Dankbare Nachdenklichkeit

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,

„Alles gut!“. Probleme? Nein, „Alles gut!“ Diese Floskel hat sich seit einiger Zeit eingeschlichen in unsere Alltagssprache, dieses „Alles gut!“

Dabei wissen wir, dass es nie stimmt, wenn wir so reden. „Alles“ ist nie gut. Irgendwas ist immer nicht so, wie es sein sollte. Aber wir sind mit diesen zwei Worten schnell fertig. Da kann dann der Andere nicht mehr viel sagen, das Gespräch ist eigentlich zu Ende.

„Alles ist gut“ so heißt es in unserem Predigttext. Und nichts ist schlecht, nichts ist „verwerflich“, nichts ist falsch. So einem Satz kann man schnell folgen oder ihn skeptisch hinterfragen. Worum geht es denn eigentlich? Es geht ums Essen, um die Speisen.

„Wunderbar!“ mag mancher denken. „Das hab ich schon immer gewusst. Es sei gepfiffen auf Cholesterin und Zuckerwerte, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt….!“

„Haut rein, alles ist gut…!“ Aber da gab es ja noch den Zusatz: „Alles ist gut, was mit Danksagung genossen wird.“ Also alles andere nicht? Ohne Danksagung ist die Speise ungenießbar? In welchem Zusammenhang wird hier eigentlich geredet?

Der Zusammenhang, aus dem unser Predigttext stammt, ist von einer tiefen Kontroverse geprägt. Die junge Kirche hatte sich gespalten, Irrlehrer hatten mit der Behauptung für Verwirrung gesorgt, dass ein wahrer Christ bestimmte Speisen nicht essen dürfte und sich durch beständige Askese auszeichnen müsse.
Demgegenüber legte der Schreiber des 1. Timotheusbriefes Wert darauf klarzustellen, dass Gott alle Dinge geschaffen hat, um uns zu erfreuen und nicht, um sie uns vorzuenthalten. „Alles ist gut!“.

Damit aber dieser kurze Zuspruch nicht in eine belanglose Floskel abgleitet, fährt er fort: „…alles, was mit Danksagung genossen wird.“

Damit stellt er eine Bedingung auf. Das Genießen wird an den Dank gebunden. Und andersherum könnte man zugespitzt sagensagen: Ohne Dank darf gar nichts genossen werden. Da wird dann plötzlich alles schlecht.

Aha, werden wir denken, darum dieser Text am Erntedanksonntag. Da sollen uns also wieder die Leviten gelesen werden, ob wir auch dankbar sind…. Das Tischgebet vor dem Essen, läuft das noch? Oder wenigsten eine dankbare Grundhaltung für die schönen Dinge des Lebens, Essen und Trinken und alles andere auch…?

Liebe Gemeinde, natürlich geht es um mehr, um Anspruchsvolleres als einen erhobenen Zeigefinger. Es geht um Einsicht in die Zusammenhänge. Was woran hängt, was womit zusammengehört, damit das Leben gelingt.

Das Essen wird an ein Gespräch gebunden. Da ist noch jemand, mit dem wir reden, wenn wir die guten Dinge genießen, die Gott geschaffen hat. Unser Gesprächspartner ist der Schöpfer selbst. Der Geber dessen, was für uns da ist.

„…denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“

Alles was wir essen wird dann sogar heilig, – was für ein Wort! – wenn wir darüber mit Gott reden. Wenn wir beten. Uns ansprechen lassen von dem, was er sagt. Gottes Wort ertönt, er spricht mit uns. Er befragt uns also, ob wir auch nachgedacht haben, ober wir überhaupt gedacht haben, bevor wir essen, was auf dem Tisch steht.

Sprachgeschichtlich ist ja das Wort „Danken“ tatsächlich eine Tätigkeitsform von „Denken“. Gemeint ist ein „anerkennendes Gedenken“. Gott verwickelt uns also angesichts der vielen schönen Dinge, die wir genießen können, ins Nachdenken.

Die heutigen Irrlehrer predigen, anders als die Gegner des Predigttextschreibers nun nicht mehr unbedingt die Askese.

Die Botschaft der falschen Lehrer heute klingt vielmehr nach genau dem Gegenteil: „Alles ist gut!“. Und Punkt. Iss was du magst, trink was du kannst, genieße das Leben, kaufe und leiste dir, was zu haben ist… „Weil du es kannst…!“ Alles ist gut. Und gut. Und Schluss. Und keine Frage mehr. Häufe an, auf deinem Tisch und deinem Teller, was geht. Hau rein, wir freuen uns, wenn der Umsatz stimmt. Alles ist gut und immer zu haben. Iss und trink nach Lust und Laune, gönn dir was und frage nicht! Billig und schnell – so ist es recht!

Das alles geht für einen Christen nun eben nicht. Denn da stehen die zu beantwortenden Fragen an. Der Frager fragt uns, der große gütige „In-Frage-Steller“ möchte mit uns reden: „Was hast du da gekauft?“ so fragt er. Brauchst du das wirklich alles? Muss es wirklich diese Menge sein? Und woher hast du das? Wo wird es produziert und welchen Weg hat es genommen, auf deinen Tisch. Wie werden die Arbeiter bezahlt, die dafür gearbeitet haben und wie ist es mit den Pestiziden? Wie werden die Tiere gehalten? Wer streicht welche Gewinnmargen ein und was hast du eigentlich dafür bezahlt, im Vergleich zu den anderen Dingen, die auch alle Geld kosten?

Erinnerst du dich daran, dass jedes 8. Lebensmittel, das in Deutschland gekauft wird, weggeworfen wird? Dass sogar bis zu 40 Prozent aller hergestellten Lebensmittel in Deutschland nicht gegessen, sondern weggeworfen werden?

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, wie antworten wir auf solche Fragen? Lassen wir uns von ihnen den Appetit verderben?
„Lieber Gott, habe Dank für Speis und Trank – aber lass uns doch bitte mit diesen Fragen in Ruhe…“. Mit schlechtem Gewissen schmeckt uns gar nichts mehr.

Und da hat er uns noch gar nicht gefragt, wie es unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen in anderen Teilen dieser Welt geht, wenn‘s ums Essen geht.
Aber wir hatten ja bereits festgestellt, dass es nicht um den ausgestreckten Zeigefinger geht.

Sondern um das Mitdenken. Und, liebe Gemeinde, liebe Freunde, das müssen wir doch geradezu als eine Ehre ansehen, dass Gott uns würdigt, gemeinsam mit ihm zu denken.

Beim Essen und Trinken mitzudenken. Gedankenlos kann jeder. Christen nicht. Wir „verinnerlichen“ uns nicht nur das, was auf dem Teller liegt, sondern eben zugleich immer auch die Fragen, die zu Gottes guten Gaben dazugehören wie eine Salatbeilage.

Wir verleiben uns nicht nur die Speisen ein, die uns schmecken und sättigen, sondern immer auch die Probleme, die mit eben dieser Sättigung verbunden sind: Was esse ich da eigentlich? Was genau esse ich da eigentlich?

Um nicht falsch verstanden zu werden. Wir sollen es uns schmecken lassen. „Alles ist gut!“ Aber immer gehören Denken und Danken zusammen. Ein schönes Tischgebet, das dem lieben Gott dafür dankt, dass es jetzt gerade an meinem Tisch so richtig schön zum Genießen ist, ist nur die halbe Wahrheit.

Das ganze Tischgebet beginnt bereits beim Einkaufen. Es kann beim Blick auf das Herkunftsland beginnen. Beim Einkaufszettel, auf dem nur das steht, was ich wirklich kaufen will, an den ich mich auch eisern halten will, egal welche leckeren Versuchungen in der Schlange vor der Kasse rechts und links noch warten. Es kann beginnen, wenn ich den Fernseher nicht abstelle, wenn die unappetitlichen Reportagen kommen. Es kann beginnen, wenn ich mich erinnere, wie es bei Oma früher immer nur am Sonntag Fleisch gab, weil für mehr das Geld nicht gereicht hat und welche leckeren Suppen sie zaubern konnte, ohne Mikrowelle und Instantpulver.

Es beginnt immer schon, wenn ich beginne nachzudenken. Nachdenkliches Essen, ist geheiligtes Essen.

Noch einmal also: Alles ist gut! Und zum Genießen da. Aber erst, wenn das Gespräch mit Gott in Gang gekommen ist.

Wir werden also verantwortlich gemacht.

Verantwortung, liebe Gemeinde, ist das Gegenteil von Beliebigkeit. Verantwortung ist das Gegenteil von Gedankenlosigkeit. Zu einer nachdenklichen Dankbarkeit sind wir eingeladen. Und damit niemand meint, es gehe nur darum, auch noch die schlichteste Mahlzeit zu problematisieren, könnte man auch sagen: zu „dankbarer Nachdenklichkeit“ sind wir eingeladen, wir Christen.

Und so leben wir ja auch schon. Manchmal. Immer wieder. Wenn wir daran denken.

Wir werden heute wieder daran erinnert. Noch einmal dazu ermuntert. Das Schwere, den Schatten, der auf unserem Wohlstand liegt, nicht zu vergessen. Und unsererseits zu tun, was uns möglich ist. Und möglich ist uns Vieles. Wenn man es ausprobiert und im wahrsten Sinne des Wortes „probt“, wird man mit der Zeit immer besser.

Wenn die Kirchenspalter vor 1800 Jahren die Askese predigten, so ist es heute eindeutig unsere Aufgabe, als Christen gegen die Maßlosigkeit anzugehen. Viel hilft eben nicht viel und weniger ist mehr. Wenn wir heute nicht zu wenig, sondern zu viel Geld und Lebensmittel haben, jedenfalls in Westeuropa, dann ist es heute auch dran, über weniger Essen und Trinken nachzudenken. Und gesund soll das ganze ja auch noch sein.

Und außerdem: Wenn man weniger isst, kann man sich besser und länger am Tisch unterhalten, mit Freunden, mit der Familie. Denn: mit vollem Mund spricht man ja nicht in Deutschland…

„Nachdenkliche Dankbarkeit“: Einfach mal darüber nachdenken, ob es weniger nicht auch tut. Und hier, beim Weniger, geht es nun tatsächlich zuerst um den eigenen Teller, und dann um den der anderen… „Heilsame Selbstbegrenzung“ könnte man das nennen.

„Alles ist gut!“ Wer aufhört, mit Gott darüber zu reden, was er gerade genießen darf, wird an Übersättigung zugrunde gehen. Und seltsamerweise werden andere Menschen auf der anderen Seite des Planeten genau am Gegenteil sterben. Und genau darum, dass das nur ja nicht geschieht, verwickelt uns Gott ins Gespräch. Alles andere wäre falsch, verwerflich, unheilig, unchristlich.

Das ist die Lage. Es ist an uns, sie ernst zu nehmen. Es reicht für alle, so hören wir immer wieder, wenn wir auf unseren Gesprächspartner hören. Es reicht für alle, so lässt er uns ausrichten, – nun ist es an dir, deinen Beitrag zu leisten, zu tun, was in deiner Macht steht. Das ist nicht viel. Aber es ist auch nicht nichts.

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