Von Engeln und anderen Menschen

Ach, Petrus! Wer den Mächtigen in die Quere kommt, hat nichts zu lachen! Das hätte man wissen können: Jesus, Jakobus, Stephanus. Alle haben sie ihre Erkenntnisse über Gott, das Leben und die Freiheit den Menschen laut kund getan und dafür mit dem Leben bezahlt. Jetzt also Petrus. Gefangen genommen und schwer bewacht fristet er seine Tage in einem Hochsicherheitsgefängnis. Weg vom Fenster. Diese alte Redensart beschreibt den Zustand, dass in Gefängnissen die Fenster so weit oben angebracht waren, dass der Gefangene nicht rausschauen konnte. Er war weg vom Fenster und damit weg vom Leben draußen. Und das nur, weil er die Klappe nicht halten konnte, oder weil König Herodes noch ein paar öffentlichkeitswirksame Hinrichtungen inszenieren wollte, bevor das Passahfest vorüber war.

Petrus und die anderen waren dem Machtapparat des Herodes ein Gräuel. Da konnte es keine Gnade geben. Menschen, die das System bedrohen lässt man einfach verschwinden. Am besten, still und heimlich. Damals genauso wie heute. Beispiele darüber gibt es viele. Die „tageszeitung“ aus Berlin berichtete 2010 in Auswahl über einige Länder, in denen das Verschwinden von Menschen, die dem System in die Speichen gefallen waren, zur beliebten Praxis gehört.

So wurden z.B. im Iran nach den Präsidentschaftswahlen 2009 mehr als 5.000 Menschen aus politischen Gründen festgenommen. Darunter waren „Oppositionspolitiker, Demonstranten, Journalisten, Wissenschaftler, Rechtsanwälte, Menschenrechtler, Intellektuelle, Künstler, Studierende und Soldaten. Mehrere hundert kamen nach einigen Tagen oder Wochen wieder frei, andere wurden in Schauprozessen verurteilt.“ Spannend lasen sich die Anklagen, die gegen diese Menschen vorgebracht worden waren. Darin ging es um "Handlungen gegen die nationale Sicherheit" oder um "Krieg gegen Gott". Mindestens sechs Menschen wurden zum Tode verurteilt (Vgl. taz, 16.11.2010). Ähnlich angespannt ist die Lage auch in anderen Ländern auf dieser Welt. Leider auch direkt vor unserer Haustür: Der Fall um die Band „Pussy Riot“ singt darüber ein wahrhaftig trauriges russisches Lied. Aber auch unser Handelspartner Nr. 1, die Volksrepublik China, achtet nicht so sehr auf das Volk, als vielmehr darauf, dass das System stabil bleibt.

Ein Grund für diese harsche Vorgehensweise mag in der Angst der Herrschenden liegen, dass zu viel Freiheit und zu viel eigene Meinung schlecht sind für die eigenen Pfründe. Dabei scheint es, den Beispielen folgend, egal zu sein, ob diese Macht nun von Kirchenvertretern im Iran oder von laizistischen Staaten (wie China) verteidigt wird.

Aber um die Macht, und darum, die Deutungshoheit zu behalten, geht es. Um diese zu bewahren, schrecken die Mächtigen dann vor nichts zurück. Es wird gemordet und gefoltert, es wird Freiheit geraubt, Familien bedroht. Pressekampagnen gestartet und mit den übelsten Mitteln gekämpft. Amnesty International berichtet darüber hinaus davon, „dass Menschen von der Straße weg entführt werden, zu Hause abgeholt oder während einer Demonstration festgenommen werden.“ Alle diese Aktion haben natürlich nur ein Ziel: Einschüchtern. Auch König Herodes kennt diese Tricks.

Petrus hat keine Chance. Er sitzt im herodianischen Knast, wie dereinst Jonas im Bauch des Wals.
Der Evangelist Lukas erzählt: Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen. So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten.

Es ist dunkel und wahrscheinlich riecht es muffig. Viel Platz für Hoffnung wird es nicht gegeben haben. König Herodes hat sich wirklich alle Mühe gegeben, den Anführer der Christenschar in Jerusalem von der Bildfläche fern zu halten. „Mauern, elektrischer Stacheldraht und Wachtürme: Ein Konzentrationslager kann nie sicher genug sein. Verriegelte Kerkertür, Ketten an Händen und Füßen, dazu […] Wächter und Posten vor der Tür. Die Angst des Mörders vor dem Opfer“ muss groß gewesen sein (Vgl.: M. Mezger, in: Assoziationen. Bd.4, S. 168, Stuttgart 1981).

Die Logik hinter diesem Vorgehen ist verständlich. Wenn erst einmal der Anführer – also das Herz – einer vermeintlich gefährlichen Gruppierung weg ist, dann zerfällt diese bald. Also wäre das erste Gebot in dieser Stunde, das die Gemeinschaft, der Petrus vorsteht, ihn nicht vergisst. Gott sei Dank tut sie das auch nicht: Die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott. Simpel, aber wichtig. Denn wer erst einmal in Vergessenheit gerät, der lebt auch nicht mehr. Aus den Augen aus dem Sinn! Aber die Gemeinde betet beharrlich. Vielleicht weiß Petrus darum und schöpft Kraft daraus. Auch wir sind natürlich angehalten, für andere Menschen zu beten. Und es mag denen, die drin sind, helfen zu wissen, dass andere da draußen, an sie denken. Vergessen zu werden wäre wohl das Schlimmste, was noch passieren könnte.

Die Geschichte um Petrus ist eine Sache; andere, weniger populäre Menschen, die in den Gefängnissen dieser Welt sitzen, weil sie kritisieren, anders sind oder einfach die richtigen Fragen zur falschen Zeit stellen, sind nicht alle so berühmt. Nicht so berühmt wie Petrus oder wie z.B. der chinesische Künstler Ai WeiWei, der 2011 von der chinesischen Regierung inhaftiert wurde, ohne – so der Künstler – zuerst zu wissen, warum. Wer berühmt ist, der hat natürlich sofort viele Fürsprecher. Wer aber kümmert sich um den Rest? Ach, dafür gibt es doch Amnesty International.

Nur gut, dass diese Befreiungsgeschichte die Verantwortung für den Anderen nicht abwälzen will auf Institutionen, sondern uns alle anspricht. Denn welche Rolle könnten wir in diesem Szenario übernehmen? Wer stünde zu Wahl? Herodes? Petrus? Die Gemeinde? Viel Auswahl haben wir nicht, denn im Knast sitzen, wer möchte das schon? Und das Urteil über den fällen, der da hoffnungslos einsitzt?
Dann schon lieber einander zum Engel werden. Und Gelegenheiten dazu gäbe es viele! Die ausweglose Situation des Petrus findet Entsprechung in vielen anderen Situationen, die ausweglos sind. Leider fällt es in aufgeklärten Zeiten schwer, an Engel zu glauben. Erst recht, wenn sie so eingreifen, wie im Falle des Petrus.

Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.

Ob es nun stimmt oder nicht, ob da nun ein Engel eingegriffen hat, oder nicht – für Lukas gibt es daran keinen Zweifel. Hier handelt Gott und er lässt Petrus nicht im Stich. Und ich stimme ihm zu: Gibt es Bewahrung spielt es doch keine Rolle, „ob’s durch einen Menschen oder durch einen Engel“ geschieht, wenn ein Mensch aus einer schwierigen, schlimmen, vielleicht auch aussichtslosen Lage gerettet wird (Vgl. M. Mezger, a.a.O., S. 169).

Es ist gut, wenn es jemanden gibt, der uns in schwierigsten Situationen die Hand hält, den Kopf stützt und den Rücken stärkt. Muss es darum immer ein himmlisches Wesen sein, das mir zum Engel wird? Nein. Gegen die Vorstellung „von Engeln ist gar nichts einzuwenden […]. Wer dabei bleiben will, lebe im Frieden. Ich begreife, was ich verstehe, verehre das Unerforschliche und bin ohne Engel, wie ich hoffe, kein schlechterer Christ.“ (A.a.O., S.169). Genau das hoffe ich auch!

Am Ende bleibt dann noch eine Frage. Ist diese Erzählung um den erretteten Petrus und die betende Gemeinde bloß eine schöne Geschichte, bloß eine Durchhalteparole?
Nun, die Geschichte um Petrus und die Gemeinde setzt da an, wo Verantwortung nicht beiseitegeschoben wird. Sicherlich gibt es gute Institutionen, die sich professionell um die Belange anderer kümmern, aber das entbindet längst nicht von der eigenen Verantwortung.

Dabei liegt das Wunderbare unseres Handelns darin, dass wir unseren Nächsten an die Hand nehmen und dann vielleicht getreu dem Engel verfahren.
Gott öffnet Türen und wenn du zu schwach, zu verträumt, zu verbittert, zu einsam bist, die Klinke selber runter zu drücken, dann kann es sein, dass er dir mitunter einen Engel schickt, der das für dich übernimmt. Vielleicht tritt der dir auch zuerst in die Sete, damit du wirklich wach wirst und auch alles mitbekommst. Auf jeden Fall kann Gott eingreifen in die Geschicke dieser Welt. Der Resignation ist damit ebenso ein Riegel vorgeschoben.

Immerhin ist auch „unsere Gegenwart voller Verheißung. Stärker als je ist der Wille der Menschen eine Zukunft aufzubauen, in der jedem Menschen seine Menschenwürde gegeben wird. Jesus selbst hat mit seinem Verhalten bezeugt, dass eine solche Welt Gottes Willen entspricht. Der Weg dorthin verlangt Menschen mit heißem Herzen und Mut zur tätigen Mitarbeit.“ (Vgl.: K. M. Fischer, in: GPM, VI. Reihe, S. 377ff.; Göttingen 1972). Menschen eben, die anderen zum Engel werden!
AMEN!

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