Hören wir noch den Trommler?

Liebe Gemeinde,

das, was ihr eben gehört habt, ist der Refrain aus dem Lied HERZ von Hermann van Veen:

"Hörst du denn nicht den Trommler,
der beharrlich in dir schlägt.
Der dich bei aller Gegenwehr
Auch durch Feindes Lager trägt
Hör auf ihn – er sagt dir was,
wenn er sich nicht mehr regt,
ist das ein Zeichen dafür, dass
sich gar nichts mehr bewegt."
(Hermann van Veen)

Und wir?
Hören wir es noch trommeln?
Nehmen wir es wahr, wenn es an unserer Herzenstür klopft?

Unser Predigttext heute nimmt einen ganz schön ins Gebet. Du bist weder kalt noch warm, heißt es darin. Und (etwas frei übersetzt) deine Lauheit ist zum Kotzen. Und so geht es dann noch weiter, wenn da geschrieben steht: Eigentlich bist du doch ein jämmerliches Wesen: arm, blind und bloß. Sieh zu, daß du begreifst, was mit dir los ist und dein Leben änderst.

Also: So einen Brief möchte ich nicht geschickt bekommen. Der kann einem ja gerade Angst machen.

Das 7. Sendschreiben aus der Offb des Johannes übt scharfe Kritik an den Christen in Laodicea. Im Unterschied zu anderen Gemeinden scheint der Schreiber bei jenen nichts, aber auch gar nichts, zum Loben gefunden zu haben. Aber warum?

Laodicea war zu seiner Zeit eine reiche Stadt, ganz in der Nähe der heißen Quellen von Pamukkale gelegen, in der heutigen Türkei. Zu den Thermen kamen viele Heilung Suchende und Gesundheitsbewußte, die Stadt profitierte vom Kurbetrieb. Dazu gab es eine Wollmanufaktur und jemand Findiges hatte eine heilkräftige Augensalbe erfunden. All dieses fühlte die Kassen der Stadt. Und so gelang es ihr zu einer Art Bankenzentrum aufzusteigen, das über große Geldreserven verfügte.

Laodicea war so reich, dass es im Jahre 60 unserer Zeitrechnung, als es von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde und Rom Hilfe anbot, diese ausschlagen konnte.

Offensichtlich sind auch die Christen in Laodicea im Stolz auf ihre Stadt aufgegangen. Sie unterscheiden sich in nichts mehr von ihren Mitbewohnern. Auch sie brauchen nichts – so wenig wie die Stadt Almosen und Geschenke braucht.

Die Christen sind ununterscheidbar geworden. Ununterscheidbar in ihrem Tun. Ununterscheidbar in ihrem Leben.
Sie sind ununterscheidbar, denn sie entscheiden sich nicht: Sie entscheiden sich weder für noch gegen die Liebe zu Gott. Sie entscheiden sich weder für noch gegen ein Eintreten für Gottes Gebote. Sie sind weder für noch gegen Gerechtigkeit. Sie lassen das Leben sein, so wie es eben ist. (siehe GD Praxis 2006)

Als ich über die Situation in Laodicea las, habe ich schon gedacht: So viel anders ist das bei uns heute in unserem reichen Lande doch auch nicht.

Sind wir Heutigen als Christen noch unterscheidbar von anderen in der Gesellschaft und Nachbarschaft? Woran merken andere, dass wir Christen sind?
Am ehesten wohl noch daran, dass wir uns in und für die Kirche engagieren. Aber darüber hinaus?

Und ich nehme mich da gar nicht aus. Als Pfarrerin bin ich ja quasi Berufschristin. Doch was bliebe eigentlich, wenn ich es nicht mehr wäre?

Du bist weder kalt noch warm. Weil du aber lau bist, werde ich dich ausspeien.
Wo bin ich lau im Leben?
Ich frage mich das manchmal.

Müsste ich nicht mehr von meinem Geld abgeben?
Müsste ich mich nicht mehr engagieren, damit sich in unserer Gesellschaft etwas verändere, damit die Welt gerechter und friedlicher werde?
Müsste ich nicht – statt in der Sonne zu sitzen – Briefe für die Gefangenen des Monats von ai schreiben?

Ich weiß auf diese Fragen keine entschiedene Antwort. Lau bin ich in der Entscheidung dieser Fragen. Nicht heiß, nicht kalt. Finde es schwierig, im Ernstnehmen dieser Fragen, eine ehrliche Antwort zu finden.
Aber ich höre den Trommler. Ich höre es klopfen.

Und ich weiß: In diesen Fragen klopft Gott an unsere Tür. Bittet um Einlass. Will sich zu uns an den Tisch setzen. Will mit uns reden. Und uns zur richtigen Antwort führen.

Tut Buße!Das sagt der, der Amen heißt. Der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes. Tut Buße!

Buße, die deutsche Übersetzung des Wortes metanoia. Metanoia – das meint Umkehr, eine Sackgasse verlassen. Neu anfangen.

Tut Buße! Das ruft uns auf, inne zu halten. Zu schauen, wo wir auf einem Holzweg sind. Wo wir uns irren. Wo wir Leben leben, das uns und anderen nicht gut tut.

Der Teufel liegt im Detail., heißt es im Volksmund. Und so ist es wohl auch mit unseren Fehlern und unserer Schuld.
Manchmal kommt man vom rechten Wege ab ohne es so recht zu merken. Obwohl man es eigentlich recht gemeint hat, recht machen wollte.

Ein mir öfters begegnendes Beispiel ist die Frage von Spendenzwecken. Immer wieder höre ich: Nein, wir geben lieber das Geld einer Schweizer Einrichtung, am liebsten sogar lokal bezogen, also einem Graubündner Sozialwerk. Hier in der Schweiz gibt es ja auch soviel Not.

JA!, Not gibt es. Auch hier. In der Schweiz. Es gibt Ungerechtigkeit und Armut.
Subjektiv empfunden mag die Not sogar genauso groß sein wie die einer Mutter in Afghanistan mit einem von den Taliban entführtem Kind.

Und doch gibt es einen qualitativen Unterschied zwischen der Not in unserem Lande und der in Zweidritteln der Welt.
In der Schweiz muss keiner verhungern und eine medizinische Grundversorgung erhält auch jeder (Asylbewerber manchmal leider ausgenommen). Es gibt Schulen und wir leben im Frieden – vielleicht das größte Gut von allen.

Gestern las ich in der Tessiner Zeitung von dem neuen Pfarrer im Osernone Tal: Padre Witold. Er war zuvor 18 Jahre lang Pfarrer in Georgien und hat dort das Caritaswerk Georgien aufgebaut.
Er sagt in dem Interview: „Mein Herz ist immer noch in Georgien. Nachts wache ich auf und denke an meine Straßenkinder. Sie schreiben mir jeden Tag.“ Und dabei schießen ihm Tränen in die Augen. „Wenn ich die Briefe der Kinder lese, muss ich immer weinen. Wie ein Idiot.“ Und nach einer Pause setzt er fort: „Hier ist alles anders. Hier haben alle alles oder fast alles.“

Schon Paulus hat auf seinen Missionsreisen in Kleinasien Geld für die bedrängten Christen in Jerusalem gesammelt. (Und ihr könnt sicher sein, dass es in den meisten kleinasiatischen Gemeinden genug Arme gegeben hätte, um sich ganz auf die Not in der eigenen Region zu konzentrieren.)

Zur Gottesliebe gehört immer auch die Sehnsucht nach Gerechtigkeit und das Sorgen um die Not des anderen – daher das diakonische Handeln von Kirchen und ihren Gemeinden über das eigene Land hinaus.

Gott trommelt. Immer wieder. Und immer wieder wird er nicht gehört. Wird er überhört.
Das Überhören von Gottes Trommeln kann in der Haltung stecken des nicht über den eigenen Tellerrand schauen Wollens. Es kann im Übersehen von unbequemen Wahrheiten liegen. Es kann im Wegschauen, im Hinschauen auf das Andere verborgen sein.

Hören wir das Trommeln? Gottes Anklopfen an unserer Herzenstür?
Ich habe die Vermutung, dass – wenn uns ein Gedanke, eine Idee unbequem ist – dass dies ein gutes Indiz dafür sein kann, dass Gott gerade dann anklopft. Dass er in diesem Moment bei uns eintreten möchte. Daß er vorhat, mit uns etwas zu besprechen.

Ich möchte schließen mit der ermutigenden Vision des früheren Präsidenten des Reformierten Weltbundes Clifton Kirkpatrick (der Reformierte Weltbund ist im Juni 2010 aufgegangen in die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen) schließen:
Christus bietet uns das Leben in all seiner Fülle an, nicht damit wir es für uns behalten. Wir erhalten Leben in Fülle, damit wir und unsere Kirchen verwandelt werden und so Anteil haben an Gottes Bewegung, die Mächte des Todes zu überwinden und an einer Welt mitzubauen, in der alle Menschen und die Schöpfung die Fülle des Lebens erfahren.

Gottes Klopfen zu hören, mag unbequem sein, mag stören, mag anstrengend, vielleicht sogar äußerst anstrengend sein.
Aber Gottes Eintreten in unser Leben verheißt uns Lebendigkeit und Leben in Hülle und Fülle. Wir werden es nicht bereuen.

Lasst uns Augen und Ohren, Herzen und Sinne für Gottes Trommeln öffnen!
Amen!

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