Die Kirchenmauern verlassen

Liebe Gemeinde!

Als Predigttext am heutigen Sonntag hören wir einen Abschnitt aus dem Propheten Jeremia. Es ist ein Auschnitt aus einem Trostbrief, den der Prophet an seine nach Babylonien verschleppten Landsleute schreibt.

Die Älteren hatten noch die Erinnerung an die Heimat in ihren Herzen wachgehalten, aber ums so schwerer war es für sie, in diesem Land mit anderen Sitten und Gebräuchen und vor allem mit einer anderen Religion zu leben, die Jüngeren waren schon hier im Exil geboren, sie standen zwischen dem,was ihnen von den Eltern überkommen war an Traditionen und Glaubensvorstellungen und dem, was sie hier an modernen, aber auch zwielichtigen Lebensstil erlebten, wo die alten Vorstellungen von Geboten Gottes nicht mehr galten, wo jeder nur noch an sich selbst dachte.

In diese Zeit der Verunsicherung mag Jeremia einen Brief bekommen haben von Freunden in der Verbannung, in dem sie ihrem ganzen Schmerz Ausdruck geben, der folgenden Inhalt gehabt haben könnte: Hochverehrter Prophet Jeremia! es ist eine Schande, was man uns hier zumutet.

Wir haben alles verloren, unseren Besitz, die Heimat, den furchtbaren Acker, die schönen Gärten, freilich wir schlagen uns so durch, mancheiner von uns hat auch schon wieder einen Arbeitsplatz gefunden, der ihm Spaß macht, aber, wenn wir unseren Sabbat halten wollen, machen die Heiden einen höllischen Lärm, unser alter Glaube bröckelt immer mehr, wir haben auch das Gefühl, als sei unser Gott in Jerusalem geblieben.

Andere sagen auch, es gebe ihn nicht mehr. Wie hätte denn sonst auch diese Katastrophe über uns hereinbrechen können? Immer hatten wir den Glauben an den Gott unserer Väter treu bewahrt und weitergegeben an die Kinder, aber die wollen jetzt auch nichts mehr davon wissen. Wir sind erschüttert, wir haben Heimweh, wir wollen nach Hause.

Wenn es einen Gott gibt, dann soll er es ermöglichen. So ein Leben ist nicht mehr zu ertragen, wir wissen nicht wie es weitergehen soll!… Daraufhin schreibt Jeremia den folgenden Brief zum Trost:

[TEXT]

Wie hören wir die Worte des Propheten? Zwei Wege bietet der Prophet seinen Mitmenschen zur Orientierung an: den ersten könnten wir den sozialen oder politischen Weg nennen: ein Weg, der uns gar nicht so fremd ist, denn noch vor einigen Jahren war die Rede von KIRCHE IM SOZIALISMUS, das hieß nicht: Kirche für den Sozialismus, sondern hieß: Christen, die nun einmal im Sozialismus leben mußten, sollten sich nicht in Resignation zurückziehen in ihre vier Wände, sondern wo immer sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, kritisch mitarbeiten, das beste daraus zu machen, getreu dem Worte: Suchet der Stadt Bestes.

Wir haben gemerkt, daß nicht viel Spielraum gegeben war, aber immerhin haben viele Leute für Kirche und Staat kritisch nach ihrem Besten gefragt. Es gab Ev. Kindergärten, in denen Kinder nicht nach sozialistischen Erziehungsmaßstäben ideologisiert wurden. Es gab viele Christen, die ihre Arbeit verantwortungsbewußt getan haben und in ihren Familien den Glauben weitergegeben haben, die Häuser gebaut haben, Gärten angelegt haben, geheiratet haben und Kinder bekamen.

Sicher, das alles war nicht immer leicht und einfach, weil wir das Gefühl nicht loswurden, daß sich dennoch in der großen Politik nichts zu ändern schien, über unsere Köpfe hinweg bestimmt wurde, wie wir das heute auch manchmal so empfinden, aber es hat dennoch einschneidende Veränderungen gegeben und es wird sie weiterhin geben, wenn wir verantwortlich dazu beitragen, der Stadt Bestes zu suchen.

Für uns heute heißt das, auch wenn wir nicht in der Verbannung leben, uns einzubringen als Christen in das Leben, unsere Kirchenmauern zu verlassen, wann immer das möglich ist. Die Transparenz auch unseres Gemeindehauses und unserer Arbeit darin kann einladend wirken für Menschen, die uns erleben als Christen.

Und der zweite Weg, den uns Jeremia in seinem Antwort Brief benennt: Wir könnten ihn den geistlichen Weg nennen und er gipfelt in dem Satz. Gott spricht, wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.

Ein wichtiges Wort für eine Welt, für eine Gesellschaft, von der wir sagen: sie wollen von Gott nichts mehr wissen. Und das könnten wir auch von unserer Gesellschaft heute sagen.

Viele unserer Zeitgenossen sind auf der Suche nach Orientierung und Lebensqualität. Sie spüren, daß die materielle Befriedigung der Bedürfnisse nicht letzte Lebensqualität darstellt.

Sie lassen sich freilich dabei manchmal auf sehr zweifelhafte Wege führen, in pseudoreligiöse Gemeinschaften, die sich oft schon bald als Irrweg herauskristallisieren.

Sie gehen zu esotherischen Lebenskurse oder nehmen manch zwielichtiges Angebot aus Fernost oder aus Amerika wahr.

Nicht für alle, aber für viele Lebensfragen kann noch immer der Glaube unserer Väter und Mütter eine Hilfe für solches Fragen und Suchen sein. Er kann Orientierung und Hoffnung geben, denn Gott selbst verspricht, daß er uns Zukunft und Hoffnung geben will.

Er will uns und unsere Welt nicht untergehen lassen, das ist seit den Tagen Noahs sein großes Versprechen. Gott selbst hat die zerstörende Macht der Sünde in Jesus Christus durchbrochen.

Es ist nicht ganz leicht und auch nicht einfach, diesen Weg zu gehen, der nach Gott fragt, der Gott sucht, der Gott Gehorsam leistet, aber es ist ein zukunftsträchtiger und hoffnungsvoller Weg, dieser Weg, der der Stadt Bestes will und der zu Gott fleht, daß er zu unserem Tun und Wollen auch seinen Segen gibt.

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