Warten auf bessere Zeiten

Predigttext ist heute ein Brief, aber keiner des Apostels Paulus, ein viel Älterer vom Propheten Jeremia an die Menschen in Babylon im Exil. Hintergrund: Der König von Juda, Jojachin, hatte vor Nebukadnezar kapituliert. Der Tempel und die Stadt Jerusalem wurden so vor Zerstörung bewahrt, aber geplündert. Die Oberschicht wurde ins Exil nach Babylon geführt und ist dort verunsichert. Wo sollen sie hin mit ihrem Glauben, ihrer Hoffnung, wie sollen sie leben im fremden Land unter Menschen, die ihren Gott nicht kennen? Ihnen schreibt der Prophet Jeremia ohne falsches Mitleid, sondern mit einem flammenden Apell:

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Dieser Brief richtet sich an die Verbannten (zwischen 587 und 586): Es ist ein Schreiben an die ‚Traditionsträger‘ und Verantwortlichen.

Sie hatten eine Kernfrage, die uns heute vielleicht fremd ist: Wie sollen wir im Glauben leben, wenn unser Volk (und damit auch unser Gott) derart verloren hat? Sollen wir uns anpassen oder sollen wir Widerstand leisten? Was bedeutet die Verheißung, die unsere Mütter und Väter bekommen haben, für uns heute?

Darauf antwortet der Prophet deutlich: Bleibt wo ihr seid, richtet euch ein, lebt so, als wärt Ihr dort zu Hause. Gründet Familien und werdet in Ehren alt. Und in Allem: Suchet der Stadt Bestes. Dass Beste für die Fremden, mit denen ihr lebt.

Das Beste = der Schalom, der mehr ist als Friede. Gemeint ist auch, dass alle genug haben zum Leben, dass Neid und Missgunst keinen Raum finden. Danach sollt Ihr auch im Ausland streben. Das Eure dafür tun, dass es allen Menschen gut geht.

Es nutzt nichts, allein auf bessere Zeiten zu warten.

Jeremia lädt seine Schwestern und Brüder ein, die im Exil vorgefundene Gesellschaft so zu nehmen wie sie ist, in ihr zu arbeiten und für sie zu beten und die Hoffnung nicht zu verlieren auf eine Gerechtigkeit, die wir schaffen können in der Gesellschaft, in der wir leben und zu warten auf die Gerechtigkeit, die von Gott kommt. Und er erzählt ihnen von dem Gott, der ihnen auch noch dort eine Zukunft bereitet.

Man kann es so zusammenfassen: Lebt Euren Glauben so, als wärt ihr zu Hause und vor Allem: tut das Eure, dass es den Menschen in eurer neuen (erzwungenen) Heimat gut geht.

Natürlich gibt es in der Fremde auch Enttäuschungen: Nicht alle Menschen gehen auf meinen guten Willen ein. Nicht alles wird besser, nur weil ich besser werde. Und nicht alle meine guten Gedanken werden auch gut angenommen. Aber mit dem Zuspruch des Propheten lerne ich vielleicht, Geduld zu entwickeln und zu leben in den bestehenden Verhältnissen so wie sie nun einmal sind.

Vielleicht werde ich dann auch lernen, dass es für den christlichen Glauben nicht geht, sich nicht um Politik zu kümmern. Es kann einem manchmal schlecht werden, wenn man sieht wie politische Prozesse ablaufen, aber ein Christenmensch lebt in der Gesellschaft, die er vorfindet und darf sich nicht in ein Schneckenhaus zurückziehen und nur für sich leben. Er lebt in der Stadt, in der Polis. Sie ist sein Feld, auf dem glauben gelebt wird. So wie die Menschen damals im Exil für die fremde Stadt arbeiten und beten sollen, so werden auch wir eingeladen, auch dort wo uns manches fremd ist, für die Menschen zu arbeiten und zu beten, damit es allen Menschen gut geht; denn sie sind alle Geschöpfe des einen Gottes.

Deprimierende Erfahrungen gehören dazu, aber auch die Hoffnung, dass Gottes guter Geist auf meinem Tun liegt und es so zu einem Segen werden kann. So wie der Segen auf den Worten des Propheten lag. Schließlich handelt es sich hier um eine der ganz großen Glaubensgeschichten, dass es dem Volk Israel auch dann noch gelang seinen Glauben zu bewahren, als alles verloren war, weil sie für die Fremden beteten.

Auch das Gebet für die Andersgläubigen gehört zur Tradition der christlich-jüdischen Glaubensgemeinschaft. So wie die Kirche 1945 bekennen musste, dass sie nicht intensiv genug gebetet hat für ihre jüdischen Geschwister, so muss sie heute bekennen, das Gebet für Menschen anderen Glaubens zu vernachlässigen.

Römer 12,21: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Der Wochenspruch weist die Richtung der Feindesliebe. Sie bedeutet, dass ich nicht die Menschen suche, die so sind, wie ich sie gerne hätte, sondern mit denen Menschen versuche gut zu leben, sie so sind, wie sie sind und nie aufhöre für sie zu beten und zu arbeiten.

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