Die Zeit ist kurz! Über die Würde des Menschen

74 Prozent der Deutschen sagten im Rahmen der Feierlichkeiten zum 60. Geburtstag unserer Verfassung, dass sie stolz auf das Grundgesetz seien. Die Mütter und Väter der deutschen Verfassung dürfen sich demnach posthum getrost auf die Schultern klopfen.
Das wir in einem Rechtsstaat leben, finden sogar noch mehr Menschen Klasse: 85 Prozent freuen sich über Freiheit und Rechtssicherheit. (Quelle: http://de.statista.com). Die nachfolgenden Geschehnisse allerdings geben darüber Zeugnis, dass es sich hier wohl um eine Momentaufnahme handeln muss. Denn wenn die Zeit knapp ist und eine Entscheidung her soll, dann hat das vorher gesagte kaum noch Bestand.

Die Zeit ist kurz! Der damalige stellvertretende Polizeipräsident in Frankfurt, Wolfgang Daschner, spürt diesen Zeitdruck. Er geht davon aus, dass der entführte Jakob von Metzler noch lebt. Der dringend Tatverdächtige Magnus Gäfgen, der zum Verhör im Polizeipräsidium ist, weiß, wo der Junge ist.
Die Zeit ist kurz! Um den Aufenthaltsort des Jungen herauszufinden droht der Polizist dem Entführer schließlich mit Folter.

Am Ende ist das Kind tot und Magnus Gäfgen verklagt das Land Hessen einige Jahre später erfolgreich auf Schadensersatz. 3000,00 Euro sind somit als Entschädigung zu zahlen. Bleibt die Frage: Was darf man was darf man nicht – wenn die Zeit kurz ist und die Umstände zur Eile mahnen?
Ist es erlaubt, Folter bloß anzudrohen? Ist das ein adäquates Mittel, um eventuell ein Menschenleben zu retten? Oder ist das moralisch und ethisch nicht erlaubt, weil so der Rechtsstaat unterhöhlt würde?

Die landesweite Empörung darüber, dass das Land Hessen dem Täter eine Entschädigung aufgrund der Androhung von Gewalt zahlen muss ist verständlich. Einem Kindesentführer Folter androhen, um das Kind zu retten … Der Rechtsstaat verbietet so etwas. Erst recht, seinen Beamten. Der Staat darf selber Unrecht nicht mit Unrecht bekämpfen.
Was also ist erlaubt und was nicht?
Fest steht: Die Menschenwürde eines jeden einzelnen darf nicht angetastet werden. Das sagt der 1. Artikel unserer Verfassung:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und weiter heißt es: „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Und: „Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Unsere Verfassung bezieht sich auf die Menschenwürde. Diese Würde beziehen die Menschen – theologisch gesprochen – aus einer besonderen Beziehung zu Gott. Der erste Schöpfungsbericht weiß, dass wir Menschen „Ebenbild Gottes“ sind. Damit sind natürlich alle Menschen gemeint. Jeder hier auf Erden besitzt dieses unverdiente Geschenk.

Kann man diese Ebenbildlichkeit verlieren? Oder anders gefragt: Kann man seine Würde verlieren? Das Christentum kennt darauf nur eine Antwort: Nein, denn unser Glaube lehnt die Bewertung menschlichen Lebens ab. „Eine Unterscheidung von wertvollem und weniger wertvollem […] ist nicht möglich.“ (M. Hein: Gott entdecken, Leipzig 2011, S. 26).
Das bedeutet also, dass Christen auf Grundlage der Ebenbildlichkeit Gottes weder Folter zulassen können, noch dass sie sich damit abfinden können, dass derlei einem Menschen angedroht wird. Dem Menschen als Geschöpf steht „jenseits von persönlichem Verdienst und Versagen und vor aller menschlicher Rechtsordnung Würde zu.“ (W. Huber: Das Verbot der Folter bekräftigen. (http://www.ekd.de).

Die Würde des Menschen ist also nicht nur unantastbar, sie ist auch unverlierbar. Das bedeutet, keine Tat, so abscheulich sie auch sein mag, vermag es, die Menschenwürde auszuhebeln!
Die Menschenwürde muss also ernst genommen und geschützt werden! Es ist dann wiederum nicht nur Aufgabe der christlichen Kirchen dafür Sorge zu tragen; auch der Staat, bis hinein in seine letzte Verästelungen, ist verpflichtet, diesen grundlegenden Wert zu verteidigen und zu beschützen. Ein Staat der dem entgegen agiert, positioniert sich selber außerhalb des Rechts, das er durchsetzen soll und verliert damit seine Glaubwürdigkeit.

Mit Sorge sieht auch der ehemalige Bischof der EKD die Entwicklungen in dem Fall um Wolfgang Daschner. Letztlich musste das Land Hessen den Täter entschädigen, wegen der Androhung von Folter.
Aber: "Wer die Androhung oder Zufügung von Schmerzen als adäquate Mittel zur Aussagegewinnung bezeichnet, stellt damit grundlegende, bislang unbestrittene Menschenrechts- und Verfassungsnormen und die Unantastbarkeit der Menschenwürde in Frage." (Vgl. W. Huber, a.a.O.)

Die Zeit ist kurz. Eine Entscheidung muss getroffen werden. Welche Entscheidung ist richtig? Die Zeit ist knapp! Ist es darum akzeptabel, einem vermeintlichen Mörder Schmerzen anzudrohen, um ein Leben zu retten?

Das ist jene Frage, die Iwan seinem Bruder Aljoscha Karamasow stellt. Dostojewski hat das vorliegende moralische Dilemma schon lange vor unserer Zeit äußerst treffend aufgezeigt. Der tugendhafte Aljoscha wird von Iwan vor eine unerträgliche Entscheidung gestellt. Stell dir vor, sagt Iwan, dass es, um der Menschheit ewiges Glück zu bringen, absolut unvermeidlich ist, ein einziges kleines Geschöpf zu Tode zu quälen. Nur ein einziges Kind. Würdest du einwilligen?
Dieser Frage haben wir uns zu stellen und dabei sollten wir nicht vergessen, dass zwischen Rechtslage und Rechtsempfinden bisweilen eine Lücke klaffen kann, sozusagen ein garstiger Graben, den zu überqueren bisweilen unmöglich erscheint.
Und noch eines darf man in dieser Diskussion nicht übersehen. Alle Unrechtsregime und Diktaturen, die Folter zulassen und anwenden, glauben, solches im Sinne eines höheren Zieles oder einer ehrbaren Idee zu tun. Ein solches Heil erscheint erst recht fraglich, denn der Zweck heiligt nicht alle Mittel (Vgl.: A. Dorfmann: Die Frage, die Iwan Karamasow nicht stellt, Le Monde, 05.05.2004). Der Rechtsstaat leidet darunter und verliert seine Legitimation, wenn das geltende Recht nicht eingehalten wird.

Jesus Christus sagt: Selig sind, die keine Gewalt anwenden! Da steht es also. Keine Gewalt. Jesus selbst, weiß wovon er redet. Er hat schließlich erlebt, was Folter bedeutet und wir bekommen eine Ahnung davon, wenn wir auf das Kreuz schauen. Es ist nicht leicht, Christ zu sein, kann man da denken, aber da darf dann das Denken nicht aufhören.
Ein prägnanter Satz, der damals die Runde machte kam von Olaf Miehe, seines Zeichens Strafrechtler:
„Um es mal ganz drastisch zu sagen: Zwei zerquetschte Daumen sind leichter zu verkraften als der Verlust eines Menschenlebens.“

Was bringen derartige markige Sprüche? Am Ende sind es nämlich nicht bloß zwei zerquetschte Daumen an der Hand eines Täters; am Ende wird durch eine solche Vorgehensweise geltendem Recht die Daumenschrauben angezogen. Sicher ist also, dass solche Äußerungen nicht geeignet sind, dabei mit zu helfen, eine angemessene Entscheidung zu treffen. Damals getätigte Forsa-Umfragen gaben, ganz im Sinne solcher Parolen, dem stellvertretenden Polizeipräsidenten recht. 63 Prozent fanden das Verhalten, Folter anzudrohen, um Informationen zu erhalten, gut. Bedeutet das aber, dass das Volksempfinden über das Recht gestellt werden kann? Oder zeichnet sich ein funktionierender Rechtsstaat nicht gerade doch dadurch aus, dass er souverän entscheiden kann.
Was aber ist die richtige Entscheidung? Diese Frage bleibt.

Wie kann man richtig entscheiden, wenn es darum geht, ein Menschenleben zu retten? Das Dilemma ist nicht aufzulösen. Als Familienvater habe ich Verständnis für ein Vorgehen, wie das von Herrn Daschner. Kein Verständnis habe ich für die, die sich dann empören, dass ein offensichtlich begangener Rechtsbruch keine Konsequenzen nach sich ziehen soll. Die Androhung der Folter deckt sich nicht mit geltendem Recht. Wo bleiben also die anfangs erwähnten 85 Prozent, die stolz darauf sind, in einem Rechtsstaat zu leben? Wohl gemerkt, auch die Zahlung der Entschädigung an den Täter macht einen krummen Weg nicht gerade. Der Staat sühnt damit nicht die Tat. Aber er übernimmt die Verantwortung für das falsche Handeln. Folter ist und bleibt kein Weg, den dieses Land und schon gar nicht seine Vertreter gehen sollten.

Auch biblisch ist die Folter nicht begründbar. Das sich das Volksempfinden daran stören mag, ist nichts Neues. Die Aufforderung, seine Feinde zu lieben, erscheint für uns, besonders in diesem Fall, so unerhört wie unmöglich. Das Jesus mit solchen Thesen damals wie heute angeeckt ist, ist ebenfalls nichts Neues. Der Radikalität der biblischen Botschaft kommen wir wahrscheinlich nur nach und nach auf den Grund. Bis sich das durchgesetzt hat, sind wir angehalten, die überlieferten Werte zu bewahren und zu verteidigen. Auch wenn das nicht immer alle erfreut.

Am Ende stellt Bischof Wolfgang Huber unmissverständlich fest: „Die Geltung elementarer Menschenrechts- und Verfassungsnormen scheinen nicht selbstverständlich zu sein. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Menschenwürde für das christliche Menschenbild müssten gerade Kirchen und Christen einen Beitrag dazu leisten, dass diese Geltung neu und verstärkt ins Bewusstsein tritt.“ (Vgl.: A.a.O.)
Oder anders gesagt: „Es ist dir gesagt Mensch was gut ist!“ Einen Menschen zu erniedrigen, egal aus welchen Motiven heraus, sicherlich nicht!
Amen!

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