Gib mir die Uhr

Liebe Gemeinde,

Gebote … Sie und ich wollen darüber heute einmal ein wenig nachdenken, ja?

Die ersten, die Gebote hörten, waren die Israeliten, aus denen später die Juden wurden. Sommer letztes Jahr: Nun sitz ich hier im Land der Juden in Jerusalem und eine Rabbinerin kommt herein und erklärt mir und uns, wie es mit Geboten steht und wie man sie versteht. Sie schaut mich und uns an, sieht eine schöne Armbanduhr am Arm einer Kollegin. „Was ist das für eine Uhr?“ „Zeig sie mal.“ Die Kollegin gibt ihr die Uhr. Sie sieht ein wenig hin und sagt: „Hast Du noch mehr Uhren?“ „Ja“, lautet die Antwort. „Gut, dann behalte ich sie, ich hab keine.“—Gebote: Im Judentum, gebietet Gott, um Gerechtigkeit herzustellen. Und Gerechtigkeit ist dann, wenn jeder zu seinem Recht kommt. Und jeder kommt dann zu seinem Recht, wenn niemand zu viel und niemand zu wenig hat. Gott will es, Du musst geben. Punkt…So auch die Bettler in Jerusalem….sie lungern an Bushaltestellen herum, sie strecken wortlos die Hand aus, Du gibst etwas oder auch nicht. Wenn Du gibst: kein danke, keine unterwürfigen Gesten, nichts. Er nimmt und geht. Gibst du nicht, so geht er einfach weiter und bettelt beim Nächsten. Jeder etwas frömmere Jude schätzt sein Einkommen und legt sich eine Summe fest im Monat, die er verschenkt. An irgendeinen Bettler oder irgendeine Hilfsorganisation oder sonst was. Wer gibt, hat noch was zu verschenken, wer nichts gibt, hat eben schon genug gegeben diesen Monat. Kein Grund zum Danken, kein Grund zum Klagen, kein Grund für eine Mitleidsshow. Keine Fragen „Warum arbeitest du nicht? Kaufst du Dir auch keinen Schnaps dafür…“

Befremdlich für uns? Sicher. Ist das gesetzlich? Der Evangelische ist ja schnell bei dem Verdacht, Gebote und ihre Befolgung führen zur Gesetzlichkeit. Werkgerechtigkeit. Na…immerhin wird was gegeben. Es wird was getan. Es wird nicht moralisierend daher geredet: „Bettler, nur zu faul zu arbeiten. Versaufen alles….“ Es wird gegeben und genommen.

Das kann man von Israel bis heute lernen. Es wird etwas getan. Gebote werden nicht diskutiert, sondern sie werden befolgt. Jedenfalls bei den Frommen, und in Jerusalem gibt’s viele Fromme, und darum wohl auch recht viele Bettler. Aber auch andere Gebote werden eindrucksvoll befolgt. Am Sabbath fährt kein Bus, kein Laden, keine Tankstelle hat auf, der Autoverkehr einer 700.000 Einwohnerstadt bewegt sich auf dem Niveau von Dazendorf und Kembs, die Synagogen sind voll, ganz voll, Gott wird die Ehre gegeben. So wie man ein Stück seines Vermögens dem Bettler gibt, gibt man eben einen Teil seiner Lebenszeit dem Herrgott. Warum? Weil ER es will und weil zur Gerechtigkeit gehört, dass auch Gott zu seinem Recht kommt.

Zweiter Gedanke: „Von dem es lass ich mir doch nichts sagen. Da kann ja jeder kommen.“ Sich etwas sagen lassen tun wir nur von einer Autorität, die wir anerkennen. Sich gerne etwas sagen lassen tun wir nur von einer Autorität, der wir vertrauen. Darum ist es eben nicht bloß fromme Lyrik, wenn es zu Beginn der 10 Gebote z.B. heißt: Ich bin der Herr, Dein Gott, der Dich aus Ägypten befreit hat. Aus der Knechtschaft. Erstens: es ist Gott, der mir etwas sagt. Zweitens: es ist Gott, der mir etwas sagt, weil er mich befreit hat. Deshalb kann es nur Gutes sein, was da kommt. Deshalb können es keine Gebote sein, die mir Böses wollen. –Gott- In einer Predigthilfe zu den 10 Geboten fand ich die Aussage, Gott sei die Lebenskraft in uns. Ok-das ist Gott bestimmt. Das reicht hier aber nicht. Die Lebenskraft in uns könnte mir auch sagen: Hauptsache jeder denkt an sich, dann ist auch an alle gedacht.“ „Sieh zu, dass Du nicht zu kurz kommst.“ Das wären dann Gebote, die aus dem Leben einen Boxring machen. Oder schlimmer als Boxring, denn im Boxring gibt’s ja noch den Ringrichter, der Tiefschläge und Ähnliches unterbindet. Also: das Mose hier nicht nur die Stimme der Lebenskraft in sich hört, sondern die Stimme von außen, vom Berge herab, das ist schon wichtig. Es gibt eben etwas, das kann man sich nicht selbst sagen: es ist nicht selbstverständlich, nicht zu stehlen, nicht zu begehren, nicht zu lügen usw. Die Stimme der Lebenskraft in uns ist sehr dicht am Gottesbild, dass mir einen Gott macht, der mir ähnlich ist. Aber: Du sollst dir kein Bild machen, sondern Gott Gott sein lassen, kannst ihm vertrauen, wer Sklaven befreit, kann´s nicht schlecht meinen mit uns.

Dritter Gedanke: Not kennt kein Gebot. Diesen Satz kennen wir auch. Wieder Jerusalem, Sabbat, alles ruht, kaum ein Auto fährt, alles zu, keine Tankstelle, kein Laden, kein Cafe hat offen, keine Arbeit nirgendwo. Eine Sirene heult, die Ambulanz rast die Hebronroad hinab. Not kennt kein Gebot. Zu Jesus Zeiten sah man das oft noch anders, Jesus bekommt Vorwürfe zu hören, weil er am Sabbat in der Synagoge einen Lahmen heilt: „Nimm deine Matte und geh.“ Sie erinnern die Geschichte. Am Sabbat ist Ruhe. Basta. So ist´s geboten. Nein-Not kennt kein Gebot. Selbst in Israel ist das heute so. Das eine ist Gesetzlichkeit, wenn das Gebot unantastbar über allem steht. Aber Gott will ja Gerechtigkeit mit den Geboten, dass ein Jeder zu seinem Recht kommt, da kann doch der mit dem Herzinfarkt nicht einfach seinem Schicksal überlassen werden. Not hebt das Gebot auf. Auch beim Stehlen, Hunger rechtfertigt Diebstahl. 1946 wusste man das genau. Auch bei der Ehe: das katholische Prinzip der Unauflösbarkeit der Ehe ist ja gesetzlich, denn wenn in einer Beziehung nur noch Not und Elend und Prügel und Suff herrschen, dann Schluss damit. Selbst Töten kann in Ordnung sein, wenn die Not es fordert. Bonhoeffer rechtfertigte das Attentat auf Hitler mit dem Bild: Rast ein Betrunkener den Kuhdamm hinunter, so kann es nicht sein Bewenden damit haben, die Verletzten zu pflegen, man muss dann dem Rad in die Speichen greifen und also den Fahrzeugführer vom Lenkrad entfernen.

Drei Gedanken zu den Geboten. Vielleicht war für Sie etwas dabei?

Amen.

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