Die Sünde des Königs

Oft habe ich mir die Frage gestellt: Was ist Sünde? Oft wurde mir auch diese Frage gestellt. Was ist Sünde? Eine Antwort ist nicht schwer, denn die Sünde ist ein strukturelles Problem, sozusagen systemimmanent. Und da wir Teil des Systems sind, sind wir auch Teil der Sünde. Die Sünde gehört zum menschlichen Leben dazu, wie das Vater Unser zum Lernstoff aller Konfirmandinnen um Konfirmanden.

Aber was ist die Sünde? Was macht sie aus? Wie erkenne ich sie? Für unsere modernen Ohren ist es schwierig, das Wort Sünde zu füllen. In der Werbung ist Sünde Schokolade. Oder in Eisform zu bekommen. Vor einiger Zeit konnte man alle sieben Sünden ganz bequem im Tiefkühlregal kaufen und nachher als sündiges Eis lecken.

Sünde ist aber nicht mit Hilfe von Eis zu erklären, sondern besser mit dem Hinweis darauf, dass Sünde die Abkehr von Beziehungen ist. Wir Menschen sind Beziehungswesen und innerlich auch darauf angelegt, um nicht zu sagen, darauf angewiesen. Wir stehen in vielfältigen Beziehungen, sei es nun zu unseren Familien und Freunden oder eben in Beziehung zu Gott. Diese Beziehungen können leiden. Durch falsches Verhalten; dadurch dass man einander absichtlich Schaden zufügt. Dadurch, dass man andere Menschen klein hält. Oder aber auf Kosten eines anderen profitabel wirtschaftet. Ein sehr gutes Beispiel für diese Art der falschen Beziehung in unserer Welt ist die Diskussion um den Biosprit E10. Und in diesem Zusammenhang müssen wir auch über Landraub sprechen und über maximale Gewinne, von denen einige, wenige, profitieren. Und darüber, dass etwas vorrangig Gutes durch skrupellose Spekulation in sein schreckliches Gegenteil verkehrt wird.

„Biosprit darf keine unkritische Zukunft haben. Es ist biblisch gesprochen eindeutig Sünde, wenn Menschen hungern müssen, nur weil andere damit ihren Autotank füllen“, sagt mein Kollege Pfr. Eckehard Fröhmelt Und er weist darauf hin, dass „in den Vereinigten Staaten schon 40 Prozent des Maises in den Tank kommen würden, weil sich damit mehr Geld verdienen lasse als mit der Nahrungsmittel-Produktion.“ Mein Kollege warnt darum: „Reines Profitdenken muss national und international geächtet werden. Zurzeit steht es leider zu oft im Vordergrund.“
Ich stimme Pfr. Fröhmelt zu: Fruchtbare, ertragreiche Böden sind heute überall auf der Welt ein knappes Gut. Und das liegt daran, dass der Hunger auf Fleisch weltweit zunimmt. Nicht nur wir wollen unser tägliches Fleisch essen, auch die Menschen in den aufstrebenden Nationen wie Brasilien, Südafrika und Indien wollen westlich Leben. Und damit steigt natürlich der Konsum an Lebensmitteln. Und: Weil immer mehr Energiepflanzen auf den Feldern wachsen.

Treibstoffe aus Nutzpflanzen wie Raps oder Mais sollen das Erdöl ersetzen. Dadurch wird aber die Anbaufläche für Nahrungsmittel kleiner. Allerdings nicht so klein, dass dadurch die vorliegenden Ungerechtigkeiten erklärt werden könnten. Die gut gemeinte und nötige Energiewende, die eigentlich die knappen Ressourcen auf der Welt schützen will, demnach Gutes im Sinn hat, soll gleichzeitig dafür verantwortlich sein, dass Kleinbauern am anderen Ende der Welt von ihren Feldern vertrieben werden? Mächtige Großgrundbesitzer und internationale Konzerne machen sich im Windschatten der Energiewende breit, weil sie neue, sicherere Erträge wittern. Denn seit der letzten Finanzkrise, und den in diesem Zusammenhang weggebrochenen Immobilienmärkten in Europa und den USA, suchen die Investmentbanker neue Anlagemöglichkeiten. Da kommt der Nahrungsmittelmarkt gerade recht. Ohne Rücksicht auf Verluste wird nun auf den Preis von Nahrungsmitteln spekuliert. Das hat zur Folge, dass der Preis für Grundnahrungsmittel in astronomische Höhen klettert und diese somit für viele Familien in anderen Ländern der Welt unerschwinglich werden. Den Kleinbauern wird durch diese Art der Spekulation und durch die künstliche Verknappung von Anbauflächen sprichwörtlich der Boden unter den Füssen weggezogen. Landraub ist in diesem Zusammenhang ein hochaktuelles Thema und kommt mit dem „Biosprit“ Hand in Hand daher.

Am Erntedanktag 2012 kann man diese Entwicklungen nicht übersehen. Aber so aktuell die Diskussion ist, diese Geschichte ist nicht neu. Im Alten Testament wird dieses Thema schon im 1. Buch der Könige ausführlich behandelt. König Ahab verbringt die Winter gerne an einem schönen Ort zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan. Nun grenzt ein Grundstück an seines, das der König gerne besitzen würde. Nabots Weinberg. Weinberge gibt es schon sehr viele denkt sich König Ahab. Ich hätte lieber einen Kohlgarten. Aber Nabot bleibt stur und rückt sein Land nicht heraus. Der König fackelt nicht lange und zieht alle Register: Verleumdung, Gewalt und am Ende ist Nabot tot und der Weinberg gehört dem intriganten König.

Es ist klar, wem die Sympathien in dieser Geschichte gehören. Wir erkennen sofort, das ist nicht Recht. Das ist eine Schande, eine Sünde, um es genau zu sagen. Aber: Wir als Teil der westlichen Welt sind auch Mittäter. Denn durch unsere Begehrlichkeiten kommen der ruchlose König und seine Schergen ans Licht. In unserer Zeit heißen diese Konzerne natürlich nicht Ahab, sondern Nesté, KiK und H&M. Und noch viel mehr Konzerne gehören dazu. Diese großen Konzerne produzieren für unseren Konsum, Fleisch für uns und Futter fürs Vieh und Treibstoffe für unsere Autos. Allen ist mittlerweile klar, dass unsere Art zu leben mehr Vorräte verbraucht, als die Natur erneuern kann. Im Moment stehen wir mit dem Gegenwert von 1,2 Erdplaneten im Soll.

Und darum sind wir alle auch ein bisschen Nabot. Denn: Setzen wir den Raubbau der Raubbau an unserer Erde fort, dann wird früher oder später auch uns die Lebensgrundlage entzogen. Dann verlieren wir zuerst die moralische und später dann die existentielle Grundlage.

Aber das ist, wie gesagt, nur eine Seite der Medaille. Der Hunger nach Biosprit ist nicht alleine Schuld an dem Desaster der überteuerten Nahrungsmittel und der damit verbundenen Knappheit. Jean Ziegler, Philosoph und Gloablisierungsgegner, hat 2011 eine leider kaum beachtete Rede gehalten. In dieser Rede, die er anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele halten sollte, aber auf Druck von schweizerischen Großbanken und Konzernen, die diese Veranstaltung maßgeblich gesponsert haben, nicht halten durfte, erklärt er nüchtern, dass „alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert. 37.000 Menschen verhungern jeden Tag, und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Und derselbe World-Food-Report der FAO, der alljährlich diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte.“ (J. Ziegler: Der Aufstand des Gewissens, http://diepresse.com/home/meinung/debatte/680400/Die-nicht-gehaltene-Festspielrede_Der-Aufstand-des-Gewissens).

Das bedeutet, dass wir heute schon mehr als 12 Milliarden Menschen problemlos mit 2200 Kalorien täglich ernähren könnten. Soviel benötigt nämlich ein erwachsener Mann im Durschnitt. Folglich gibt es „keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht.“

Das Problem liegt ganz woanders. Denn wie in beinahe allen Bereichen des täglichen Lebens seit Beginn der zwei Finanzkrisen, liegt die Ursache im fehlende Geld. „Das Welternährungsprogramm, das die humanitäre Soforthilfe leisten sollte, verlangte am 1.Juli für diesen Monat einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Mio. Euro. Nur 62 Mio. kamen herein. Das normale World-Food-Programm-Budget (WPF) betrug 2008 sechs Mrd. Dollar. 2011 liegt das reguläre Jahresbudget noch bei 2,8 Mrd. Warum?
Weil die reichen Geberländer – insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien – viele tausend Milliarden Euro und Dollar ihren einheimischen Bankenhalunken bezahlen mussten: zur Wiederbelebung des Interbankenkredits zur Rettung der Spekulationsbanditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld. […]

Ziegler klagt in seiner Rede also die „König Ahabs“ unserer Welt an: Er richtet das Wort an Großbankiers und Konzernmogule. Für ihn sind diese Menschen „die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.“
Und Jean Ziegler nennt Zahlen: „Vergangenes Jahr – laut Weltbankstatistik – haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammen genommen, 52,8% des Weltbruttosozialprodukts, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer, kontrolliert.“
Die total entfesselte, sozial völlig unkontrollierte Profitmaximierung ist ihre Strategie. Es ist gleichgültig, welcher Mensch an der Spitze des Konzerns steht. Es geht nicht um seine Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert er dieses nicht, wird er aus der Vorstandsetage verjagt.“ Aber wir dürfen dennoch hoffen und träumen: „Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, an dem Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden.“

Nabot hatte gegen die Sünde seines Königs keine Chance. Gegen das statische Gesetz der Kapitalanhäufung und der Gewinnmaximierung war Nabot machtlos. Wo das geschieht, bleiben verwüstetes Land und verbrannte Erde zurück. Am Ende seiner Rede zitiert Ziegler aus Bert Brechts „Mutter Courage“ und setzt auf unsere Einsicht. Unser Bewusstsein muss sich ändern, sonst ändert sich die Welt nicht.

Mutter Courage erklärt ihren Kindern:
„Es kommt der Tag, da wird sich wenden
Das Blatt für uns, er ist nicht fern.
Da werden wir, das Volk, beenden
Den großen Krieg der großen Herr’n.
Die Händler, mit all ihren Bütteln
Und ihrem Kriegs- und Totentanz
Sie wird auf ewig von sich schütteln
Die neue Welt des g’meinen Manns.
Es wird der Tag, doch wann er wird,
Hängt ab von mein und deinem Tun.
Drum wer mit uns noch nicht marschiert,
Der mach‘ sich auf die Socken nun.“
AMEN!

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