Zeit voller Wunder

Liebe Gemeinde,

manchmal stellen wir uns die Zeit Jesu als eine Zeit voller Wunder und unvergleichlicher Erlebnisse vor. Quasi als ein Hoch-Zeit der Heilungen und eine Zeit der Beseitigung all dessen, was uns quält und bedrückt. Immerhin berichten die Evangelien an vielen zentralen Stellen von solchen Erfahrungen der Menschen mit Jesu Heilkraft.

In unserer heutigen Zeit wird dies den etablierten Kirchen oft als ein Manko, ein Defizit, vorgeworfen: „Warum gibt es bei euch solche Heilungen nicht mehr?“ und gleichzeitig kann man immer wieder ein zumindest kurzfristiges Aufblühen von solchen Gemeinden beobachten, in denen Heilungen versprochen werden. Diese Gemeinden befinden sich meist nicht in Deutschland, sondern in Ländern, die von ihrer Tradition her anders geprägt sind, als wir in unserem Kulturkreis. Oft also in den USA oder in den afrikanischen Staaten, neuerdings auch ein den ehemaligen sowjetischen Gebieten.

Vielleicht haben Sie ja das eine oder andere auch aus der Presse mitbekommen. Was gab es denn schon alles? Eine Gemeinde in Kanada z.B. hatte versprochen, dass in ihren Gottesdiensten alle Amalgam-Füllungen der Zähne umgewandelt werden können in Goldfüllungen. Eine andere Gemeinde hat versprochen, dass zu kurze Gliedmaßen im Gottesdienst quasi nachwachsen und auf die richtige Länge gebracht werden. Andere verzichten auf Medikamente und versprechen in einem festen Glauben die vollständige Heilung etwa von Krebs usw.

Nun sind wir ja nicht alleine auf dem „Markt der Sinnanbieter“, wie es manchmal heißt. Ganz Ähnliches kann man auch hören aus der Ecke der sogenannten Neuen Medizin: Da spricht einer davon, dass durch die richtige Einstellung z.B. der Krebs erkannt wird als ein Hinweis, sein Leben zu ändern. Und wenn man dies dann täte, würde auch der Krebs verschwinden. Wieder eine andere Gruppierung behauptet, dass durch ein Einstellen auf eine kosmische Energie zu bestimmten Uhrzeiten am Tage eine reinigende Kraft durch den Körper strömt, die ebenfalls in der Lage ist, sämtliche Krankheiten zu heilen. Medial wirksam aufgemachte Berichte über die Heilungen werden verbreitet und den Menschen eine große Hoffnung gemacht.

Unser heutiger Sonntag steht unter dem Thema Heil und Heilung und wir finden unser Predigtwort im Jakobusbrief im fünften Kapitel, in den Versen 13-16. Dies wollen wir zunächst hören:

[TEXT]

Zunächst, liebe Gemeinde, fällt mir eines auf: Wieder aufs Neue ist die christliche Botschaft verortet in einer Gemeinschaft. Hier geht es nicht um den Einzelnen und sein Begehren, seine Wünsche oder sein Streben. Hier geht es um den Nächsten, den Nachbarn, den Glaubensgenossen. Ist dieser krank, so soll die Gemeinschaft kommen und mit ihm sein. Die Ältesten darf ich hier gerne übertragen als einen Dienst, der die ganze Gemeinde tun kann, zumindest fassen wir es Evangelischen so auf. Ist jemand krank, so kommt – stellvertretend für das Ganze – ein Teil der Gemeinde zusammen und ist erst einmal bei dem Kranken. Sie sind da, sie kommen, sie nehmen Anteil. Liebe Gemeinde, das ist der erste Schritt. Erinnern Sie sich an die große Lehrerzählung von Hiob. Auch wenn die Freunde in der Folge des Besuchs bei Hiob dann vieles verkehrt machen, so machen sie doch das Erste richtig: Sie kommen und sind erst einmal einfach da. Die Schrift schreibt: 7 Tage sind sie bei ihm, ohne zu reden, „denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ Später, liebe Gemeinde, können sie dann ihre Klappe nicht halten und versuchen sich doch an allerlei Deutungen, warum Hiob sein Leid widerfährt. Aber das erste bleibt auch uns heute eine christliche Aufforderung: Erst einmal da zu sein, den Schmerz und das Leid mit dem Nächsten auszuhalten und sich zurück zu halten in der Deutung. Das ist, liebe Gemeinde, eine beständige große Anfrage an das Christentum und zugleich – wie ich meine – seine große Stärke. Wir haben keine Antwort auf die Frage, warum es Leid am Einzelnen gibt. Wir stehen stumm vor der Frage, warum den einen ein so großes und so frühes Leid trifft und den anderen, der vielleicht sogar noch ein schlimmes Leben führt, das Glück anscheinend beständig küsst. Und, liebe Gemeinde, wir tun gut daran, uns in dieser Deutung des Leides zurück zu halten. Ich nennen Ihnen ein paar Antworten, die uns überhaupt gar nicht gut anstehen: Die eine Antwort, wie wir sie z.B. oft in der Esoterik finden wäre: „Du hast in einem früheren Leben etwas Böses getan und musst es eben jetzt büßen – oder du willst es büßen!“ (Auch diese Antwort gibt es.) Aber was hieße das denn? Dass das behindert zur Welt gekommene Kind sich sein Schicksal eben ausgesucht hat oder das der Verkehrsunfall eine notwendige Folge war für etwas, was sehr viel früher zurückliegt. Wie würde man mit diesen Menschen umgehen, liebe Gemeinde?

Eine zweite Antwort will ich Ihnen geben, die man v.a. in den sogenannten frommen Kreisen findet: „Gott straft dich mit einer Krankheit, weil du seine Gebote nicht einhältst!“ Liebe Gemeinde, glauben wir wirklich, dass Gott so kleinlich sein muss und mit einer versteckten Strafe ein Vergehen ahndet? Steht uns nicht allen ein Gericht am Ende der Zeit bevor, vor welchem wir uns erklären müssen, was wir mit unserem Leben angefangen haben? Sollte es Gott da nötig haben, mit solcherlei Zeichen in unser Leben zu wirken, um uns zu strafen? Denken Sie an Jesu Worten im Lukasevangelium, als es um das Unglück beim Turm von Siloah ging: „Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als die anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen?“ Nein es ist doch andersherum, liebe Gemeinde: In Christus ist uns Gottes Liebe begegnet und sie zeigt den Willen unseres Vaters an: Nämlich das Heil und die Vergebung. Nein, Gott gehört nicht zu diesen strafenden Dämonen, die wir Menschen uns gerne ausdenken.

Die Antwort des Christen auf die Frage nach dem „Warum?“ wird sein müssen, dass wir es nicht wissen, nicht deuten und nicht erklären können. Freilich können wir sagen, dass die Welt verwundet ist und mit ihm der Mensch. Ja, dass das Wesen des Menschen mit einem Schatten behaftet ist, der auch zuständig ist für manches Leid und Unglück in dieser Welt. Aber warum den einen eine Krankheit trifft und den anderen nicht, das wissen wir Christen nicht.

Die einzige Antwort, die uns zusteht – und die uns übrigens gut anstehen würde – ist die, dass wir kommen, um dem Leid zu begegnen, ja um mit den Leidenden zu leiden und ihre Schmerzen dadurch zu mildern. Dass wir das Kreuz mittragen helfen, wie Simon von Kyrene. Wenn es überhaupt so geht, dann doch mit dem Weg, den Jesus uns gezeigt hat: Dem Bösen durch Liebe begegnen und durch das Leid zu neuem Leben gelangen.

Zurück aber, zu unserem Predigtwort. Zu dem Kranken kommen. Mit ihm beten. Ihn salben, sprich: Ihn berühren – ihm menschliche Nähe zeigen. Und das Gebet des Glaubens sprechen. Was aber ist das „Gebet des Glaubens?“ Es ist sicherlich kein Gebet, welches auf Fortschritt und eigenen Vorteil aus ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Gebet „Ich bitte dich, Vater, dass ich morgen im Lotto 8 Millionen Euro gewinne!“ ist kein Gebet des Glaubens! Warum nicht? Weil Glauben Vertrauen bedeutet. Weil Vertrauen als Christ heißt, dass ich gewiss bin, dass mein Lebensweg in Gottes Hand liegt. Dass ich gewiss bin, dass ich als getaufter Christ nie und nimmer aus dieser Hand Gottes fallen kann. Ganz gleich, was sein mag: Ich darf mich ein geliebtes Kind Gottes nennen! Mein Heil, liebe Gemeinde, glaube ich in diesem Gott und nicht in meinem Erfolg, meiner Gesundheit, meinem Fortkommen. Mein Leben hat also einen festen Anker, einen Grund, der gerade außerhalb von mir selbst liegt und nicht durch mich festgemacht und bestätigt werden muss. Die Taufe ist das sichtbare Zeichen dafür: Dieser feste Anker wurde mir geschenkt, an mir vollzogen. Gerade nicht durch mein Tun und meine Leistung.

In einer Krankheit, liebe Gemeinde, könnte also ein Gebet des Glaubens heißen, dass ich darum bitte, dass Gottes Wille geschieht. Dass ich darum bitte, dass er mich begleitet in allem, was geschehen mag oder muss. Wie betet Jesus im Garten Gethsemane? „Wenn es möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“

„Der Herr wird ihn aufrichten.“, heißt es in unserem Predigtwort. Ja, wenn ich weiß, dass Gott mich begleitet, in dem, was mir bevorsteht, dann ist das in der Tat ein Aufrichten, denn ich bin mit Paulus gewiss, dass es keine Kraft gibt, die mich von diesem Gott trennen kann. Und das heißt all das, was meine Person ausmacht, nicht nur mein Körper oder mein Verstand oder meiner Hände Kraft, sondern all das, was ich bin und was mich einzigartig macht.

Es ist so, dass es Menschen gibt, die wieder ganz gesund werden. Die gibt es im Glauben und außerhalb eines Glaubens. Die Medizin rätselt bis heute, warum dies so ist oder wie es geschehen kann. Eine Spontanheilung ist sehr schön und der Glaubende wird es der Kraft Gottes zuschreiben. So lesen wir es im Neuen Testament. Aber dennoch müssen auch all die so Genesenen letztlich wieder sterben. Auch ihr Leben ist endlich, auch ihre Heilung ist nur vorübergehend. Wichtiger aber ist dies – und wer die Schrift ernstlich liest – wird dieser Aussage beständig begegnen: in den Heilungen, die von Christus erzählt wird, wird zunächst von der Vergebung der Sünden gesprochen, also von dem Wegnehmen des Hindernisses, dass die Menschen von Gott trennt. Ein Weg wird freigemacht, um zu diesem Gott zu kommen, zu glauben, dass er mein Vater ist, der es gut mit mir meint. Das, liebe Gemeinde, ist die Frohe Botschaft, nicht primär das Gesundwerden von irgendeiner Krankheit. „Bekennt also einander eure Sünden und bete füreinander, dass ihr gesund werdet.“

Die Botschaft des Christentums ist oft genug eine Torheit in den Ohren dieser Welt, Sie wissen das, liebe Gemeinde. Aber auch hier können wir es sehen: Der Blick geht auf die von Leid Betroffenen – auf sie wird die Aufmerksamkeit gerichtet. Christus ist dort zu finden und zwar auf eine Art und Weise, wie er es selbst vorgelebt hat. „Warum steigst du nicht vom Kreuz herab, wenn du Gottes Sohn bist?“, so fragen es die Spötter in den letzten Stunden des irdischen Jesus. Weil, liebe Gemeinde, wir nicht leben aus uns alleine heraus. Kein Übermensch, kein Übergott ist dieses Sterben am Kreuz gewesen. Sondern weil wir in neues Leben gehen können, wenn wir begreifen und es leben, dass der Weg der Gewalt und der Weg des Triumphs nicht der richtige Weg sind, sondern des Mitleidens und Mitragens des Leides. So gilt der letzte Satz unseres Predigwortes: „Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“

Folgende Geschichte, liebe Gemeinde, ist von Gertrud Weidinger erzählt:

„Es war im Oktober 1982. Wieder einmal musste ich Vertretung in einer zweiten Klasse machen. Ich kannte die Kinder gut. Mit einem Spiel wollte ich den Vormittag beginnen, da stutzte ich – diesen Jungen hatte ich hier noch nie gesehen. Ich erschrak, als ich ihn genauer betrachtete: klein, dürr; ganz blass und kaum Haare auf dem Kopf.
"Wie heißt du denn? Ich kenne dich ja gar nicht!" fragte ich nach einigen Augenblicken des Schweigens. "Werner", antwortete er mit einer dünnen, hohen, aber fröhlichen Stimme. "Aha, du bist offensichtlich neu in dieser Klasse?" – "Ich bin schon immer in dieser Klasse!"
Ich wollte nicht weiterfragen. Wir arbeiteten fleißig. Meine Gedanken aber kreisten um Werner. Was kann mit diesem Kind los sein? War es krank? War es umgezogen gewesen, oder, oder, oder …? "Wir gehen zum Sport!" rief ich am Ende dieser Stunde. Das war ein Hallo! Die Leitern wurden aufgestellt und die dicke Matte lag darunter. Leichtfüßig und schnell wie ein kleiner Schimpanse kletterte Werner auf die Leitet; um sich mit einem Affenschrei herunterplumpsen zu lassen. Plötzlich ging er auf mich zu und sagte: "Ich höre jetzt auf. Ich darf mich nicht überanstrengen!" Erstaunt setzte ich mich zu ihm. Da erzählte er: "Wissen Sie, ich war ein halbes Jahr lang im Krankenhaus. Und da drunter" – er deutete auf sein T-Shirt, aus dessen Ausschnitt ein Pflästerchen herausschaute – ,,da sitzt immer noch ein Gummischlauch, der in den Körper hineinoperiert ist. Der tut gar nicht weh! Und wissen Sie, warum ich den Schlauch habe? Weil ich nämlich den Krebs gehabt habe, den Krebs im Bauch, wissen Sie. Da war ein dickes, hartes Geschwür, so groß wie eine Männerfaust. Das haben die im Krankenhaus herausgemacht. Ich habe danach lange nichts mehr essen dürfen. Zum Schluss bin ich jeden Tag bestrahlt worden, davon sind meine Haare ausgegangen. Aber die wachsen wieder nach!" beteuerte er mit einem Lachen in der Stimme.
Betroffen saß ich neben Werner. Inzwischen stand die ganze Klasse um uns herum. "Aber wissen Sie, was das Schönste ist? Ich muss nur einmal in der Woche ins Krankenhaus zum Blutabnehmen.
Danach darf ich gleich wieder heim. Die anderen Kinder nämlich, die auch so was haben, dürfen nicht heim, und die haben ganz viele Schmerzen. Wenn ich im Krankenhaus bin, besuche ich sie immer und lache mit ihnen, dann geht es ihnen besser."
Werner schaute mich mit seinen warmen, braunen Augen an und lachte fröhlich. "So, jetzt kann ich wieder klettern und hüpfen!" -Im Juli 1984 ist Werner im Alter von fast elf Jahren an seiner Krankheit gestorben. Während der letzten drei Wochen seines Lebens war er zu schwach, die Schule zu besuchen. Zwei Jahre hat er mit sich gekämpft: "Ihr braucht nicht mehr zu kommen, ich sterbe bald." Vor dem offenen Kindergrab spürte jeder: Hier gibt es keine Lösung. Hier kann der Mensch nicht mehr weiter. Der Mensch ist nicht Herr der Welt.
Am folgenden Tag habe ich mit den Kindern geredet, sie sagten:
"Wenn ich mich an Werner erinnere, dann ist es, wie wenn er daneben stünde …"“

Liebe Gemeinde: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Gemeinde, dass sie über ihm bete und ihm Mensch sei unter Mensche. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.

Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“

Und der Friede Gottes, der stärker ist, als wir es ihm oft zutrauen, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus. Amen.

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