Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß! (Rilke)

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Ein wunderbares Herbstgedicht Rainer Maria Rilkes, das mich seit meiner ersten Rumänienfahrt zu unseren dortigen Partnern vor knapp zehn Jahren, gestartet an einem vollen Spätsommer- oder gar frühen Herbsttag, Jahr für Jahr begleitet.
Nicht, dass ich es auswendig könnte – da liegt nicht meine Stärke – wohl aber, dass mir dieses Lebensgefühl des satten vollen Herbstes, der dankbaren Erinnerung an warme Sommertage, des Genusses der sommerlichen Frische und Süße in den Früchten und des leichten Abschiedsschmerzes im Herbst sehr vertraut ist.
Wie eine freundlich daherkommende Erinnerung ist es, dass der Augenblick kostbar und Zeit kein unendliches Gut ist, jedenfalls nicht in der Hand eines jeden einzelnen, der die Begrenztheit seiner Tage irgendwann im Leben annehmen lernen muss: siebzig Jahre, wenn es hoch kommt, dann sind es achtzig…
Im Herbst erfüllen uns in der Natur die leuchtenden Farben dieser wunderbaren und sehnsüchtigen Jahreszeit mit leichtem, beinahe freudigem, zumindest aber bewegtem Abschiedsschmerz, im Herbst des Lebens beginnen wir den Wert der Tage und der Gesellschaft der Menschen, die wir lieben, zu spüren.
Herr, es ist Zeit…
Zeit ohne Gott zu denken, zu verbringen, zu erleben – für mich unvorstellbar, abgrundtief traurig, so als ob es mich in verzweifelte Hoffnungslosigkeit stürzen würde.
Meine Zeit Gott anbefehlen zu dürfen, lässt mich Leben in Gottes Hand geborgen entdecken und wahrnehmen.
Herr, es ist Zeit, du aber bist die Ewigkeit…

Das ist aber nur ein Lebensgefühl unter vielen und nicht das Lebensgefühl aller Menschen, zu allen Zeiten, an allen Orten.
Wenn die Farben trübe geworden, die Früchte des Herbstes faul oder gar die Lasten des Alltags zu schwer wiegen, wenn die Freunde sich verlaufen haben und die Welt ein unwirtliches Zuhause nur noch ist, wenn alles mich bedrängt und in Frage stellt, was mir lieb und teuer war, wenn mein Leben nicht mehr sicher und meine Gedanken nicht mehr geschützt sind, wenn meine Freiheit nicht das Papier wert ist, auf dem von ihr die Rede ist, was soll mir dann die Zeit und das Leben – wenn nämlich alles nur noch Last und Schmerz und Trauer ist?
Auch dann ist es Zeit! – nicht Zeit zum dankbaren Genießen und Freuen, sondern Zeit zum Loslassen, zum Abgeben, Zeit zu gehen, zu vergehen…
Von solcher Herbstzeit schreibt der Apostel mit diesem uns im Augenblick so fremden und doch nicht unendlich entfernten Lebensgefühl: die Zeit ist kurz, das Wesen der Welt vergeht.
Vielleicht ahnen wir ja, dass dies mehr als ein flüchtiger Seufzer ist, wo denn nur die Zeit geblieben sei. Sie ist vergangen, in der Kindheit und Jugend so unendlich langsam und mit zunehmendem Alter so atemberaubend schnell, dass nicht so sehr die Welt, sondern ich als Einzelner mein Vergehen, mein langsames mitten im Leben aus dem Leben Gehen spüre.
Nein für Paulus ist dies ein Wesenszug der Zeit und der Welt, dass die Zeit kurz ist, bis endlich ans Licht kommt, dass nicht alles alle Zeit so bleiben kann und bleiben soll, wie es ist.
Er kennt Weltuntergangsstimmung, die eigentlich Welterneuerungsstimmung ist und kann diese Zeit eigentlich gar nicht mehr erwarten und abwarten. Er ist in aller Angst vor Veränderungen, vor persönlichen Gefahren, vor Verfolgung, Not, Krankheit und Tod zugleich hoffnungsvoll, dass in allem Vergehen und Sterben nur ein Hoffnungslied zum Klingen kommen kann, dass nämlich Gott alles in allem ist und bleibt:
„ alles vergehet, Gott aber stehet/ ohn alles Wanken, seine Gedanken,/ sein Wort und Wille hat ewigen Grund./ Sein Heil und Gnaden,/ die nehmen nicht Schaden,/ heilen im Herzen, / die tödlichen Schmerzen,/ halten uns zeitlich und ewig gesund.“
Paul Gerhard hat wohl ganz ähnlich empfinden können, was seiner Zeit des dreißigjährigen Krieges geschuldet sein mag, aber die Wahrheit darin ist und bleibt meines Erachtens zeitlos gültig.
Ich kann die Apokalypse, das Weltuntergangsszenario ohne Mühe und ohne Überzeichnung und Entfremdung mit den Bedrohungen unserer Tage vor Augen stellen und malen: Klimakatstrophe, nukleare Unfälle, Flächenbrand im Nahen Osten – schon die Stichworte reichen neben den persönlichen Lebens- und Weltbedrohungen zwischen Krebserkrankungen, Herz- und Kreislaufschwierigkeiten, Demenz und Parkinson aus, um elementare und existentielle Ängste in jedem von uns zu wecken: Ja, nicht nur ist der Sommer groß, die Zeit ist auch kurz und die Welt vergeht.
Nur ist Angst die angemessene Antwort des Glaubens auf diese Anfrage oder Infragestellung meiner Person, meines Wesens, meines Lebens?
Paulus zumindest ermahnt vor diesem Hintergrund, die Frage nach den Prioritäten des Lebens noch einmal neu und anders zu stellen.
Es gibt Dinge im Leben, die sind wichtig, aber nicht allein und alles.
Er wird doch nicht das Heiraten verbieten und sich gegen das Glück von Partnerschaft und Elternschaft aussprechen, so welt- und lebensfremd kann auch er nicht sein. Aber wenn das allein alles im Leben wäre, was würde dies für die bedeuten, die dieses Glück nicht oder nicht mehr kennen? Wäre ihr Leben nichts mehr wert, nicht mehr lebenswert?
Er wird doch nicht das Lachen oder das Weinen verbieten, weil unser Leben natürlich die fröhlichen Augenblicke und die traurigen Wegstrecken kennt und wir in ihnen lernen und wachsen und irgendwann auch gerade darin unsere eigene Lebendigkeit spüren:
Ich lebe, darum weine ich. Ich lache, darum lebe ich!
Er predigt nicht oberflächlich einfach gegen den Materialismus aller Zeiten, weil es eine wahre Lebensfreude sein kann, Dinge geschenkt zu bekommen oder sich nach harter Hände Arbeit leisten zu können.
Aber er warnt davor, darin schon immer das ganze Leben sehen zu wollen.
Ist das allein der Grund und der Sinn unseres Lebens, dann bleiben einige, sogar viele ein Leben lang abschnitten von dem was es an Freude, Glück und Erfüllung, von Momenten der Gottesnähe und Gottesgeborgenheit gibt. Leben oder biblisch gesprochen die Welt, die vergehen, haben aber einen weiteren, also größeren Horizont: Gottes Ewigkeit, sein Reich, sein Welt, seinen Frieden, sein Heil, Geborgenheit in ihm und bei ihm.
Vielleicht denkt Rilke ja genau an diesen Horizont, wenn er beinahe gelöst und zutiefst getröstet sagen kann: Herr, es ist Zeit.
"Was mir hier aus den Händen fällt, fängt deine Hand auf, wo ich hier den Boden verliere, gibst du meinem Fuß neuen Halt und sicheren Tritt, wo ich hier mein Leben verliere, gewinn ich bei dir Ewigkeit. Meine Welt, die vergeht, blüht aber in deinem Reich zu neuer Schönheit auf. Und bis dahin lebe und genieße ich in aller Vorläufigkeit, aber mit nicht geringerer Dankbarkeit nur eben so, als ob nicht und dabei aber ganz und gar geschenkt und geborgen in und bei dir,Gott!"
Amen

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