Downshifting

Liebe Gemeinde, liebe Gäste, liebe Freunde,
da haben wir gerade ein Kind getauft und Gott für ein neues Leben gedankt – und dann dieser Text! Da hat gerade ein Mann seiner Frau über die kleine Tochter hinweg in die Augen geschaut und dann hören wir von Ehemännern, die so leben sollen, als hätten sie gar keine Frauen. Da freuen sich die Großeltern nicht nur aus diesem Anlass an ihrer Enkeltochter – und im Predigttext heißt es, wer sich freut, der soll sich freuen, als ob er sich nicht freuen würde. Da haben wir die Namen von zwei Menschen gehört, deren Lebenszeit zu Ende gegangen ist, um die die Angehörigen trauern, und dann sollen die, die um sie weinen, so weinen, als weinten sie nicht.

Wohl selten hat ein für den Sonntag vorgeschlagener Predigttext so wenig in die aktuelle Situation gepasst. Kann er überhaupt je passen?

Denn auch, wenn Luisa heute nicht getauft worden wäre, wenn in den Bekanntgaben keine Beerdigungen angesagt worden wären, wenn ein ganz normaler Gottesdienst gefeiert würde, wäre es nicht einfacher. Denn was sollen wir von solchen Aufforderungen halten?

„…Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; [30] und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; [31] und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht…“

Das klingt wie: Lebe, aber lebe nicht. Sei ein Mensch, aber zeige keine menschlichen Gefühle. Alles ist irgendwie unwichtig, du bist zwar da in deinem Leben, aber es hat keine Bedeutung, keinen Wert. Fast scheint es, als ob hier leblose, gefühllose Wesen durch die Welt torkeln sollen, die nur zum Schein so tun, als ob sie lieben, lachen und weinen. Die eigentlich in eine andere Welt gehören, eine Welt, die nicht von dieser Welt ist.
Das sollen wir sein, liebe Gemeinde? So sollen wir werden? Was sollen wir damit anfangen?

Abgebrüht und distanziert in stoischer Gelassenheit? Paulus, was schreibst du den Korinthern da. Und uns? Bist ein etwa ein verkappter Stoiker? Die lehrten diese Gleichmütigkeit mit dem Hang zur Gleichgültigkeit, diese innere Abgeklärtheit. Diogenes von Sinope, einer der damaligen Mode-Philosophen schimmert hier durch. Auch er lobte, ich zitiere: „…jene, die zu heiraten vorhaben und doch nicht heiraten…, die Politik zu treiben beabsichtigen und doch nicht in die Politik gehen, die Kinder großziehen wollen und sich doch keine Kinder zulegen.“ (Diog. Laert. 6, 28).

Was die Politik betrifft, mag der Satz in dem einen oder anderen Fall tatsächlich auch für heute zutreffen. Und das mit den Kindern, tatsächlich, das klingt irgendwie bekannt, ja modern. Aber schrieb Diogenes aus der Tonne, 300 vor Christus. Doch wie kann Paulus, ein glühender Missionar der neuen, in der Welt noch gar nicht wahrgenommen Religion der Christen so reden, 350 Jahre später?

Wahrscheinlich hat in den 2000 Jahren Kirchengeschichte noch niemals jemand mit diesem Text eine Traupredigt gehalten. Und seelsorgerlich tröstlich ist er auch nicht. Er ermuntert weder zur Freude, noch nimmt er das Weinen wirklich ernst.

Was machen wir jetzt? Wir suchen doch Trost. Uns erfüllt doch eine stille Freude. Über das Leben und die Lebendigkeit.
Oft kommt man mit einer Bibelstelle weiter, wenn man den Zusammenhang liest. Auch diese stoischen Worte stehen in einer Klammer. Allerdingst ist die nicht weniger unbarmherzig, ja abschreckend. Vorn dran heißt es lapidar: „Die Zeit ist kurz.“ Und hinten steht nicht minder krass: „Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“

Hilft uns das weiter? Nun, die eine Seite der Zange, in die wir genommen werden, klingt wieder seltsam modern. „Die Zeit ist kurz.“ Sie ist knapp. Ah, das kennen wir. Wir sagen einfach und oft: „Ich habe keine Zeit.“ Das ist natürlich streng genommen Quatsch, jeder Tag hat 24 Stunden. Und die haben wir. Aber die reichen eben oft nicht.

Wäre der Predigttext also vielleicht in dieser Hinsicht eine aktuelle Hilfe: Mehr Distanz zu dem, was uns jagt und treibt? Mehr Gleichmut gegenüber unseren Terminen? „Wer einen Termin hat, der habe ihn, als hätte er ihn nicht?“ „Wenn du es eilig hast, gehe langsam?“ „Kein Mensch hat je auf dem Sterbebett gesagt, schade, dass ich nicht länger im Büro war…“.

Und die Frau freut sich dann vielleicht auch, die, mit der ich verheiratet bin, dass ich endlich einmal, wenn ich da bin, wirklich da bin und nicht immer nur da bin, als wäre ich nicht da. Weil noch in Gedanken bei meiner Arbeit bin…

Aber so hat das Paulus doch sicher auch nicht gemeint.

„…das Wesen dieser Welt vergeht.“ Das ist die andere Seite, mit der wir in die Zange genommen werden. Das ist ja nun ein sehr grundsätzlicher Satz. Alles vergeht, alles, was ist und uns etwas bedeutet, wird einmal nicht mehr sein. Alles, was uns heute umtreibt, uns Sorgen und Gedanken macht, unsere Zeit mit Beschlag belegt und uns manchmal um den Atem bringt, ist vorläufig. Vorletztes. Es vergeht. Es ist vergänglich.

Der Apostel meint dies nun ganz radikal. Es geht um mehr als den Goldenen Herbst. Es geht um mehr als die Begrenzung eines einzelnen Menschenlebens durch den Tod.

Er meint diesen Satz noch grundsätzlicher: Alles was ist, wird vergehen, die Welt, das Universum. Diese Wirklichkeit wird beendet werden durch ein Ereignis, an das die ersten Christen und allen voran ihr Apostel mit ganzem Herzen glaubten: Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, der zum Himmel Aufgefahrene wird von dort her wiederkommen und die neue Welt Gottes wird anbrechen. Das Alte wird vergangen sein und Neues wird werden.

Und diese Welterneuerung, so glaubten und hofften sie fest, dieser Tag, dieses Ende steht unmittelbar bevor. Es dauert nicht mehr lange, wir werden es noch erleben – das war ihre Überzeugung.

Deshalb ist die Zeit kurz. Nicht weil der Tag nur 24 Stunden hat und ein Mensch einmal sterben muss. Nein, sie ist kurz, weil das Ende aller Dinge bevorsteht. Jetzt verstehen wir ein wenig besser, wie man solche fremden Sätze schreiben kann: „…Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; [30] und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; [31] und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht…“

Aber geholfen ist uns damit immer noch nicht. Inzwischen sind zweimal Tausend Jahre vergangen. Und das Ende der Welt lässt weiter auf sich warten. Es wird zwar immer einmal wieder vorausgesagt, aber dann verstreicht das Datum und wir leben immer noch. Auch im Maja-Kalender soll es ja inzwischen eine Seite für 2013 geben.

Also bleibt alles beim Alten? Der Tag hat für uns 24 Stunden. Und wenn die nicht reichen, nehmen wir die Nacht dazu? „Herr komme bald!“ ist nicht gerade der aktuelle Slogan der Christenheit. Wir sind sehr beschäftigt. Angebunden, gefangen, am Schaffen. Wir haben Großes vor und gleich morgen wird es uns gelingen, spätestens in ein paar Jahren…

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde, vielleicht ist es das, was dieser sperrige Text aus einer anderen Zeit uns zu sagen hat: Dass man die Welt und alle Dinge in ihr, einschließlich der menschlichen Aktivitäten und Befindlichkeiten, auch schon einmal ganz anders sehen konnte, als wir es heute tun.

Als vorläufig und damit im letzten Sinne nicht gültig und wichtig.
Das ist uns einerseits sehr fremd. Anderseits hilft uns diese fremde Sicht vielleicht tatsächlich, unser heutiges Dasein anders und besser einzuordnen. Mehr Abstand zu gewinnen. Gelassener zu leben. Einen Gang oder auch zwei runterzuschalten.

„Downshifting“ heißt das in der aktuellen Ratgeberliteratur. Entschleunigung, Verlangsamung. Distanz. Weglassen. Ein „Weniger“ also. Als Hilfe, unserer heutigen Zange zu entkommen: Wachstum um jeden Preis. Auf der einen Seite der Zange das Wachstum und auf der anderen der Preis, den wir dafür zahlen müssen.

„Wer arbeitet, arbeite, als arbeite er nicht…“. Vielleicht geht das ja doch. Und das dann nicht, damit wir später wieder fit sind und nach der Ruhe wieder in der alten Weise weiterrackern, sondern weil wir immer noch, wie die ersten Christen daran glauben, dass eine andere und neue Welt kommt. Wir wissen nicht wann, aber sie kommt.

Und das Heiraten und das Kinderkriegen? Da kann man nur zuraten, weiterhin. Wer ein Kind anschaut, sieht schon die Welt von morgen. Es ist nicht die neue Welt, es ist die alte Welt von morgen. Aber auch die kann es noch ein paar Jahre geben. Und seltsamerweise gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem Lebensstil heute und den Zukunftschancen für unsere Kinder.

Und zugleich werden tatsächlich unseren Frauen und unseren Kindern die Lasten abgenommen, die wir ihnen schnell auferlegen: Wie sie sein müssen und was aus ihnen werden soll, und wen und was sie alles retten müssen. Und den Männern natürlich auch.

Auch eine Ehe ist ja tatsächlich etwas Vorläufiges, auch dann, wenn sie erst der Tod scheidet. Auch ein Kind wird einmal dieselben Fehler machen wie seine Eltern, wenn es selbst Vater oder Mutter ist. Das wirklich Neue müssen wir nicht machen. Es fällt tatsächlich vom Himmel. Auch diese Botschaft schimmert durch den heutigen sperrigen Text.

Manchmal fällt es, wie ein Vorgeschmack, schon hier und jetzt. Endgültig und überzeigend an dem Tag, der Gottes Tag ist. Auf den wir zuleben, vorläufig und vergänglich. Wenn wir im Anschluss an unser gemeinsames Nachdenken zum Tisch des Herrn eingeladen sind und gemeinsam das Abendmahl feiern, dann kosten wir in dem Wenigen die neue Welt und das Festmahl, bei dem uns Christus selbst die Gaben reichen wird.

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