Ich sehe was, was du nicht siehst!

Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich glaube, alle kennen dieses Spiel. Jemand sieht etwas, beschreibt es kurz anhand seiner Farbe oder Form und der andere muss erraten, um was es sich handelt.

Ob dabei das Raten erfolgreich ist, das hängt von vielen Faktoren ab. Geschick, Beobachtungsgabe gehören dazu, aber auch das berühmte Quäntchen Glück. Die Umgebung spielt eine große Rolle, und ob die Vorstellungen meines Mitspielers, was Farben und Formen anbelangt, den meinen entsprechen. Nicht selten endet ja ein erfolgloser Rateversuch mit der Bemerkung, dass das gemeinte Objekt ja gar nicht die genannte Farbe habe: nicht grün sei sondern gelb, oder nicht blau sondern violette, nicht rund sondern oval usw. Wahrnehmungen, also wie Menschen etwas sehen, interpretieren und dann beschreiben, sind eine höchst subjektive Sache, das wissen nicht nur Kriminalbeamte, die Zeugenaussagen in Einklang bringen müssen.

Heute, liebe Gemeinde, spielen wir dieses Spiel auch, oder besser: einer spielt es mit uns. Auch er erzählt uns davon, was er gesehen hat, etwas, das wir – jedenfalls in dieser Form – nicht oder noch nicht wahrgenommen haben.

Ich lese aus dem ersten Kapitel des letzten Buches unserer Bibel, der Offenbarung des Johannes, die Verse 9 – 18:

[TEXT]

Es sind schon merkwürdige Bilder, die er uns da beschreibt, fremdartig und doch zugleich faszinierend. Sie in unserem Alltag suchen und wiederentdecken können, das dürfte uns sehr schwer fallen. Denn wir wissen heutzutage sehr wenig über die Bilderwelt und Vorstellungskraft, die Johannes bei seinen Zeitgenossen voraussetzen durfte.

Die einzelnen Symbole waren den Menschen damals wohl geläufig. Wenn ihnen etwas fremd erschien, dann vielleicht ihre Zusammenstellung. Das ein oder andere lässt sich auch heute noch – wenigstens ansatzweise – entschlüsseln, z.B. das zweischneidige Schwert, das aus dem Mund des menschlichen Wesens herausragt. Es ist nicht das Bild für einen antiken Fakir und Schwertschlucker – wie man ja meinen könnte -, sondern steht wohl für die beiden Formen der Tora, der "biblischen Unterweisung", nämlich die schriftliche und mündliche. Es könnte aber auch gemeint sein, dass, wie ein Schwert auf zwei Seiten schneidet, die Tora Leben in dieser und in der zukünftigen Welt gibt. Auch jüdische Rabbiner sind sich über die Bedeutung nicht einig, nur insofern, als es eben um die Tora, die Lehre biblischer Weisheit geht.

Sie merken vielleicht bereits an diesem einen Beispiel, liebe Gemeinde, dass es schwer ist, sich in die Gedanken- und Vorstellungswelt dieses Buches hineinzuversetzen, geschweige denn, die Bilder in ihrer Bedeutung zu verstehen.

Obwohl ja auch wir und gerade heute von Bildern leben, ja sogar täglich tausender Visionen ausgesetzt sind. Denn alle, die einen Fernseher zu Hause stehen haben und ihn auch einschalten, televisionieren. Freilich: ein Prophet, der sich an diesen Bildern orientieren wollte, wäre wohl ein schlechter oder, wie es die Bibel sagt, ein falscher Prophet. Und vielleicht – aber das sei nur am Rande gesagt – liegt es ja gerade an dieser Flut von Bildern, dass wir Erfahrungen, wie sie Johannes erzählt, nicht mehr machen oder ihnen nicht mehr trauen können, weil man den Baum vor lauter Wald nicht mehr sieht …

Aber wie soll man denn nun mit dem, was dort steht, umgehen? Jedenfalls nicht so, wie es leider immer noch und immer wieder viele tun, die meinen, den Schlüssel der Erkenntnis in den Händen zu halten und jedem einzelnen Bild der Offenbarung ein geschichtliches Ereignis zuordnen wollen.

Typisch ist dafür die Auslegung von Johann Albrecht Bengel: Der irdische Jesus habe Tag und Stunde seiner Wiederkunft noch nicht gewusst, er habe es aber später dann im Himmel erfahren und seinen Anhängern durch den Seher Johannes mitgeteilt. Durch richtige Deutung kam Bengel dann dazu, die Wiederkunft Christi auf den 18. Juni 1836 vorauszusagen – dazu die Errichtung des Tausendjährigen Reiches am Berg Ararat im Kaukasus. Daraufhin sind weit über 10.000 schwäbische Pietisten um 1800 über Ulm donauabwärts nach Südrussland ausgewandert, endzeitliche Lieder singend, um dem Herrn entgegenzugehen. Tausende starben schon unterwegs. Und manche ihrer Nachfahren kehren heute wieder zurück.

Immer wieder orientieren sich Menschen an solchen Auslegungen und – so muss man es nennen – geben sich ihnen hin, sogar bis in den freiwilligen Tod hinein, so wie es z.B. die Sonnentempler in der Schweiz taten.

Damit sie mich nicht missverstehen: ich halte eine solche Lesart der Offenbarung nicht für lächerlich, ich halte sie für gefährlich! Denn sie dient nicht dem Leben, sondern dem Tod.

Und für mich unverständlich ist es, wenn Möchtegernpropheten unserer Tage aus solchen traurigen Erfahrungen nicht lernen wollen. "Wer das Ende bestimmt, hat keinen Anteil an der kommenden Welt.", das wussten schon jüdische Gelehrte. Alle, die das Buch der Offenbarung als Rechenbuch lesen oder als Steinbruch für Endzeitszenarien benutzen und vielen Menschen dadurch Angst und ihnen das Leben zur Hölle machen, all diese Leute treiben in meinen Augen missbrauch mit diesem Buch.

Denn Johannes, der auf der Insel Patmos wahrscheinlich im Exil leben musste und von seiner Familie und seinen Freunden, seiner Heimat getrennt war, wollte gerade nicht, dass man aus dieser Welt flüchtet, sondern gerade das Gegenteil war ihm ein Anliegen, nämlich Leben in dieser Welt zu ermöglichen! Und zwar ein hoffnungsvolles und damit lebenswertes Leben.

Er hat eine Vision gehabt, Johannes durfte eine Zukunft sehen, aber eine Zukunft, die gerade nicht in unseren Händen liegt und nicht in irgendeiner Form berechenbar ist oder irgendeiner menschlichen Logik folgt.

Was er über diese Zukunft sagen kann, das ist nicht viel, aber das Wenige genügt schon, um sich trotzdem danach sehnen zu können: Denn wir dürfen die Hoffnung haben, dass sich diese Welt einmal ohne ihre Schattenseiten um die Sonne drehen wird. Wir dürfen die Hoffnung haben, dass sich die Ohnmächtigen mit den Machthabern einmal versöhnen werden. Wir dürfen die Hoffnung haben, dass all der Tod, die Gewalt, die Brutalität einmal ein Ende haben werden. Wir dürfen die Hoffnung haben, dass all die Wunden, die das Leben schlägt, einmal nicht mehr schmerzen werden.

Und dieser Traum, diese Utopie, dieses Versprechen soll nicht nur Trost sein, was übrigens mit Vertröstung nichts zu tun hat, sondern soll Mut machen, dieses Leben, das wir geschenkt bekommen haben so zu gestalten, wie es uns schon jetzt möglich ist.

Mögen es andere Traumtänzerei oder unverbesserliche Naivität nennen, aber all die Menschen, – und ich sage jetzt bewusst nicht nur wir Christen -, all die Menschen, gleich welchem Kulturkreis oder Religion sie auch angehören mögen, die noch eine Sehnsucht nach einer versöhnten Welt in sich spüren, sind wichtig und zwar für das Heute, für diesen Moment, in dem wir jetzt leben. Sie sind es nämlich, die all die Ungerechtigkeiten und Leiden auf dieser Erde besonders schmerzlich empfinden und damit das Gespür dafür wach halten, was gut ist und dem Leben dient und was schlecht ist und den Tod bringt. Ohne diese Hoffnung verliert der Mensch das, was man Gewissen nennt.

Eine solche Hoffnung zu haben, macht es uns Menschen überhaupt möglich, noch ethisch verantwortlich zu handeln. Leider habe ich manchmal das Gefühl, dass wir dabei sind, diese Sehnsucht nach einer besseren Welt zu verlieren, sei es aus Desinteresse, aus Enttäuschung oder aus Egoismus, wie er sich im Slogan einer Kaffee-Werbung äußert: Eine Frau und ein Mann sitzen da auf ihrer Yacht, weit draußen im Meer, er fragt: Wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen? Sie antwortet: Alles soll so bleiben, wie es ist. Auch, wenn ich nachvollziehen kann, was diese Werbung damit ausdrücken möchte: ich hoffe, dieser Satz wird nie zu unserer Lebensphilosophie.

"Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen."

Ich glaube tatsächlich, dass Bilder, wie sie Johannes vor Augen hat, so unverständlich sie für uns heutzutage sein mögen, lebensnotwendig sind. Denn niemand, der sich nach solch einer Zukunft sehnt, kann die Augen vor dieser Welt verschließen und schon gar nicht sich ihr entziehen wollen.

Ich sehe was, was du nicht siehst, und dafür lohnt es sich zu leben. Das ist es, was uns hoffen lässt.

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