Haben, als man hätte man nicht" sprechen, sprechen wir vom Wachsen.

Sich dehnen

Vielleicht haben Sie den Morgen heute so begonnen. Auf der Bettkante sitzend wurden zum Start in den neuen Tag die Arme gedehnt. Vielleicht haben Sie das frische Gefühl mit in die Kirche gebracht. Der Gang hierher hat den Körper belebt.

Wir brauchen diese Erfahrungen. Wer sich nicht dehnt, wird unflexibel und unbeweglich. Das gilt von unserem Körper wie von unserem Geist.
Alles um uns herum ist auf Wachstum angelegt: Unsere Kinder oder Enkelkinder können gar nicht schnell genug groß werden. Sie brennen darauf, sich endlich nach eigenem Wollen und nach eigenen Vorstellungen im Leben auszudehnen.

Wer sich nicht dehnt, wird lebensuntüchtig und versinkt in erst körperlicher und alsbald folgender, geistiger Bequemlichkeit.
Alles dehnt sich, alles wächst. Und das ist gut so. Es wäre eben zu schlicht, wollten wir geradewegs "Schäferidylle", beschaulich genügsames Leben als wahrhaft christlich ausgeben. Kleinbürgerliche Beschaulichkeit in engen Räumen erzeugt selten mehr als enge Gedanken.

Alles dehnt sich, will größer werden und wachsen: Unser Weltall macht den Anfang und alles, was dar innen ist, folgt ihm. Unsere Wirtschaft lebt vom Wachstum, vom Kaufen und Handeln. Es wäre naiv, dies zu tadeln. Jeder möchte in seinem Leben etwas erreichen, sich dehnen: Im Beruf sucht man nach Positionen, die einem das ermöglichen. In der Bank holen wir uns Rat, wie unser Vermögen wachsen könne. Wir lesen Bücher und schauen Filme, dass sich unser Geist in neue Räume dehnt.
Jesus hat seinen Jüngern Bilder gegeben, auf das Wachsen seines Reiches zu trauen und zu schauen. Und wir wollen die Welt kennen lernen, dehnen mit jeder Reise unsere Erfahrungen und unsere Erlebnisse.

Jeder, der einen Garten hat, weiß allerdings, dass dort nicht nur Rosen blühen und all die anderen Pflanzen. Unkraut wächst auch. Es wächst oft schneller. In unserer Seele wachsen nicht nur die schönen Gedanken. Kummer und Sorgen spielen uns das Seelenunkraut.

Alles, was lebt, will wachsen und mehr werden. Mit jedem Herzschlag dehnt sich unser Herz, mit jedem Atemzug füllen sich unsere Lungen.

Was ist das Ziel?

Und jetzt stellen wir eine ganz einfache Frage: Wohin führt uns unsere Lebensbewegung? Wohin dehnen wir uns? Hat all unser Wachsen ein Ziel?

"Wofür hab ich mich denn mein ganzes Leben geplagt?" Solche und ähnliche Fragen drängen sich uns auf, wenn wir an Grenzen stoßen und die Selbstverständlichkeit des Wachsens in Frage gestellt wird: Karrieren scheitern bisweilen oder bleiben stehen. Kinder wollen das, wofür wir gelebt haben, nicht fortführen. Firmen gehen an ihrer Größe zugrunde. Alles Haben und alles Sehen wollen, kann uns von einem Tag zum andern als sinnentleert und schal vorkommen. Wozu all die Sorgen?

Was ist das Ziel? Diese schlichte, einfache Frage ist der Mantel, der sich um die wenigen Verse des Paulus hüllt:

Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Was ist das Ziel? Liebe Gemeinde, innerlich erwarten Sie vielleicht jetzt den ersten Schlag mit der bei Predigern beliebten "November-Keule": Alles vergeht. Nichts bleibt. Alles stirbt dahin. Hüllt euch in Traurigkeit. Falsch!

Paulus sagt es uns sehr deutlich, was er im Sinn hat. Was er sagt, bzw. schreibt, mag sie überraschen. "Ich möchte aber", so Paulus, "ich möchte aber, dass ihr ohne Sorge seid." Auch dies fügt er hinzu: "Ich will euch keinen Strick um den Hals werfen". Ich will, " dass ihr stets und ungehindert dem Herren dienen könnt." Freiheit, Freiheit die in Christus gründet. Das ist das Ziel. Darum geht es. Paulus liegt es ferne, uns in düstere Vergänglichkeits-Stimmung zu stoßen. Er erinnert das, was wahr ist: Das Wesen dieser Welt vergeht. Er erinnert das höhere das wirkliche Ziel. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unseren Herrn Jesus Christus, heißt es ein paar Seiten später im gleichen Brief.

Innehalten

Vom Wachsen und Dehnen haben wir gesprochen. Jetzt reden wir vom Innehalten, vom Stillstand.

Auch das sind Urlaubserfahrungen, die Sie vielleicht kennen: In der endlosen Schlange vor dem Museum hat man die Nerven verloren. "Da geht ja nichts voran! Das halte ich nicht aus." Auch daheim plagt einen vielleicht gelegentlich die Angst vor Leere und Stillstand. Ruhe, nein Ruhe gönnt man sich nicht. Das ist ja unerträglich, ruft einem die Seele zu. Ich will Bewegung, Bewegung. Nichts ist schlimmer, als an eine leere Decke starren zu müssen.

Unsere technisch-digitale Welt hat jemand als enormen "Abwehrzauber" beschrieben, der uns vor dem Gefühl innerer Leere beschützen soll. Er dient wohl auch dazu, uns die Konfrontation mit der Frage nach dem Ziel zu ersparen.

In jedem Herzschlag, in jedem Atemzug gibt es einen ganz kurzen Moment des Stillstands zwischen Dehnen und Zusammenziehen. Atem und Puls geben unserem Leben Rhythmus und zugleich ist in beidem der erste und der letzte Atemzug und Pulsschlag mit inbegriffen.

"Ich will, dass ihr ohne Sorge seid". Was kann Paulus damit meinen? Ich denke, dies ist es, was er meint: Leugnet nicht den Stillstand. Er gehört zum Leben und dessen Wahrheit.

Öffnet euer Herz und eure Seele hin zu Gott. Wie heißt es doch im alten Luther-Text unserer Bibel: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.
Haltet inne. So kommt ihr der Wahrheit des Lebens näher. Niemand lebt davon, dass er viel besitzt. Leben wir, so leben wir dem Herrn. Öffnet eure Seele dieser Wahrheit. Öffnet euch hin zu Gott. In dieser Öffnung unserer Seele hin zu Gott fällt beides in eins: Wir halten inne. Ohne Angst lassen wir uns in wohltuende Stille fallen. Das mag uns anfänglich erschrecken. Unsere Seele fürchtet diese Leere, wo wir nichts mehr tun, nicht mehr handeln können. Was sollen wir sagen, denken, fühlen? Haltet das aus. Ich will, dass ihr ohne Sorge seid.

Sagt das euren Sorgen morgens: Ihr bleibt jetzt bitte hier im Bett liegen. Ich will den Tag ohne euch verbringen. Zur Nacht kehre ich zurück. Dann habe ich ein bisschen Zeit für euch und wir weinen gemeinsam ein halbe Stunde. Länger nicht. Danach lasst mich bitte in Ruhe schlafen.
Geht einmal durch Wohnung. Schaut euch an, was da alles rumsteht. Fragt eure Schränke, eure Teppiche, fragt all euren Besitz: Was gebt ihr mir? Schön, dass ihr da seid. Aber ohne euch habe ich auch gelebt.
Im Gebet fällt beides zusammen: Wir halten inne. Stille breitet sich in uns aus. Erst erschreckend und dann wohltuend. Im Gebet dehnen wir unseren Geist hin zu Gott.

Darum ist es Paulus zu tun: Dass wir im tiefsten Innern frei bleiben für Gott, dass wir unser Leben nicht zuschütten mit Lärm und Dingen. Es ist schön, wenn wir wachsen, uns dehnen. Das tut uns gut.

Was aber ist das Ziel? Antwort finden wir nur, wenn wir haben, als hätten wir nicht. Antwort finden wir, wenn wir weinen, als weinten wir nicht. Antwort finden wir, wenn wir freuen, als freuten wir uns nicht. Antwort finden wir, wenn wir diese Welt gebrauchen, als brauchten wir sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht. Wir aber bleiben, bleiben in Gott.

"Seid ohne Sorge". Dehnt im Gebet euren Geist hin zu Gott. Jeder eurer Herzschläge und jeder Pulsschlag verkündet diesen lebensnotwendigen Punkt der Stille und der Ruhe. Das zu entdecken, hilft einem auch eine unerwartet schlichte Ferienbehausung, die eher einer Höhle als einem schmucken Haus gleicht.

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